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Full text of "Studien zur englischen Philologie"

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HANDBOUND 
AT THE 



UNIVERSITY OF 



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STUDIEN 

ZUR 



ENGLISCHEN PHILOLOGIE 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



LORENZ MORSBACH 

O. ü. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT GÖTTINGEN 



HEFT XXXI 
GUSTAV GEAU 

QUELLEN UND VERW^ANDTSCHAFTEN 

DER ÄLTEREN GERMANISCHEN DARSTELLUNGEN 

DES JÜNGSTEN GERICHTES 



HALLE A. S. 
VERLAG VON MAX NIEMEYER 

1908 



QUELLEN UND VERWANDTSCHAFTEN 

DEK 

ÄLTEREN GERMANISCHEN DARSTELLUNGEN 

DES 

JÜNGSTEN GERICHTES 



VON 



GUSTAV GRAU 



HALLE A. Ö. 
VERLAG VON MAX NIEMEYER 



(Ip/ 



1908 V 



1^' 



V 



MC' 31 



Meinen Eltern. 



Vorwort. 



Die vorliegende Abhandlung wurde im Oktober 1907 ab- 
geschlossen und als Dissertation in Göttingen eingereicht.!) 
Der Druck konnte jedoch erst im Mai 1908 beginnen und 
mulste dann mit Eile betrieben werden. Wegen dieser Ver- 
hältnisse sind eine Anzahl einschlägiger Arbeiten nur noch in 
Einzelheiten benutzt worden, so neben kleineren besonders: 
G. Sarrazin, Zur Chronologie und Verfasserfrage ags. Dichtungen, 
Engl. St. 38, 145—95; C. F. Brown, The autobiographical Ele- 
ment in the Cynewulfian Rune Passages, Engl. St. 38, 196 — 233; 
A. Brandl, Geschichte der altenglisehen Literatur, StraXsburg 
1908, in Pauls Grundr.2 II. Diese enthalten neben manchen 
Hypothesen, welche durch die Quellenforschung fallen, man- 
cherlei für meine Ausführungen Brauchbares, würden indes, 
da sie andere Wege, z. T. viel betretene, gehen, keinen Anlals 
zu grölseren Änderungen gegeben haben. 

Sowohl die Eile als auch die wegen des vielen kleinen 
Parallelsatzes beträchtliche Schwierigkeit der Drucklegung 
lielsen eine Anzahl von Fehlern stehen bleiben, die ich des- 
wegen zu entschuldigen bitte. Zugleich kann ich zu meiner 
Freude über die Vercellipredigt der dritten Gruppe und damit 
über den zweiten Teil des Crist und Satan einige wichtige 
Nachträge mitgeben. 

Allen denen, welche meiner Arbeit teilnehmend und fördernd 
gefolgt sind, sage ich ergebensten und herzlichsten Dank, der 
Kgl. Universitätsbibliothek zu Göttingen, der Kgl. bairischen 

1) Als Dissertation erscheint mit Genehmigung der philosophischen 
Fakultät nur der deutsche Teil. 



VIII 

Hof- und Staatsbibliothek zu München, der Bodleian Library 
zu Oxford, Herrn Prof. A. Napier zu Oxford, Herrn Prof. 
W. Bousset in Göttingen. Wertvolle Ratschläge verdanke ich 
Herrn Prof. Wilhelm Meyer in Göttingen, der in selbstloser Weise 
reiche Erträge eigener Arbeit mir zur Einsicht überliels. Auf 
das liebenswürdigste hat mich Herr Prof. L. Morsbach unter- 
stützt, der mir mit Lob und Skepsis, an der er noch vor 
einigen Monaten (als ich zum letzten Male hierüber mit ihm 
sprach) gegenüber einzelnen meiner Ergebnisse festhielt, be- 
gegnet ist. Am tiefsten stehe ich in der Schuld bei meinem 
Lehrer, Herrn Professor Dr. Edward Schröder, der unermüdlich 
durch Beispiel und Rat, durch strenge Kritik und anspornendes 
Lob meine ersten und letzten Schritte während meiner Studien- 
zeit geleitet hat. Möchte auch er in dem nun gedruckten 
Erstlingswerkchen einen Teil seiner Mühe gelohnt sehen! 

Kassel, den 7. September 1908. 

Gustav Grau. 



Inhaltsübersicht. 



Seite 

Einleitendes nnd Allgemeines 1 

Zur Metliode 11 

Angelsächsische Literatur 15 

1. Gruppe. Cynewulf 15 

Elene 15 

Crist 2 29 

Crist 3 .... 42 

(Güdläc 88) 

Phönix 99 

Andreas 131 

Beowulf. Excnrs I-IS 

Juliana 157 

Zu Cynewulfs Chronologie und Eutwickelung 163 

2. Gruppe. Kleinere Stellen und Dichtungen 173 

Reden der Seelen 174 

Traumgesicht vom Kreuze 175 

Bi Domes Daeje 176 

3. Gruppe 180 

Die Legende von den siebentägigen Vorzeichen . . . 181 

Die Predigt aus Cod. Hatton 116 189 

Blicklinghomilie Nr. 7 192 

Crist und Satan, 2. Teil 194 

Paternoster 196 

Überblick über die angelsächsische Literatur 197 



X 

Seite 

Deutsche Literatur 199 

Heliand 200 

Muspilli 219 

Zu Otfrid 259 

Anhang 1. Quelle und Entwickeluug der Legende von den 15 Vor- 
zeichen des jüngsten Gerichts 261 

Anhang IL Literatur zu Muspilli 280 

Anhang IIL Das Hamhurger Jüngste Gericht und seine Quelle . . 283 

Nachwort 287 



Berichtigungen und Nachträge. 



1,14 Wisssch. 4,17 Poetae 4,19 zitiert 8,6 von unten Ausg. 
31, 19 rep-ran 33, 14 von unten Mu-spilli 38, 8 von unten links ent- 
behrlichen) 40, 13 von unten links orbis, 

42 ff. Die Eesultate von F. Schwarz (Cynewulfs Anteil am Christ, 
eine metrische Untersuchung, Königsberger Diss. 1905) sind zu sehr ge- 
künstelt. Aus metrischen Gründen läfst sich Cr. 3, wie Brandl betont hat, 
Cynewulf nicht absprechen. Mich wundert, das jemand Trautmanns 
sprachlich- metrischen Kriterien gegen Cynewulfs Verfasserschaft so blind- 
lings Vertrauen schenken konnte. Noch eigentümlicher ist freilich, dafs 
Trautmann selbst (Rez. v. Cooks Ausg. im Beibl. d. Anglia XI, 323 f.) 
auf diese fadenscheinigen Beweisgründe so zuversichtlich pocht. Die von 
Tr. aufgestellten Regeln sind alle drei unhaltbar. Er behauptet, Cynewulf 
gebrauche 1. die h-losen Formen von mearh und feorh im Gegensatz zu 
andern ae. Gedichten nur mit kurzem Diphthong, 2. die auf sonan- 
tisch 1 y Q ip endenden Wörter mit langer Stammsilbe zweisilbig, 
3. keine Auflösungen von Kontraktionsdiphthougen. Was nun bei Cyne- 
wulf dem widerspricht, wird in peinlichst auffallender Weise gewaltsam 
weggebracht. 2 wird man sofort ablehnen, denn hier gibt Trautmann 
(Kynewulf S. 27flf.) für den Dichter 4 Beispiele und 3 Ausnahmen. Auch 
zu 3 weist er selbst mehrere Ausnahmen vor. Wenn sich nun im Cr. 3 
etwas mehr derartiger Auflösungen als gewöhnlich bei Cynewulf finden, 
so hat das seinen guten Grund in der auf natürliche Weise durch den 
Gegenstand hervorgerufenen wuchtigen Sprache. An 1 aber möchte ich 
Trautmanns Verfahren noch etwas näher beleuchten. Als Material führt 
er an(S. 27): An. 106. 1456, El. 211. 1321, El. 1288, An. 811, Au. 1109, 
An. 1132, An. 1540, EI. 134, El. 680, An. 1098 (= 12 Beispiele) und fährt 
fort: „Die übrigen Verse C.'s mit solchen Formen z. B, El. 1176 und 
Jul. 679 entscheiden nichts; und nur Jul. 508 tcidan feore und 191 jen ic 
feores pe scheinen zu widersprechen. Sie scheinen aber nur ; denn tcidan 
feore ist keine erweisliche Wendung und steht zweifellos für t<) indan feore, 
und in gEn ic feores pE ist offenbar das den Vers ursprünglich schliefsende 
Wörtchen nü vor dem folgenden unnan ausgefallen. Somit lassen sich 
für C. eben nur die Formen mit kurzem Stammvokal nachweisen." 



XII 

Wer kein Wörterbuch nachschlägt, wird geneigt sein, der ersten 
Konjektur zuzustimmen und sich dann die gewaltsame zweite gefallen zu 
lassen. Aber Trautmann hat selbst kein Wörterbuch nachgeschlagen, 
sonst würde er in dem mafsgebenden Greinschen Sprachschatz den In- 
strumental feore ausgezeichnet belegt gefunden haben: Beow. 578 feore 
geäl^de, „lebend davongekommen", Gü. 907 deade feore widstondan, 
„lebend dem Tode widerstehen", ferner auch An. 284, Rä. 21, 14. Und 
der Instrumental ividan feore (Grein: 'per totam vitam, omni tempore') 
ist sogar ein zweites Mal vortreö'lich belegt: „Lehren des Vaters" V. 23ff. 

„Ne gewuna wyrsa[n] ividan feore 

cBngum eahta, ac pü pe änne genim 

tö gesprecan symle spella and lära 

rcedhy elende: sg ymb rwe, swä hit mcege!" 
(symle = ivldan feore, nicht = tu wldan feore.) 

Damit fällt die ganze Regel ins Wasser, denn wir haben somit in 
Jul. 508 und 191 zwei gut gestützte Gegenbeispiele. Cynewulf gebraucht 
eben Doppelformen je nach dem Bedürfnisse, wenngleich er freilich die 
Formen mit kurzem Diphthong bevorzugt. Das stimmt aber zu dem 
Gebrauche der ganzen sog. Cyuewulfgruppe. 

54, 6 links daxQa7it]v 57, 14 links ovto)q hl, 26 links obstupe- 
scenda 60, 10 rechts Ps.-II. 62, 2 links nagü zivog 63, 12 rechts 
aetas 64, 7 links onov ai 12, A rechts möge ..." 73, 24 links , ayrl 
73, 25 dvrl 94, 21 <ö 95, 19 von unten links a.], 97, 13 legis, 104, 15 
Cr. 3 heran, 117, 3 von unten links malorum, 135, 14 poera 144, 10 
(Sievers 159, 4 Anspielung], 161, 13 ^eörtjor 163, 1 von unten 120 ff.). 
174, 10 von unten links no-strum 177, 13 quem vos 177, 15 poenis, 

180 ff. Herr Prof, Napier in Oxford hat mir freundlichst die von ihm 
1888 genommene Abschrift der 15. Vercellipredigt überlassen. Ich habe 
sie verglichen und meine Erwartungen z. T. bestätigt, z. Teil enttäuscht 
gefunden. Die Homilie enthält die siebentägigen Vorzeichen verteilt auf 
die Wochentage, wobei sich nur gelegentlich die alte Aufzählung (pces 
feordan dceges tacnu) verrät, und zwar in einer Fassung einer Version, 
die der Verwandtschaft nach mitten zwischen den Zweigen Hattonllß 
und Blickl. 7 steht. Enttäuscht war ich, insofern ich eine gemeinsame 
Vorstufe dieser beiden erwartet hatte. Zweifellos aber ist Hatton 116 
quellenuiäfsiger als die Predigt der Vercellihs., also älter. Letztere hat 
auch jüngere Bestandteile. Soviel ich sehe, ist der Eingang in der Haupt- 
sache eine Kontamination des Anfangs einer bald dem Ephraem Syrus bald 
dem Isidor von Sevilla zugeschriebenen Predigt über das Weltende, gedruckt 
bei C. P. Caspari, Briefe, Abhandlungen und Predigten aus den zwei letzten 
Jhh. d. kirchl. Altertums u. d. Anf. d. Mittelalters, Univ. - Progr. , Christiania 
1890, S. 208 ff. und 4. Esral5, das wir ja auch im Anfang der andern 
beiden Fassungen benutzt sehen. Belege und Parallelen zu geben, ist hier 
kein Raum. 

184. Ob mit dem höchsten Gestirn Gott gemeint ist, scheint mir 
jetzt weniger sicher. In Übereinstimmung mit der 15. Predigt der 



XIII 

Vercellihs. könnte man den Antichrist dahinter vermuten. Beide Deutungen 
haben etwas für sich. 

184, 5 von unten rechts ond on 186, 22 von unten rechts , ßcet 
188, 16 links no-ster 

193. Meine Vermutung, dafs der zweite Teil der 7. Blicklinghom. 
auf eine ags. Vorlage zurückgehe, hat sich durch vielfache Wort-für- 
Wortübereinstimmnng der Vercellipredigt mit Blickl. 7 bestätigt, wenn 
auch der Prototyp noch nicht vorliegt. 

194. Für den zweiten Teil des Cr.-Sat. bestätigt die Vercellipr. 
meine Rekonstruktion von dessen Vorlage. Von der Höllenfahrt enthält 
sie nichts, steht aber dem Wortlaute des zweiten Teiles der Blick- 
linghom. sehr nahe. An weiteren Quellenbelegen für Cr.-Sat. 2 bietet 
sie nach den Vorzeichen die Urteile S. 84 ^ (dies über die Blickling- 
hom, hinaus): „Venife, bcnedicti patris mei, pereipite regnum, quod vobis 
paratum est ab origine mundi!" He swa ctvced: „Cumad ge nu, gebledsode, 
and onfod mines fceder rice, ßcet eow wces geearuwad fr am fruman middan- 
geardes!" Ond ponne besyhd ure dryhten on pa wynstran hand to dam 
synfullan heape and he dus cwed to Mm: „Discedite, maledicti, in ignem 
aeternum, qui praeparatus est diabulo et angelis ejus!" He swa cwced: 
„Gewitad, ge aivyrigde, fram me in da neodemestan hellewite and in dcet 
ece fyr, de dam diofle wces geearwod ond eoiv, pe ge him hyrdon!" Ferner 
hat sie über die Hattonpredigt hinaus zu V. 630 ff. , hier fortfahrend: Ond 
ponne gesamniad da dioflu hie tosomne and hie donne drifad pa synfullan 
and pa cearfullan sawla to helle . . . ond ponne drifad da deofla da syn- 
fullan satvla and pa dreorigan in hellewitu and hie sylfe gadmid in on pa 
helle. Endlich gewährt sie nahe am Schlüsse, ebenfalls über Hatton 116 hinaus, 
zu V. 624 flf. . . . siddan ne durfan pa synfullan and da sorhfullan sawla 
wenan ne da diofla pon ma, pcet hie cefre onfon sydpan reste. Dafs 
Cr.-Sat. 2 auf eine Predigt von der Form einer Vorlage der 7. Blicklinghom. 
nach Einsetzung einer älteren Fassung (die noch verwandter mit Hatton 116 
war) zurückgeht, kann daher als vollständig gesichert gelten. Da nun der 
so verwandte, vielfach Wort für Wort stimmende Text von Blickl. 7 und 
Verc. 15 unbedingt auf ein ags. Original des gesonderten jüngst. Ger. 
zurückweisen, so ergibt sich mit Notwendigkeit, dafs auch die zwischen 
letzerem und der Blickliughomilie liegende Cr. - Sat. 2 - Vorlage nur ags. 
gewesen sein kann. Also der ags. Dichter hat hier nach einer in seiner 
Muttersprache abgefafsten Predigt gearbeitet. Da das Gedicht derart eine 
entwickelte ags. Predigtliteratur voraussetzt, so kann es nur jünger sein, 
wie ich schon S. 195, 8 flf., 196, 9 flf. angenommen hatte. 

211, 10 tilge, 212, 18 von unten (Vgl 212, 17 von unten tilge ( 



Einleituns: und Alkemeines. 



Den Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit haben 
Seminarübungen bei Herrn Prof. Edward Schröder gebildet, 
in denen unter anderen althochdeutschen geistliehen Gedichten 
auch das Muspilli genannte Bruchstück behandelt wurde. Bis 
auf den heutigen Tag besteht über alle textkritischen und 
literarhistorischen Fragen die gröfste Unsicherheit und Meinungs- 
verschiedenheit. Steinmeyer nennt es MSD^II, S. 40 mit Kecht 
(trotz Wilmanns, Gott. gel. Anz. 1893, Nr. 14, S. 532) das ver- 
zweifeltste Stück ahd. Literatur. 

Nach mancherlei Irrungen öffnete sich mir der Weg, der 
mir der einzige für eine Lösung der vorhandenen Probleme 
schien : Vergleichung der verwandten Darstellungen und Quellen- 
forschung. Zarncke hatte 1866 in den Berichten d. sächs. Ges. 
d. Wissch. Bd. 18, S. 191 ff. gezeigt, dafs J. Grimms Annahme 
von heidnischen Vorstellungen in dem Gedichte unhaltbar und 
Bartschs Textkritik (Trennung der beiden Gerichte über die 
Seele: des gleich nach dem Tode stattfindenden und des Welt- 
gerichtes) abzulehnen sei, da diese Doppelheit eben aus den 
christliehen Dogmen sich erkläre. Neuerdings hat Kraus (in 
der Rezens. v. Kögels Lgsch., Zs. f. d. österr. Gymn. 47 (1896), 
4. Heft, S. 346 f.) die Spur der Quelle resp. einer Quelle nach- 
gewiesen, zugleich aber die Mittelbarkeit seiner Belege betont. 
Es war von vornherein wahrscheinlich, dals die hier an- 
gesprochene Homilie des Pseudo-Hippolytus, De consummatione 
mundi, wegen ihrer späten Entstehung (frühestens im 9. Jahrb.) 
und ihrer jüngeren Elemente nicht in gerader Linie Quelle 
sein konnte. Ich zog also einerseits die anderen frühgermani- 
schen jüngsten Gerichte, andererseits die Bibel, die Apokryphen 
und die Kirchenväter heran. 

Studien z. engl. Phil. XXXI. J 



Bei diesen Bemtihuügen entdeckte ich auch für die übrigen 
germanischen Darstellungen eine Quelle nach der anderen, und 
da die gesamte Tradition, Wurzeln und Zweige auf alle Fälle 
zur Erkenntnis des Muspilli beitragen mufste, so wurde der 
Rahmen der ganzen Arbeit erweitert und so, wie er jetzt ist, 
festgelegt. Ich behandle nunmehr die gesamten germanischen 
(angelsächsischen und festländisch deutschen) Darstellungen des 
jüngsten Gerichtes — Poesie und Prosa — bis zum Jahre 1000, 
soweit ihre Verwandtschafts- und Quellenverhältnisse bisher 
dunkel waren. Die übrigen werden zum Vergleich heran- 
gezogen. Über die Nichtbehandlung Otfrids wird man mich, 
hoffe ich, nicht zu sehr tadeln, wenn man die Gründe dafür 
erwägt (s. u. Otfrid). Um das Jahr 1000 liels sich sowohl in 
der deutschen Literatur i) als in der ags. ohne Schaden ein 
Abschluls machen. Von den späteren jüngsten Gerichten 
werden nur die aus gleichen Quellen stammenden wie die zum 
Thema gehörigen in die Arbeit aufgenommen. 

Ungedrucktes habe ich mir in zwei Fällen zu verschaffen 
gesucht. Den Anfang der Predigt Bodl. Hatten 116 liels ich 
in Oxford photographieren, was mir die Bibliotheksverwaltung 
in liebenswürdigster Weise vermittelte. In dem anderen Falle, 
wo ich mich an die Kapitelbibliothek zu Vercelli um Be- 
sorgung einer Abschrift der 15. Predigt des ags. Vercellibooks 
wandte, bin ich ohne Erfolg gewesen. 2) 

Ähnlich habe ich mich im letzten Grunde gegen die 
Quellen selbst verhalten, da ich mich nicht ins Endlose ver- 
zetteln wollte. 

Die moderne theologische Literatur versagt fast vollständig 
in der Darstellung der Entwickelung der episch -legendarischen 
Züge an der eschatologischen Tradition, die in erster Linie für 

Die späteren deutschen Darstellungen, wenn auch nicht genügend 
klar gelegt, behandelt zusammenfassend: C. K. Reuschel, Untersuchgn. z. d. 
dtschn. Weltgerichtsdichtgn. d. XI.— XV. Jhrh., I. Teü XL— XIII. Jh., Leipz. 
Diss. 1895 (cf. Anhang I u. III). 

=*) Die geistlichen Archive Italiens sind nur persönlichen Besuchern 
zugänglich. Die Predigt, beschrieben bei Wülcker, Grandr. d. Gesch. d. 
ags. Lit. S. 490, scheint nach Überschrift und Schlufs verwandt mit Hatton 1 1 6. 
Es ist bedauerlich, dafs diese vermutlich ältesten ags. Predigten, auf deren 
Beziehungen zur ags. geistl. Poesie Ebert längst hingewiesen hat, noch 
nicht ediert sind. 



uns in Betracht kommen. Nur zwei Abhandlungen können 
genannt werden: E. Wadstein, Die eschatologisehe Ideengruppe: 
Antichrist — Weltsabbat — Weltende und Weltgericht in 
den Hauptmomenten ihrer christlich -mittelalterlichen Gesamt- 
entwickelung, Zs. f. wissenschaftl. Theol. ,38 u. 39 (Neue Folge 
3 und 4, 1895 und 96.) und W. Bousset, Der Antichrist, Göt- 
tingen 1895. (Beide unabhängig voneinander.) Wadstein, 
Germanist und Theologe, würde längst, wenn er unseren Dich- 
tungen hätte aufhelfen können, darüber in Fachzeitschriften 
oder sonst geschrieben haben; er gibt nur in lapidaren Linien 
die Grundzüge der Entwickelung, über die man sich hier am 
bequemsten unterrichtet. Bousset geht der eschatologischen 
Tradition mit dem ganz bestimmten Ziele nach, sie für die 
Textkritik der kanonischen Apokalypse fruchtbar zu machen. 
Er will nicht eine erschöpfende Durcharbeitung des Stoffes 
bieten. Trotzdem verdanke ich dieser Abhandlung und ihren 
reichen Belegen aus der Frühzeit wirksame Förderung: sie hat 
mich zuerst auf die Predigten von Ephraem Syrus und ihren 
Abkömmling Ps.-Chrysostomos, Migne, Patrol. Graec. 61, 775 ff. 
aufmerksam gemacht. 

Das übrige brachte mir eigene Lektüre ein. Durch- 
genommen wurde dabei in der Hauptsache folgende Literatur: 

C. Tischendorf, Evangelia apocrypha, 2. A. Leipzig 1876. 

— , Acta apostol. apocr., Leipzig 1851. 

— , Apocalypses apocryphae, Leipzig 1866. 

Joh. Albr. Fabricius, Cod. apocryphus novi testamenti, 
Hamburg 1703. 

A. Birch, Auctuarium cod. apocr. novi test. Fabriciani, 
Havniae 1804. 

A. Harnack, Die Petrusapocal. i. d. alt. abendl. Kirche, Texte 
und Untersuchgn. 13, 1, 

Migne, Cursus patrol. Lat. 1 — 140. (Für die fünfzehn 
Vorzeichen alle Bde.) 

Migne, Cursus patrol. Graec. 1 — 119. 

Die griech. christl. Schriftsteller d. ersten drei Jhh., hrsg. 
V. d. Kirchenväter -Kommission d. kgl. preuls. Akad. d. Wisssch. 
1897 — 1906. 

De consummatione mundi S. Hippolyti, Ausg. v. Jean Picot, 
Paris 1557. 

1* 



J. Wuttke, Die Kosmographie d. Istriers Aithikos im lat. 
Auszuge des Hieronym., Leipzig 1853. 

C. P. Caspari, Briefe, Abiiandlungeu und Predigten etc., 
Christiania 1890, S. 208 flf. 

Ephraem Syrus, Opera ed. Assemani, Romae 1740 — 43. 
Syrisch Bd. 3. 

A. Vassiliev, Anecdota Graeco-Byzantina. Pars I. Moskau 
1893. 

Revelationes Methodii in Bibliotheca maxima patrum Lugdun. 
Bd. IIL (Neue Ausg. v. Bonwetsch.) 

BißXiov KXTJfievTog in P. de Lagarde, Reliquiae juris 
ecclesiastici antiquissimae. Leipzig 1856. 

Monumenta S. patrum orthodoxographa Bd. 1, Basileae 1569. 

Forschungen z. deutsch. Geschichte Bd. X, Sibylle v. Usinger. 

Bedae opera, Basileae 1563, Tom. 3. 

Bibl. max. patr. vet. Lugdun, Bd. XIL 

Monum. Germaniae histor.: Poetae Latini medii aevi. 
I— III, IV, 1. Teil. edd. Dümmler u. Traube. 

Alles sonst Benutzte wird man zitert finden an gegebenem 
Orte. 

Herr Prof. Wilh. Meyer, auf dessen Anraten ich obige 
Liste für Mitstrebende anlege, machte mich auf die Reise- 
berichte von Schenkl, der für die Wiener Ausgabe der Kirchen- 
väter die englischen Bibliotheken nach Hss. durchforscht hat, 
aufmerksam. (Schenkl, Bibliotheca patr. Britannica. Heft I 
bis XII, verstreut über die Sitzungsber. d. Wiener Akad., phil- 
hist. Kl. 1890 — 1906.) Da hier massenhaftes handschriftliches 
Material der patristischen Forschung neu erschlossen ist, so 
war besondere Aussicht vorhanden, über Verwandtes Nach- 
weise zu finden. Sicheres hat sich an der Hand dieses Kata- 
loges nicht ergeben, trotzdem England das gegebene und 
zugleich aussichtsreichste Land für das Quellenmaterial zu 
sein schien. Wegen der Rückschlüsse wird man die zahl- 
reichen altdeutschen und die wenigen ags. Predigtsammlungen, 
deren Aufzählung man mir erlassen möge, in den Zitaten als 
durchgesehen erkennen. 

Als sicher wurde im Laufe der Untersuchung festgestellt, 
dafs Muspilli, der dritte Teil des ags. Cr. (V. 867—1693) 
usw. auf Homilien beruhen, zu denen zwar nahestehende, aber 



üiclit letztgeltende Fassungen vorliegen. Eine Durchforschung 
der Hss. über die oben gegebene Grenze hinaus hätte mich 
aber unverhältnismäfsige Opfer gekostet. Solange nicht die 
lateinische Predigtliteratur in grölserem Umfange zugänglich 
wird, ist schwerlich hier viel weiter zu kommen. Zudem sind 
die Aussichten auf bessere Resultate von einer anderen Seite 
her als nicht sicher zu bezeichnen. Innerhalb der Predigt- 
literatur muls der Quellenforscher mit den grölsten Schwierig- 
keiten und den weitesten Möglichkeiten rechnen. Denn ein 
jeder Abschreiber glaubt sich berechtigt, ja oft gedrungen zu 
ändern, zu bessern, auszufüllen, auszuspinnen usw. Anderer- 
seits finden sich zahlreiche getreue Abschriften. In diesen 
Fällen habe ich mir gestattet nur die belegbaren Fassungen, 
die auch oft nur sehr wenig abwichen, als Quelle zu Grunde 
zu legen und fehlende Züge aus fremden Predigten vorsichtig 
zu rekonstruieren, soweit Quellenverwandtschaft das irgend 
zuliels. 

Man begegnet, namentlich in Anfängerarbeiten, vielfach 
der Neigung, die alte Dichtung direkt aus der Bibel abzuleiten, 
wobei naturgemäls dem Dichter eine bei Lichte betrachtet 
ungeheuerliche geistige Leistung zugeschrieben wird. So wollte 
A. Kühn, Über die ags. Gedd. von Christ und Satan, Jen. 
Diss. 1883, den 2. Teil aulser von dem Ev. Nicodemi lediglich 
aus dem neuen Testament ableiten ; ähnlich F. Groschopp, 
Leipz. Diss. 1883, über dasselbe Thema. Von anderen der- 
artigen Arbeiten nenne ich nur noch die in meinen Gegenstand 
einschlägige von Waller Deering, The Anglo-Saxon Poets on 
the Judgment Day, Halle 1890, eine rein vergleichende Auf- 
zählung der in den ags. Darstellungen vorkommenden Züge 
ohne eigenes Quellenstudium und ohne ernstliche literar- 
historische und kritische Gesichtspunkte. Es ist jedoch längst 
eine geradezu banale Tatsache, dals die mittelalterlichen 
Dichter fast niemals direkt aus der Bibel geschöpft haben. 
(Meist tun das nicht einmal die Prediger.) Sie halten sich 
vielmehr an Werke des täglichen Gebrauchs, Homilien, Evan- 
gelienharmonien, theol. Sammelwerke, Schulwerke, oder an 
poetische Bearbeitungen der geistlichen Stoffe. Kleinere Stellen 
scheinen oft direkt aus den täglichen Gottesdiensten entlehnt, 
was für die mhd. Zeit die Dissertation meines Kommilitonen 



6 

Grunewald zu zeigen versueht. (Vgl. zu solchen Stellen die 
gediegene Sammlung von Antiphonen und Responsorien von 
C. Marbach, Carmina Seripturarum, Argentorati 1907.) i) Jeden- 
falls gibt es wohl kaum ein Werk, welches auf der Bibel 
allein beruhte; Kommentare und Predigten spielen fast immer 
eine Rolle. Das Sammeln der Bibelparallelen mit Hilfe der 
Konkordanz bedeutet für den Quellenforscher gewifs den ersten 
Ausgangspunkt, aber nicht mehr. 

Andererseits ist von vielen schlechthin eine breite ein- 
heimische (lateinische oder ags. resp. deutsche) Tradition als 
Quelle für die verschiedenen Darstellungen angenommen worden, 
so von Fulton eine ags. in seiner Dissertation: On the Author- 
ship of the Anglo-Saxon Poem Phoenix (Harvard Univ.; Mod. 
Lang. Notes 11, 1896, S. 146 flF.), der mit dieser mysteriösen Tra- 
dition alles zu erklären versteht. Erstens ist es historisch un- 
möglich, dals bei den damals erst vor 1 — 1'/-2 Jahrhunderten 
bekehrten Angelsachsen (Angeln und Nordhumbrer erst gegen 
Ende des 7. Jahrb.!) eine tief gewurzelte Überlieferung vom 
jüngsten Gericht, einem durchaus orientalischen (jüdischen) 
Ideenkreis, sich gebildet habe. Tatsächlich sind es doch nur 
wenige Geistliche, die sich mit diesen Vorstellungen durch- 
dringen und die, insofern sie germanischer Abkunft sind, selbst 
noch sehr in den Elementen des Christentums stecken. Die 
Geschichte beweist auf Schritt und Tritt, dafs es mit der 
Furcht vor dem jüngsten Gericht, womit Fulton in diesen 
frühesten Zeiten operieren will, nicht weit her war. Das Be- 
vorstehen des jüngsten Gerichtes ist allerdings eine damals, 
wie im Mittelalter überhaupt, vielfach bezeugte Ansicht. (Vgl. 
Wadstein, a. a. 0. 38, S. 544 flF.) Die ersten Christen glaubten 
bekanntlich an eine sehr baldige Wiederkunft des Herrn. Aber 
bei den deutschen Stämmen sucht der Historiker vergeblich 



1) ZuCr. 2 weist A.Cook, The Christ ofCynewulf, Boston 1900, S. 115 ff. 
nach, dafs die Hanptquelle, Gregors Hom. in Ev., Lib. I, 29, in der Form 
des Breviars benutzt ist. Für Cr. 1 haben Cook, a, a. 0., S. 71ff. und 
J. Bourauel, Zur Quellen- und Verfasserfrage von Andreas, Crist und Fata, 
Bonner Beitr. z. Anglistik XI, 1901, gleichzeitig unabhängig von einander 
die Adventsantiphone als Hauptquelle nachgewiesen. Als literarische Vor- 
bilder dürften vielleicht für das Ganze (Cr. 1) in Betracht kommen Homilien 
wie Migne, Patr. Graec. 87, 3315 ff.; 96, 647 ff.; 105 usw. 



nach den Spuren der Furcht in den Tatsachen. In vielen 
Fällen ist die Abhängigkeit dieser Angaben voneinander so 
stark, dafs sie die Beweiskraft für die Subjektivität des Ver- 
fassers verlieren. Sie wurden mechanisch weitergegeben. (Vgl. 
Cynewulfs Crist 782, Gregors Hom. in Ev. I, 1. und ihre zahl- 
reichen Bearbeitungen, Anhang I.) — Zweitens aber fragt man 
sich, was das für eine merkwürdige Tradition ist, von der sich 
bisher fast nichts Schriftliches (sc. als Quelle) hat nachweisen 
lassen. Denn selbst wenn eine Darstellung wie die im 3. Teil 
des sog. Christ tausendfach überliefert wäre, so hätte man 
immer noch die Pflicht, diese Quellen der Forschung über das 
ags. Gedicht zu Grunde zu legen. (Praktisch hat diesen Stand- 
punkt kein namhafter Forscher vertreten. Wir haben reich- 
liche Nachweise und Nachweisversuche.) Wir werden in der 
Tat auf eine breite Tradition stolsen. Es ist die jedem Geist- 
lichen jener Zeit geläufige Literatur. Eine kurze, sehr brauch- 
bare Übersieht hierüber, gearbeitet nach den diesbezüglichen 
Forderungen iElfrics und nach den von Raumer (Einwirkgn. d. 
Christentums auf d. ahd. Sprache, Stuttgart 1845, S. 212 flF.) zu- 
zammengestellten Verfügungen der karolingischen Kapitularien, 
gibt Max Förster in seiner Dissertation: Über die Quellen von 
^Ifrics Homiliae catholicae, Berlin 1892, S. 10—13. (Vgl. Mar- 
bach a. a. 0. Einleitg. passim.) Die Bücher, die ein jeder Priester 
besitzen soll, sind: Psalterium, Epistolar, Evangeliar, Missale, 
Hymnarium, Manuale (= Rituale, Enchiridion etc.), Computus, 
Pastoralis (über), Poenitential, Lectionar, Canones, alles kirch- 
liche Ritualbücher für den unmittelbaren Gebrauch oder beruf- 
liche Hilfsmittel (wie der Computus). (Vgl. auch R. Cruel, Gesch. 
d. deutsch. Predigt i. Mittela., S. 52ff., S. llOff., S. 280fif.) Wes- 
halb würden solche Forderungen aufgestellt, wenn alle Priester 
diese notwendigen Bücher besessen hätten? — Zweifellos dürfen 
wir aufserdem für jeden dieser geistlichen Dichter und für 
jeden Prediger, der sich in die literarische Öffentlichkeit wagte, 
einen verschieden grolsen Schatz von Kirchenväterlektüre und 
Predigtliteraturkenntnissen voraussetzen. Aber diese literarische 
Bildung ist kaum noch breite Tradition zu nennen, sie ist eben 
nicht mehr Eigentum eines jeden Geistlichen. Es kann nicht 
genug betont werden, dals die (mündlich und schriftlich weiter- 
gegebene) Literatur, welche den Dichtern der Frtihzeit zu 



8 

Gebote stand, bei weitem nicht so umfangreich war, als bei 
Quellenforschungen vielfach bisher angenommen wurde, und 
auf das entschiedenste muls die Ansicht bekämpft werden, 
welche die weitschichtigen und verwickelten Verhältnisse späterer 
Zeiten auf die Anfänge der germanischen Literatur tiberträgt. 
Sie schlägt einer jeden Entwicklungsidee ins Gesicht. 

Im ganzen folgen die geistlichen Dichter jener Zeit durch- 
aus nicht dieser Tradition, die sie freilich nebenher immer 
wieder — mehr im Detail — verwerten (s. oben), sondern sie 
wählen für ihre Darstellungen abseits stehende, etwas Besonderes 
bietende Vorlagen — apokryphe, mit volkstümlichen Mitteln 
arbeitende, poetische — , ein begreifliches Streben nach lite- 
rarischer Eigenart. Und diese aus der gewöhnlichen Tradition 
herausragenden Schilderungen sind für uns deutlich greifbar; 
sie an ihren charakteristischen Zügen (wenn nicht wörtliche 
Übersetzungen vorliegen) zu fassen, wird die Aufgabe der 
Quellenforschung sein. 

Natürlich hat die eschatologische Ideenwelt eine Ge- 
schichte und eine Entwicklung, im ersten Jahrtausend viel- 
leicht die reichste, während sie im späteren Mittelalter als 
ziemlich stabil erscheint. Sie auch nur anzudeuten oder zu 
überblicken, hiefse eine umfängliche, bisher nicht gelöste (viel- 
leicht wegen des schlechten Standes der griechischen Editionen 
vorläufig nicht zu lösende) Aufgabe nebenbei vollbringen wollen. 
Zudem will dieser „wüste Wirrwarr", wie Herr Prof. Bousset 
mir gegenüber diese Literatur treffend nannte, von einem Theo- 
logen geordnet sein. Doch einige Bemerkungen sind notwendig. 
(Vgl. auch Wilh. Meyer, Ges. Abh. z. mlat. Rythmik II, 206, 216.) 

Vielleicht überschätzt Bousset a. a. 0. den Einfluls des 
Ephraem (Effrem, Effreim) Syrus (1373 oder 379). Er kann 
freilich in der abendländischen Vf'elt, so wunderbarer Weise er 
in der Literaturgeschichte bisher nicht erkannt ist, kaum hoch 
genug angeschlagen werden. In der mittellateinischen Literatur 
sind es besonders 6 Traktate (in der Aug. des Vossius [s. unten] 
S. 119, 140, 182, 371, 422, 478), die Herr Prof. Wilh. Meyer, der seit 
Jahrzehnten Material gesammelt hat, so freundlich war in zahl- 
reichen Hss. und Drucken, vom 8. Jahrh. bis in die Neuzeit, mir 
nachzuweisen und z. T. mich einsehen zu lassen. (Schenkl führt 
aus England allein 11 Hss. auf.) Aber auch die übrigen Schriften 



des Ephraem müssen verbreitet gewesen sein. (Vgl. die Quellen- 
nachweise zu Cynewulfs Werken und Musp.) Darin ist Bousset 
unbedenklich beizustimmen, dals seine Sermone auf die Predigt- 
literatur nachhaltigst eingewirkt haben. In immer neuen Zu- 
sammenhängen werden diese machtvoll rhetorisch angelegten 
Passagen abgeschrieben und verwertet. Zahlreiche Fassungen, 
Kürzungen und Bearbeitungen haben sie erlebt. Unter letztere 
ist die des Pseudo-Chrysostomos zu rechnen, die sich durch 
ihr reicheres Detail als jünger zu erkennen gibt. 

Bousset möchte aber auch (S. 26) die Pseudo- Johannes- 
apokalypse (Tischendorf, Apocal. apocr. S. 70 ff.) und Ps.-Hippo- 
lytus. De cons. mundi im wesentlichen auf Ephraem zurück- 
führen. Beide sind jung: A. Harnack, Gesch. d. altchristl. Lit. 
b. Eusebius, 1. Teil, S. 785, sagt von Ps.-Johannes: sie „gehört 
nicht den ersten 3 Jahrb. an, sondern vielleicht erst dem 8." 
(Im 9. Jahrb. ist sie bezeugt.) Derselbe sagt a. a. 0. S. 644, 
Nr. 47, über De cons. mundi: „Nach Nowostrujew gehört Ps.- 
Hippolytus frühestens dem 9. Jahrb. an." Zum Teil ist die 
Selbständigkeit beider zu grofs, als dafs Boussets Hypothese 
als Tatsache gelten könnte. Ich kann sie freilich stützen 
(vgl. Musp. V. 51, 54, 80), aber bewiesen muls sie noch werden. 

Prinzipiell mufs m. E. der Standpunkt eingenommen werden: 
Wir haben trotz aller möglichen Verwandtschaftsverhältnisse 
(der Quellen) immer die Einzelfassung, welche wir besitzen, 
als Vorlage zu betrachten, in zweiter Linie an Benutzung von 
Nebenquellen zu denken und erst, wenn dieser Weg versagt 
und die Annahme fremder Textgestaltungen und Lesarten 
eine schlichte und notwendige Lösung gewährt, mit anderen 
Fassungen zu rechnen. 

Nicht als Quelle, aber zu schönen Parallelen bietet sich 
das späte Canticum compunctionis von Leo VI., dem Philosophen, 
Migne, Graec. 107, 309—14, das bisher nicht beachtet scheint. 
Die übrigen Stücke sind durchaus unverwandt. 

Vielleicht war der Hauptgrund der bisherigen Unbekannt- 
schaft der meisten von mir nachgewiesenen Quellen der, daXs 
sie ursprünglich sicher in griechischer, wenn nicht in orien- 
talischen Sprachen geschrieben sind. Der phantasiebegabte 
Germane besafs wohl von jeher eine Vorliebe für die dem 
Orient näher stehende griechische Welt und griff unbefangenen 



10 

Sinnes schon damals über die nüchterner denkende römische 
Dogmatik hinweg. 

Ob von Ps.-Chrysostomos, Ps.-Hippolytus und Ps.-Johannes 
im frühen Mittelalter lat. Fassungen existiert haben, ist nicht 
ohne weiteres ausgemacht. Johannes Chrysostomos war einer 
der im Abendlande bekanntesten griechischen patres, für ihn 
dürfen wir lat. Texte annehmen. Ich mufs jedoch vorläufig 
den griech. zu Grunde legen und die Feststellung lat. Fassungen 
der Zukunft überlassen. Ps.-Hippolytus im ganzen liegt keinem 
der hier behandelten jgstn. Ger. zu Grunde, dient also nur zur 
Stütze mit seinen Parallelen. Im späteren Mittelalter und in 
der Neuzeit sind zahlreiche (frnz. und slav.) Drucke bekannt, 
welche natürlich Hss. voraussetzen. Für Ps.-Johannes haben 
wir aber bisher nicht die Befugnis, mit lat. Fassungen zu 
rechnen. Ihre Benutzung resp. die ihrer Verwandten hoffe ich 
unten in mehreren Fällen über alle Zweifel erheben zu 
können. Bei einzelnen Denkmälern (den Predigten der dritten 
Gruppe) scheint sie indirekt, also durch Vermittlung von 
Predigten benutzt. Derartiges war häufig: es gibt ganze Apo- 
kryphen oder Teile davon in leichter Predigteinkleidung, z. B. 
Ev. Nicodemi (Descensus ad inferos) in der Blicklinghomilie 
Nr. 7; ähnlich kommen vor die ngä^tiq HvÖQtov xal MarO-aiov, 
Visio Pauli usw. 

In der vorliegenden Arbeit soll also nur der erste Weg 
durch den bisherigen Urwald gebahnt werden. Die Einzel- 
forschung wird hier weites Feld zur Betätigung finden, i) Über- 
haupt sei folgendes bemerkt: Es stehen mir für die übrige 
ags. Alliterationspoesie eine ganze Anzahl Quellen zur Ver- 
fügung. Ich beabsichtige sie in einer späteren Arbeit, worin 
ich die literarhistorischen Fragen der ags. Dichtung ausführ- 
licher zu behandeln gedenke, zugänglich zu machen. Ich habe 
hier nur das zum Thema Notwendige gegeben und die Aus- 
führungen, besonders über die Cynewulffrage, auf das Un- 



1) Für Ephraem benutze ich die als gut geltende, mit griechischen 
Lesarten versehene lateinische Ausgabe von Franciscus Junius' Schwager 
Gerard Vossius, Antverpiae 1619 (— Vossius); die griechische und syrische 
von Asseraani (Rom 1740—43) gilt als liederlich und eine kritische fehlt. 
(Vgl. Bousset a. a. 0., S. 21, 22; Wilh. Meyer, Ges. Abh. I, 7, 8). 



11 

erläfsliche beschränkt. Es ist mir trotz alledem schwer genug 
geworden, den ersten Impuls der Arbeit, Aufhellung des 
Muspilli, vorherrschen zu lassen J) ' 



Zur Methode. 



Seitdem man sich mit den Verwandschafts-, besonders aber 
mit den Verfasserfragen der alliterierenden Dichtungen näher 
befafst, hat man mit dem Begriffe einer traditionellen Technik 
dieser Autoren gewirtschaftet. Man hat mit Recht versucht, 
in der verschiedenen Handhabung dieses ihres Handwerks- 
zeuges, des Wortschatzes, des Formelschatzes, der Parallelsätze, 
mit Hilfe der Metrik, in der Anwendung stilistischer und 
anderer Eigenarten denselben oder verschiedene Verfasser zu 
erweisen. Auf Grund der Metrik hat Sievers für ags. Dichtungen 
vereinzelte abweichende Flexionsformen mehrerer Wörter nach- 
gewiesen. 

Überschaut man die lange Reihe der mit diesen Kriterien 
arbeitenden Untersuchungen, 2) so kann man nicht umhin, in 
Verfasserfragen mit Brandl, Herr. Arch. 100, S. 332 f. (Zu Cyne- 
wulfs Fata apostolorum) die Beweiskraft dieser sämtlichen 
Kriterien zu bezweifeln. Ähnlich äufsert sich Wolfinger, Anz. 
f. d. A. 25, S. 201 — 3, der namentlich die metrischen Kriterien 
beleuchtet. (Vgl. Binz, E. St. 26, 390.) Wenn wir z. B. für 
Cynewulfs Zeit eine festumrissene dichterische Persönlichkeit 
mit einer sicheren Anzahl bestimmt echter und datierbarer 
Werke mit einem inneren Entwicklungsgange besälsen und die 
Entwicklung der Literatur im allgemeinen kennen würden, so 
wäre die Basis für die Anwendung der erwähnten Kriterien 
gegeben. Wir wissen wohl von den Stilmitteln, den Wort- 
bildungen usw. im ganzen, und Harmonie in ihnen mit echten 



^) Für die einheitliche Gestaltung der Accente in den Texten bin 
ich selbst verantwortlich; ebenso ändernd habe ich bei Vossius Orthographie 
und Interpunktion schonend modernisiert. 

*) Neueste Literatur üb ersieht für Cynewulf bei F. Holthausen, Elene, 
Heidelberg und New-York 1905, S. Xf. u. Xllf., jetzt auch bei Brandl in 
Pauls Grundrifs^, II, 1043f. u. sonst. 



12 

Werken ist Vorbedingung für einen Verfasserschaftsbeweis, 
aber für feinere Abstufungen ist die Gesamtheit der uns über- 
kommenen Gedichte doch viel zu klein und die Beobachtungen 
zu spärlich, um nicht verschiedene Deutungen zuzulassen. Diese 
Kriterien beweisen nähere literarische Beziehungen, Verwandt- 
schaft, Abhängigkeit, Einflufs irgend welcher Art (vorausgesetzt, 
dafs sie in gröfserer Häufung als gewöhnlich auftreten, was 
dann immer erst zahlenmäfsig zu erweisen ist, — für die ags. 
Poesie sei auf die Parallelenstatistik hingewiesen, die Cook, 
Christ, S. LXI und in seiner Ausg. d. Judith, die ich zur 
Controlle und Einsichtnahme in die Rechenmethode nicht be- 
kommen konnte, fulsend auf einer Arbeit von Dr. Arthur W. 
Colton, gibt: Verwandsehaft zuCrist: Elene 0,085, Juliana 0,084, 
Andreas 0,075, Güdläc 0,09 [V. 1—790 : 0,078, V. 1—500 : 0,058, 
V. 791 — 1353:0,113], Phoenix 0,09, Hymnen 0,005, Cr. Sat. 
0,043, Sal. Sat. 0,04, Daniel 0,039, Beowulf 0,032, Rätsel, Genesis 
0,03, Metra 0,027, Exodus 0,025, Psalmen 0,011 — ). Man hat auch 
mit ihnen eine Cynewulfgruppe absondern können, und die 
Verwandschaft dieser Sippe hat bisher Stich gehalten, wenn- 
gleich über die Verfasserschaft Cynewulfs die Meinungen sehr ge- 
spalten waren. (Eine Zusammenstellung bis 1897 bietet M. Traut- 
mann, Kynewulf der Bischof und Dichter, Bonner Beiträge zur 
Anglistik I, 1898, S. 1 — 8.) Allein wirklich durchschlagende 
Gründe sind immer noch nicht gegeben worden und die bis- 
herigen Wahrscheinlichkeitsbeweise beruhen alle auf dem Er- 
messen der einzelnen Forseher. 

Das Auffinden der Quelle ist an sich keine eigentliche 
Methode zur Gewinnung der Resultate, vor allem keine neue. 
Aber die Quellenkenntnis ist unerläfsliche Vorbedingung für 
die Erfassung der vorliegenden Leistung eines Dichters jener 
Frühzeit. Die Auffassung der Quelle, die Art der Ausschöpfung, 
die tausenderlei Änderungen in Einzelheiten, all das lälst uns 
die Psyche des Autors erkennen. Was beweist das aber in 
Verfasserfragen? Sehr viel, nicht alles. Wie bei den oben be- 
leuchteten Kriterien bildet Übereinstimmung mit dem sonstigen 
Verhalten eines Autors Vorbedingung für eine Verfassersehafts- 
identität. Diese wird erst gesichert durch das, was man 
„unmögliche Zufälle" nennen könnte. Solchen begegnen wir 
mehrmals. Gelingt mir z. B, der Nachweis, '^dals in einem 



13 

echten und einem möglicherweise Cynewulfischen Werke nicht 
nur dieselbe Quelle benutzt ist, sondern eine ganz bestimmte 
Fassung, und dafs in beiden Gedichten der gleiche Fehler des 
Übersetzers vorliegt, dafs ferner in beiden Gedichten eine zweite, 
sonst ziemlich unbekannte These benutzt ist, dann ist allerdings 
Identität des Verfassers bewiesen. Dasselbe gilt, wenn neben 
wahrscheinlicher Gleichheit der benutzten Quellenhs. Benutzung 
des gleichen Abschnittes und gegen die Quelle genaue Identität 
der Auffassung an entsprechender Stelle sich findet, wenn sich 
aufserdem zeigt, dafs das fragliche Werk durch fortlaufende 
Quellenbenutzung mit einem anderen verbunden ist, welches nur 
durch die Quelle, nicht erst durch Abschreiber mit einem 
echten Werke des Dichters verknüpft sein kann, und wenn 
noch dazu kommt, dafs das fragliche Gedicht nur von dem- 
selben Verfasser wie ein bereits identifiziertes stammen kann, 
da in beiden drei kleinere Quellen selbständig benutzt sind. 
Ebenso ist derselbe Verfasser anzunehmen, wenn für Echtes 
und Untersuchtes sich neben Gleichheit der Quellenfassung 
herausstellt, dafs zur Ergänzung des gleichen Abschnittes der 
Vorlage nicht nur derselbe spätere Abschnitt wie in einem 
echten Gedichte, sondern dasselbe zweite kleine Gedicht wie 
in zwei echten Werken herangezogen wird. 

Wir können auf diesem Wege die Identität zweier Dichter 
direkt feststellen. Zugute kommen diesen Beweisen ferner die 
anderen Ergebnisse der Quellenbetrachtung: Feststellung von 
Einflüssen. 

Neben den Verfasserfragen hat diese und damit die Frage 
nach Entwicklung und Chronologie des einzelnen Autors und 
der gesamten Literatur das gröfste Interesse, und hier haben die 
Quellen eine vielleicht noch wichtigere Funktion. Sie erlauben 
eine genaue Abgrenzung des wirklich formelhaften Elementes, 
eine Erkenntnis des Traditionellen in den Formeln und den 
Parallelsätzen. 

In einer ganzen Anzahl von Fällen läfst sich die erste 
Entlehnung solcher Stellen, die in der ags. Poesie (auch der as.) 
mehrfach vorkommen und z. T. unter den Formelschatz ge- 
rechnet wurden, aus der Quelle nachweisen. Die „Formel" wird 
damit zur lebendigen Idee, die Parallelstelle zur Reminiszenz. 
Der Quellenforscher wundert sich über das merkwürdig reiche 



14 

Leben, was in diesen als formelhaft verschrienen Dichtungen 
pulsiert. Vielfaches späteres Vorkommen solcher dann freilich 
erstarrenden Stellen ist vielleicht gerade ein Beweis, dals es 
die eindrucksvollsten waren. 

Für den Nachweis erster Entlehnung ist es notwendig 
festzustellen, dals in den die Keminiszenz übernehmenden 
Dichtungen eine Entsprechung für sie in der Quelle nicht vor- 
handen war. Wiederholt sich Derartiges bei zwei Dichtungen, 
sodafs Zufall "ausgeschlossen wird, so ist damit ein Argument 
von dokumentarischer Beweiskraft für das Abhängigkeits- 
verhältnis und die relative Chronologie gewonnen. 

Ich habe mich jedoch in der vorliegenden Monographie 
auch auf diese Fragen nur soweit als nötig eingelassen. Ich 
werde bei anderer Gelegenheit ausführlich auf sie zurück- 
kommen, besonders die Reminiszenzen der Gen. A, die offenbar 
aus der gleichen Tendenz wie die Interpolation Gen. B, vielleicht 
geradezu aus deren as. Vorlage hervorgegangen sind. 



Aimelsäclisisclie Literatur. 



1. Gruppe. 

Cynewulf. 

Bisher glaubte man allgemein, die Runenschltisse der 
zweifellos Cynewulfischen Werke seien freie Erfindung. Im 
Folgenden wird für alle die direkte Quelle aufgewiesen, resp. 
für Elene, soweit nicht von C. F. Brown, Public, of the Modern 
Language Association 18 (N. S. 11) 1903, S. 308—34, eine 
Nebenquelle schon blolsgelegt ist, das vielfach wörtlich und 
inhaltlich benutzte „Gesamtvorbild". 



Elene. 

Brown a.a.O. hat gegen Cook, Anglia XV, Off. (Christ, 
LXIX— LXX) den Beweis erbracht, dals Elene 1277 — 1314 
nicht auf Alcuin, De fide sanctae et individuae trinitatis (aus 
den Jahren 802 — 4, wonach dann Cook datieren wollte) zu- 
rückgehen können, sondern im wesentlichen auf Ambrosius, 
Commentar. in Psalm. (Ps. 36) beruht. Als Nebenquellen nimmt 
er für 1276^—1285* II. Petr. 3, 10— 12, Matth. 16, 27; 12,36 
an; für 1302^ — 130 i* mit Cook einen Satz aus Caesarius von 
Arles.i) Einzuschränken ist Browns Ableitung in Folgendem: 
1. Die Einzelsätze können in ähnlichem Wortlaut auch aus 



^) Brown weist auch für Phoenix 508 — 45 eine Ambrosiusstelle nach, 
auf die er die Allegorie zurückführen will; dieser Passus ist aber ab- 
zulehnen. Vgl. meine Nachweise zu Phoenix. 



16 

anderen Quellen herrühren. 2. 1315 — 21 stammen nicht aus 
Ambrosius, sondern aus dem „Gesamtvorbilde" des Elene- 
schlusses. 3. Die Dreiteilung der Menschen am jüngsten Tage 
und der Satz aus Caesarius wurden durch das für den ganzen 
Schlufs benutzte Stück angeregt. 

Ich gebe für diesen literarhistorisch wichtigen Abschnitt 
eine eingehendere Herleitung. 

Wir haben in den Versen 1237 ff. keinen spontanen Herzens- 
ergufs Cynewulfs vor uns. Der Runenabschnitt der El. beruht 
wie die des Gr., Andr. (= Fata s. u.) und der Juliana in grolsen 
Partien auf Lamentationen, also gebetähnlichen Sündenklagen 
des Ephraem Syrus, und zwar El. und Gr. auf derselben (bezw, 
denselben), ebenso Andr. und Jul. Der Nachweis der Benutzung 
ist in der El. wegen der beträchtlichen Freiheit in der Aus- 
Bchöpfung schwieriger als in den anderen Fällen. Weil der 
ags. Dichter etwas bis zu gewissem Grade Neues geschaffen 
hat, so nannte ich oben das benutzte Stück, um das Wort 
Quelle, an dem man sich stolsen könnte, zu vermeiden, 
nur sein Vorbild. Aber auch diese Benennung, obwohl 
mir keine bessere einfällt, ist schief. Denn in vielen Partien, 
wo bei Gynewulf die Entsprechungen genau in derselben 
Reihenfolge vorkommen wie in der Lamentatio (V. 1240 ff. 
und Schluls), kann an der Quellenmälsigkeit des latei- 
nischen Stückes kein Zweifel sein. An anderen Stellen sind 
mancherlei Umstellungen vorgenommen worden (z. T. wohl- 
begründete, wie die Vor wegnähme des Kerngedankens, der 
Aufforderung zum frommen Leben im ersten Satze 1237 ff.), 
wo oft Stringenz der Parallelen fehlt. Ferner sind Elemente 
in Gynewulfs Eleneschluls eingedrungen, die nur unter dem 
Einflüsse des im frühen Mittelalter besonders ausgeprägten 
Bekehrungswunders und Offenbarungsglaubens verständlich 
sind: Wir kennen sie aus den zahlreichen übernatürlichen 
Heidenbekehrungen, aus der germanischen Literatur vor allem 
durch die Bekehrungsgeschichte Gsedmons und die versus de 
poeta, die man auf den Helianddichter bezogen hat. Schlielslich 
kommt bei unserem Dichter auch vieles warme Persönliche hinzu. 
Die Tatsache der Benutzung indes wird durch die deutlichere 
Ausschöpfung desselben Stückes in der Runenstelle des Gr. 
über allen Zweifel erhoben. Die Freiheit der Entlehnung in 



11 

der El. erklärt sieh nur so, dafs der Autor das „Vorbild", ein 
Gebet, das er oft gebraucht haben mag, auswendig oder fast 
auswendig kannte. Was ist natürlicher als das! 

Die drei unten folgenden Nachweise zeigen, dals wir in 
den Cr.-, Andr.- und Jul.-Stellen nicht mehr zu erblicken haben 
als in jedem anderen Gebet nach vorgeschriebenem Wortlaut 
mit Namensnennung wie in vielen mittelalterlichen Werken. 
Sie dürfen nur noch von dem Gesichtspunkte aus für die 
Persönlichkeit des Dichters fruchtbar gemacht werden: Cyne- 
wulf scheint diese Ephraemschen lamentationes geliebt zu 
haben. Man achte deshalb in unserem Stücke darauf, wie 
subjektiv und warm sich der Dichter zeigt. 

In der El. liegt zu Grunde: Alia ejus S. patris lamentatio 
ex ipsius doctrina, Vossius, S. 192, 2. Die Verwertung ist 
vielfach wörtlich, in der Auflösung der untergeordneten Sätze 
in chronologisch geordnete frei. Sie zeichnet sich aus durch 
Abweichungen von dem „Vorbilde", die nur als persönliche 
Angaben Cyuewulfs betrachtet werden können. Wir werden 
auf Grund der Entlehuungsverhältnisse einige Annahmen, deren 
Schwäche z. T. schon erkannt ist, fallen lassen müssen, anderer- 
seits aber in den Abweichungen von der Lamentatio in das 
Leben und das Herz des Dichters den richtigen Einblick ge- 
winnen. 

Ephraem. (Ausg. von F. Holthausen, Cynewulfa 

(Vollständiger Text.) Elene, Heidelberg u. New-York 1 905.) 

Die Bezielinng auf die Legende 
nimmt Pus V. 1237 auf. Vgl. Andr. 
und Jul., wo der Schlufs ähnlich an- 
geknüpft ist. Der Inhalt des ersten 
Satzes ist dem Ende des Gebetes 
entnommen, in ihm gipfelt es. Die 
Voranstellang ist also sehr natürlich. 
omni studio hie contendite placere 1237. Pus ic früd ond füs purh 
deo. Coram illo plorate die ac p(et fcecne hüs 

nocte et in orationibus atque psal- wordcrceft[um]wcefondtvundrumlcBS, 
modus vestris assidue deprecemini, prägum preodude ond ^epanc reodode 
ut nos (sc. von den Höllenqualen) (Grein: sichtete) 

— liberare dignetur. nihtes nearwe. 

Das Hendiadyoin fröd ond füs entspricht 'omni studio' und 
wäre etwa wiederzugeben mit „weise und bereitwillig" ; f^cne hüs 

Studien z. engl. Phü. XXXI. 2 



18 



ist der elende Körper des Asketen, den jeder Greistlielie ver- 
achten sollte. Cynewulf, der, wie sich unten zeigt, Geistlicher 
war, braucht diesen Ausdruck demnach keineswegs von seinem 
alten, gebrechlichen Körper geschrieben zu haben. Im Laufe 
der Untersuchung wird sich herausstellen, dafs er die El. nicht 
im Alter verfafst haben kann, 'assidue' ist mit prägum über- 
tragen, 'plorate' weggelassen, nihtes nearwe gibt vielleicht 
modifizierend das 'die ac nocte' wieder, vielleicht hat es, was 
mich richtiger dünkt, die Funktion eines Ausdruckes pars pro 
toto: Das Schlimmste, die Enge der Nacht, steht für das 
Ganze, Tag und Nacht. Nach der Auffassung seines „Vor- 
bildes" dichtet Cynewulf, der sich diese Anschauung sicher 
zu eigen gemacht hat, um Gott zu gefallen. Ähnliches siehe 
Phönix 655. Mit 1240 setzt die fortlaufende Benutzung ein. 
Wie im ersten Satze 1237 fi: mildert C. überall. Abgesehen 
von dem wörtlichen 1240^ ist zunächst keine Übereinstimmung 
zu bemerken, höchstens eine sehr vage. 
Ephraem beginnt: 
Recordatus sum diei ülius atque 
contremui, consideravi Judicium illud 
horrendum et totus expavi. Delitias 
paradisi perlustravi mente, et in 
suspiria fletumque praerumpens, tam- 
diu ingemni atque ploravi, donec 
deficerent lacrymae ex rivo ocu- 
lorum meorum: quoniam in negli- 
gentia atque desidia transegi dies 
meos et annos meos in sordidis cogi- 
tationibus consampsi. Vae mihi, quia 

non ißtellexi miser, quo pacto Nysse ic ^earwe 

mihi furtim sublati sunt, neque quo- he dcüre [rüde] reht, cer mB rümran 
modo sie pertransierunt, animadverti. gepoeht 

purh da mceran mceht, on müdes 

ceht 
wlsdöm onwrah. {cer usw. siehe zu 

1246.) 
r<}de ist hier wie im ganzen Elene- 
schlufs längst richtig mit „Kreuzes- 
lehre" interpretiert worden. Die 
Lamentatio verlangt etwa einen Be- 
griff wie „rechtzeitige Sorge für die 
Seele" ; das ist aber die Kreuzeslehre, 
d. h. die Annahme der allein selig- 



19 



Hei mihi, defecerunt dies mei, et 
iniquitates meae multipli- 
catae sunt. (Cf. 1250.) 



[Hei mihi, carissimi mei, quid agam? 
Quonam pacto tunc meam con- 
fusionem feram, quando in ultima 
hora adstabunt noti atque familiäres 
mei per circuitum,] qui me in hoc 
religionis habitu beatum cen- 
sebaut ac praedicabant, 



cum Interim 
essem intus immunditia et iniqui- 
tate plenus oblitusqne illius, 

qui 
renes scrutatur et corda. Hierzu 
1237 if. und deren Vorlage. 



machenden römischen Lehre für den 
gläubigen Katholiken. 
Cf. 1267. 

1243. Ic ivces iveorcum fäh, 
synnum äS(Sled, sorgum ge- 

wöeled, 
bitrum gebunden, bisgum be- 

prun^en, 
— man sehe nun die Auflösung 
des Nebensatzes mit 'cum Interim' 
in das umgekehrte Verhältnis des 
(er; den vorgreifenden Gedanken 
Ephraems über die Schrecken des 
jgst. Ger. übergeht C. und nimmt 
alles auf das Erdenleben Bezüg- 
liche vor. Ein persönlicher Ton 
des Dankes für die Bekehrung, die 
in der „Quelle" vollkommen fehlt, 
hat die Oberhand — 



cer me läre onläg purh ISohtne 

häd, 
gamelum tu gEoce, gife unscynde 
masgencyning ämcet ond on gemynd 

begeat 
torht ontynde, tldum gerymde, 
(in 1243—45 vorgenommen; spätere 
Wiederholung des Gedankens in 
wörtl. Anschluss an Ephraem 1257) 
bäncofan onband, brsostlocan 

omoand, 
leoducrceft onkac, ßces ic lustiim 

brEac, 
willum in worulde. 



In diesem Satze verändert der Dichter die Auffassung 
seines Vorbildes. In der Lamentatio ist der Eeuige Geistlicher; 
aber trotzdem ihn Bekannte und Vertraute glückselig glaubten 
und priesen, fühlt er sich schuldig. Ganz anders Cynewulf! 
Mit dem 'habitus religionis' (mag das nun Priesterweihe oder 
Mönchskleid oder einen geistlichen Rang bedeuten) verlieh ihm 
Gott Einsicht zum Trost für den Alten (was nur zeigt, dafs 

2* 



20 

der Dichter an sein Alter dachte, ohne dafs er alt gewesen 
zu sein braucht, cf. 1266 ff.), er erschlols ihm Gliederkraft (mit 
Sievers, Holthausen u. a.), die er mit Freuden und mit Fleifs 
in der Welt gebrauchte. Er zeigt sieh hier nicht so demütig 
und zerknirscht wie manchmal später, wo er die eigene Per- 
sönlichkeit vollkommen unterdrückt. Wir sehen noch die 
ganze Glaubensfreudigkeit eines innerlich Erleuchteten vor 
uns, der die eigene weltliche Vergangenheit nicht ganz zu 
vergessen gelernt hat. Das asketische Element tritt in 
diesem Runenschlusse, wie überhaupt in der Elene, am 
wenigsten unter Cynewulfs Werken hervor. Alles derartige 
wird stark gemildert. 

Aus Eigenem fügt er dann hinzu, ihm sei erst allmählich 
das Wunder, wie es um den hehren Kreuzesstamm stehe, wie 
es im Laufe der Zeiten geschehen und in den Büchern zu 
finden sei, verständlich geworden. 

1252, Je p(Bs wuldres treowes 

oft, nahes cene hcefde in^emynd, 

cer ic ])cet wundor omvri^en hcefde 

ymb Pone heorhtan heam, swä ic on hücum fand, 

ivyrda gan^um on gewritum eyd^an 

he ääm sigebeacne. — 
Gemeint ist mit wundor ymh j^one heorhtan heam usw. 
selbstverständlich das gesamte Schicksal des Kreuzes, nicht 
die spätere Legende, wonach das Kreuz der Baum des Lebens 
gewesen und dann in den Tempel des Salomo eingebaut sein 
soll, und weniger die Auffindung, sondern vielmehr das 
wunderbare Erlösungswerk durch den Heiland, das in dem 
Traumgesicht einen ergreifenden Ausdruck gefunden hat. 
Nur dieser Sinn befriedigt in dem Zusammenhang: Früher 
hat er oft an das Kreuz gedacht, denn Christ war er schon, 
aber erst als er Geistlicher wurde und eifriger christliche 
Schriften las, wurde ihm das Heilswerk der Erlösung klar. 

Nach dieser Abschweifung, wo am besten ein Gedanken- 
strich anzubringen wäre, setzt wieder die Benutzung Ephraems 
mit demselben Satze ein, wo aufgehört war, und zwar wieder- 
holt Cynewulf: 

qui me [in hoc religionis habita] 
beatum censebant ac praedicabant, 



21 



cum interim essem intus ira- 
munditia et iniquitate plenus 
[oblitusque illius, qul renes scrutatur 
et corda] Vgl. unten ignavus ac 
negligens. 



— intus eram immunditia et iniqui- 
tate pleuus — , noti atque familiäres, 
qui me — beatum censebant ac prae- 
dicabant. 



Cf. Delitias paradisi perlustravi 
mente — in negligentia atque desi- 
dla trausegi dies meos et annos meos 
in sordidis cogitationibus consumpsi. 



1257. Ä tvces sec^ od dcet 
cnyssecl ceartvelmiim, C dm- 

sende, 
— ä od dcet, „immer bis dabin", ist 
parallel zu 'Interim' „währenddesseu" ; 
d(Bt meint, wie die Lamentatio unter 
Berücksichtigung der mit ihr vor- 
genommenen Auffassungsänderung 
verlangt, die Annahme des geist- 
lichen Standes. Es scheint, dafs 
von 'Interim' aus, welches die Ver- 
gangenheit bis an die Schwelle der 
gegenwärtigen Lebensverhältnisse 
des Dichters führt und in gewissem 
Grade beides gegenüberstellt, die 
ganze Umgestaltung des Sinnes bei 
Cynewulf ausgegangen ist, wie ihn 
1246 — 52 bieten. Nun wird, ab- 
gehend von dem Faden des Vor- 
bildes im Sinne der Cynewulfischen 
hohen Auffassung vom geistlichen 
Beruf der Inhalt des früheren Lebens 
geschildert; die Ansätze, welche 
Ephraembot, sind jedenfalls minimal. 



1259. peak he in medohealle 

mädinas p^e, 
ceplede ^old. Statt des blofsen Prei- 
sens der Freunde klingende Be- 
lohnung! Y gtwrnode, 
N gefera, nearusorge dreah, 
enge riine, pcBr him E fure, 
milpadas niwte, mödig prcegde 
tviram geiolenced. Före und m(Ste 
nach Trautmann, Bonner Beitr. 2, 
S. 120. 

Mit mui'ff. greift der Dichter 
flüchtig zum Anfang zurück: 

W is gesioidrad, 
gomen cefter geäriim, jeo^Jitf is 

gecyrred, 
ald onmEdla. 

1264 li und das in 1266 — 1277 
Kommende scheint abgesehen von 
dem wörtlich übersetzten 1267^. 68 



22 



Cf. a. d. Anfang: Hei mihi, de- 
fecerunt dies mei. 



Lam. 2. Solvitur iitique et tam- 
quam foenum praeterlt universa na- 
tura. (Cf. 1278.) Vgl. auch den Traktat 
Ephraems über das Mönchsleben, 
einen der fi verbreiteten lat. Sermone, 
wo dieselbe Lamentatio in einer 
Form wiederholt ist, die El. 1318if. 
deutlich vorliegt. Vossius, S. 428, 
2. B. : omnia enim instar urabrae 
praetereuut. Aversemnr igitur mun- 
dum et cuncta, qaae in eo sunt, 
sollicitudinem quoque saecularem et 
affectionem carualem. 

Lam. 2. Umbra et somninm quod- 
dam est, erraticus hie mundus. Quid 
ergo rebus terrenis pronus et 
remissiis adhaeres, o homo? Der 
Vergleich mit dem Winde ist ja 
nicht selten. Cf. Ephraem, Vossius, 



auf 3 Sätzen des kurzen, bei Vossius, 
S. 192 vorhergehenden Stückes zu 
beruhen: De die judicii threnos seu 
lamentatio. (Ich zitiere dies Gebet 
kurz als Lam. 2.) 

1266. U wces geära 
geo^udhädes ^Icem. Nu synt geär- 

da^as 
cefter fyrstmearce ford geivitene, 
Cynewulf schränkt hier die wörtlich 
entlehnte Angabe des Lebensalters 
mit dem Ausdrucke cefter fyrstmearce, 
„nach einer (der von Gott verliehenen) 
Zeitgrenze", vielleicht ein (möglicher- 
weise gebraucht er ihn auch aus 
Stabnot: ford-fyrstm). Ich möchte 
ihn als Bescheidenheit auslegen: die 
kleine dem Menschen zukommende 
Frist hat er schon gelebt, er fühlt 
sich daher gegenüber Gott nicht 
mehr berechtigt weiter zu leben und 
wird den Tod ohne Murren auf sich 
nehmen. Jedenfalls steht nichts der 
Annahme entgegen, dafs wir einen 
Mann in den besten Jahren vor uns 
haben. 

1269. Ufwynne geliden, sivä L 

tüglided, 
(diesen Vergleich wendet Cyne- 
wulf später im Andreas gegen 
dessen Quelle wieder an; wo die 
Rune lagu wie hier angebracht 
werden mufste, stellte er sich wieder 
ein) 

flödas gefysde. Der Vergleich mit 
dem Wasser ist wohl Ps. 90, 5. (Du 
lassest sie dahinfahren wie einen 
Strom und sind wie ein Schlaf, 
gleichwie ein Gras, das doch bald 
welk wird.) 

1270. F (B^hivcmi hid 
Icene undcr lyfte, landes frcetive 
getvltap under wolcnum ivinde gellcost, 
ponne he for hceledum hlüd ästr^cd, 
tcceded be wolcnum, wedende fcered 
ond eft semnin^a swi^e ^ewyrded 



23 



S. 1 33, 1. B.: Cuncta illapraeteriernnt, 
et mollis aeris instar dissoluta sunt, 
nach der Weisheit Salomouis 2, 3. 



Sap. 2, 3 — cinis erit corpus no- 
strum et spiritns diffundetur tan- 
quam mollis aer, et transiblt vita 
nostra tanquam vestigium nubis et 
sicut nebula dissolvetur, quae fugata 
est a radiis solis et a calore illius 
aggregata: 

4. et nomen nostrum oblivionem 
accipiet per tempus, et nemo me- 
moriam habebit operum nostrorum. 

5. Umbrae enim transitus est 
tempus nostrum, et non est rever- 
sio finis nostri, quouiam con- 
signata est et nemo revertitur. 
Cf. I. Paral. 29, 15; Ps. 90. 



Ephraem, Fortsetzung. 
Intolerabilis plane erit illa confusio, 
nihilque infelicius illo, qui ea ibi 
notabitur. Deus pie et miserlcors, 
per miserationes ego te tnas adjuro 
et deprecor: ne me tunc a sinistris 
tnis statuas cum illis, qui hie te ex- 
acerbaverunt neque ibi dixeria mihi: 



in nsdcleofan nearwe geheadrod, 
prEam forprycced — 

1278. Swä ßBos looruld [^esceaft .?] 
gewited call, 
Wie kommt Cynewulf zu dem Ver- 
gleich mit dem Winde? Er beruht 
hier indirekt wohl auf der Weisheit 
Salomonis 2, 3—5. Entweder hat die 
Quelle (Lam. 2) aufser dem Satze: 
'Umbra et somnium' . . , (= Weish. 
2,5 z. T.) vollständig den Passus 
Weisheit 2, 3 — 5 gehabt, oder Cyne- 
wulf kannte diese Verse, und die 
Quelle rief ihm das Ganze ins Ge- 
dächtnis. Welcher Art das Verhältnis 
beider Stellen nun auch sei, jeden- 
falls legt die Bibelstelle den Sinn 
des Bildes klar. 

Die Windsbraut des Ags. kann 
sehr wohl durch den heroischen 
Charakter der ganzen Poesie hervor- 
gerufen sein. 



Dies würde die Benutzung wegen 
des Akrostichons besonders sinnvoll 
machen. 

Das Kämmerchen des Windes, 
worin er sich, nachdem er ausgetobt, 
ausruhte (Grimm, Andr. u. EL, 170), 
würde also dem Grabe entsprechen. 
Mit 1278 beginnt die Verwertung 
des Ambrosins, die bis 1314 reicht. 
Wie schon gesagt, ist sie durch 
Ephraem yeranlafst. Dasselbe trifft 
für die anderen Nebenquellen zu. 

Zu 1281—85. Vgl. auch den letzt- 
zitierten Satz: 'oblitusqne illius, qui 
renes scrutatur et corda'. 



24 



Ncscio tc: scd per ineifabilem 
illam tuam cleuicntiam, per immensa 
misericordlae viscera dolorem bic 
mihi assidunm coinpuiictionenique 
largire. Hamilia cor meum, domine, 
et munda, ut sanctum gratiae tnae 
templum effici mereatur. Tametsi 
enim sim peccator licetque im- 
pius, assidue tarnen ad januam 
tuam pulso. Etsi ignavus ac negli- 
gens, viam tarnen ego semper pergo. 
Interpello caritatcm vestrara, fratres 
carissimi, omni studio bic conten-' 
dite placere dco. Coram ilio plo- 
rate die ac nocte et iu orationibus 
atque psalmodiis vestris assidue de- )> 
precemini: ut nos ab aeterno illo) 
luctu, a Stridore dentium, a gehenna 
ignis et ab immortali illo verme sem- 
per rodente et nunquam quiescente 
eripere atque liberaredigneturnosque 
in suo regno laetitia repleat sempi- 
terna: ubi non est luctus neque 
dolor, ubi nee metns est nee tremor, 
unde mors exulat atque corruptio, 
ubi locum non habent ira, in- 
dignatio, odium, inimicitiae; 
sed semper ibi adest gaudium, lae- 
titia et exaltatio, mensaque cibis 
spiritualibus ac sempiternis or- 
nata atque instructa, quam cunctis 
praeparavit deus diligeutibus 
se. [Ipsi gloria in perpetuum. Amen.] 



Epbraem, Sermo asceticus de vita 
religiosa atque mouastica: „Labor 
et dolor me ad loquendum atque 
dicendum compellunt", Vossius, S. 
422 ff. fährt 428, 2 A hinter diligeu- 
tibus se fort : et beatus, qni ad eam 
meruerit accedere; miscr autem et 
infelix, qui per suam negligentiam 



Caesarius zu 1302 — 4. 'Ubi lux 
nimquam videbitur nisi tenebrae, et 
non venient unquam in memoriam 
apud deum' (in Cr. 1536 f. gegen 
dessen Eigenquellen übernommen), 

|Dreiteilung, denn sancti oder justi 
^sind die dritte Klasse. Der Inhalt 
der Ambrosiusstelle wird später (in 
Cr. 797—800 vielleicht) sicher in Cr. 
956— 59 gegen die Eigenquellen über- 
nommen. Dieselbe Dreiteilung wird 
auf Grund neuer Quelle iu Jul. 704 
drei Knnen zu Grunde gelegt. 

V. 1237 If. benutzt. 



Der Schlufs der Elene I315ff. be- 
ruht wieder auf dem Gesamtvor- 
bilde dieser Fitte. 
Möton ponne sidpan sybbe 

brücan, 
Eces eadwelan. Hirn bid engla 

ivenrd 
milde ond bilde, pces de hie 

mäna ^ehivylc 
forsäioon synna iveorc. (Vgl. 

S. 25.) 
Die geläufige Schlufsformel läfst 
der Dichter weg, benutzt aber die 
in der schon V. 1269 zitierten Fassung 
der Laraentatio folgenden Sätze. 



25 



jejunus ab ea rejectas faerft. De- 
precor vos, dilectissimi, eflfundite 
super me visccra pietatis vestrae et 
orato pro me, 



Dies ist im ADdrcasschlufs (Sic ßces 
^emyndi^ usio.) und Jul. 71 8 ff., wo in 
der Quelle eine Entsprechung fehlt, 
Anlafs zu der Aufforderung an deu 
Leser zur Fürbitte geworden (wie 
der Wortlaut deutlich beweist) ; also 
wieder Übernahme eines in der Eigen- 
quelle nicht gegebenen, schon früher 
dem Quellenschatze des Autors ein- 
verleibten Elementes. (Ob das Akro- 
stichon in El. und Cr., wie ausge- 
sprochen in Andr. und Jul., schon 
deu Zweck verfolgt, Fürbitte zu er- 
wirken, scheint nicht ohne weiteres 
ausgemacht. Ich möchte wenigstens 
für El. au die Möglichkeit denken, 
dafs der Dichter sich auch seines 
Werkes freute und noch zu stolz 
war die Fürbitte anderer zu suchen.) 



ond tu suna metudes 
ivorduni cleopodon. 



Forpon hie tm on tvlite scinap 
englum gellce, yrfes brücap 
wiildorcyninges tö ividanfeore. 
amen. 



procidentes beni- 
gnissimo amatori hominum, unigenito 
filio dei, ut faciat mecum se- 
cundum misericordiam suam 
(ISlßi'f.) et liberetme a multi- 
tudine iniquitatum mearum 
(1.31 Tb f.) collocetque me in circuitu ta- 
bernaculorum vestrornm, inter mace- 
riasbenedicti paradisi, utprope 
vos ibi assistere merear, qui 
illius promissiones haeredi- 
tate percipitis. (Die Angeredeten 
sind also Engel geworden!) 

Dals der Dichter die Lamentatio als getrenntes Stück 
gekannt hat, ist nicht zu bezweifeln. Die Annahme, dafs er 
die zweite Fassung in diesem verbreiteten lat. Traktat eben- 
falls kannte, macht keine Schwierigkeit. — 

Das für den Gesamtzusammenhang Notwendige ist im 
Laufe der Ableitung gegeben. Die wenig wörtliche Benutzung 
lälst für die Einzelbesserung nichts über die bisherige reiche 
Textkritik hinaus erkennen. Wohl aber gewinnt die Inter- 
pretation bedeutend an Rückgrat. 

Das Zentrum dieser ist V. 1246: 

^r me läre onläg ^urh leoJdne häd .... 
mce^encynin^. 



26 

Bei Ephraem ist mit 'habitus religionis' wohl das Priester- oder 
MönclisgewaDd gemeint, schwerlich das Kleid Ephraems selbst, 
das bischöfliche, denn die Stindenklage war doch wohl mit 
Allgemeingeltung geschrieben. Wenn wir ])urh Jeohine häd 
coraitativ: „zugleich mit hehrem Gewände" fassen, so wäre die 
Entsprechung vollkommen (vgl. 1237). Nach Greins Sprach- 
sehatz ist die Bedeutung von häd auch 'habitus'; Art, Wesen, 
Gestalt palst hier nicht in den Zusammenhang; Tiäd = sozialer 
Stand, als das es Grein, besonders für den geistlichen, am 
häufigsten belegt, würde guten Sinn geben. Grölsere Sicher- 
heit ist nicht zu gewinnen. Trautmann, Kynewulf, S. 98f. hat 
also insofern hier das Richtige getroffen, als Cynewulf selbst 
— allerdings nur auf Grund seines Vorbildes, und diese Ent- 
lehnungen können nicht für bare Münze gelten — sich zum 
geistlichen Stande bekennt 

Für die Runen vergleiche man immer die Interpretationen 
in den anderen Werken Cynewulfs.^) Es ergibt sich {eoh, 
ivynn, ur, la^u, feoh standen hier fest; vgl. Sievers, Anglia 
XIII, 1 ff.): 

C entspricht 'beatus: noti atque familiäres, qui me in hoc 
religionis habitu beatum censebant ac praedicabant, cum 
interim essem intus immunditia et iniquitate plenus' (cf. 'etsi 
ignavus ae negligens sum'). Der Klagende wird von anderen 
als 'beatus' gepriesen, fühlt sich selbst als 'ignavus und 
negligens'; setzen wir (wie in Cr. 2 'beatus', in Andr. eine 
[entsprechende] Person, in Jul, 'justus' an Stelle der Rune ge- 
fordert wird) das verwandte cene, kühn (= moralisch tüchtig 
in allgemeinerem Sinne) ein, so bekommen wir eine be- 
friedigende Auflösung; cene ist dann Variation zu sec^: „Immer 
war der Mann bis dahin von Sorgenwallungen geschlagen, der 
Kühne träge (untauglich)." 

Y gnornode, 

N gefera, nearusorge dreali 

enge rüne, ])cer Mm \eoli\ före, 

milpaäas mcete, mödig prwgde 

wirum gewlenced 



») Zusammenstellung der bisherigen Deutungen bei Cook, The Christ 
of Cynewulf, S. 151—163. 



27 

führen den Gedanken weiter aus, ohne in der Lamentatio eine 
genaue Entsprechung zu haben. Doch setzen wir die aus den 
späteren Quellenbelegen herausspringenden Bedeutungen yfel 
(Cr. 2 Person, die einen anderen für 'beatus' erklärt, es selbst also 
weniger ist, Andr. eine [entsprechende] Person, Jul. 'injustus') 
und ned (Cr. 2 wie oben, Andr. unabänderliche Notwendigkeit, 
Zwang, Juliana 'nocens' ['homo']) ein, so erhalten wir wieder 
einen vollendeten Sinn. Der ganze Satz ergibt sich dann als 
genauer Parallelismus zum vorhergehenden : „In Übeln Gedanken 
(übel gestimmt) trauerte er, ein Gefährte der Not, beengende 
Sorge erduldete er, bedrückenden Kummer, da ihm doch 
(parallel zu l^eali, obsehon) das (ein) Rofs (parallel zu mäctmas, 
ceplede gold und auch ein hohes Besitzstück, als das es gleich- 
falls in Jul. erscheint) Fahrten ausführte, Meilenpfade mafs, 
mutig lief mit Drähten geschmückt." Ür 126G nimmt den 
Begriff „Besitz" (oder „die Urjagd" der Edlen?) noch einmal 
auf, desgleichen feoh 1270. Die ganze Ausführung hat sehr 
viel Weltliches aufgenommen. 

Ich will hier noch bemerken, dals m. E. prinzipiell mit 
Sievers, Anglia XIII u. a. möglichst eine einheitliche Bedeutung 
und Verwendung der Runen für das gesamte Ags. anzunehmen 
ist. Mit aller Strenge mufs diese Forderung für einen ein- 
zelnen Autor gestellt werden. 

Was ergibt nun der Eleneepilog tatsächlich über Cyne- 
wulfs Leben? 

Mit dem Vorbilde haben wir eine feste Operationsbasis 
gewonnen, woran Cynewulfs Gedankengang und Gedanken- 
inhalt zu messen sind. Ziehen wir die Entlehnungen von des 
Dichters Versen ab, so bleibt das Originale, und es zeigt sich, 
dafs wir es in 1237 ff. nicht mit der objektiven Ausgestaltung 
eines gegebenen Stoffes (sc. der Lamentatio) zu tun haben, die 
ein weltlicher Dichter etwa für Geistliche verfafst und in 
ihrem Sinne ausgeführt hätte. Zwar eine grundlegende (aller- 
dings aus der Vorlage angeregte) Änderung darf für die Per- 
sönlichkeit nur in zweiter Linie angezogen werden: die Auf- 
fassung des Autors vom geistlichen Stande. Bei Ephraem 
bekennt sich der Klagende, trotzdem er Geistlicher ist, sündig. 
(Vgl. den mehrfach zitierten Sermo de vita religiosa atque 
monastica, Vossius, S. 425, 1 B: 'Ne igitur quis erret, ut 



28 

exteriore religionis habitu se aliquid esse existimet: 
nara qui se putat ejupmocli appareuti specie religiosum esse, 
seipsum potius fallit ac deeipit.') Ganz anders der Angel- 
sachse! Er hat, wie aus jeder Zeile hervorleuchtet, mit dem 
geistlichen Stande (diesen sichert weniger der Ausdruck Imrh 
leohtne Md 1246 als die für alle Werke vorauszusetzende 
umfängliche geistlich -gelehrte Bildung) den inneren Frieden 
gefunden. Die Worte Cynewulfs sind allerdings besonders 
warm, aber die Änderung begreift sich aus der Umgebung 
und Nationalität des Verfassers. Ein Geistlicher, der sich 
noch in seinem Stande, welcher der höchste zu sein be- 
anspruchte, als 'plenus immunditia etc.' bekannt hätte, 
war unter den Angelsachsen zu jener Zeit ein Ding der Un- 
möglichkeit. 

Aber in einer Abweichung tritt uns lebensvoll ein Mensch 
vor Augen. Der Dichter führt den Gedanken des Ephraem: 
'qui me beatum censebant ac praedicabant' in 1259 f., dem 
parallelen Satz 1262—64 und 1266 f. 

(])eah he in medohealle mää^mas ])e^e 
ceplede ^old. 

— ])^r him eoli före, 
mllpaäas mcete, mödij ])rw^de 
wlrum ^ctvlenced. 

Ür tvces geära 
seosuähades gl^m — ) 

mit nicht nur ags., sondern so unverkennbaren persönlichen 
Zügen aus, dals wir ihn hier erfassen: Cynewulf hat an Höfen 
klingenden Lohn erhalten, er besals (mindestens, wenn eoh 
nicht typisch für mehrere steht) ein stattliches Rofs, Besitz 
und Urjagd war seiner jungen Jahre Freude. Aber trotzdem 
fühlte er sieh davon unbefriedigt. Er mufs daher auch tat- 
sächlich Geistlicher geworden sein, findet dadurch Frieden 
und benutzt die Dichtkunst, um Gott wohlgefällig zu wirken. 
Dals er weltlicher Sänger gewesen sei, sagt er nicht. Es ist 
auch nicht notwendig anzunehmen, dafs Cynewulf die Dicht- 
kunst als solcher erst erlernt habe. Dafs man in Klöstern die 
Technik der Alliterationspoesie erlernte, dafür ein auch sonst 
sehr interessantes Zeugnis bei Migne, Lat. 89, 299 ff. (Brief 



29 

eines Klosterbruders an eine Nonne mit einer lateinischen 
durchgehends alliterierenden Spielerei; auch ein Runenalphabet 
ist dort.) Andererseits leoctucrceft (Gliederkraft), fices ic lustum 
hreac, willum in ivorulde, was gleichfalls keinen Anhaltspunkt 
in dem Ephraemschen Stücke hatte, und V. 1262 ff. würden 
schliefsen lassen, dals der Autor vor der Abfassung der Elene 
das Leben eines Edlen geführt habe. 

Anmerkung: In der Frage nach dem geistigen Eigentum des 
Dichters soll hier ein für allemal betont sein, dafs vieles von dem 
Übernommenen nicht nur in das Gedächtnis, in den Verstand, 
sondern auch in die Überzeugung als dauernder Besitz des bei erster 
Übernahme noch Abhängigen überging. Auf die damit gegebenen Pro- 
bleme kann ich mich noch nicht einlassen. Es kann hier nur das sicher 
Subjektive festgelegt werden, wie es oben geschehen ist. 



Crist, zweiter Teil. 

(Himmelfahrt, 440 — 8G6.) 

Die Abtrennung des 3. Teiles mit 867 ist durch Cook in 
seiner Ausgabe des Christ gesichert: Cynewulf benutzt mit 
850 — 66 den Schluls der Hauptquelle der Himmelfahrt, Gregors 
Hom. in Evang., Lib. I, 29. Den Beginn von Cr. 3 (867) werde 
ich unten durch den Nachweis der Hauptquelle dieses Teils 
noch festlegen. Auf die Quellenverhältnisse von Cr. 527 — 611 
werde ich an anderem Orte zurückkommen und verweise vor- 
läufig auf die anerkannt fleilsig kommentierte Ausgabe von 
Cook. 

Für die auf das jüngste Gericht bezüglichen Partien 
ist bisher eine einheitliche Vorlage nicht nachgewiesen. Cook 
hat für 782 — 96 aus der Hauptquelle Greg. Hom. 29 eine 
unmögliche Stelle als Grundlage angesetzt, für 805 ff. zieht 
er Bibelstellen heran und für 820 ff. vergleicht er ein 
paar kaum anklingende Verse des Prudentius. Die Belege 
sind: 

782^^—796. Greg. Hom. 29 im Anschluls an die letzt- 
benutzte Stelle: 'Et hoc nobis est magnopere perpendendum, 
quia is, qui placidus ascendit, terribilis redibit, et quidquid 
nobis cum mansuetudine praeeepit, hoc a nobis cum districtione 



30 

exiget. Nemo ergo indulta poenitentia parvipendat, nemo 
curam sui, dum valet, agere ne^ligat, quia redemptor noster 
tanto tunc in Judicium distrietior veniet, quanto nobis ante 
Judicium magnam patientiam praerogavit. Haec itaque vobis- 
cum, fratres, agite in mente, sedula cogitatione versate.' 
Dazu Beda, Hom. in ascensione, Migne, Lat. 94, 181: ,Cum 
ipse, qui placidus ascendit, terribilis redierit, nos parates in- 
veniat.' 

805 ff. The thougbt seems to be that of 2. Petr. 3, 5— 7 . . . 
'Caeli erant prius et terra de aqua et per aquam eonsistens 
dei verba, per quae ille tunc mundus aqua inundatus periit; 
caeli autem, qui nunc sunt, et terra eodem verbi repositi, sunt 
igni reservati in diem judicii et perditionis impiorum hominum,' 
Dazu Gregor, Hom. in Ezech. I, 9. Migne 76, 867 . . . 'quia 
mundus quidem judicii igne cremabitur, sed jam non ulterius 
faciendi (judicii), aqua jam diluvii non deletur' (der Regen- 
bogen durch seine Wasser- und Feuerfarbe als Zeuge des 
Wasser- und Feuergerichts). 

820"^ ff. Cf. Prudentius, Cath. 11, 97—108: 

Hunc, quam latebra et obsletrix dejectus ipse et inritus 

et virgo feta et cunulae plangens reatum fletibus. 

et inbecilla infantia ^^^ ^^^^ flammaram nigros 

regem dederunt gentibus, volvamur inter tnrbines, 

peccator intueberis vultu dei sed compotes, 

celsum coruscis nubibus, caeli fruamur gaudiis. 

Letztere Stelle dürfte auch als Parallele sofort abzulehnen 
sein. Die Benutzung des erstzitierten Satzes von Gregor, 
Hom. 29 trifft für 791 — 93* zu, und der erste und letzte scheint 
820'' — 25*^ zu Grunde zu liegen, was Cook nicht gesehen hat. 
Der mittlere Satz ist Vorbild von 785''— 89 ^ Für die dritte 
Stelle 805 ff. mufs betont werden, dafs die Zusammenstellung 
der Sintflut und des Weltbrandes hundertfach, besonders in 
der Homilienliteratur tiberliefert ist. Cook selbst weist auf 
den Ausgangspunkt dafür hin: Matth. 24, 37 ff. (17 ist Druck- 
fehler.) Allein sonst wird meist die Gleichartigkeit der Wir- 
kungen beider Ereignisse hervorgehoben. Zudem findet sich 
die von Cook angezogene, den Unterschied beider Kata- 
strophen betonende Stelle bei Remigius, Migne, Lat. 131, 



31 

86Ö C, einer Bearbeitung der verbreiteten Homilie Gregors 
in Ev. I, 1 zitiert, ist also verrautlich gangbar gewesen. Sie 
dürfte daher benutzt sein. Über die Herkunft von 804'' — 814 
8. unten. 

Aufser den von Cook belegten Versen mit den angegebenen 
Korrekturen, dem längeren Passus 804**— 14 und einigen 
kleinen Sätzen liegen dem Cr. 2-Scblur8 von 789^ an die- 
selben beiden lamentationes (in gleicher Ordnung!) unter wie 
in El. (Vossius, S. 191.) Die Übernahme ist hier viel aus- 
geprägter, die eigene Persönlichkeit hat der Dichter zurück- 
gedrängt. Für die Biographie ist nichts mehr direkt zu 
gewinnen. 



Epbraem. 



Recordatus sum diei illius 
atque coütremui, conside- 
ravi Judicium illud horren- 
dum et totns expavi. 



Was soll ich tun ? Quonam pacto 
tunc meam coufasionem feram, 
={= quando in ultima hora adstabunt 
Doti atque familiäres mei per cir- 
cuitum, qui me . . . beatum cen- 
sebant, cum Interim essem intus 
immunditia et iniquitate plenus .... 
Intolerabilis plane erit illa confusio, 
nihilque infelicius illo, qui ea ibi 
notabitur. Deus pie et misericors, 
per miserationes ego te tuas adjuro 
et deprecor: *(cf. SlOff.) ne me tunc 
a sinistris tuis statuas cum illis, 
qui hie te exacerbaverunt, 
neque ibi dixeris mihi: Nescio te: 



Crist. 
(Cooks teure, in Deutschland wenig 
zugängliche Ausg. zählt wie Grein- 

Wülker, Bd. 3.) 
Der Eingang ist wörtlich übertragen. 

789. Hüru ic wEne mE 
ond Eac ondrcede dorn dy rE- 

pran — 
in Predigten Ephraems heifst dieser 
Satz auch : 'Hei, recordatus sum etc.', 
De cruce, Vossius, S. 538, IE (im 
Traumgesicht benutzt). 

791—93» aus Greg. Hom. 29. 

793 b. Ic pces brögan sceal 
^esBon synwrcEce, pces pe ic svd 

talge, 
pcer moni^e hEod on gemot Iceded 
fore onsyne eces dsman. 

V. 795 ist in Phon. 491 wörtl. über- 
nommen. 

plane entspricht pces Pe ic Süd talge 
794. 

Zu 797—801 ist der mit + be- 
zeichnete Satz heranzuziehen. 
Ponne C civacad, gehyred cyni?)g 
mcedlan, 
rodera ryhtend sprecan rEpe ivord, 
päm pe him wr in worulde 
wäce hyrdon, 



32 



sed per ineffabilem illam tuam cle- 
mentiam, per immensa raisericordiae 
viscera dolorem hie mihi assiduum 
compHuctionemque largire. 



Ilnmilia cor menra, dominc, 
ut sanctum gratiae tuae 
templum effici mereatur. 
Tametsi enim sim peccator licetque 
impius, assidue tarnen ad jauuam 
tuam pulso. Etsi ignavus ac iiegli- 
gens, viam tamen ego tuam 
semper pergo. Interpello cari- 
tatem vestram, fratres carissimi, 
omni studio hie contendite placere 
deo. (815 ff.) 



Coram illo plorate 
die ac nocte et in oratiouibns atque 
psalmodiis vestris assidue depre- 
cemini: ut nos ab aeterno illo lucto, 
a Stridore dentium, a gehenna ignis 
et ab immortali illo verme semper 
rodente et nunquam quiescente 
eripere atque liberare dignetur 
nosque — laetitia repleat sempi- 
terna etc. 



pendan Y ond N yf)ast meahtan 
frofre findan. (Die Satzbildung ist 
bei C. durchaus frei.) 
Parallelismus 801 ff. 

P(er sceal forht monig 
on päm ivongstede, iverig hidan, 
hwcet him cefter dcedum deman iville 
wräpra ivita. Vgl. den Ergänzungs- 
nachweis zu 804 ff. unten S. 35ff., 
besonders S. 40. 

Mit 815 setzt die Lamentatio wieder 
ein. Die in der Quelle folgenden 
4 Sätze sind ineinander gearbeitet. 

Forpon ic Isofra gehioone 
Iceran iville, 
pcet he ne ägßele g(2stes pearfe, 
ne on gylp geote, penden god 

wille, 
ficet he her in worulde wunian mdte, 
somod slpian säivel in llce, 
in päm gcesthofe. 



820b— 25a Greg. Hom. 29; doch 
der Ausdruck georne bipencan 
scheint aus dem letztzitierten 
Ephraemsatze nachzuklingen. 

825^—27» s. den Ergänzungs- 
nachweis, besonders S. 41. 



827''. beorht cyning leanad, 
pces pe hy on eorpan eargum 

dcedum 
lifdon leahtrum fä. Pces hl lange 

sciilon, 
ferdwerge, onfön in fyrbade, 
wcelmum biwrecene, ivräpllc ondUan. 

Von 832 ab folgt Cynewulf 
wiederum der Lara. 2. (Vgl. oben 
S. 21 ff.) 



33 



Das Stück beginnt: Exquisitum 
Judicium aequissimi jndicis, anima-j 
mea, et formidabile tribunal nos > 
inanent, in jus vocati sistemurJ 
omnes nudi quidem et aperti: 
Ubi non opes imperant, non rex"» 
praepoUet, sed justorum res ex > 
animae recto perpendnntur. * Dies I 
impiis atque noceutibus sane quam 
metuenda. Dies iu terra deo jus 
dicente plena horroris. 



Adsunt accu- 
satores opera coarguentes et abstru- 
sissima quaeque disquirentes. 



Qualis tuuc terror ac pavor? Zum 
Wortlaut vgl. Matth. 24, 16. erit tunc 
tribulatio magna qualis non fuit ab 
iniiio mundi usque modo neque fiet. 
Ähnlich Marc. 13, 19; Dan. 12, 1; 
Joel 2, 2. 



Vossius, S. 595, 1 DE. — ut tunc 
nominari mereatur frater Christi? 
Quam multis tibi istud thesauris 
erit potius, quam multis operibus, 
quam multis coronis vox ejusmodi 
excelsior atque praestantior. 



Studien z. engl, riiil. XXXI. 



Vgl. 796. 836. 
Vgl. 795 Icedan. 

Vgl. 844fr. 

Diese erstbenutzten beiden Sätze 
werden umgestellt. 

Ponne mce^na cyning on ^eniDt 
cymeti 
prymma nueste, peodegsa hid 
hlUd gehyred bi heofonwdman, 
cwänendra cirm; ceari^e rEotad 
fore onsyne Sees deman, 
pä pe hyra loeorcum wäce trüwiad. 



Zu 834a vgl. im Ergänzungsnach- 
weis das zu 801 ff. Angeführte 
(S. 40). 

838. Beer bip odyived egsa mära 
ponne from fruni^esceape gefrcegen 

wurde 
kfre on eorpan. 



Zu 840 ff. vgl. die mit einem 
Sternchen bezeichneten Sätze und 
Ephraem, Sermo in eos, qui in 
Christo obdormierunt , Vossius, 
S. 591 ff, (Vgl. auch unten Mus- 
piUi.) 

P(Sr bid (Bghwylcum 
symvyrcendra on pä snUdan tid 
leofra mich ponne eall peos Icene 

gesceaft, 
pcet hE hine sylfne on päm sige- 

preate 
behydan mcBge, ponne herga fruma, 
cepelinga ord, allum dümed 
kofum ge läduni, Imn cefter ryhte 
ploda gehwylcre. 

In 847 b scheint der nächste Satz 
der Lam. 2. vorzuliegen. 
3 



34 

Quapropter respice, o aniraa mea, Is üs pearf micel, 

et ante tuum ex hac vita decessum ßcet ive g<sstes ivlite der päm gryre- 

peccata deplange ac lamentare, ne brögan 

repente mors ingruens corripiat te. on päs gcesnan tid georne bipencen. 

Die 2. Hälfte dieses Stückes, von der in El. Gebrauch 
gemacht war, ist nicht mehr benutzt. Vermutlich erschien 
deren Inhalt dem Dichter, der sonst Wiederholungen nicht 
scheut, dazu doch nicht bedeutend genug. 

850 — 66 ist aus der Hauptquelle, Greg., Hom. 29, hervor- 
gegangen. S. jedoch den Ergänzungsnachweis unten S. 41 f. — 

Der Anschluls an den Gedankengang der Quelle ist etwas 
strenger als in der El., der Ausdruck indessen ähnlich frei. 
Die Runenbedeutungen wynn, la^u, feoh, Ur stehen sicher 
(vgl. a. Sievers a. a. 0.) und gehen restlos in allen Akro- 
stichen auf. 

Kongruenz zwischen den Runen, die der Dichter irgendwie 
anbringen mufste, und der Quelle ist nicht zu verlangen, wohl 
aber die Situation der Vorlage. Es entsprechen für die Ge- 
richtsszene: 'Quo pacto tunc . . . qui me . . . beatum censebant' 
als Ergänzung zum Hauptgedanken: 'ne me tunc a sinistris 
tuis statuas cum illis, qui hie te exacerbaverunt neque dixeris 
mihi: Nescio te' den Versen 797 — 801 ^ 

Der hier Gott sprechen hört, ist der Reuige. Das ist aber 
derselbe, welchen 'noti ac familiäres beatum censebant': 
C würde also auf 'beatus' weisen. Y und N müssen sein: 
'illi, qui hie deum exacerbaverunt'. 

Schon in El. 1286 ff. wurde das dreifache Schicksal der 
Menschen im Weltbrande, den die älteste Kirche mit dem 
Gerichtsakte identifizierte (s. Musp. 57), ausführlicher ge- 
schildert. Nehmen wir dazu die als Entsprechung der gleichen 
Runen in der Julianaquelle auftretenden 'justi, injusti et 
nocentes', die auch dem Andreas nicht widerstehen, so ergibt 
sich als zweifellose Interpretation der ganzen Stelle: „Dann 
zittert sogar der Unverzagte {cene, Kühne statt „'beatus' ge- 
nannt"), hört er den König reden, den Herrscher der Himmel 
zürnende Worte sprechen zu denen, die ihm einst in der Welt 
schlecht gehorchten, so lange Ungerechte ('injusti' mit ^/fel) 
und Frevler ('nocentes' mit ned) so leicht Trost finden 
konnten." 



Ergänzungs nach weis. 

Überblickt man alle Quellenbelege zu Cr. 2, so bleiben 
in (lieser Dichtung unfundiert nur 759'' — 785 '^ [756 bis 
59=* beruht auf Gregor, Hora. 29 im Anschlüsse an 755, 
was Cook ungenau abtrennt: 'Desideria teri'ena fugiamus, nihil 
nos jam delectet in infimis, qui patrem habemus in caelis'.], 
804^(802)— 814 und 825^— 27^ (Änderung in 850ff. s. unten.) 

Einen unabweisbaren Zusammenhang mit der erstgenannten 
Lücke hat die wörtlich übereinstimmende Stelle Beowulf 
1740 — 47 (in der väterlichen Ermahnung Hrödsärs an den 
siegreichen Beowulf nach dem Kampfe mit der Grendelmutter). 
Beowulf wurde bisher allgemein vor Cr. angesetzt. So sehr 
es nun zunächst befremden mag, die Priorität gebührt auf 
Grund der Quellenverhältuisse dem Crist, ein Resultat, welches 
ich mir selbst unter heftigem inneren Widerstreben abringen 
mufste. (Die Gegenprobe für Beowulf s. unten.) 

Quelle ist für alle aufgezählten Lücken ein in etwa 400 
Hexametern geschriebenes lateinisches Gedicht, welches Mignes 
Patrologie an drei Stellen abdruckt: 

Bd. 2, 1147 ff. Incerti auctoris de judicio domini (unter 
Tertullians Namen überliefert, ed. princ. des Fabricius) = 
Fassung A. 

Bd. 4, 1053 ff. Carmen de resurrectione mortuorum. (Hier 
wird eine Corveyer Majuskelhs. erwähnt, die es einem S. Cyp- 
rianus zuschreibt) = Fassung BA) 

Bd. 89, 297 ff. Aldhelmi fragmentum de die judicii, ut 
videtur. (Abdruck des Cod. Paris. 8318 nach der Ausg. von 
Giles) = Fassung C. 

Der Vergleichung wird hier am besten die handliche 
Kapiteleinteilung von B, mit dem wir es in den meisten Fällen 
zu tun haben, zu Grunde gelegt. A hat folgende Abschnitte: 



^) Eine englische Hs. dieser Fassung (?) bei Sclienkl, Bibl. V, Be- 
richte 127, IX, S. 02. Bibliothek des verstorbenen Sir Tb. Philipps in 
Cheltenham. 18909. Libri 1112. kl. 4°, m. 5 foll., s. IX. ineuntis (aus 
mehreren Stücken zusammengebunden) an 3. Stelle: Versus S. Cypriani 
de resurrectione. 

[Qui mihi rjuricolas aptavit carmine musas etc. Es wäre von Inter- 
esse, diese frühe IIs. (s. jedoch unten) zu untersuchen, da sie möglicher- 
weise näher mit der von Cynewulf benutzten BC-Vorlage verwandt ist. 

3* 



36 

I_VII = B I— VII, VIII =-- B VIII.IX, IX = B X.XI, X = 
B XII.XIII, XI = B XIV.XV. C ist nicht eingeteilt und reicht 
von B V, 7 bis X inkl. mit mehreren Lücken. 

Harteis (kritischer) Text (Corpus seriptor. eccl. Lat. Vindob. 
1871. Cyprianus, tom. 3, 308 if.) nach nur drei z. T. sehr frühen 
Hss. (Paris, Würzburg, Regensburg) ist im wesentlichen gleich B. 
Mir scheint der hslch. vorläufig nicht zu belegende A-Text 
der am wenigsten verdorbene; vgl. besonders den Eingang und 
den vollkommen verdorbenen Abschnitt B XIV mit dem ent- 
sprechenden AXI; dazu viele andere Stellen. Oder sollte B 
wirklich originaler sein, da für das Mittellateinische die Metrik 
klassischer Zeiten in vielen Fällen nicht malsgebend ist? Die 
von Harnack (der das Gedicht nach Constantin setzt), Litgesch. I, 
S. 721, Nr. 17 aufgezählte Literatur bezieht sich bis auf Harteis 
Bemerkungen zu seiner Ausgabe (Praefatio S. LXVII auf andere 
oft in den gleichen Hss. überlieferten Gedd. eines Cyprianus V. 
saec. Hartel sagt, nachdem er einige Hss. des 7. bis 8. Jahrh. 
erwähnt hat: 'exemplar vetustate pari insigne, cujus Laures- 
hamensis bibliothecae catalogus ab Angelo Maio (Specil. Rom. 
tom. V., p. 188) et Augusto Wilmanns (Mus. Rhen. 1868, p. 392) 
publicatus mentionem facit Metrum Tertulliani de resurrectione 
(cod. fol. 31 * 1. 21) adferens, nusquam potuit reperiri. quod si 
haberemus, certius fortasse de hujus carminis recensione diversa, 
quae apud Fabrieium (Poet. vet. eccles. opera p. 256) exstat [= A] 
judicaremus; incredibile enim est, quod Martene qui hoc 
Carmen ex eodiee D ad verbum imprimendum euravit (Vet. 
seriptor. et raonum. ampliss. collectio tom. IX., p. 1 sq.) suspi- 
catus est, a Fabricio insigni audacia sine ullius codicis ope 
elegantiores versus restitutos esse, extat enim altera etiam 
recensio simili consilio atque Fabriciana instituta, qua seilicet 
prosodiae sermonisque barbarismi tollerentur, inter Aldhelmi 

opera [= C] quae si re vera ab Aldhelmo profecta 

est (certe ab Aldhelmi ingenio non abhorret), cur non ab altero 
diorthota antiquo Fabriciana illa proficisci potuerit non intellego'. 
Dieser Schlufs ist unantastbar. Die von Schenkl nachgewiesene 
Hs. (s. Anm. 1, S. 35) hat, resp. bestätigt sogar schon die gute 
A-Lesart: aptavit. [Fabric. aptabit, B optavi.] Vgl. sonst 
G. Krüger bei Herzog (Plitt-Hauck), Realenc. f. prot. Theol. und 
Kirche VI, 407, 50fiF. 



37 

Eine gründliche Aufarbeitung aller Hss. wäre einer der 
grölsten Dienste, den uns die Mittellateiner leisten könnten, 
abgesehen von dem Interesse für die Kenntnis der mlat. Poesie 
überhaupt. Denn dieses Gedicht muls eine grolse Verbreitung 
gehabt haben, wie schon die Zahl der Hss. beweist. Im Ae. 
hat es Cynewulf überreichlieh benutzt; ob auch andere Poeten, 
lälst sich nicht mit Wahrscheinlichkeit annehmen. Er hat eine 
BC -Vorlage im Gebrauch gehabt, deren Lesarten als ein Er- 
kennungsmerkmal für Cynewulfs Verfasserschaft anzusehen sind. 

Einen besonderen Grund, gerade zu diesem Poem zu 
greifen, gab dem Dichter die in der Hauptquelle, Greg., Hom. 29, 
vorkommende, auf Christus = Phönix gedeutete Hiobstelle 28, 7. 
'Semitam ignoravit avis'. (. . . 'per figuram Job dominum 
vocat' = Cr. 636.) Vgl. Cook, S. 135. Christus wurde vielfach 
mit Phönix verglichen. (Physiologus!) Das Carmen enthält 
am Schlüsse des V. Abschnittes einen Vergleich der Auferstehung 
mit dem Phönixschicksal, und in der Fassung C, deren Lesart 
hier Cynewulf, wie beim Phönix gezeigt werden wird, vor- 
gelegen haben muls, ist strikte Christus unter Phönix voraus- 
gesetzt, denn es heilst hier: 

Sic renovata suo vivit de funere phoenix 
Exemploque suos volucres resurgit in hortus, 

WO Phönix also Herrscher über die Vögel wird, was die 
Legende nicht kennt. 

Es ist beachtenswert, dafs Gregor nur den Vergleich Christi 
mit einem beliebigen Vogel, wie ihn Hiob hat, zeigt. Die 
seltene Weiterdeutung des Vergleichs auf den Vogel Phönix 
nach Hiob (diesmal 29, 18, was der Sache keinen Eintrag tut) 
findet sich nach Gaebler (s. Phönix) nur im Bedakommentar 
zu Hiob. Diese Interpretation, die hier in Cr., wo sie die Be- 
nutzung des Carmen anregte, wie später in Phönix, wo sie das 
ebenfalls tut (aber zuerst wirklich zitiert wird, 545 ff., deshalb 
nicht aus Cr. entlehnt sein kann), zweifellos die Vermittlerrolle 
gespielt hat, kannte also Cynewulf sowohl wie der Phönix- 
dichter, ohne dafs sich sonst eine Spur der Benutzung dieses 
Kommentars in Cr. oder Phönix zeigte. Die Gleichartigkeit 
dieser Erscheinung einer so seltenen Einzelstelle in beiden 
Gedichten zeugt beredt für die Identität beider Verfasser. 
(Näheres unter Phönix.) 



38 



Schon in den wenigen Versen des Cr. 2 blicken deutliche 
BC -Lesarten durch. (Wo nichts anderes beigefügt, zitiere ich 
nach der, wenn auch fehlerhaft scheinenden, Fassung B.) 



Carmen. 
X, 6—11 von den Verdammten nach 
dem Urteilsspruche: 
Flammea pro meritis instantia 

tela [768] tremiscunt. 
Angel i corripinnt jamjam[que] pro- 

hibeutqne precari [773 f.], 
Et prohibent seras [772] poeniten- 

tiae fundere voces, 
Jamque precum venia flamma veni- 

ente [768] negatiir. 
miseri; quotieus vobis diviua 

potestas 
Innotuit, quotiens majestas cognita 

veri [776«]. 
Eph. 6, 16—18. — in Omnibus sumen- 
tes scutum fidei, in quo possitis 
omnia tela nequissimi iguea extin- 
gnere : et galeam salutis assumite et 
gladium spiritus, quod est verbum 
dei, per omnem orationem et obsecra- 
tionem orantes omni tempore in spi- 
ritu et in ipso vigilantes in omni 
instantia. 

Bourauel glaubt für 756 — 82 in Ps. 
90, 1 - 6 passim die Vorlage erblicken 
zu dürfen: qui habitat in adjutorio 
altissimi . . . , nou timebit ... a sa- 
gitta, a daemonio meridiano und darin 
einen (jetzt entbehrlichen Beweis 
für die Zugehörigkeit von 779—866 
zu Cr. 2 gefunden zu haben. (Vgl. 
Bourauel, S. 114.) 



A hat X, 6: Flammas pro m. stag- 
nantia — , C iufantia. Die B-Lesart 
instantia tela ist wohl mit in gebüge 
768 übersetzt. 



Crist. 
759—72, 776", 779. 

Das Treiben der Teufel ist auf 
die Erde übertragen, nicht ohne 
Benutzung anderer gangbarer Vor- 
stellungen , die wir ja heute noch 
kennen. Vgl. Ephes. 6, 16—18 (von 
Müllenhoff für Beow. 1740 ff. an- 
gezogen). Der Wortlaut weist jedoch 
mit aller Bestimmtheit auf das Carmen. 
Die Schutzengel, 759, stellten sich 
allzu natürlich gegen die bösen 
Engel ein. 

brcegdbo^a 765 würde sich unschwer 
aus einer Stelle wie der von J. 
Bourauel, Bonner Beitr. XI, S. 123, 
als Quelle dieser Verse angesproche- 
nen erklären. 

Zu 'sagltta' ergibt die Bibelkon- 
kordauz zahlreiche Parallelstellen. Cf. 
Deut. 32, 23, 42. Dann besonders 
Pss. 7, 14 usw. Dazu: 

Ps. 10, 3. 'Ecce peccatores inten- 
deruntarcum, paraverant sagittas 
suas in pharetra, ut sagittent in 
obscuro rectos corde'. 

Jes. 4, 23, 24. 'Et erit in die illa . . . 
cum sagittis et arcu ingredien- 
tur illic: vepres enim et Spinae erunt 
in uuiversa terra'. 

Vor allem erklärt diese Carmen- 
stelle einen eigentümlichen Zug. 
Nirgends werden die Pfeile des Satans 
vergiftet genannt in diesen Belegen. 
Es kann kein Zweifel sein, dals 
' venia' oder ' veuiente' als ' venenosa' 
sei es nun in der Eile verlesen oder 
mifsverstanden wurde oder dafs die 
Vorlage 'flamma venenosa' hatte: 
die vergifteten Flammenpfeile. Die 
Lesarten bei Migne und Ilartel haben 
nichts davon. Mindestens wird man 



39 



XV, 5. Quod primum superest (sc. 
vitae), 
care vigUate salutem. 



11, 3. Si quis velit poenas aeternae 

evadere flammae 
Ignarasque die venturique inscius aevi 
Et justae potiiis adipisci praemia vitae, 
Hunc unum memiuisse deum so- 

lumque precandum, 
Qai (Aufzählung von Gottes Eigen- 
schaften) 
Saecula cnncta tenens — 
— coelo semper supereminet alto, 

12. Omuipoteus solus, cui parent omnia 

rerum, 
Pater, filius, Spiritus, qui sunt semper 
in unum, 



Qui sibi complacitum hominem 
formavit in aevum . . . 
20. Hanc manibus caram dilexit fin- 



annehmen müssen, dafs 'veneuosa' 
(ätor) durch 'venia' ('veniente') 
angeregt ist. 

766. 67 zeigen den Wortlaut eines 
Verses des ermahnenden Schlufs- 
absatzes. Vgl. 772. 

773 — 77 beruhen auf dem Beginn 
des 2. Kapitels, der gleichfalls er- 
mahnt. 
773. 74. 



■wilnian, biddan. 



gere formam (2), t 

Decoramque suam voluit inesse . 

figuram (1), l 

Spiritu vivificam afflavit vultibus i 

auram (3). j 



(X, 6. Flammea pro meritis instantia 
tela tremiscunt.) 



Hier haben wir eine klipp und 
klare B-Lesart benutzt. B II, 13 fehlt 
in A und auch anderen B-Hss., so 
bei Hartel (= V. 50) in T (ßeginens.) 
und W (Wirceburg.). Dieselbe Les- 
art findet sich Andreas 1684 — 86, 
vgl. Andr. 1717 ff. 

776^. 



777«. 

777». Die Zahlen geben die Ordnung 
im Ags. an. Später wird diese Zu- 
sammenstellung mit Änderung über- 
nommen in Gu. 810, 1140, Phon. 513. 
Näheres s. Gu. 810. Vgl. El. 889. 

779 — 82''. Vgl. oben, ondrcedan ist 
genaue Übertragung des 'tremis- 
cere'. Der ganze Gedankenkomplex 
findet sich später übernommen oder 
klingt an in Gü. 55 ff., 197 ff., 375. 76, 
775, Phon. 446ff., Beow. 1740 — 47, 



40 



XIV, 15 ff. heifst es von den Pro- 
pheten, den Verkündigern des jgst. 
Ger., dafs sie nun im Grabe lägen: 
Paulisper (deus) jnssit retiueri cubili- 

bus imis; 
Donec ille dies completo tempore 

maguus 
Adveniat, cuncti dominum cognoscite 

verum. 



VI, 37. Pauperi permistns aequali in 
agmine dives. 

VI, 36 ff. Alle sollen zum Gericht 
kommen : 

[Rasticus et miles,] posito diademate 
reges, 

Pauperi permistus aequali in 
agmine dives. 

Altus ubique tremor, precibus 
nunc ingemit orbis 

Tendentesque manus populi clamare 
mirantur. 

[A. Rusticus, Atrides posito dia- 
demate regni.] 



VI, 6. Angelica late descendunt 

agmina terris, 
Omnes nuntii dei, quibus est divina 

facultas, 
Precibus et forma virtutis Spiritus 

o m n i s. 
Igneus bis vigor est, rulilantia 

Corpora coeli, 



Andr. 1191, Jul. 382 ff., 403 ff. meist 
gegen die Eigenquellen. 

Die Angabe: Is pam düme nmh 
782 wird nicht (allein) auf dem 
Carmen beruhen, obwohl sie auch 
hier angedeutet wird. Angesehene 
Kirchenlehrer verbreiteten sie. Greg. 
Rom. in Ev. I, 1 nach Sophon. I, 14f. 
usw. (S. Einl.) Vgl. auch den ver- 
breiteten Ephraemsermo „Venite 
fratres, cönsilium a me peccatore", 
Vossius, S. 184, 2 C. (S. Cr. 1216 ff.) 
Zu 784 vgl. Cr. 1032 ff., Jul. 702f. n. 
deren Quellen; ferner Cooks Anm. 
S. 151. Zu ^ellce 783 vgl. Carmen 
VI, 37, aus der in der nächsten Lücke 
benutzten Carmenstelle. 

801b — 5 a. Offenbar rief der Ge- 
danke derLamentio in 797— 801 die 
gleichen des lat. Gedichtes herbei, 
resp. der Dichter verglich sie, denn 
von da ab folgt er diesem bis 814 
im wesentlichen: 

'ubique', ringsherum = on päm 
wongstede 802, cf. 'orbis'. 



805^ — 810«. Die künstlich in den 
Zusammenhang wegen der Anbring- 
ung der Runen (besonders wegen 
lagu) eingeflochtene Anspielung auf 
die Sintflut fehlt in dieser Quelle 
(Cf. a. Phon. 39 b ff.). Cook hat wohl, 
wie oben erörtert, den Finger auf 
den richtigen Ort der Herkunft gelegt. 
Sonst ist das Carmen Quelle. 

Zu 807 f. vgl. 'aequali in agmine 
dives' oben. 

Cf. 813. 

Der Angelsachse setzt statt der 
Feuerengel das reale Feuer: reada 



41 



Vis divina micat [C migrat], hinc 
tellas universa remngit. 



VI, 12. Hinc trepidaus terra penitus 
universa remugit. 



VI, 2. Et penitus motis virtutibus 
aeris alti . . . 



VI, Ifif. Ergo ut ad vocem mundo 

tremente divinam 
Et penitus motis virtutibus aeris alti, 
Tunc fragor insolitus et maxima mnr- 

mura coeli. 



lej = 'rutilantia corpora coeli' ; 'late 
desc' = scrlßect geond tvoruld wlde 
810; ebenso Cr. 1043. Auch in Cr. 3 
und Phon., wo die gleichen Verse 
gebraucht werden, ist nichts von 
den Feuer enge In geblieben. 
810^ — 1\\ Die persounifizierteErde 
(trepidans) wieder real aufgefafst; 
biirgstede ist Zutat. Vgl. Cr. 977. 
811b. Brond bid on tyhte könnte 
Übertragung derC-Lesart 'vis divina 
migrat' sein; aber mehr für sich hat 
der Ursprung aus der Cr. 825 — 27 
benutzten Stelle VI, 2. Die 'virtutes 
caelorum' Marc. 13, 25, Math. 24, 29 
und Luc. 21, 2r), worauf dieser Vers 
beruht, wurden von Gregor, Hom. 
in Ev. I, 1 (Migne 76, 1079A) und 
anderen allgemein als die Engel aus- 
gelegt, und diese sind ja im lat. Ge- 
dichte identisch mit dem Weltfeaer. 
Cf. Dom 58 f. 

812 — 14 basieren wieder deutlich 
auf der zu 801 if. zitierten Stelle 
VI, 36. 37; ealdgestvEon = 'dia- 
dema', „alter Schmuck", g(Ssta 
glfrast = ' Spiritus omnis' VI, 8; 
vgl. Cr. 972, wo es den Weg zum 
kenning antritt. 
82515 — 27 a eine genaue Übertragung. 



Im allgemeinen sind die Verse, 
welche die Hirnen bringen, stofflich 
dem Epilog der El. weniger ähnlich 
als denen der späteren Werke. 
Den Schlufs bildet ähnlich wie in 
der El. ein Hinweis auf die 
himmlische Heimat in dem schönen 
Bilde des den Heimathafen er- 
reichenden Schiffes.^) Dieser Ver- 



^) Ich werde an anderem Orte darauf zurückkommen. Es ist das 
Bild des Ezzo, Str. 29, MSD^ I, S. 92, II, S. 189, wo eine Ergänzung nach- 
zutragen ist: Diemer hat einen der ältesten Kirchenväter übersehen, Hippo- 



42 

gleich ist übrigens nicht nur in der 

Gregorschen Hom. 29, sondern auch 

im Carmenschiasse vorhanden, und 

Solange ihr lebt, aus letzterem scheint die Modifikation 

seid auf euer Seelenheil bedacht, der Gregorstelle entsprungen: Cook, 

XV, 6, Et facile eritque bouura de- S. 167. ' Quam vis adhuc rerum pertnr- 

flectere cursum. bationibus animus fluctuet, jam 

Post aerata suis et pressa piacula tarnen spei vestrae anchoram in ae- 

sacris ternam patriam figite, intentionem 

Postque vagae nimium quos mentis in vera luce solidate'. Vgl. 

vexare procellae, Cr. 856ff. 

Rectas adite vias, et flamina recta 
tenete. 

Das eigene Selbst des Dichters tritt nur unter der vor- 
geschriebenen Form der Sündenklagen und dadurch mit All- 
gemeingtiltigkeit für alle Menschen hervor. Man kann jedes 
„ich''^ in der Quelle vorweisen, und fast jeder Satz hat eine 
genaue Entsprechung. 



Crist, dritter Teil. 

(Jüngstes Gericht, 867 — 1693.) 

Die ältere Ansicht, begründet von Dietrich, Zs. f. d. A. 9, 
193 — 214, erblickte in den drei Teilen des Crist ein einheit- 
liches Ganze über das dreifache Kommen Christi, i) Den ersten 
Anstofs zu einer richtigeren Erfassung der vorhandenen literar- 
historischen Fragen gab Sievers in seiner Abhandlung über 
den Schwellvers im Ags., PBB.XH, S. 455f. „Sehr auffällig 
ist die Verteilung der Schwellverse im Crist. In den beiden 
ersten Abschnitten — begegnet nur ein Schwellvers 621. Der 
3. Abschnitt dagegen, den man gemeiniglich mit V. 779 be- 
ginnen lälst, ist reich an Schwellversen, die sich ziemlich 
gleiehmäfsig über den Text verteilen. Der Verfasser der beiden 
ersten Stücke steht also etwa auf dem Standpunkte der Jul., 
während der dritte Abschnitt etwa die Technik der El. zeigt, 
ja sogar noch einen etwas gröfseren Prozentsatz von Schwell- 
versen aufweist. Erwägt man ferner, dafs es zwar einen Sinn 

lytus v. Ostia, De Christo et Antichristo, Migne, Graec. 10, 773, Kap. 58 
u. 59, wo die detaillierteste Ausführung vorkommt, die ich kenne. 
') Zusammenstellung der Lit. bis 1900 bei Cook, S. XVI flf. 



43 

hat, wenn der Verfasser eines Werkes sich am Schlüsse nennt, 
wie C. in der Jiil. und EL, oder auch zu Anfang, wie C. im 
Eingange des sog. dritten Abschnittes (wenn nämlich V. 779—867 
wirklich als Eingang des dritten, und nicht als Schlufswort 
des zweiten Teiles zu betrachten sind), dals dagegen die Ein- 
schiebung des Passus wie Cr. 797 ff. in die Mitte eines Ged. 
wunderlich wäre, so wird man nicht umhin können, die beiden 
ersten Abschnitte von dem dritten mindestens zeitlich zu trennen 
und zuzugestehen, dals C, wenn er der Verfasser aller drei 
Stücke ist, dieselben als selbständige Werke, nicht als Teile 
eines Ganzen gedacht habe." 

Nach Sievers zog M. Cremer, Metr. u. sprachl. Unters, d. 
ae. Gedd. Andr., Gü., Phönix., Diss., Bonn 1888, 779—866 zum 
3. Teil, was nach den Quellen jetzt unmöglich ist. Aber auch 
wenn man den dritten Teil von 867 ab rechnet, so läfst sich 
das Sieverssche Hauptargument nicht gegen Cynewulfs Autor- 
schaft verwenden, wie es M. Trautmann, Anglia XVIII, S. 387, 
tut. Denn tatsächlich sind die Schwellverse nicht gleich- 
mälsig verteilt: 888.9, 921, 1049, 1162.3, 1208, 1304, 1359, 1377, 
1381—5, 1409, 1422—27, 1460, 1487.8, 1495.6, 1513.4, 1546, 
1561, 1665—7, 1669, 1689. 12 Verse unter diesen 36 finden 
sich also auf einem Raum von 47 Zeilen in der aufs höchste 
erregten Verdammuugsrede an die zur Linken und im ganzen 19, 
also über die Hälfte der Schwellverse in dem Gesamtverlauf 
der Rede 1379—1514, d. i. in Ve d. jgst. Gerichtes. Markanter 
kann doch wohl kaum der Gebrauch des Schwellverses für 
feierliche und erregte Rede (vgl. Sievers, a. a. 0. S. 456) doku- 
mentiert werden. Und so ist der häufige Gebrauch dieses 
Kunstmittels überhaupt durch den das fromme Gemüt aufs 
tiefste ergreifenden Stoff sehr wohl gerechtfertigt. Gibt es 
irgend eine Gelegenheit in der geistlichen Dichtung, wo Schwell- 
verse mehr am Platze gewesen wären? Und wenn die Metrik 
der El. verwandter mit Cr. 3 als Cr. 1 u. Cr. 2 scheint (Cr. 3. 
41/3 Vo5 El. IV5 *Vo Schwellverse, sonst weit weniger bei Cyne- 
wulf, vgl. Sieversa. a. 0. S. 455), so erklärt sich das vollauf 
aus der gleich zornigen Situation der Hauptstelle in El. 582 — 89. 

M. Trautmann hat dann Anglia XVIII, S. 382—8, und un- 
abhängig von ihm mit teilweise denselben Gründen (was bei 
der Verbreitung dieser kritischen Methode nichts besagt) 



u 

Blackburn, Anglia XIX, 89 — 98, die Verfasserschaft Cynewulfs 
bestritten. Zu dieser Anschauung stellte sich Brandl in ten 
Brinks Gesch. d. eng. Lit., I, 2, S. 14. In den Argumenten, welche 
die Einheit des Cr. 3 und Cr. 2 anfechten (Cr. 1 lasse ich bei- 
seite), ist Trautmann vielleicht im Recht. Der stärkste Grund 
ist die Stellung der Runen (4). Der Abschnitt, in dem sie vor- 
kommen, bildet einen regelrechten Schlufs wie in den anderen 
Werken, und die oben nachgewiesene Quelle und ihre Verarbeitung 
spricht mehr dafür, daCs C. einen Schluls hat machen wollen. Da- 
gegen liefse sich allerdings geltend machen, dals 779 — 82 einen 
Übergang zur folgenden Fitte bilden und der Schlufs nicht wie 
in El. 1237 Pus (ähnlich Andr. und Jul.) das Vorhergehende 
als fertiges Gedicht voraussetzen, und weiter, dafs auch die 
Quelle, Lam. 1, innerhalb eines weiterlaufenden Sermo (Vossius, 
S. 428) in einer vom Dichter benutzten Fassung vorkommt. Ein 
Übergang zu Cr. 3 fehlt (1) [vgl. jedoch 791 zu 867 ff. und unten], 
die hsl. Einrichtung (2 Zeilen Zwischenraum) spricht für Selbst- 
ständigkeit. Der Stil ist allerdings schwerlich sehr ver- 
schieden. Die Scheidung Trautmanns, der in Cr. 2 hauptsächlich 
Predigt und Lehre, in Cr. 3 hauptsächlich Schilderung sieht, 
ist viel zu streng; beide schildern und predigen. Black- 
burn findet II a poetical homily, III descriptive or descriptive- 
lyrical. Man könnte Dietrichs Ansicht stützen, indem man als 
Gegenstand des ganzen Christ nicht ein, wie Trautmanu richtig 
betont, völlig unbistorisches dreifaches, sondern das geläufige 
zweifache Kommen, 'secundus adventus' und 'primus adventus' 
(die beiden Parusien), ansieht. Der erste Teil ist ja am An- 
fang unvollständig, Bl. 1 — 7 des Exetercodex fehlen; also 
würde der an sich schon kürzeste 2. Teil, die Himmelfahrt 
(420 Verse, 1. Teil 439, 3. Teil 827), sehr wohl als Übergangs- 
glied zwischen zwei Hauptteilen (Cr. 1 und Cr. 3) gedacht 
werden können. Dafür sind sogar zwei starke innere Gründe 
da. Nach der Himmelfahrt, dem Abschlufs des primus adventus, 
verkündet ein Engel den Jüngern die zweite Ankunft. Cr. 523 — 6. 
(Ähnlich argumentiert Cook, S. XXV, Nr. 18.) Dazu kommt, 
dals die Hauptquelle des dritten Teiles mit diesem Hinweise be- 
ginnt, also direkt den Cr. 2 verursacht haben könnte. 

Allein da sich (abgesehen von der Benutzung des Carmen 
in Cr. 2 und Cr. 3) keine Spur der Cr. 3 -Quellen in Cr. 2 fest- 



45 

nageln läfst, so scheint die Annahme vorläufig iinfundierbar, und 
eine solche Rechnung mit dem unbekannten Anfang, dessen 
Gröfse man nicht vermuten kann (der allerdings vielleicht die 
Weihnachtserzählung, also vor dem mehr lyrischen Teil einen 
längeren berichtenden wie Cr. 3 enthalten haben könnte), wird 
durch die Stellung des Runenschlusses stark erschüttert. 

Andererseits aber ist es Trautmann und Blackburn nicht 
entfernt geglückt, die Möglichkeit von Cynewulfs Autorschaft 
beiseite zu räumen. Die angeblichen Abweichungen im Wort- 
schatze des Cr. 3 sind durchaus mit dem Stoffe gegeben : Gott 
tritt im jgst. Ger. mit einem ganz von der sonstigen Art ab- 
weichenden Charakter auf. Seine Epitheta müssen sich daher 
verschieben, und die nach Trautmann, a. a. 0. S. 385, sonst bei 
Cynewulf, d. h. in EL, Cr. 2 und Jul., nicht belegten meahta 
dryhteti 8Q7 , mce^encynin^ 91^ , 941, heofonen^la cynin^ 1008, 
tJrmeaht'i^ cytziii^ XlOi, altvalda ^od 1189, 1363, sajppend 900, 
1130, 1159, 1218, 1225, 1394, 1616 entsprechen aufs schönste 
dem zornigen, in Majestät erscheinenden Richter der Welt. Es 
kann durchaus nicht auffallen (das gegen Blackburn), dals holend, 
nervend in I 10 mal, II 4 mal, in III gar nicht vorkommt. Auf 
die Erde kommt Christus als Erlöser, zum Gericht als Herr 
und Vergelter. Auch hläford hat noch etwas vom „Brotwart", 
dem Nahrungspender, und fehlt begreiflicherweise. Zweifellos 
wird durch diese feststehende Charakterisierung Gottes (Christi) 
der Schatz der anwendbaren Epitheta verengert: I: 114; 
24 Wiederholungen; II: 117; 37 Wiederh., also 70 verschiedene 
Ep.; III: 113; 73 Wiederh., also 40 verschiedene. Aufserdem : Ein 
lyrischer Preis wie I sucht nach verschiedenen, kosenden Be- 
nennungen für den Gefeierten. Brandl, Herr. Arch. 111 (1903), 
S. 448f., der dies Argument wiederholte, hat in II 75, in III 
43 verschiedene Epitheta für Gott gezählt. 

Ebenso ist der übrige Wortschatz zu beurteilen. Denn wenn 
aulser Cr. 2 in El., Andr., Jul. für Cynewulf nur noch 3 Heiligen- 
legenden vorlägen, so wäre a priori klar, dafs ein eschatologisches 
Gedicht desselben Verfassers einen andern Wortschatz aufweisen 
müfste als diese, wo doch die gelegentlichen Erwähnungen des 
jgst. Ger. in einigen Reihen abgetan sind. (Eine Anzahl dieser 
Worte in Cr. 3 fällt durch die 200 Verse über das jgst. Ger. in 
Phon, hin, fäcentäcen usw.; desgleichen Gott -Epitheta.) Auch 



46 

Blackbiirns Argument: I hat 68 kenniugar, II 80, III 60 be- 
weist nichts. Stvä sonie, was im Cr. 3 nicht 4, sondern 6 mal: 
940, 1112, 1123, 1243 {ö])er—\ 1273 {])onne—\ 145G auftritt, ist 
bei Cynewulf sehr gut belegt: El. 1278 anä eac swä some, 
El. 653, 1066, 1207, 1284 and swä some, (dies Cr. 940, 1112, 
1123, 1456). Ponc cunnan 1091, 1212 und ])onc witan 1385, 
1473, 1497 (letztere drei übrigens durch den Satzbau als 
Schlüsse paralleler Gedankenreihen, also Aufnahmen desselben 
Gedankens gekennzeichnet) sind Ausdrücke des Vergeltens. 
Wenn sie daher hier im jgst. Ger. vorkommen, so ist damit 
noch nichts gegen Cynewulfs Verfasserschaft vorgebracht, der 
in anderen Werken keinen Grund hatte, sie anzuwenden. 

Cook in seiner Ausgabe des Crist (1900), S. XX ff., suchte 
die alte Dietrichsche Ansicht von der Einheit des Ganzen und 
damit Cynewulfs Autorschaft zu retten und Trautmann -Blackburn 
zu widerlegen. Seine Verteidigung hat mit Recht seine Re- 
zensenten nicht überzeugt. (F. Holthausen, Litbl. f. germ. u. roman. 
Philol. 1900, Sp. 370—73; G. Herzfeld, Deutsche Litztg. 1901, 
Nr. 2, S. 93 f.; F. Klaeber, Journ. of Germ. Phil. IV, 1902, Nr. 1, 
S. 101 ff.; Brandl, Herr. Arch. 111, S. 447 ff.) 

Unverständlich ist, dafs er der Stellung des Runenschlusses 
so wenig Beweiskraft zugesteht (vgl. Brandl, a. a. 0., S. 448). 
Anspielungen auf die Geburt (Cook meint zugleich auf Cr. 1) 
sieht er in 444ff, 587, 628, 720ff, 786ff und in 1418ff., auf 
das jgst. Ger. (Cook meint zugleich auf Cr. 3) in 520 ff., 782 ff. 
Aber alle Stellen sind vage und beruhen auf den Quellen, 
darum kann von Anspielungen keine Rede sein. Ebenso ist 
es mit einigen ähnlichen Zügen in Cr. 2 und Cr. 3. (Quelle 
s. später.) Die Höllenfahrt ist im Ags. doch nicht nur in 
Gen. 1076, El. 181, Rats. 56, 5 erwähnt, sondern mindestens 
noch in ihren Darstellungen: Cr. und Satan, 2. Teil, und der 
kürzeren Höllenfahrt. Wenn überhaupt das Traditionelle und 
Elementare, was sich in allen drei Abschnitten vorfindet (Er- 
wähnung d. Höllenf. 25 ff, 145 ff, 558 ff, 730 ff, 1159 ff.; 
etymologische und identische Alliteration; nü 440, 326, 512, 
850; Reim; Abstracta mit tö; Spuren von Pleonasmus; Ver- 
herrlichung der Dreieinigkeit, Ewigkeit Christi ; Parallelstellen) 
für die Einheit beweisen sollen, so kann man nur den Kopf 
schütteln. Relativ am stärksten ist wohl Cooks Punkt 4: Cr. I 



47 

nnd II schöpfen aus dem Brevier als Hanptquelle. Was sollte 
es aber beweisen, wenn in II und III beide Male Gregor und 
Beda (letzteres ist fttr Cr. 3 nicht der Fall), die beiden meist- 
gelesenen Kirchenväter Altenglands, benutzt sind, Gregor, der 
England dem Christentume gewann, Beda, die grölste kirch- 
liche Autorität der Angelsachsen überhaupt? 

Herzfeld und Klaeber lehnen Cooks Argumente ausdrücklich 
ab. Brandl bringt eigene Gründe dagegen. Er sagt S. 448: 
„Ohne weiteres sei eingeräumt, dals die Komposition des 
Ganzen lose, die Sprache durchaus das mit anglischen Resten 
durchsetzte Spätwestsächs. des Exeterbuches, die Korrektheit 
der Metrik der drei Teile ziemlich gleichförmig und eine Reihe 
Wendungen allen gemeinsam ist — letztere übrigens dem II. und 
III. Teil in weit mehr charakteristischer Weise. Hätten wir 
einen sachlichen Anhaltspunkt noch so bescheidener Art, der 
für Cynewulfischen Ursprung von I, II und III spräche, so 
würde vom formalen Standpunkte kein Einwand zu erheben 
sein." Brandl will also nur Wahrscheinlichkeitsgründe geben. 
Die Epitheta für Gott habe ich oben schon besprochen. Auch 
eine Reihe anderer Verschiedenheiten erklärt der Gegenstand: 
Das Fehlen der Anspielungen auf das Heldenleben (denn alle 
Menschen, ja sogar die Engel 1015 ff. fürchten sich vor Gottes 
schrecklichem Zorn; für Heldentum war da kein Raum!), das 
vielfache Aufzählen, welches deutlich den Zweck verfolgt, die 
Gröfse dieser Ereignisse zu veranschaulichen (Vgl. 1061 ff.), vor 
allem aber die schöne Beobachtung, dals vielfach die persön- 
lichen Fürwörter Stab und Hebung tragen (907, 1433, 1459, 
1512). Gerade beim jüngsten Gericht wird das letzte Ich und 
Du, Mein und Dein, der äulserste Wert der Persönlichkeit ge- 
wogen. Die Antithese ist im Wesen des Gerichtes begründet. 
Barnouws Resultate (s. Schlufskapitel der ersten Gruppe), der 
freilich Cr. 2 und Cr. 3 zeitlich nicht trennt, sind von den 
meisten Forsehern billigerweise rundweg abgelehnt worden. 

Die bisherige Forschung läfst also zwei Sätze zu: 1. Die 
Einheit eines Christgedichtes ist nicht exakt zu erweisen. 
2. Cr. 3 kann von Cynewulf sein. Der zweite Satz lälst sich 
durch die Quellenforschung zur Evidenz erheben. 

Für Cr. 3, der gröfstenteils aus anderen Quellen als Cr. 2 
schöpft, lälst sich zeigen: 



48 

1. dals auf weite Strecken das im Cr. 2, 769—82, 801—814 
und 825 — 27 verwertete Carmen de resurrectione mortuorum in 
einer BC-Fassung als Quelle gedient hat (wie in fast allen 
späteren Werken des Dicliters); 

2. dals schon der Verfasser, nicht erst ein Abschreiber 
den Anschlufs an Cr. 2 bewerkstelligt hat; 

3. dals Cynewulfs Lieblingsautor Ephraem S. (vgl. die 
Runenschlüsse) reichlich benutzt ist; 

4. dafs die Quelle für den Schluls des Cr. 3, Lactantius, 
De div. inst. 7, 27, im ganzen von 1549 bis 1693 reichend, in 
dem Schlufs der ersten Hälfte des hsl. folgenden Güdlac (sc. Gü. 
762 — 90) zu Ende ausgeschöpft wird; 

5. dafs in den Schlulsversen 1665 — 89 die Übertragung 
einer Predigt Ephraems beginnt, die bis Gü. 63, d, h. bis zum 
Ende der ersten Fitte fortläuft, wo dann die eigentliche Er- 
zählung anfängt; 

6. dals in Gü. 788-850 das Carmen der Fassung B [C?] 
mit A- Lesarten zu Grunde liegt, und dieselbe Nebenquelle 
wie in der gleichen Partie des Phönix und des Beowulf zur 
Ergänzung benutzt ist; 

7. dals in Cr. 3 Übernahmen aus El. stattgefunden haben; 

8. dafs spätere echte Werke die hier quellenmäfsig basierten 
Stellen benutzen. 

Damit ist Cynewulf die Verfasserschaft des Cr. 3 und 
mindestens der angezogenen Gü.- Partien unmöglich mehr ab- 
zusprechen. Der Dichter mufs Cr. 3, „Gü. A" und „Gü. B" 
selbst zusammengefügt, Cr. 3, „Gü. A" 1—63, „Gü. A" 762—790 
und „Gü. B" (dessen Einheit nicht angezweifelt ist) verfasst und, 
wenn wir, was mir sehr widersteht, an der Zuweisung von „Gü. 
A" an einen anderen Autor festhalten, den Rest des „Gü, A" 
tiberarbeitet und eingeschaltet haben. Damit fällt die Einheit 
des Crist zu Gunsten eines lose komponierten Sammelwerkes 
Cr. 2 - Cr. 3 - Gü. in sich zusammen. 

A. Cook, Mod. Lang. Notes v. Juni 1889 (wieder abgedruckt 
in der Ausgabe S. 171 — 7) glaubt die Hauptquelle des Cr. 3 
nachgewiesen zu haben. Das ist ein Irrtum. Nur 3 (4) Strophen 
(= 8 Zeilen) des als Vorlage ausgegebenen Gedichtchens sind 
wirklich benutzt. Dankenswert bleibt die Vorarbeit dieses 
Forschers darum doch, und wertvoll ist auch die Beibringung 



49 

mehrerer Nebenquellen: Für 1082 — 1127 (s. jedoch unten) ein 
gekürzter Job. Chrysostomos, Migne, Lat. 39,2051; für 1379—1498 
Ps.-Augustinu8 (Caesarius v. Arles), Hom. 249, Migne, 39, 2207 f. 
(die ich beide selbständig wiederfand); für 1247 — 59 die nicht 
ganz sichere 1): Greg., Hom. in Ev. 40, 8, Migne, 76, 1308 und 
zahlreiche Parallelstellen. 

In dem vermeintlichen Nachweis der Hauptquelle ist Cook 
einer Konstruktion erlegen, der gefährlichsten Klippe der Quellen- 
forschung. Er fand den Abecedarius über das jgst. Ger., dessen 
erste Strophe (nicht mehr! Aber eine gewisse Verbreitung ist 
wohl durch das Zitat sichergestellt, vgl. Cook, S. 172) Beda 
in De arte metrica (Migne, 90, Sp. 174) zitiert: 
Apparebit repentina dies magna domini, 
für obscura velut nocte improvisos occupans. 

Diese Strophe kann Quelle für 867 — 74 sein, obschon das Bild 
und der einzelne Ausdruck nicht so und nicht so genau, wie 
Cook es darstellt, dem Ags. entspricht: 'repentina' ist nicht 
= mid fere, höchstens in semnin^a und wäre dann als Adv. 
zu 'occupans' gezogen; der nicht seltene Ausdruck 'dies 
magna domini' korrespondiert; ebenso der zweite Vers, nur 
sorslease entspricht nicht 'improvisos'. Ich gebe zu, dals ich 
eine genauer stimmende Quelle, die alle Worte so gut ver- 
einigt böte, für diese Zeilen nicht kenne, mache aber darauf 
aufmerksam, dals sich der Inhalt dieses Satzes vielfach schon 
in der Bibel findet: Matth. 24, 43; Luk. 12, 39; Apok. 3, 3; 16, 5; 
2. Petr. 3, 10; vgl. Jes. 24, 17.18. Die verwandteste Stelle ist 
1. Thess. 5, 2—6: 'Ipsi enim diligenter scitis, quia dies domini 
sicut für in nocte. 3. Cum enim dixerint: pax et securitas: 
tunc repentinus eis superveniet interitus, sicut dolor in utero 
habenti et non effugiunt. 4. Vos autem, fratres, non estis in 
tenebris, ut vos dies illa tanquam für comprehendat. 6. Igitur 
non dormiamus' .... Dieser Beleg bietet gegen den Hymnus 
noch Ausgangspunkte für das slcepe gehundne 873. 

Es ist klar, welch breite Basis diese zahlreichen Stellen 
der kanonischen Bibel (ohne der Apokr. zu gedenken) für die 
patristische Literatur bildeten. Ich mache daher nur auf 



^) Vgl. Beda, Aliquot quaestionum über, Migne, 93, Sp. 465; Augustiu 
De civit. dei, Lib. XXI, 2 — 4 u. a. 

Studieu z. engl. Phil. X.XXi. 4 



50 

wenige näherliegende Stellen aufmerksam: Gregor, Hom. in 
Ev. I, 1 und ihre zahlreichen Bearbeitungen, Migne, 76, 1080 D. 
(s. Anh. I); Ps.-Beda, Hom. 103, Migne, 94, Sp. 304: 'Videte, ut 
semper pavidi et solliciti expectetis judicis adventum, ne nos 
imparatos inveniat, quia apostolus ait: „Dies domini tanquam 
für in nocte veniet". Vae illis, quos inveniet dormientes in 
peceatis'. Besonders aber ist einer der 6 lat. Ephraemtraktate 
zu beachten, der in Cr. 8 ausgiebig gebraucht wird, Yossius, 
S. 182, 2 A (De judicio et compunctione). ' Jam enim dies illa 
horrenda atque terribilis (= mid fere, fehlt Abeced.) nos 
occupat, fratres dilectissimi; dum nos interim soluti cura 
(= sor^lease, fehlt Abeced.) vagamur animo, nolentes brevi- 
tatem temporis vitae nostrae intellegere et sedulo curare, ut 
deum nobis propitium reddamus. Eece enim dies nostri et anni 
et menses instar somnii (cf. sWpe gehundne, fehlt Abeced.) et 
umbrae pomeridianae praetereunt, ut subito (= semnin^a besser 
als 'repentina dies') tremendus ac magnus domini adventus 
acceleret'. 

Statt der hier vorhandenen drei Ausdrücke weist der 
Abeced. die Vergleichung 'für obscura velut nocte' auf, ein 
sehr häufiges Bild. (Vgl. a. Ephraem, Vossius, S. 186, 2 E. 
'Sicut enim für in nocte et ut laqueus, sie dies illa superveniet'). 
Trotzdem dürfen wir gereehterweise die Möglichkeit einer Ent- 
lehnung zugeben, besonders da der künstlerisch interessierte 
Dichter des Cr. 3, der gute theologische Kenntnisse besafs, wohl 
Bedas De arte metrica mit dem Zitat der ersten Strophe und 
vermutlich einige weitere Strophen gekannt hat. 
Die B -Strophe ist im Ags. ohne Entsprechung: 
Brevis totns tum parebit prisci hixus saeculi, 
totum simul cum clarebit praeterisse saeculum. 

Wäre das Gedichtchen wirklich Hauptquelle, so wäre dies 

höchst auffallend. 

Clangor tubae per quaternas terrae piagas concinens 
vivos una mortuosque Christo ciet obviam. 

Die erste Zeile kann entsprechen: 'Clangor tubae concinens' 
= hyman on hreJitme 881 , singaS ond swinsia]) 884. Diesen 
Ausdrücken kann ich nichts Genaueres an die Seite stellen. 

De caelesti judex arce majestate fulgidus, 
claris angelorum choris comitatus aderit 



51 

entspricht in keinem sicheren Punkte 899 — 909, wie Cook 
meint. Dals Christus in Majestät und in verklärter Gestalt 
wiederkehrt, bringt jede Darstellung. Wohl aber entsprechen 
880 enjlas celbeorhte und 927.8 der 2. Zeile. 

Erubescet orbis lunae, sol et obscurabitur, 
stellae cadent pallescentes, mundi tremet ambitus 

ist ganz abweichend. Hier folgt der Wortlaut des ags. Gedichtes 
zweifellos dem tausendfach zitierten Verse der Apokalypse 6, 12 
in dem häufigen lat. Ausdruck: 'sol convertetur in tene- 
bras' = 934 ponne weor])ed^ sunne sweart ^ewended\ 'et luna 
in sanguinem' ist auf die Sonne übertragen, da das bei Ps.- 
Johannes (s. unten) für den Mond gegebene, sehr seltene Motiv 
des Fallens das blofse Verwandeln erdrückte; von einem Er- 
bleichen der Sterne findet sich im Ags. auch nichts, während das 
vorkommende Fallen (und ebenso das Erdbeben) sehr häufig ist. 

Von allem, was nun noch kommt, ist nur eine Zeile 
ähnlich: 'Flamma caelos, terras et profundi fluctus ponti 
de voraus', Cr. 966 — 8. Aber diese Zusammenstellung findet 
sich öfters: Ephraem S., Vossius, S. 480, 1 B: 'Ignis enim ille 
comburet montes et colles {heor^as) ac maria et universa deus 
per ignem judicabit' u. ähnl. S. 172, 2 B und sonst. Vgl. ferner 
die bekannte Augustinische Übersetzung des Akrostichons Oraeul. 
Sibyll., Buch 8: "Irjoovq Xgiöroq vloq ocot9jq: „Judicii Signum 
tellus sudore madescet" (De civit. dei XVIII, 23; vgl. Anh. I). 
'Exuret terras ignis pontumque polumque'; 7. Blicklinghom,, 
7. Tag. 

Nun soll ja nach Cook der Abeeed. nicht mehr hergegeben 
haben als die Leitmotive. Was man nun von solchen 
verlangen muls, ist, 1. dafs sie charakteristisch sind und 
hervorstechen, 2. dals der Gang der Erzählung im Ags. ent- 
spricht, 3. dals die ausführliche Darstellung des Germanen 
(827 Verse) einigermafsen vollständig den kurzen Abeeed. 
(50 Zeilen) einschliefst. Wir finden aber, dals Cr. 3 nur mit 
der Strophenauswahl A, C, D, E, F, G, H, I, K, M, N, 0, Q, R, S, 
T, U, X, und bis auf die oben erörterten 3 oder 4 Überein- 
stimmungen höchst vage Berührungen zeigt. Es fehlen B, L, 
P, Y, Z. Besonders auffällig wäre dabei, dals die LP- Strophen, 
die Gegenreden der Seligen und der Verdammten: „Herr, wann 
haben wir dich hungrig gesehen und haben dich (nicht) 

4* 



52 

gespeist" usw. (Matth. 25, 37flF.) in der so ausführlichen Dar- 
stellung fehlen (Hei. und Otfrid haben sie). Sie sind deshalb 
nicht im Cr. vorhanden, weil die wirkliche Hauptquelle sie 
nicht hatte. Cook sagt selbst (S. 172) mit Daniel, dafs der 
Hymnus fast ganz aas der Bibel stamme, also von charakte- 
ristischen Zügen in ihm kann nicht die Rede sein. Cr. besitzt 
solche reichlich. Dann aber entspricht auch die Reihenfolge 
der Motive, die ja meist ähnlich ist, im Ags. nicht so streng, 
dals man von Leitmotiven sprechen könnte: Es würden folgen 
A, C, D, E2^ Fl, E1.2'' (stofflich vollkommen abweichend), F2, 
G, dann die eigentliche Gerichtsszene mit den Urteilen. Wenn 
man weiter sieht, dals dieses kurze Gedicht, welches nichts 
Charakteristisches und 3 (4) Übereinstimmungen nur in den 
Versen 867 — 970 bietet, lange Lücken lassen würde (968 bis 
1007, 1014—1127, 1231 — 1344 usw.), so mufs man doch 
fragen: Ja, woher hat denn der Dichter das andere und 
Charakteristische? Ich zweifle nicht, dals der Poet diese 
3 (4) Strophen, die er vielleicht gerade im Gedächtnis hatte, 
verwertete. Indessen von einer Benutzung als Hauptquelle, 
wie Cook sie ansetzte, kann keine Rede sein. 

In Wirklichkeit rühren die meisten Eigentümlichkeiten 
dieses Gedichtes aus einer anderen Vorlage her. Beiher 
sind mehrere Nebenquellen ausführlich verwertet. Die Füh- 
rung im ganzen übernimmt jedoch die Homilie des Pseudo- 
Chrysostomos bei Migne, Patr. Graec. 61, 775 ff., von welcher 
das Hamburger jgst. Ger,, Hoffmann, Fundgr. 2, S. 135 ff. eine 
poetische Übertragung ist. (Anhang III.) Einige schöne, 
seltene Züge rühren aus der Ps.- Johannesapokalypse oder 
einer Verwandten her. Originale lat. Texte sind mir für beide 
bisher nicht bekannt. Aulser den schon von Dietrich (Gregor, 
Hom. in Ev. I, 10) und Cook nachgewieseneu sind als Neben- 
quellen verwendet : 1. vielleicht die Apokalypse, K. 14 , 2, das 
Carmen de resurrectione mortuorum, 3. sehr stark Ephraems 
Predigten, 4. das 4. Buch Esra, welches in England besonders 
beliebt gewesen zu sein scheint (s. Gruppe 3 und Anhang I), 
5. für den Schluls des Cr. 3, fortgesetzt in Gü. 762 das letzte 
Kapitel der Divinae institutiones des Laetanz. 

Von anderen, vermutlichen Nebenquellen waren nur 
Spuren aus späteren Predigten zu ermitteln. Trotzdem hoffe 



53 

ich ein einigerraalsen richtiges Bild der Quellenverhältnisse 
zu geben. 

Ps.-Chrysostomos, Migne, Graec. Auffallend ist gleich der Anfang 
61, 775 ff. des Ps. -Chrys. Unter den vielen 

Elq xijv öfvTfQav itaQovolav xov Homilien über das jgst. Ger. ist 
xvQiov 7)fiiov 'h]aoC Xqiozov ml sonst keine zu finden, welche von 
718qI ikstj/jtoavvtjq. dem überflüssigen Ballast des Him- 

melfahrtzltates ausging. 

Mira T?]v dv<xX7jxpiv xov xvqLov Der 2. Teil des Cr. folgt in der 

Tjixöiv Itjoov Xqiozov elg rovg ovqu- Himmelfahrtsszene mehr der Bibel 
vovq xal xojv [A.aQ^rix(5v dx£VLt,6vxct}v (V. 510 — 26), nicht dem hier ge- 
dq xov ovQavov, löov axpd^rj avxolq gebenen kürzeren Wortlaut. Es 
ayyeXoq xvqLov Xeywv „TL eox^- läfst sich also nicht sicher schliefsen, 
xaxe ifißXinovxeq elq xov ovqüvSv ; dafs die Himmelfahrt (440 — 866) 
ovxog 6 iTjGovq 6 dvaXrj(p&elq dtp überhaupt erst auf Anregung der 
vyLüiv eiq xov ovQavov avxoq ndXiv Quelle des 'secundus adventus' 
e?.£vaexai elq xov xSnov xovxov, . entstanden sei. Dann würde das 
ov XQonov h&eäoao&e avxbv tcoqev- Cristgedicht in der Tat die zwei 
ofxevov elq xov ovQavov.^^ Kai Parusien Christi behandeln. (Man 
SevQo, dycmrjxol, dnayyeXöj vfüv kann das nur glauben.) Einen 
bnoia eaxaL rj naQovaia avxov tj Mindestschlufs aber fordert die 
öevxeQu, tj (poße^d xal (pQixxr/, /) Quelle, dafs nicht erst ein Schrei- 
eXsyxovoa rcäaav nvoj']v. ber des Cod. Exon. oder seiner 

Vorlage das jgst. Ger. an die Himmelfahrt angeschlossen hat; 
der Dichter des Cr. 3 selbst, dem allein die Quelle die Ver- 
anlassung zur Anknüpfung an Cr. 2 gewähren konnte (einem 
Schreiber stand sie gewils nicht mehr zur Verfügung), muls 
das jüngste Gericht (Cr. 3) an Cr. 2 angesetzt haben. Es sei 
ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dafs diese auf Grund 
der Quelle des 3. Teiles vorgenommene Verknüpfung Cr, 2 - Cr 3 
nicht unbedingt für Identität beider Verfasser beweist, obwohl 
sie sehr dafür spricht. Eins freilich ergibt sich zwingend: 
Cr. 2 gebührt die Priorität. Wir können in diesem Anschluls 
jedoch mit Gewilsheit nicht mehr erblicken als ein Beispiel 
für ags. Kompositionsweise, sorglose Aneinanderreihung mehrerer 
stoiflich z. T. durch Mittelglieder verbundener Gedichte. 

Mit den Attributen des letzten Satzes hebt die Quellen- 
benutzung deutlich an, Cr. 867. 

868 — 74 fehlt bei Ps.- Chrys., Cooks Abecedarius hat 
also offenbar zur Ergänzung gedient. Daneben die in diesem 
nicht gebotenen Ausdrücke des unten stark benutzten lat. 
Ephraemtraktates (s. S. 49 f.). 



54 



nQWTov xo atjuelov rov viov xov 
avd-Qcönov , e^p' (p eaxavQcoaav 
avxov 'lovSatoi, ßaoxa'C,6ßBvov vno 
ayiwv ayyelwv xal Xa/xnovxa wq 
aoxgamjv xal sjXTtQoa&ev avxov 
oaXnL'Qiov Mixccijk 6 d^x^YY^^og . . . 



Apok. 14, 1. Et vidi: et ecce 
agnus stabat supra montem Sion et 
cum eo centum quadraginta quatuor 
milia habentes nomen ejus et 
nomen patris ejus scriptum in fron- 
tibus suis. 

2. Et audivi vocem de coelo tan- 
quam vocem aquarum multarum et 
tanquam vocem tonitrui magni, et 
vocem, quam audivi, sicut citharoe- 
darum citharizantium in citharis 
suis. 



Ps.-Chrys. x. e. d. a. MixaijX 6 
dQxäyyeXoq xal i^vnvlt.iov xovg 
xexotfxrißevovq dno Ä6dfi ^(og zfjg 
avvxeXelag xov atüjvog. Kai dva- 
axf'joovxat oi vexgol, wg i^ vnvov, 
ix xcüv fivrj/xeltvv cog elnsv 6 drcö- 
OToXog IlavXog, oxi „SaXniasi, xal 
Ol vexQol iv Xqioxw dvaaxijoovxai 
^<p&aQX0L iv dx6fx(p, iv Qin^ o- 



875 — 7 ff. spiegeln aufs schönste 
die Arbeit aus der Quelle wieder; 
der Dichter setzte zur Schilderung 
der erscheinenden Engelscharen an, 
sah aber, da er eine geordnetere 
Chronologie anstrebt, das sfxnQoa- 
d-ev avxov und geht, ohne die Er- 
scheinung des Kreuzes zu bringen, 
das nach anderer Quelle (ähnl. schon 
hier) dem Himmelskönig als Reichs- 
zeichen vorangetragen wird, auf das 
im folgenden Satz gegebene Motiv 
über. 

Für den Ort des Gerichts sieht 
er gegen die sonstige Tradition 
(Tal Josaphat) nach der später 
folgenden Stelle (S. 775 u.) : xaxBQ- 
X^tai slg "^leQOvaakrjix inovQÜviog 
xal 2i(ov dxaxäXrjnxog, vielleicht 
auch unter Benutzung von Apo- 
kal. 14, 1. 2 den Berg Sion an (vgl. 
899 u. 1007), der ja neben Josaphat 
aufsteigt. 877 1^ scheint besonders 
auf die Apok. zurückznw^ eisen. Vgl. 
jedoch auch Jes. 24, 23. 



878 — 92». Panne at&tt £fi7iQoad-sv 
avxov zeigt das Streben nach chrono- 
logischer Ordnung. Diese Partikel 
ist in allen eschatologischen Dar- 
stellungen häufig, besonders aber 
durch das Vorbild Ephraems ge- 
geben (s. Musp.). Nach der aus- 
gebildeteren Tradition ist die An- 
kunft der Engelscharen vor dem 
Blasen der Posaune nicht zu recht- 
fertigen. 



55 



Kai ovXks^ovatv oi ayyeXoi rovg 
av&Qcinovg ex rdSv zeoaaQcjv ne^d- 
Z(ov TTJq oixov/nErrjg, ev xy xoiXdöi 
Tov xXavd-uwvoq. 



Vossius, S. 380, 1 D. angeli con- 
gregantes electos ex quatuor ventis 
a summis caelis usque ad extremi- 
tatern eorum. 



(Vossins, S. 118, 2 DE. Novi, 
beuignissime deiis, quod ab oricute 
et occidente, ab aquilone et austro 
omnes gentes et aniversa natura 
humana coram tremendo tuo tribu- 
nali adsisteut.) 

Vossius, S. 53«, 2 D (=179, 2 A). 
Cum adspexerimus omnem humanam 
naturam ac spiritum in ictu oculi 
resnrgentem quemlibet ex loco 
suo congregarique a finibus orbis 
terrarum ad Judicium. 



Daneben ist wolil der Abced. ge- 
braucht, zu 'concinens' (Abeced.) vgl. 
Apok. 14, 2; 'vivos' ist im Ags. 
niclit zu finden, Cr. 3 folgt also dem 
Wortlaut von Ps.-Chrys. . 881 ^ S'ia 
entspricht dem Anfang des folgen- 
den Satzes: Seio&roszai dh rj 
xoiXdg ixelvfj] vgl. Ps.- Johannes 
§9, Tischendorf, S. 77, xal dno 
zrjg (pcDvfjg ixsivr/g zfjg oäkniyyog 
aaksvzijaszai näaa ri yij. Genau 
genommen ist in der Quelle das 
Tal Josaphat deutlich als Gerichts- 
stätte gedacht. Unwissenheit mag 
ich nicht voraussetzen. Offenbar 
hat es der Dichter zugunsten des 
Berges Zion vernachlässigt, weil er 
sich aus begreiflicher Absicht gegen- 
über neugierigen Zweiflern oder 
wegen der ihm selbst widersprechend 
scheinenden Doppelangabe Siwv 
und xoiXdg zov xXavQ-fzcüvog auf 
eine nähere Ortsangabe nicht ein- 
lassen wollte. 

Zu wid tungla gong 883 vgl. 
Ephraem Syr., Sermo paraeneticus 
de secundo adv. domini: „Resipi- 
scamus ac poeniteutiam agamus, 
fratres," Vossius, S. 37S ff. (er 
scheint mehrfach in Cr. 3 benutzt); 
884 b ff., die Aufzählung der 4 Him- 
melsrichtungen in diesem Zusam- 
menhang ist häufig, vgl. Ephraems 
Traktat (einer der 6) De compuuc- 
tione et salute animae, „Veuite, 
fratres . . ." Vossius, S. 118, 2 DE, 
wo der übrige Wortlaut gut stimmt. 

887b. Sa. Vgl. Ephraem Syrus, 
De cruce, „Omnis celebritas domini 
nostri J. Cb., salus et rederaptio et 
gloria nostra fidelium est", Vossins, 
S. 537 ff. (2. Hälfte auch getrennt: 
„Audistis, carissimi Christoque dil. 



56 



Ps.-Johannes§ 13, Tischend., S.81. 
afia avv avxoic, ccQTtayrjaöfie&a iv 
v8(pl:?Miq flg dnävitjOLV rov xvqLov 
dg asQa . xal röre i^£k&^ näv 
Ttvevßa TiovtjQov, zd iv ry yy, 
xa iv t(j dßvooa), onov iccv siaiv 
(= 897 '^) inl TtQoaojTiov Ttäarjq 
ZTJq yijg ano dvaxoXwv i]?.iov 
f/.iXQ'^ ^vojxüiv, xcd xoXXtj &}'j o ov- 
rai (cf. gemengde beod) tcqoc xöv 
v7t7]^exov/jievov naQcc xov SiaßöXov, 
ijxoL xov dvxixQiaxov , xal d^&j]- 
aovxai inl xwv vs(p£X(üv. Dazu 
§ 11. In der Auferstehung werden 
alle eines Aussehens sein, ovx 
saxiv ovxe ^avd-og o'vze nvQQog 
ovxs fiElag, dkV ovxe ai&loip rj 
SidipoQa TtQoacDTta . . . 



frat., quanta vis sit crucis", Vossius, 
S. 179 f.). 

892^ — 98. Der geläufige Begriff 
von foretäcen, Vorzeichen, scheint 
hier nicht vorzuliegen, denn diese 
gehen dem Gericht voraus, und hier 
ist das Kommen zum Gericht selbst 
gemeint. Vielleicht bat auch der 
Verfasser unter dem Gericht die 
eigentliche Verhandlung, resp. das 
Urteil verstanden. Die Quelle setzt 
ausser Zweifel, was gemeint ist. 



Wenn tiovt^qÖv in der Hs. des 
Dichters fehlte, so war der Sinn mit 
Cr. kongruent. (Es könnte auch 
übersehen sein.) Ein Zusammen- 
hang ist jedenfalls unableugbar, der 
Ausdruck entspricht wörtlich. Vgl. 
4. Esral5, 29ff. 



Mit 899 läuft die Hauptquelle 
weiter. Aus der Beschreibung der 
Naturereignisse nimmt der Dichter, 
wieder aus einem Bedürfnis nach 
klarer Aufeinanderfolge der Ereig- 
nisse, die Ankunft Christi voraus. 
Die Übertragung ist ziemlich genau. 



Ps.-Chrys., 775 unten, xal dvoL- 
yovxtti Ol ovQavol, xal i6ov 6 viog 
xov &£ov eQxöf^^^og inl veipeXmv 
xov ovQavov fiExd övvdfxscog xal 
Sö^rjg noXXrfg xazEQX^''^^'- ^'? '^^" 
QOvoaXrjix inovQaviog xal Siwv 
axaxdXrinxog • xal xl&svzai öiööexa 
&q6voi xwv öcödexa dnoozoXojv 
xal fia&7]Z(5v avzov ' xal tdov 
avzog cog aazQani] (palvovaa dnb 

avazo?.(5v ^ex(n övaßüiv. 'Oriens', dvazoXai, wird von 

England aus etwas mechanisch als Südosten wiedergegeben; 
einen anderen Grund, etwa aus der Tradition, scheint es für 
die Änderung nicht zu geben; vgl. 906 richtig easian. Zu 
wlite vgl. 'facies Christi ab Oriente' 4. Esra 15, 28. 



57 



Für 907 — 920 bieten die vornehmlich verwendeten Quellen 
nichts. Vermutlich hat die in diesem Zusammenhange reich- 
lich belegte, stereotype Wendung vorgeschwebt: 'mitis et 
blandis justis, terribilis et iracundus peccatoribus' oder ähn- 
lich (vgl. Migne, Indices 220, De secundo adventu, 296 ff.), viel- 
leicht für 909 der Schlufs des Ps.-Chrysosi, wo hervorgehoben 
wird, dals Gott sich des Armen gegen den Reichen stets an- 
nimmt, so auch bes. beim Gerichte (vgl. den Text im Anh. III). 



Ps.-Chrys., 775, vorletzter Satz: 
Kai fn'j zig vofxioTj wq ev ixozäaei 
sivat X)]v xqLolv ixeivrjv. üoXXovq 
yccQ oiöa Xiyovxaq, oxi wotisq sv 
vTtvü) ziq vnÜQ'icDV xoXaQevai, 
ovz(üq eazai xal tj XQiaiq exsivTj. 
Mt] TiXaväo&e , w avQ-Qwrtoi, . . . ., 
f'AA' afjia naQlazavzau (sc. Leib 
und Seele) tw (poßeQ(ö xqiztjqio) 
exsivcp .... Vossius, S. 380, 1 B. 
Quis non reformidet diem illam? 
Quis boram illam non pertimescat? 
Hie crebro, si clarius tonitraum 
resonet, non sufferimus: at ciincti 
in terram prae liorrore inclinamur 
atque deprimiraur. Quis igitur 
tunc perferet, quando signa 
illa admirabilia et obstupes- 
cenda contuebitur? quando 
virtutes caelorum commo- 
veri adspicies, 



quando elementa 
dissolvi videbis, quando cernes 
caelum ut libram convolvi (unten: 
caelos discindi), solem obscurari, 
lunam in sanguinem commutari, 
astra ex coelo decidentia sicut folia 
e ficu, terraiu comburi et, quae- 
cumque in ea sunt, opera. 



921 — 24 a scheint durch eine spä- 
tere Stelle angeregt, die Ausführung 
von 921 — 957 im ganzen auf Ephr. 
S., De sec. adv. domini (vgl. V. S83) 
zu beruhen. 



In den Ausgaben hätte ne in 925 
egsan [ne] weorped, das aus der 
vorhergehenden Zeile heruntergera- 
ten ist (öwiht ne ondrceded), längst 
getilgt sein sollen. Denn alle, sogar 
die Engel, fürchten sich (Cr. 101 5 ff.). 
924 b — 26, vgl. dxazäXrjnxoq zu 
905. 'virt. cael.', die Engel, vgl. 
Cr. 811 ^ Hier wird dann 927 — 28 
nach dem Abeced. eingeflochten 
(s. S. 51). hergas häligra sind 'exer- 
citus sanctorura' etc., die bei 
Ephr. in jeder Predigt, wo d. jgst. 
Ger. erwähnt wird, und das sind 
viele, genannt werden, (vgl. Vossius, 
182, 2E; 180, IE. 'sancti rapientur 
obviam Christo [cum gloria in 
nubibus]', sehr oft auch sonst vor- 
kommend, usw.) 
931—40. 

Vgl. oben. Natürlich braucht der 
verbreitete Wortlaut ' convertetur in 
tenebras' nicht gerade in dieser Vor- 
lage gestanden zu haben, obwohl 
das möglich ist, vgl. Ps.-HippoL, 
Eing. zu Musp. unten. 



58 



Ps.-Joh. §19 (S. 86). Normale 
Lesart: xal ozav avol§y ttjv öev- 
TfiQav OifQayylSa, XQvßriaexai rj 
Geklärt] }(ai ovx eatcci ev avrjj (pcöq 
[C xal ovxsri sorai asXrjVi]]. Dies 
hat auch F. Jedoch statt des 
4. Siegels: Xv&i]Oovzat oi ovquvoI 
xal earat 6 drjQ dxazaoxevaoroq, 
was auf die 3. Stelle verschoben 
wird, hat F : TteoHxai t] oeXt'jvrj and 
rov ovQavov , dafür ist in F das 
3. Siegel, Verdunkelung der Sonne, 
ausgelassen. 



Zu 9381^ m'öna niper gelireosed, 
„der Mond fällt nieder" : Nirgends ist 
diese höchst auffallende Verwechse- 
lung mit dem Schicksal der Sterne 
in den Tausenden von Zitaten dieser 
Stelle, Apok. 6, 12 (woher wohl auch 
eine Lesart über das Erdbeben vor- 
handen gewesen sein könnte) zu 
finden bis auf Cod. F der Ps.- 
Johannes- Apokalypse. Will man 
nicht, wie in Musp. 54 unten ge- 
schieht, für den Ephraemsermo 
die gleiche Lesart annehmen wie 
in Cod. F , so wird man , was ich 
bei diesem belesenen Dichter für ge- 
boten halte, die Entlehnung dieses 
Zuges aus Ps.-Joh., resp. einem ver- 
wandten Stücke, zugeben. Gewählt 
wurde das Fallen vermutlich, weil 
es eindrucksvoller schien als das 
Verwandeln in Blut. 



Der Vergleich mit den unbekannten Feigenblättern wird 
durch eine den Angelsachsen begreiflichere reale Erklärung 
940 ersetzt. Wir bemerkten dieselbe Tendenz zu realen Vor- 
stellungen schon Cr. 811. (Vgl. Phon. 501 ff.) 

Ephraem, Vossius, S. 380, IC, 941 — 57. 
fährt fort: Quando tubam ex caelo 
horribilem resonantem et eos, qui a 
saeculo obdormierunt, excitantem 
audieris, quando caelos discindi 
(932 b) et deum magno cum furore 
super peccatores revelari contem- 
platus fueris, quando angelos emissos 
et circumcursantes congregantesque 
electos ex quatnor ventis a summis 
caelis usque ad extremitatem eorum 
conspexeris, quando thronum horri- 
bilem paratum justumque judicem 
sedentem contuitus eris, quando 
omnem humanam naturam coram 
ipso, magno timore atque tremore 
congregatam videris. Kurz darauf 
zu 942 a; 380, IE. Tunc reges 
plorabunt et principes magna hie 
factitantes . . . 



949 ff. seofon hcalfa scheint aus 
den 7 Posaunen der Apokalypse 
oder deren Nachahmung in Ps.- 
Johannes § 19 hervorgegangen zu 
sein. 

Für 949 — 52 hat vielleicht aufser- 
dem Ps.-Joh. § 15 vorgeschwebt. 
(Bändigen der 4 Winde Apok. 7, 1.) 



59 



Ps.-Joh. § 15. tÖts aTtoaxenäau} 
xa Tsaaaga f^£Qr] Tijg dvaroXrfg, 
xal i^sX&üjaiv xeaaaQsq ävsfiot 
fifyäXoi xal sxkix/iiijaovaiv näv xo 
TtQoaionov x^g yjjg änb 7isQaxo)v 
e(og tceqüxojv xrfg y^g. 
Carmen VI, 3. Tunc fragor insoli- 

tus et maxima murmura caeli 
Promovente deo, veniente judice 

mundi. 
Protinas innumeris concurrnnt ire 

ministris 
Convallantque dominum cum ma- 

jestate sua coelesti. 



Ps.-Chrys. fährt an der zn 899 ff. 
zitierten Stelle, dem Hauptfaden, fort : 
xal ix xov cpößov xal xrjg dnei- 
A^S avxov Ol ovQavol eiXlaaovxai 
wg ßißXLov. Taxe näoa tj yi] xXo- 
VTj&ijasxai, OQrj xaTtviad-j^aovxai, 
Ttoxafiol nvQog exotfioi xov 
v7io6e^aad-ai xovg d[xaQX(o- 
Xovg, axüjXrjxsg xi^riröxeg (oq ö^d- 
xorxsg öixpcövTEg xa xdiv dfiaQzcoXoiv 
dv&Qwncov aißaxa, dxaxanav- 
axwg nävxeg xoXät,ovxai. Das 
Übergehen vom Weltbrande auf die 
ewigen Feuerstrafen und Höllen- 
qualen in der Quelle wie im Cr. 
ist in der ältesten Zeit und auch 
später in der griechischen Kirche 
in der Anschauung begründet, dafs 
der reinigende Weltbrand gleich- 
zeitig Exekutionsmittel an den Sün- 
dern ist. Die Gerechten gehen ge- 
läutert daraus hervor, ihnen steht 
das ewige Leben offen, die Sünder 
bleiben darin und überwinden das 
Feuer nie, so dafs es ihnen zur 
ewigen Strafe wird. Auf gleicher 
Grundlage fufst die Lehre vom 
Fegefeuer. (Vgl. auch El., Musp.) 

Ephraem, Vossius, 380, l D. Mihi 



953 — 55 beruht wohl auf dem 
Carmen, dessen Benützung sich 
später deutlich zeigen wird. 



Vgl. 943—45. 



Der Schlufs dieses längeren 
Ephraempassus bot wieder die Über- 
leitung zur Hauptquelle, welche auch 
in purh egsan prea 945 durch- 
schimmert. 



956 — 59. 960 — 63. In der Quelle 
fehlt also vollkommen eine Teilung 
der Sünder durch das Feuer. Sie 
erklärt sich hier einfach dadurch, 
dafs Cynewulf Verfasser des Cr. 3 
ist und sie aus seinem früheren 
Werke, El. 1295 ff., im Gedächtnis 
hatte. 

960. 1. Der Ausdruck Ädämes 
cyn beruht wohl auf der schon 
878 ff. zitierten Stelle xsxot/xjjfiivovg 
dno l'lödfi, den wir auch bei 
Ephraem mehrfach finden, vgl. Vos- 
sius, 180, 2 B. = 539,2 D; 428, lA. 
Vgl. Cr. 1 026. Zum Inhalt vgl. 889 ff., 
hier liegt jedoch sicher der nächste 
Satz des Ephraempassus, Vossius, 
S. 380, l unter. 



Vgl. zu V. 991—93. 



60 



credite, fratres mei carissimi, multis 
digna est lacrymis variisque suspiriis 
dies illa — hier Einschiebung a. d. 
Abeced. (?) — , quaudo commiseran- 
dam et lugubrem horam illain 
cüntuebimur. 

Lugebit tunc omnis terra et 
mare . . . 



Vossius, S. 480, IB. Ignis velut 
fluvius currens omnia prorsus re- 
plebit. Vgl. Ps. Job. § 15. näoa 
(pägayS, nXrjQco&ijosrai. 

Vossius, S. 478, 1 E. Moütes et 
petrae et omnis arida obstupescunt 
a facie ejus, cum venerit judicare 
vivos et mortuos. Universos tunc 
tremor appreliendet, et virtutes cae- 
lorum contabescent, eo quod multa 
nimis erunt castra ejus ac fortia 
opera sermonum ejus adeo, ut etiam 
pulvis pedum ipsius comminans mari 
exsicoet illud. Veniet enim dominus 
cum indignatione ac ira et tanquam 
procella cursus ejus. , . . andient 
vero, qui in monumentis sunt, vocem 
ejus. 



Ps.-Joh. § 14. xal xaraxai^oovzai 
näv xtfjvoq xal näv tQuetov tQUov 
tnl rrjg y^g xal näv OVQOfXBVOV inl 
TiQOOüJTtov xJlq yijg xal näv nersivov 
nezöfitvov inl xov aega, xal ovxstl 
earai inl nQoawnov näarjg rrjg yijg 



964 — 70 a. Abeced. caelos, terras et 
profundi fluctus ponti devorans (s. 
S. 51). 

Der Nebensatz regte einen andern 
Gedanken in der Erinnerung an: 
Ephraem, Vossius, S. 176,2B, aus 
der Predigt De Antichristo. Der 
Passus findet sich ähnlich jedoch 
schon bei Hippolytus von Ostia, 
De Christo et Antichristo, Kap. 41. 
Vgl. Ps. Hippolytus, De cons. mundi 
(Berliner Ausg., S. 302 unten) und 
sonst. 

972 — 93 liegt ein anderer (zu 
den 6 lat. gehöriger) Ephraem- 
traktat zugrunde: „Gloria omni- 
potenti deo", Vossius, S. 478 IF. 

972 — 76 a. glfra gcest scheint aus 
Cr. 813 (hier quellenmäfsig) über- 
nommen. 

976TJ— Sa. Vgl. die 1 5 Vorzeichen, 
Ps.-Beda, 7. Tag: aedificla destru- 
entur, 8. Tag: debellabunt petrae 
adinvicem (Anh. I); allein 977 bis 
9 1 a u. a. fufst sichtlich auf dem ver- 
breiteten Ephraemsermo , und bur^- 
weallas kann auch hieraus erklärt 
werden. Vgl.a. 4. Esralö, 18. Propter 
superbiam principum civitates turba- 
buntur, domus exterentur. 

978b_8]. Die Idee, dafs das 
trockene Land dem Meere ver- 
schlossen, dem Feuer des jgst. Tages 
vorbehalten sei, scheint wiederum 
aus Cr. 805 ff., wo sie zum ersten 
Male bei Cynewulf ausführlich auf- 
taucht, entlehnt. 

981 — 87 wird auf Ps.-Joh. be- 
ruhen, ohne dafs Sicherheit gewähr- 
leistet werden könnte. Vgl. 4.Esra5, 
7; 15 Vorzeichen, Ps.-Beda, 4. Tag 
(s. Anhang I). 



61 



oaksvöfievdv xi, xal eozai tj yij 
äxivTjToq. 



Vossius, S. 478. Gl. o. deo, qui 
03 nostrum superno nuta aperuit ad 
enarrandura de terribilibns illis signis 
atque miraculis, de quibus omnes 
sancti a saeculo cecinerunt. 

Vossius, S. 480, 1 B. Tunc lamen- 
tabnntur et deplangcnt se omnes 
peccatores illudque amarissimum 
proclamabant: „Vae, vae nobis!" 
cum adspexerint claritatem sanc- 
toram . . . 

[xal dTtoxa?.v(p&t] acrai ra 
XQiTTjQia'] noxafioq nvQoq [yeßwv 
TS axcüXrjxog axoif/.tjTOv, ayysloi 
TtixQol xal aveXETjfwveg,] xal sxä- 
axov xa e^ya iteQiiaxävxa xvxka) 
iXeyXOvra xbv afiaQXcoXöv. {lAX- 
XayrjOovxaL xolvvv ol ovQavol, xal 
7] yfj xevij yeviJGsxai, xal rj Sö^a 
X(öv Ttävxojv mq axid naQSQX^^f^'^'] 
nXovxoq xal xd Ttävxa naQSQ- 
Xovxai, exXeiTtovaiv cooel xanvbg, 
[onöxs xal oi daxSQeq cog (pi?.Xa 
Ttsaovvrai i-x xov ovQavov,'\ xal . . . 
Omnis adest pavidus finis cujusqne 

colonus, 
Rusticus et miles, posito diade- 

mate reges, 
[A. Rusticus , Atrides posito diade- 

mate regni.] 
Pauperi permistus aequali in agmiiie 

dives. 
Altus ubique tremor, precibus nunc 

[A tnncj ingemit orbis, 
Tendentesque manus populi clamare 

mirantur. 



988 a. Vgl. Caesarius v. Arles, 
Migne, 39, 2210. 'montes sicut cera 
ardebunt ' ; Ps. - Hippolytus (cf. Ein- 
gang d. Musp.) ' fluvius igneus aethera 
velut ceram inflammatione dissolvet' ; 
Linzer, Entecrlst, Hoifmann, Fund- 
gruben2, S. 130, 16. da^ ivapr brinnit 
sam ein durri^ bäht. 

988 1' — 91a nimmt wohl Bezug auf 
den Eingang des Sermo: „Gloria 
omnipotenti deo". 



991 — 93 ans der späteren Stelle 
desselben Stückes. Vgl. 960 ff. 



Mit 994—1006 kommt der Dichter 
wieder anf die Hauptqnelle zurück. 
Er holt von dem vorher Über- 
gangenen (Sp. 775 Mitte) den wesent- 
lichen Inhalt nach, schon aus an- 
deren Quellen Geschöpftes läfst er 
fort. nox. TtvQ. = 994 , e^ya .... 
iXeyxovxa x. d. = 999^ f. 

995. Angeregt hierdurch kommt 
der Verfasser auf die entsprechende 
Stelle des Carmen VI, 35 — 39, die 
er in der Fassung B [C] benutzt 
haben mufs. 

996. Eine Enstehung aus Cr. 812 
eald^estreon oder Phon. 506 cehtge- 
strBon ist nicht anzunehmen, da beide 
Male die königlichen Besitzer, die hier 
auf die Quelle weisen , fehlen. Zu- 
dem benutzen 997 — 9 die nächsten 
Verse des Carmen. Das dreifache 
Vorkommen der "Wehklagen 960 ff., 
991 ff., 997 ff, erklärt sich also aus 
drei verschiedenen Quellen, die 



62 



(Ps. - Chrysost.) ovöelg ovSevl na- 
QUörrioeraL rj ßorjO^ijaerai nagä- 
zivog, ov naxrjQ viov , ov i^^tj]Q 
d-vyaze^a, ovx ddektpoq döeXtpov, 
ov (fiXoq (plXov , ov ösGTtoxTjg 6ov- 
Xov, ov öovXoq ösanöxr^v, ov TtXov- 
xoq, ovx ctQyvQoq, ov XQ^oog, ovSh 
if.iaxio/xbc 7ioXvteXt/g, ovx oixiai 
XQva6(poQOi , [aXXa yvfiva xd hQya 
sxäaxov, £ix£ xaXa eixs xaxu. 
Hierzu vgl. 1032 fif] 

4. Esra 1 6, 4. Inmissiis est vobis 
ignis; et quis est, qni exstinguat 
illum (ähnlich 16, 6 u. 9). 

4. Esra 16, 15. Ignis snccenditur 
et non exstingaetur, donec consumet 
fundamenta terrae (vgl. 4. Esra 15, 23 
und Ephraem mehrfach). 

Ps.-Joh. §15... dXX^ caxai x6 
n^öoconov xf/g yfjg ano avaxoXwv 
IjtixQi 6va^(5v (og ^ XQdnet,a xal 
Xevxov wael X'^mv xal nvQw^^r]- 
oovxai Ol veipQol xfjg yf^g. 



[T6 axöxog ixsTvo <psyyog ovx 
e/fi.] IJQoo^x^xe ovv, dösXcpol, 
XTjv rifiSQav ixtlvjjp xtjv (poßeQav 
xal (xeydXriv xal inKpavfj. Kai 
yaQ ayyE?.oi oi /jitjötv Tj/j.aQti^xöxeg 
XQSfxovoi X7]v rlixiQav ixelvTjv tco- 
xttTCog ovv xQÖfiog Xi^tpexai zovg 
ccfiaQXcoXovg iv ^xeivy xy ijfiSQa 
x^ (fOßsQä xal (pQixxfi; [2'ot5 saxat 
6 niXQog xXaviyfjLog xal 6 ßQvyfxbg 
xwv odSvxwv.] 

Carmen VI, 1 6 ff. Hie jubente deo 
facile cum voce potentis, 

Coütinuo ruptis per omnia regna 
sepulcris 

Omnis bumus latis effundit hiatibus 
ossa. 



nicht genügend ineinandergear- 
beitet sind. 

1000''. Wenn der Dichter Besitz 
als Landbesitz auffasst, so folgt er 
nur auch sonst benutzten Neben- 
quellen, 4. Esra u. Ps.-Joh. Vgl. a. 
iMusp. 57 ff. und dessen Quelle. Mög- 
lich ist auch, dafs er an Land, das 
man gegen einen Feind (984 tveal- 
lende toi^a) verteidigt, gedacht hat. 
Dann würde die verbindende Grund- 
lage in der Hauptquelle der Gedanke 
sein: ovödg . . . ßoij&rjoexai. 

1001. 



1002 — 6. 



In 1007 ff. läuft die Hauptquelle 
mit dem 956 ff. verlassenen fuhren- 
den Strom ziemlich stetig weiter. 

1007 — 1026. Schon Erwähntes 
und einiges, was besser in den spä- 
teren Zusammenhang pafst, übergeht 
der Dichter oder fafst kurz zu- 
sammen. Zu hälig scined 1009 vgl. 
Abebed. 'majestate fulgidus', 1219, 
1334 und deren Quelle; purh prym 
prmd 1023 vgl. 946; of foldgrafum 
1025, sx xcüv fAVTjfielwv, vgl. 878 ff. 
Auf das Carmen geht der direkte 
Aufersteliungsbefehl Gottes zurück; 
zu of foldgrafum 1025 vgl, a.VI, 17. 



63 



Kai f^i] rig vofxla^ tuq iv exarä- 
asL flvai xriv xQiatv exehijv. TloX- 
Xovq yag olSa ksyovrac, ozi wansQ 
ev v7tv(p Tig vTcaQx^^ xoXä^sTat, 
ovTwg Sarai xal fj xqLolq ixelpTj. 
M>] nXaväaO^e, w av&Qcoitoi ■ b yaQ 
iv vTCV(p xoXat,6^svoQ (pavrät,eTai 
ßövov, rb 6e owfia xal rj tpvyj] inl 
zfjq x?.lvrjq uvanaverai' enl dh 
Ti'jQ ^fi^Qaq ix£lv7]q ovx sariv ano- 
'j^ojQiad-Jjvai zb acüfxa z^q ^^Z^?j 
«AA' afia naQiazaviai zw (poßsQw 
xQizTjQic^ ixeho) . . . Vgl. dazu 
V. 1072 und dessen Quelle. Zum 
Wortlaut V. 1036^ — 38 vgl. Ephraem 
S. , „Venite, universi fratres, con- 
silium a me peccatore", Vossius, 
S. 182, 2. (Lat. Trakt. S. a. unten.) 
1S2, 2C. Mihi cor trerauit..., dum 
cogito de actuum omnium mani- 
festatione cogitationumque ac ser- 
monum exacta discnasione, quae 
ibi fiet. 



V, !0f. Cum sint cuncta dei, red- 
dent (SG. alle Stätten) inagis 
omnia, tellus 

Jussa revocabit, quidquid contexerat 
ulim. 
Dazu VI, 16. Continuo ruptis per 
omnia regna sepulcris vgl. 1027fF. 

VI, 10 (von den Feuerengeln). 
Igneus bis vigor est, rutilantia Cor- 
pora caeli. 

VI, 15. Astra mirata pavent subitae 
virtutis ab alto. 



VI, 7. Angelica late descendunt 
agmina terris. 



1027 — 38 bringen den nücbsten 
Satz in etwas freierer Form. 

1027 — 32 a lehnen sich an das 
Carmen VI, 20 ff. an: 
Haerent membra comis, nectnntur 

ossa medullis . . . 
23. Dimissaeque cavis animae red- 

duntur apertis, 
Organaque sua repetunt surgentia 

quaeque. 
Pro mirauda fides ! Hinc ouinis pul- 

Inlat aetas (Aufzählung) 
29. Defunctique senes animis 
viventibus astant. 

10321^ — 35» u. 1036bff. vgl. S.62, 
Z. 11. aXXä yvfivd za £Qya txäozov, 
eiTS xaXd eizs xaxä. Über das 
Verhältnis von Körper und Seele ist 
bekanntlich in der älteren Kirche 
viel tbeoretisiert worden. 

1039 — 45 beruhen ganz auf dem 
Carmen, und zwar deutlich auf BC. 
Auch hier erklärt sich die Ideen- 
wiederholung durch Benutzung einer 
zweiten Quelle. 

1039. 40 a gibt den Inhalt des 
Abschnittes V wieder, die Erneuerung 
der Menschheit, die hier mit dem 
Saatkorn verglichen wird (dazu s. 
Phon. 242 ff.). 

1040'' — 42». Die Todesbanden 
sind geläufige Formel (mortis vincula). 



1042^ Vgl. Musp. 53, D5m55f., 
Hatton 116, 1. Tag. 

1043». Dasselbe war 933, 939 aus 
anderen Quellen, die schon dort 
durcheinander zu fliefsen scheinen, 
entnommen. 

1043b. 44a. Eine deutliche B[C]- 
Lesart ist benutzt. 



64 



C. . . . latae descendens . . . 

A. Angelica in terras descendent 

agmina coelo. 
VI, 23. Dimissaeqne cavis aniinae 

redduntur apertis. 
Ps.-Chrys. . . . x^iz?jqi<^ txeivo), 

OTtOV ol ßlßkoi rwV UQÜ^tCOV 

dve^yßhai dolv . . . Hierzu ist die 
spätere Stelle würtlicli übertragen: 
xal txaovov rd SQya (pavsQa yl- 
vovzai. 



4. EsralC, 67. Quid facietis, aut 
quomodo abscondetis peccata vestra 
coram deo et angelis ejus? 

16, 55, Ecce dominus cognoscet 
omuia opera liominum et adinven- 
tiones illorum et cogitationes illo- 
rum et corda illorum. 

16, 64. ... peccantes et volentes 
occultare peccata vestra. 

16, 74. Tunc parebit probatio 
electorum meorum nt aurum, quod 
probatur ab igne. 



1044^ 5 a. 

Mit 104513 wird der Faden der 
Hauptquelle weiter gesponnen, der 
Gedanke aber nach anderer Quelle 
in einer höchst charakteristischen 
Weise ausgeführt. Mir scheint eine 
Absicht vorzuliegen. Zwei Gründe 
können mafsgebend gewesen sein : 

1. Gott ist nach den hohen Be- 
griffen der Angelsachsen allwissend ; 
dies verbot, dafs man ihm den Ge- 
brauch von Büchern zuschrieb; 

2. das ags. Gerichtsverfahren war 
mündlich ; das schriftliche wäre dem 
Publikum unverständlich gewesen. 
Ersteres ziehe ich vor, denn wir 
finden sonst fast nirgends Einflüsse 
weltlicher Gerichtsszenen. Vgl. 
Musp. Die Ausführung fufst auf 
dem Schlüsse des 4. Esra, der auch 
wesentlich (wie die meisten theo- 
logischen Werke) ermahnend aus- 
klingt. 

1047. 48. 



1049 — 56a. Vgl. 1036 ff. und 
Ephraem an gleicher Stelle wie 
dort: — 'quouiam omnia ibi mani- 
festanda erunt, quae uuusquisque 
in occitlto et obscuro hie gesserit'. 

105613. Vgl.E1.1308ff. u. Musp.57 
(Feuergericht). 

Für den Satz 1061 — 68 kann ich 
ein Vorbild nicht nachweisen. Ver- 
mutlich ist die Aufzählung Werk 
des Dichters. Das bei Ps.-Chrys. an- 
fangs erwähnte Kreuzeszeichen des 
Himmelskönigs erscheint erst jetzt 
kurz vor dessen Ankunft. Darin 



65 



Vossius, S. 539, IB. — Signum 
apparebit filii hominis in caelo, 
certique inde erunt omnes, illico 
postea ipsum quoque regem appari- 
turum. 



Ps.-Chrysost. fährt fort (776): o 
öixaoTTjQ anQOGu)7iöXr]7iToc, xal xqi- 
rr'jQiov anaQäX)MXTOv , xal und 
TCoX^fjg rfd§?;s nävrag £7r' 
ovöfiazi xaXioEi eig Tt]v 
öixTjv, xal TtävTsg yvfxvol naQa- 
arrjaöfxe&a. ovx eaziv ixet grj- 
xoQiXTj Xe§ig VLXwaa ro Sixaiov, 
ovx eovi yXujoorjg noXvXoyia , «AA' 
SQycüv 6oxi/xrj (vgl. 1056 ff.)' ovx 
eOTiv £xsT SwQwv %QÜa ov6\ avvrj- 
yoQwv, dXXa Tcävxeg ra löia cpoQxta 
ßaaxaC,ovaiv. 'Exel ytJQCcg ov 
maxevsxat, rtSQtcpävsia ov <palvs- 
xai, svyiveia ocofiäxiov ov i,r]xelxat ' 
ixel xäXXog iiQOOwTtuiv ov 6voo)7isT 
xov xQiXTjv , dXV d^icofia naQ- 
d-sviag xal xwv kontwv aQS- 
x(5v SvatoTtEi xbv xqixtjv [xov ex 
naQQ^evov xfx&tvza- vgl. 119&b] 
ixBL ixeyag xal ßixQog laa xqL- 
vovxai. JJoXkäxig öh xal elg x-qv 
Sixrjv BxeivTjv xaxaxQivovOL xd 
zexva zovg yoveig. ^Eav ydg yevi]- 
Gyg xexva xal rijv taöxijza iv af/.- 
(poxeQOig ov (pvXü^yg, dXXa xov 
^va nXovxiayg, xov öi sxsqov f^to^g, 
x6x£ öüjosig öixrjv. Töxe xal 6ov- 
Xog TiQO öeoTioxov 'loxaxai £v naQ- 
Qi^ala, xal öovXrj ngo dfanoivTjg, 
xal fjiaOTjXTJg ngb öiöaoxdXov. Iläv- 
Tf? yccQ ovxoL 6ixät,ovxaL iv xm 
<poßsQ(p dixaoxt]Ql(p , xexva fiexa 
yoviwv, yvvaixeg fxsxd dvSgwv, xal 
hxäaxov xd tQya (paveQo. ylvovxai. 
[Vgl. 1045.] Jiu xovxo xal 6 svXo- 
yrjßivog IlavXog 6 dnöoxoXog xavxa 
etdwg xd nävxa xdlg näai naQ-qy- 
ysiXe Xäywv „Ta xexva, vnaxovexe 
Studien z. engl. Fbil. XXXI. 



folgt der Poet wohl dem Sermo de 
cruce, Vossius, S. 537, oder ähn- 
lichen Angaben. Vgl. a. die Nach- 
weise. (Das Kreuz als Zeichen des 
Gottesreiches : vgl. Ps. - August., 
Migne, 39,2051, Ps.- Johannes, Ti- 
schend., S.83, zu Musp. 102 f., all- 
gemein Wadstein a. a. 0. 38, 574.) 

Sonst scheint nur der hier sehr 
zum Vorteil des ags. Gedichtes 
stark gekürzte Ps.-Chrysost. Vor- 
lage gewesen zu sein. 1069 — 75. 



1072 f. (poQxla ('onera') vgl. 
^ehladan, V. 1034, überhaupt 1032 ff. 



1073 ff. Jungfräulichkeit der Seele 
wird aus bekannter Neigung zu 
realeren Vorstellungen als Gesund- 
heit der Seele (Unverletztheit d. S.), 
wiedergegeben. Vgl. 1576i>. 77. 

Die folgenden Ermahnungen, die 
ja auch z. T. aufserhalb der Welt des 
Dichters lagen, fafet er in zwei 
kurzen, allgemeinen Sätzen zusammen, 
1076 — 80. bealde entspricht dem bei 
Ephraem und sonst vorkommenden 
Ausdrucke 'hilares sunt, qui . . .' 
(Vossius, 539, IB. Musp. 99); 1079i>, 
80 (ähnlich 1333) scheint in Phon. 
516^. 17 übernommen. 



66 

Totg yovavaiv ev xvqIw' xal oi 
yoveig, ßt] 7taQ0QYlt,sts xa xexva 
vfiüiv. Oi öovXoi, vnaxovexs xotq 
xvQLOiq vfjL(5v xal OL öeoTCÖxai, xtjv 
laöxrjxa (pvkd^axe inl xolg öovXoiq 
Vfxüjv. Ol avÖQeq ayajtäxs tag yvvaZ- 
xag vfxöJv, xal yvvaZxeg, (poßsla&e 
xovg avÖQag vficüv ' %a nävxeg dxa- 
raxQlxwg TtaQaaxrjacöfxe&a x(3 ßij- 
fiaxi X(3 (pQixKÖ xov xvqLov rjudiv 
Itjoov Xqioxov xov &sov. 

1081 — 1121 und 1127 — 1190 treten statt der detaillierten 
Ermahnungen des Ps.-Chrys. zwei Quellen in die Lücke, welche 
die im Mittelalter allgemeine antijüdische Polemik zeigen: An- 
klage der Juden und ihrer Handlungsweise gegen Christus. 

1081 — 1121 liegt eine Predigt des Joh. Chrysostomos in 
gekürzter lat. Fssg., Migne, Lat. 39, 2051, Absatz 11 und 12 
zugrunde. Cook, S. 193f., weist unbegreiflicherweise nur die 
Belege zu 1081 — 1102 als Parallelstellen nach und übersieht 
den Kest und die offenbare Quellenmälsigkeit der Stelle. Bis 
ins einzelne folgt ihr der Dichter sehr genau mit wenigen 
Umstellungen. Für 1103 — 21 führe ich die Belege an. Un- 
verständlich ist andererseits, wie Cook, S. 190, hier irgend 
welchen Einfluls der Vision des Constantin, die allerdings 
sehr bekannt war, herausspürt. 

Vossius, S. 539, IB. In illa hora Für 1181.2 vgl. Ephraem, De 
unusquisqae, pavidus considerabit, cruce; übrigens s. Cook, 
quo pacto obviam tremendo occurret Bemerkenswert ist, dafs diese 
regi . . . Quelle von einem „blntbespritzten" 

Kreuze nichts weifs, wie es das 
Traumgesicht bietet, 

— et ipsa (sc. cruce) arguente 1103 — 1121. 
cognoscent peccatum suum sero et frustra fatebuntur impiara 
caecitatem (vgl. 1187). Quid autem miraris, si crucem afiPerens 
veniet, ubi et ipsa vulnera ostendet? „Tane videbunt", inquid 
„in quem conpunxerunt". (Joh. 19, 37.) Quemadmodum enim 
in Thoma fecit volens incredulitatem diseipuli erroremque 
corrigere pro multorum fide et ingerens ostendit illi signa 
elavorum et ipsa de clavis vulnera et dixit: „Mitte manum 
tuam et vide; quoniam Spiritus ossa et carmen non habet, 
quemadmodum me videtis habere" , tunc ostendet vulnera et 
crucem manifestabit, ut ostendat, quoniam ipse est, qui cruci- 



67 



fixus. (Abs. 12.) Non solum autem de eruce, sed de verbis 
ipsis, quae in cruce habuit, immensam pietatem ejus possumus 
considerare. Nam cum adhue in cruce confixus esset, dicebat : 
Pater, demitte illis peecatum; non enim sciunt, quid faciunt. 
Et erucifixus pro illis, qui crucifixerant, orabat; et quidem illi 
e diverso dicebant: „Si filius dei es, descende de cruce!" 
Sed propter hoc non descendit de cruce, quoniam filius dei est. 
Propter hoc enim venit, ut crucifigeretur pro nobis. 

1122 — 27 ist vielleicht eigene Hinzufügung des Dichters, 
vielleicht von dessen besonderer Vorlage. 

1127 — 1190 (nicht, wie Cook abteilt, 1198) stammt aus 
Gregor, Hom. in Ev. 1, 10, v^as s. Z. Dietrich nachwies. Hier 
fehlt jedoch eine Entsprechung für 1169 — 1178. Cook nimmt an, 
dals diese Verse auf 4. Esra 5, 5 : de ligno sanguis stillabit (ein 
Vorzeichen des jgst. Gerichts, s. Anhang I) zurückgehen. Das 
ist möglich ; aber wir haben auch andere Möglichkeiten. Jeden- 
falls müssen wir an vermittelnde Stellen denken, wie die schon 
V. 970 angezogenen. 



Ephraem, De Antichristo, Vossius, 
S. 176, 2B. Tum lugebit mare, lu- 
gebit aer, 1. sol, 1. animantes ferae 
cum volatilibus, 1. montes et coUes 
ac ligna campi propter genus hu- 
manum, eo quod omnes defecerint 
a sancto deo et crediderint im- 
postori illi (sc. Antichristo). 

Orac. Sibyll. VIII, 251 ff. (Ausg. [d. 
Berliner Kirchenv. - Kommission] v. 
Geffken, Leipz. 1902.) 

ov Mioofiq exvnwoe TtQozelvaq 
wXevaq dyväq 
VL/dJüv xov jl/xaXrjx nlarei, Ilvcc Xaog 

B7liyV(Ö 

txXtxxov nttQcc natgl &£(3 xal xi- 

(xiov elvai 
X7]V QÜßSov davlö xal xbv ll&ov, 

ovnsQ vniaxt], 
£ig ov 6 Ttioxevoaq t,(or]V aleiviov 

Carmen VII, 1 — 3. Ipse se dominus 
eminenti lumine clarus 
Et praeponens cunctis micat in 
virtutibus ignis 



Offenbar sind solche Aufzählungen 
ursprünglich von der Kreuzigung 
selbst ausgegangen, wie die Gre- 
gorsche Hom. vermuten läfst. 



1190 — 98. Der Vergleich Christi 
mit einem Edelsteine scheint in der 
ältesten eschatologischen Literatur 
nicht selten gewesen zu sein. Wir 
müssen ihn hier auf das Carmen 
zurückführen. (Vgl. Cooks Nach- 
weise.) Ebenso wird Christus Phon. 
5 1 6 aufgrund derselben Quellenstelle 
wlitig wuldres gim genannt. 

11981^ vgl. oben xov sx TtuQ&evov 
xexQ^ivia, was hier verspätet ans 
Licht tritt. 



68 



Excelsoque throno coelesti sede 
coruscat . . . 

1199 — 1333 liegt derjenige (lat.) 
Ephraemtraktat unter, welcher schon 
für die Eingangsverse des Cr. 3 Er- 
gänzungen lieferte: De judicio 
extremo et de compunctione : „Ve- 
nite, universi fratres, consilium , . ." 
Vossius, S. 182 ff. Innerhalb dieser 
Verse finden einige kleinere Unter- 
brechungen statt. 
Vossius, S. 183, ICD. domi- 1199—1215. 

nator domine, haec omnia tu deus propter nos sustinuisti, at 
DOS peccatores tua semper beneficia rejicimus. Ut deus absque 
prineipio, natura ineomprehensibilis , impassibilis nulliusque 
indigens, gratuito dignatus es per passionem crucis peccatores, 
qui te non noverunt, salvos facere donans etiam eis lumen 
intellectus ac seientiae tuae. Quid igitur peccatorum genus tibi 
incomprehensibili, benignissimo et misericordissimo deo retribuet, 
qui erant sua voluntate peccatores, non natura. Nam antequara 
salvaremur, impium erat nostrum genus Universum, et rursus 
postea peccatores fuimus, nostra voluntate atque instituto. 

184, 2B,C. — ut quantulamcunque 1216 — 33. Vgl. den Carmenbeleg 
fiduciam anima coram tribunali tre- zu 119üflf. 
mendi tanc judicis Christi inveniat, 
quando omnes animae cum timore 
atque tremore adsistent, quando 
electi ibi separabuntur a peccatori- 
bus, quando vicissim steterint ovesl 
a dextris et hoedi a sinistris. Certo J wiederum zugunsten realer Bezeich- 
scitote, fratres ac filii carissimi, quod 1 nungen weggelassen ; vielleicht er- 
in proximo est adventus domini, utj schien auch das Bild dem Angel- 
reddat unicuique secundum opera Sachsen anstöfsig. 
sua: Sanctls quidem et electis suis Für die Gegenüberstellung von drei 
requiem et lucem perpetuam, pecca- Zeichen der Gerechten und dreien der 
toribus autem et, qui exacerbaverunt Ungerechten bot die Quelle den Inhalt 
eum, supplicia atque tormenta. von 1. 2. 4. 6, die übrigen sind aus 

weiteren Nebenquellen ergänzt. An 

der Provenienz aus Ephraem ist 

nicht zu zweifeln, selbst wenn wir 

die etwas ähnliche Stelle einer Oster- 

Kelle. Nu merchet daz wir iu predigt bei Kelle, Speculum eccle- 

sagen. Driu dinc sind in dirre siae, S. 175 f. (drittletzte Zeile) ver- 

werlt vor allem ubele . deist einez gleichen. [Auch Schönbach, Wiener 



Die Schafe und Böcke werden 



69 



des suniares sele . diu dancivillen 
immer an deme ubelen hertet . diu 
ist swerzer denne der rabe. [Vgl. 
Schönbach a. a. 0. und Red. d. Seel.] 
Daz ander ist der tievel . un si7ie 
engele . die der suntare sele enpha- 
hent Daz dritte . diu ubele helle . 
da diu suntige sele in geworfen 
toirt . als diu drin dinc sint vor 
alleme ubele . diu toir iu nu geseit 
haben . als sint och driu dinc so 
gotiu daz . niht bezzers ist . daz 
ist diu heil . sele . diu in den goten 
werchen lebet . un darane runden 
wirt . diu ist liehter denne der 
sunne. Daz ander sint die heil 
engele . die die goten sele enpha- 
hent. Daz dritte ist daz vrone 
paradts . da diu sele mit vroden in 
gevort wirt . den drin Sachen ist 
niht bezzers in dirre ivelt. 
Ephraem fährt kurz darauf fort: 
Vossius, S. 184, 2 CD. Tunc vi- 
debit unusquisque se ipsum in lumine 
et gloria inenarrabili, consideransque 
intra se et admirans cogitabit ac 
dicet : Nunquid ipse ego sum ? Dazu 
1 84, 2 E. — angeli — adspicientes 
Corpora sanctorum super luminis 
claritatem in caelis fulgentia, quod 
in terris voluntarie aflflicti sint sua- 
que patientia pretiosam apud se 
margaritam occultaverint vestemque 
immaculatam compararint, qua in- 
duti ingrederentnr ad nuptias. 

An voriger Stelle: Et 

quomodo hac gloria vilis et abjectns 
ego repertus sum dignus? Tunc 
angeli etiam accedentes cum gau- 
dio glorificabunt sanctos enarra- 
buntque eis ipsorum conversationem 
vitamque religiosam . . . Dazu Ps. - 
Chrys., 776 unten. 'Ewörjaov ttjv 
XccQav sxslvijv xal naQQtiaiav xriv 
inl T(5v dyyikcjv xal nQ0<pr]T(äv 
xal anoaxöXcDv. 



Sitzgsber., phil.-hist. Kl. 135, Heft III, 
der Cruels (Gesch. d. d. Pred. im Mit- 
telalt., S. 171.) Quellennachweise er- 
gänzt, weist für diesen Passus keine 
Vorlage nach.] 

Solche Aufzählungen sind in der 
Predigtliteratür des Mittelalters (and 
noch heute) gang und gäbe. (Vgl, 
Grieshaber, Altd. Predigten.) Der- 
artige wie im Cr. wurden angeregt 
durch Vorlagen wie etwa den Epi- 
phanias V. Cypern zugeschriebenen 
Tractatus de numerorum mysteriis, 
Migne, Graec, 43,511. 'Tresjusto- 
rum possesiones: paradisus, Abra- 
hami sinus, regnum caelorum. Tria 
peccatornm snpplicia : tenebrae, ver- 
mis, gehenna.' 

*[Vgl. Cr. 782 und Einl.] 



1236—41 und 1242 — 46. 



(Das hochzeitliche Feierkleid des 
bekannten Gleichnisses Christi wurde 
allgemein wie hier auf die guten 
Werke symbolisch gedeutet.) 



70 



Vossius, S. 182, 2E. Homines au- 
tem peccatores, impii atque profani 
secum eo fructus deferent turpis- 
simos ac marcidos, plenos ignominia, 
luctu, ululatu cum vermibiis non 
dormientibus in igne inexstinguibili. 

Ps. - Chrysost. , S, 777. 'EvvÖtjoov 
rtjv aioxvvTjv exslvTjv ttJv snl rov 
örifiov z(öv dyysXcDv. Kai evrav&a 
fiev £uv eXeyx^V ^*S ^'^^ a^aQxia 
£7il hvoq (fiXov, Ttwg xaxanimei 
T<5 TtQoacÖTiü); 7t(3g naQaiTStrai 
rcQosXd^SLv ; nwq övacoTtsZrac tovq 
(plkovq, rovq yelrovaq, xovq ovy- 
yevslq did zrjv alaxvvrjv e^' oiq 
iXsyx&fj; ^Evvotjoov ttjv aioxvvrjv 
ixslv7]v, onov ixvQidösq dyyeXwv 
xal 7CQ0(pr]T(3v räy/xava, y^oQol ano- 
axöXcov, [xaQXvQOiv nXfjd-oq dvaQid^- 
(XT]Xov, xöofxoq dvixviaaxoq, xal i^sZ 
6 dixaax^q' „'ATiiXd-sxe , . ." 



Ps.-Joh. § 13 (Schlufs). xal xöxe 
i^iX&^ näv Ttvevfia itovijQov, zd 
ev x^ yy , xd iv x^ dßvaoa) . . ., 
(sie werden dann blofs gerichtet.) 



Apok. 15, 2. Et vidi tanqaam mare 
vitreum mistum igne et eos, qui 
vicerunt bestiam et imaginem ejus 
et numerum nominis ejus, stantes 
super mare vitreum habentes ci- 
tharas dei . . . 



1247 — 61. Das entsprechende Zei- 
chen der Ungerechten fufst, wie Cook 
nachwies, auf Gregor, Hom. in Ev. 
40,8 (Migne, 76, 1308) oder einer 
verwandten Stelle (s. oben S. 106, 
Anm, 10). 

1262 — 71. 



1262 — 79 liegt die Hauptquelle 
zugrunde. 

Sehr beachtenswert ist, dafs im 
Gegensatze zur Quelle auch der 
Teufel als anwesend ausdrücklich 
erwähnt wird, die Gegenpartei. Die 
Rolle, die er heim jüngsten Gerichte 
spielt, ist bei den Autoren verschie- 
den. Die einen sagen, er werde 
überhaupt nicht vor den Thron 
Gottes zugelassen (weil nur die Ge- 
rechten Gott schauen sollen, be- 
gründet auch auf Apok. 20, 16), die 
anderen lassen ihn als Angeklagten 
vor Gott erscheinen (Lactanz, De 
div. inst. 7, Ende), wenige teilen 
ihm die Rolle des Anklägers zu. 
(Vgl. Musp. 69 ff.) Wir dürfen wohl 
auf Grund der wahrscheinlichen 
Quelle, Ps.-Joh., vermuten, dafs der 
Dichter ihn sich (wie die meisten 
seiner Zeitgenossen) als Angeklagten 
gedacht hat; er zählt ja nur die An- 
wesenden auf wie die Quelle, zu der 
er allerdings einiges Wenige hinzu- 
fügt. (Neigung zur Aufzählung s. 
Eingang zu Cr. 3.) 

1280—83. Vgl. Apok. 15,2 und 
Cooks Nachweis: Gregor, Moral, 
üb. 18, cap. 4 (Migne, 76, 84). 



1284—97 basiert wieder wie 1247 ff. 



71 



auf Gregor, der doch wohl am meisten 
als Quelle für sich hat. Vgl. jedoch 
auch Ephraems (in Dom benutzten) 
Senno De compunctione animi: 
„Venite, dilectissimi , venite, patres 
et fratres mei, grex patris electe" 
(nicht zu verwechseln mit dem bis- 
her zitierten lat. Sermo: „Venite, 
universi fratres, consilium a me pec- 
catore") Vossius, S. 458 ff. 



Vossius, S. 461, ICD. Hie qui 
in mundo esurierunt ac sitlerunt, 
laetantur exultantque in saecula. 
At tu recipisti bona tua in vita tna, 
discede a me in aeternum. Ista 
porro audiens stabis confusione 
plenus, consistenteque sie te ibi 
resonabit ad aures tuas vox laetitiae 
et exultationis , et agnosces unius- 
cujusque sodalium atque amicorum 
tuorum voces. Et tunc acerbe in- 
gemiscens ac plangens dices: „. . . 
merito jam patior. Nam illi in 
summa abstineutia vivebant, ego 
autem convivia ac prandia sectabar 
. . ." 461, 1 E. „Quantorum bonorum 
jacturam feci, ut modico hie tem- 
pore voluntatem diaboli peragerem." 

Vossius, S. 185, lAB. Si quis 
forte sibi conscius sit, quod pecca- 
verit deo et intentione atque pro- 
posito animi laxato sponte deliquerit, 
quamdiu adhuc tempus suppetit, ex 
affectu lacrymas fandat jugiterque 
plangat . . . Si quis vestrum ex- 
pertus lacrymarum dulcedinem, me- 
diante oratione desideraverit 
elevari e terris, totus hie extra 
corpus in caelum fertur . . . nee 
ampüus conversatio ejus invenitur 
in terris. 

1312—15. Vgl. 1036 flF. Zu synna wunde vgl. El. 514; 
Jul. 710"; Ephraem, Vossius, S. 120, IB (einer der 6 lat. 
Traktate: De poenitentia) 'neque deum exacerbat vulnus, sed 
sanat.' Ähnlich öfters; vgl. die Quelle zu Jul. 710. Hier fehlt 
dieser Gedanke in der Vorlage. 



1298 — 1300. Siehe zu 1272 — 79. 

1301 — 1333; 1301 — 1311. Der 
Verfasser greift das Wesentlichste 
aus dem Schlüsse des Traktates 
heraus. Statt der langen An- 
preisung Ephraems gibt der Angel- 
sachse den Grand für Reue und 
Beichte an: Alles wird beim jgst. 
Ger. seine Sühne finden. 



Vossius, S. 185, 1 A. — possideat 
compunctionem cordis lavetque cor- 
pus suum lacrymis atque singultibus. 
Putatisne vos lacrymarum habere 
experientiam , o fratres? Numquid 
quis vestrum ab illa lacrymarum 



1316 — 26. Der etwas dunkle Aus- 
druck wird durch die Quelle klar- 
gelegt: „Das kann keiner dem 
anderen sagen, mit wie grofser 
Heldenkraft jemand sonst, mit aller 
Kunst, das ewige Leben erwerben 



72 



gratia, quae secundnm deurn est, 
illuminatas reperitur? Certo scitote, 
fratres, non fore in terris qaid 
dulcius gratia lacrymaruin et com- 
punctione cordis in illa hora. 

Vossias, S. 183, 2A. Jesu uni- 
genite . . ., qui gratia tua 



will . . ., als dafs (wenn) er vor den 
Augen der Erdbewohner unbeschol- 
ten seine Statt, unter den Menschen 
ohne Makel bewohnen möge .... 
(zugleich adhortativer Satz.) 

1327 — 33. 
Universum illuminas mundum, 
illumina quoque in me obseuratum oculum mentis meae: ob- 
velatus enim et occoecatus in me est hie oculus, quare jugiter 
eum . . . illumina, ne obfuscetur ab hoste doloso. 

Von 1301 ab übernimmt der Dichter ruhig die Ermah- 
nungen, die in der Vorlage passender am Schlüsse standen 
[wie auch in Cr. 586 — 99 einen Homilienschlufs, wovon bei 
anderer Gelegenheit], in die Mitte seines Gedichtes und fährt 
dann mit epischer Erzählung fort. Da er an den Schlufs 
seines Werkes ein Bild, keine Ermahnungen, stellt, so dürfen 
wir sagen, dals sein vorwiegendes Interesse ein künstlerisch 
darstellendes ist und nicht in der Seelsorge liegt. Seine 
Künstlerschaft geht ihm über sein Hirtenamt, hat diesem 
jedenfalls keine Schädigung zu verdanken. 

Carmen VII, 1 — 3. Ipse se dominus 1334 — 43 liegt das Carmen zu- 

eminenti lumine clarus gründe, darunter ein A -Vers (hinter 



Etpraeponens cunctis micatinvir- 

tutibus ignis (— 13351») 
Excelsoque throno coelesti 

sede coruscat. 
VII, 11 — 16. Hinc dominus geminam 

jubebit sistere plebem, 
Imperat et justos numero discerni 

malorum 
[A.j Appellans placidis verbis 

sua jussa secutos, 
Indutosque jubet devicta morte 

vigorem 
Semper inextinctas habere luminis 

auras, 
Ire per antiqua semper florentia 

regna, 
Ditia per nemora, semper amoena 

vireta, 
Degere perpetuam praeclaro in cor- 
pore vitam. 

Ps.-Chrysost. Fortsetz. 4>QL^a[i£v 



VII, 12), der in BC fehlt. Also in 
Cr. 3 haben wir nunmehr eine ältere 
(A näherstehende) B- Fassung des 
Carmen festgestellt. (Vgl. 996 BC, 
1043 BC.) 



Es ist schon bei Besprechung von 



73 



ovv T^v TjfieQav exelvi]v, ev fi 

flSlksi Xtt'?^?f'»' TtOlflTjV zd TtQO- 

ßata dito T(äv BQicpcov xai oriqaei 
xd /xlv TtQÖßaxa ex öe^iwv , xa 6h 
iQiifia f| evoDvv/icov. Töxe igst 
ßaaiXsvg xolg ix öe^idiv „Jev- 
xs, Ol evloyTitiivoL xov naxQÖq 
fiov, xki]Qovofi?joaxs xijv rjxot- 
/xaafxivr]v vfiiv ßaaü.elav dno xa- 
xttßaXijq xöofxov. — 'Eneivaaa yaQ, 
xul eöojxaxe /.lot (payelv eSl^>t]aa 
xal inoxiaaxe [xe, xal xa h^rjq. 
[Die Hs. hatte hier natürlich mit 
der Bibel, Matth. 25, 35: ^hoq 
rjfxrjv, xal avvTjyäysxs fxs' yvfivoq, 
xai TtsQießäXsxe ixe' -^a&evrjaa, 
xal i7teaxexpaa&e (xe . iv (pvXax^ 
rjfXTjv, xal TjXQ^exe ngoq fxs. (Gegen- 
rede: Herr, wann haben wir dich 
hungr. . . . Endrede : Wahrlich, ich 
sage euch, was ihr getan habt einem 
... s.u.)] Jevxe, oi evXoyrjixsvoi 
xov TtaxQoq fxov, dnoXäßexs dvxl 
X(öv iniysiojv xa enovQavia dvxl 
X(5v (p&aQxüiv ä(p&aQxa, avxl xwv 
TtQOOxaiQOiv xa aliävia. '^I/xä- 
xiöv fxe TcsQisßäXXsxe , syw öl 
nsQixi&ef.iai v/xlv öö^av aiwvtov 
aQxov fxoL eöojxare, iy<h 6h xQocptjv 
naQaSeioov vfxlv öojQovfxaf iv 
ixXoyalq xal xaQ7to<poQlaiq tj/xZv 
ixaQ7tO(poQrjGaxs , syd) 6h vfxäq 
xwv ayliov avufxexoxovq Ttoiij- 
ooj' ipvxQOv v6ax6q fxs ijtoxlaaxs, 
iyd) 6h vfxäq eiq xov TtagäöeiGov 
sloaydyo)." 

ji6sX(ph, oxav xavxa 
dxov^q, XI dvafievsiq , xl ix6sxy 
öovvai xd ad xoZq XQ^tiOvai [Thema 
des Schiasses der Predigt : Almosen- 
geben!] xal xoTq ixaQXVQloiq; tiXtjv 
avx(p &ew 6i6ojq, xaQ-mq elnev av- 
xöq' „Edv Ttoii^aaxs evl xovxwv 
x(5v a6eX(pi5v /xov xcöv iXa^ioxcov, 
e/xol irtoiTJaaxs. 

Vossius, S. 183, 1 AB. Et contre- 
miscet ibi omnis creatura ipsaque 



Cooks Quellennachweis hervorge- 
hoben, dafs die in Matth. 25 und 
darnach in den austührlicheren Be- 
arbeitungen des jüngsten Gerichts 
übliche Verteilung der Verhandlung 
in Rede, Gegenrede und Endurteil 
auffälligerweise im Cr. 3 vermifst 
wird. Aus diesem künstlerisch sehr 
bedauerlichen Mangel (vgl. z.B. Ilel., 
Heyne 4393 ff.) kann dem Dichter 
kein so strenger Vorwurf gemacht 
werden, weil er in seiner Quelle die 
Gegenrede nicht fand. Die beiden 
analog in die Reden eingeschalteten 
Reflexionen: ^Evvörjaov xtjv x^Q^^ 
{aioyyvriv) . . hatte der Autor schon 
1242 ff. und 1272 flf. vorgenommen. 
Er fährt also mit dem Folgenden 
genau in seiner Quelle fort. Auch 
der Wortlaut stimmt gegen Bibel 
und Abecedarius mit Ps.-Chrysost. 
Nur 1358 b flf. greift die unten fol- 
gende Endrede voraus; der letzte 
Satz deckt sich inhaltlich mit dem 
Schlufs der Rede in der Predigt, 
der in der Bibel ganz fehlt (Cr. 
1360 f.). 

Mit bewundernswerter Kürze fafst 
der Angelsachse all dies in einem 
knappen Sätzchen zusammen. 



Ebenso ist die Endrede des Rich- 
ters an die Guten mit der Hauptrede 
völlig verschmolzen. 

Die den Beschlufs bildende Auf- 
forderung zum Almosengeben ist 
zum Besten des epischen Elementes 
fortgelassen. 



1362 — 76 nimmt der Dichter 
noch einmal den Sermo „Venite, 



74 



sanctorum angeloram agmina . . . 
expavcscent. Quid vero in die 
judicii ei dicemus, si exiguo hoc 
vitae tempore adeo negligentes 
fuerimus, fratres? Ipse enim pati- 
enter nos expectat et omnes nos 
ad suum regnum invitat rationem 
etiam a nobis de tanta vitae nostrae 
negligentia exqaisiturus. Et dicet 
ad nos ipse: „Propter vos in- 
carnatus sum etc." 



universi fratres, consilium" zur 
Hand. 



Ps.-Clirys. fährt fort: "Oaoi 6s 
(ölw^av rovg nivrixaq, xov XQiaxov 
eöiüj^av. Kai öid zovxo axrjosi 
avxovg i^ ev(ovvf/.cov' xal xa&wq 
aölco^av ixsLVOt xovq Tterrjxag, xov 
avxbv tqÖtcov xal 6 xvQioq avxovg 
exöiwSei Xtywv „ÜOQevso&s an'' 
iftoö , Ol xaxrjQafiävoi, eiq xo nvQ 
TO aiiöviov xo rixoLfxaOfxsvov x(5 
öiaßöXu) xal xolg dyyeXoig avrov- 
'Enslvaaa yä^, xal ovx söcuxaxs 
[lOL (payeTv sölrpTjaa, xal ovx ino- 
xioaxs /xe, xal xd s^rjg. [Matth. 25, 
43 . . . §£vog TjßTjv, xal ov avvrjyä- 
ysxs jWf yvfjivbg, xal ov neQisßä- 
Xexe /xs' ao&evrjg xal iv (pvlaxy, 
xal oxx ineaxexpaoQ^s fis. ^Ant-X- 
&exs . . .] Ps.-Chrysost. wiederholt 
knsXd^exe usw. ganz und hat weiter: 
Ti ixoi, <priol, nQO(paait,BaQ-£ ; 
sxoxpa v(X(üv xrjv d(po^fX7]v, ovöe- 
fiiav £X£X£ dnoXoyiav. ^Edv sinco, 
oxL „Enelvaaa, xal ovx iöwxaxe 
fioi (paysTv" , t^otc dv sltislv, oxi 
^Aqxov ovx £;(Cü." ^l'iQxov ovx 
fc^e^g xal v6(!)q; fxr] nööag ovx 
eX^i^Q inioxeipaa&ai xovg do&e- 1 
vovvxag xal xovg iv (pvXax^; r] \ 
xal ovaxsvd^ai xaj &XißofjLevu) ovx ) 
'^övvio; Einige Zeilen später: did 



Statt dieser Ephraemschen Rede 
(die auch Cook zitiert) ist eine ihr 
ähnliche und wohl aus ihr hervor- 
gegangene (vgl. jedoch Orac. Sibyll. 
VIII, 265 flf.), umfänglichere aus Cae- 
sarius von Arles (Ps.-Augustin 249) 
Migne, 39, 2207 f. eingesetzt, die 
Cook schon erkannt hat: 1379 — 1499. 

Mit 1499—1523 versiegt die 
Hauptquelle, deren Schlufs im 
Hamburger jüngsten Gericht (An- 
hang III) benutzt ist. Im Cr. 
scheinen nur V. 1501, 1503 — 6» und 
1510 Zusammenfassungen zweier 
späteren Stellen zu sein. 



1501. Diese etwas kräftigen Er- 
mahnungen werden also ganz kurz 
wiedergegeben. 



1510. 
1503 — 6. 



75 



yag r^v jcrmxdav avrov jcdvreg djiOQQijirof/sv avrov, wözs 
xal Ol Idiot yoveig xal cpiXoi rovg löiovg rexva xai g)iXovg, 
fiäXXov de xal döeXcpog dÖ£Xg)öi> djtOQQiJixovöiv aijtovg öiä rijv 
jcTcoxeiccv avrcöv , xal oi yeixoveg rovg ysizovag. 

Wenn aber in dem Schluls der Predigt noch Gottes be- 
sonderer Schutz für die Armen und Bettler in Anspruch ge- 
nommen wird, so können wir nur verstehen, warum der 
Angelsachse das letzte Achtel seiner Vorlage weglälst. [Über 
dessen Wortlaut vgl. Anh. Ill.j 1524 — 1647* sind vorwiegend 
aus dem Carmen hervorgegangen; B- und A- Varianten [C, das 
A näher steht, hat die benutzten Abschnitte nicht mehr] 
wechseln ab. 



XI, 1 — 7. Vos tarnen hunc dominum 
coeli terraeque negastis 
Et justos potius crudeli caede ne- 
castis . . . 
6. Non scitis ecce diem, quem 
vos videre soletis, 
Ibitis in tenebras ignis et sulphuris 
altas 
XI, 8. Passuri ardentes justas cru- 
ciatibus iras. [A ; B vgl. 
1538.] 
Hos aetaernae jubet dominus dis- 
cedere poenae. 

4. Esral5, 22. Non parcet dextera 
mea super peccatores . , . Auch die 
falx der Apok. 14, 14 — 20, wo von 
der grofsen Ernte prophezeit wird, 
wäre zu vergleichen. 



XII, 23 (nach längerer Schilderung 
der Hölle). Huc captiva gemens mit- 
tetur turba malorum. 

Zum einzelnen B XII, 7. Uli prae- 
cipitetn pulsi tolluntnr in aestum. 



1524—26. 

1526 ». grim ^nind liegt möglicher- 
weise A 'rabidae — gehennae' statt 
BXI, 10 'semper sine fine gehen- 
nae' vor. Zu raße 1525 vgl. XII, 8: 
'Hlnc fugiunt illac, cursu referuntur 
acuto.' 

1527—29. Vgl. Musp. 75. 



1530. Vgl. Blicklinghom. 8, Morris, 
S. 109 nuten: „on ponne he his 
byrnsweord ^etyhp & pas world 
ealle piirhslyhp." Leo VI, d. Philos., 
Canticum compunctionis , Migne, 
Graec. 107, 309 — 14. 

V. 184 — 9. '// yccQ axfirj zfjg 
a^ivrjg 
'iß? axuQTiov ixcpoßel fie 
Kai Tj (poQa zfjq ÖQenavrjg 
'ißg awQov ixSsdlrsi, 
"O 6h XixfiijrcDQ ZTjv xavoiv 
'i25 uxvQov dneiXel [loi. 

1531 — 36». 



1531 f. 



76 



Ahat: Illic praecipiti cnrsu torren- 

tur in aestu. 
XII, 3. Totaque viventes confundet 

terra favillis. 



XI, 8. Passurl ardentes justas cru- 

ciatibus iras. 
B. Ardendo saevas passuri doloribus 
iras. 

XII, 10. Agnoscnntque suam jam tnm 

de crimine poenam. 
XII, 23. 24. Huc... mittetur turba 

nialorum (S. 1531) 
Arsurumque nefas scelerati corporis 

agmen. 
XII, 1—3. Tnnc avidos rapidus in- 

cludit tartarnm ignis, 
Atque procellosas ructabunt ae- 

quore flammas, 
Totaque viveutes confundet terra 

favillis. 
[A. T. a. rapido est iaclusus tartariis 

igne, 
Atque procellosis flamma intus fluc- 

tuat undis, 
Totaque vertentes confundit terra 

favillas.] 
XII, 20. 21. Aestuat et rapido tur- 

batur vertice flammae 
In tormenta ruens fluctuanti gurgite 

flumen 
A: Aestuat et rapitur lato de vor- 

tice flammae 
In t. r. fluctuque et gurgite saevo. 
Ps.-Joh., Cod. E. (S. 94, Z. 7) 
aneXd-£ oäXiiiaai xovq ayyelovq 
xov xpvxovq xal xiövog xov xQiov, 
xal avva^ov näaav oQyrjv etg rovg 
satcüTttg £§ svwvvfxwv , . . avoi^ov 
xov oxiöXrjxa xov axol/uTjxov xal 
xov ßeßrjXov ÖQÜxovxa — eysiQS 
xöv ocpiv xov Tiaxvv . . ., iV« avv- 
äx&y Ttäv 6Q7i£x6v elg dae- 



1533". 

1536 ^' f. fehlt im Carmen und den 
übrigen Eigenquellen des Cr. 3. Wir 
haben hier eine absolut sichere Ent- 
lehnung aus El. 1302, wo es quellen- 
raäfsig begründet ist; vgl. Cr. 959. 

1538. 9 ■'. Der Wortlaut weist mehr 
auf A. 



1539i\ 40. 

1541-3. Vgl. El, Schiufa. 



1544 — 6a. B ist Grundlage; sg 
dBopa sead korrespondiert genau 
'aequor'. Zu 1516»; Das wenig 
sinnvolle se ealda llg ist mifsver- 
ständliche Übersetzung (?) von B, 
XIII, 21: 'Altus ardor eum igni 
torquebit amaro', wo A hat: 'Ingens 
ardor eum atque ignis torquebit 
amarus.' Vgl. 1591 ff. 



1546^ — 48. A. 'gurgite saevo' 
scheint 1548 «■ zu entsprechen. Im 
lat. Gedicht fehlt etwas für 1546^. 
47a, die aus Ps.-Joh. genommen 
sein dürften und zwar aus Cod. E. 
Dieser, nach Bousset der altertüm- 
lichste, hat einen ausführlicheren 
Schlufs, der in Cr. 1623 ff. gleich- 
falls benutzt scheint; hier finden 
wir den (sonst nicht häufigen) Frost 
als Hüllenqual , selbstverständlich 
auch die Würmer, welche im Carmen 
zufällig fehlen. 



77 



ßelq... Auch Ps.-Joh. bietet 
§24 neben Feuer, Drachen: aXXot 
6h fcV T(5 STtraarö/xio (pgeaiL xfiq 
xokdascüQ. Der im Mittelalter häu- 
fige „Höllenschlund" ist uns ja noch 
geläufig. 



Lact. 7, 27, Migne, 6, 821. Nemo 
divitiis, nemo fascibus, nemo etiam 
regia potestate confidat; immortalem 
ista non faciunt. Nam quicumque 
rationem hominis abjecerit ac prae- 
sentia secutus in humum se ipse 
prostravcrit , tamquam desertor do- 
mini et imperatoris et patris snipunie- 
tur. Intendamus ergo justitiae . . . 

Dazu Carmen XV, 10 — 13. 
Eine laetis prius animis repellite 

crimen. 
Et correcta diu proluatur pectore 

culpa, 
Tunc commissa mala mites abolete 
nefanda. 

Ps.-Joh. §23. Ol öh a/j.aQZti)Xol 
sarcooav ^o<pw6eig. 

4.Esral6, 78. Vae, qui constrin- 
gitur a peccatis suis . . . (sehr ge- 
läufiges biblisches Bild). 

Carmen XI, 8. Passuri ardentes . . . 



XIII, 25, 26. Magnus plangor ibi, 

fletus sociante clamore 
Et Stridor rapidus, ulutatus inde 

dolentum 
Exsurget ... 
XIII, 1—3. Tunc imago malipen- 

det promissa propago, 
Incipientque preces ad coelum pen- 

dere seras 
Atque deum nunc nosse volent, 

quem nosse nolebant. 



Mit 1549 setzt die Benutzung des 
letzten Kapitels von Lactanz, De 
div. inst., ein, welches bis 1693 
reicht. 1549 — 58. säwle wearcl vgl. 
Beow. 1742. 



1556 — 60a. 
1560^. 61a. 



1561-64». 

1564^. 65». fäcentäcen, gemeint 
ist das bekannte Zeichen des Anti- 
christen: 6 66 (=C.C.C.) der Apo- 
kalypse, 13 usw. Vgl. Bousset 
a. a. 0., S. 132 ff. (u. Index); im Phon. 
449 wird auf diese Stelle angespielt. 

15651^—71». 



Eine deutliche B- Lesart, denn 
ealdgestreon ist das einst verehrte 
Götzenbild des Antichristen, dessen 
fäcentäcen die Sünder angenommen 
haben. In A keine Spur davon. 
Zwar unter den B XIU, 8flf. auf- 



78 



A hat: Tunc humana m. p. 
commissa p. 
Incipietque suas ad coelum tendere 

palmas 
Et dominum tunc nosse volet, quem 

nosse nolebat 
Antea non, cum nosse illis foret utile 
tempus. [Dieser Vers fehlt B.] 



gezählten Arten der verschiedenen 
Götzendiener haben A u. B ge- 
meinsam: 'Qui . . . 

Et picturatas timuit sine voce 
figuras.' 
Indessen kann es wohl keinem 
Zweifel unterliegen, dafs in Cr. 3 
nur der Antichrist und sein Cha- 
rakter gemeint sein können, denn 
während im Carmen Felsen-, Flufs- 
gottheiten, Blutopfer erwähnt wer- 
den, wird im Cr. keiner einzigen 
Art von Götzendienst gedacht. 

Gegenüber dieser B- Lesart mufs 
der in B fehlende A-Vers, wie der 
Wortlaut beweist, in 1571—74 Vor- 
lage gewesen sein; 'seras' in B 
XIII, 2 befriedigt nicht. 

Lactanz 7, 27 (Sp. 819) cum 1575. 75''. 

liqueat conscientiae nostrae nee 
fragilem istam voluptatem sine 
poena nee virtutem sine divino 
praemio fore. 

Ps.-Chrys. (776): sxel (leyaq xal 1576\ 77. Ein Nachklang von 

txixQoq iGa xQivovzai. Pa.-Chrys. 



Carmen XV, 1 flf. Et ideo, dum vita 

manet, dum carpere lucem. 

Dum poenitere licet priusqnam ter- 

minus aevi 
Occupet incautos, et nescia lumina 

solvat 
Ultimus ille dies, qui lege tenetur, 
Quod primum superest, care vigi- 

late salutem. 
[A. Q. pretium s. , carae invigilate 

saluti] . . . 
9. Rectas adite vias . . . 
15. Conservate novam jamjam sine 

crimiue vitam . . . 
21. Incipiantque bonis verisque 

assnescere mentes, 
Divinaque magis celebrentur munera 

legis . . . 
25. Et meliora piis flagrabunt omnia 

vobis, 



1578 — 90. Der Einzelausdruek 
lehnt sich vielfach an Lactanz 
(Sp. 822)an, 1579^80^: 'et „dum 
Spiritus hos regit artus" infatigabilem 
militiam deo militemns . . .' und 
(Sp.820) 'Qua ex voragine liberet se 
quisque dum licet, dum facultas 
adest, seque ad deum tota mente 
couvertat . . .' in Cr. 1580 f. 

georne 1581 entspricht deutlich 
B 'care'. 



1582. war für ßwr ist also Emen- 
dation. worda ond dcBda, vgl. den- 
selben Satz des Lact, 'deus de 
singulorum factis cogitationibusque 
judicabit.' 



79 



Horrendisqae simal liberatur vita 

periclis 
Atque aeterna suis veniet ad praemia 

votis. 
Statt dieser beiden Schlufsverse 
hat A, 3 nach vobis : 
Sic quoque coelestis capietis 

munera vitae 
Camque deo longum semper vivetis 

in aevum 
Aurea siderei cernentes gaudia 

regni. 

Vossius, S. 120, IC. Sol jam ad 
vespertinam incliuat horam etpropter 
te adbuc exspectat, ut ad mansionem 
occarras. 



Hier scheinen drsames blcBd, da- 
gena rlm, weorces wüte auf die A- 
Fssg. zurückzugehen. 



XIII, 21 — 3. Altus ardor eum 
igni torquebit amaro, 
Suppliciumqae dabunt viventi fnnera 
[Hartel besser: viventefunereTW] 
cuncti, 
Sic homiuum totam nioerentes ser- 
vare turbam. 
[A hat : Ingens a. e. ignis t. amarus, 
S. d. peracerbo f. cuncti. 
Plurima sie hominum moerentum 
turba jacebit.] 
Das Carmen fährt fort: XIV. 
Haec adeo sancti quotiens cecinere 
prophetae. 
Spiritu saepe dei moniti dixere 

futura? 
Nemo snas (miserum!) nemo heu 

praebuit aures. 
Sic deus omnipotens voluit sua 

praemia nosci 
Atque minas positae plurima per 

talia legis 
Mittende plures coelestia verba cla- 
mantes. 



In dem 1665 fif. benutzten Ephraem- 
sermo finden wir von dem zukünf- 
tigen Gericht einen Satz, der 1583 f. 
vielleicht verwendet ist. Darnach 
wäre zu übersetzen: „solange ihm 
diese Welt, die mit den Schatten 
dem Ende zuschreitet, leuchten 
mufs (sc. wird, wie Gott bestimmt 
hat)." Der Dichter greift dann 
wieder zurück. 

1591 — 98». Die ersten drei Verse 
rekapitulieren , vgl. 1 53 1 ff. , 1 546 ff. 
Vgl. jedoch 1592 u. u. B ist Vor- 
lage und zwar eine bei Hartel ver- 
zeichnete Lesart von T: 'vivente 
funere cincti.' 



1598b— 1602». Dieser Vers stimmt 
mit Fabr. gegen Harteis sämtl. Hss. 



80 



XII, 23 (s. 1531 ff.) und 

VII, 12. Imperatetjustosnumero 
discerni maloram. 

XIII, 13 — 23. Si qnis adnlter (4) 
erat, natos quicunque necarat, 

Si quocunque malo quis conscia 

mente vivebat, 
Aut rapto (2) grassatus erat aut 

fraude (3) clientis; 
Si quis humano suas maculabat 

sanguine palmas 
Atque latebrosa miscebat morte 

veneria, 
Tunc si quis vacuo scelerabat pec- 

tora furto (1) 
Aut alieni mali lucro gaudebat 

iniquo, 
Admisit quicunque nefas quodcunque 

malorum, 
Altus ardor etc., s. 1591 ff. 

Dazu XI, 4. Veritas in vobis pro 
crimine semper inhaesit, wo 
A hat: Et fraus in vöbis post cri- 
men . . . 
A XI. 10 — 13. Ire sub ardorem 
rabidae (s. 1526) sine fine gehennae, 
Urgeri molem per stagna rotantia 

flammae 
In flammamque jubet converti ele- 

menta minantem 
Atque omnem coeli descendere nu- 

bibus ignem. 
Ps.-Jüh., Cod. E (94, Zeile 4). 
xal orav x^Q^^V ^^ TCQÖßaxu and 
rtüv iQiifiov . . ., xore anoaxeXel 
ayysXov xov "^PayovijX Xiyojv an- 
fX&e odXmaat xovg ayyeXovg xov 
yjvxovg xal yjövog xov xqiov xal 
avva^ov näoav OQyrjv etg xovg 



1602b- 
1606b- 



6». Rekapitulation. 



1 609 — 20 a. Wir finden gegen die 
Quelle nur die Meineidigen. 

1620» under li^es locan gebt wohl 
auf XI, 10 'Ire sub ardorem . . . 
[jubet]' zurück. (S. 1620 ff.) 



B- Lesart. 



1620 b — 22. Das merkwürdige tö 
stvitigenne beruht auf A. 'rotautia'. 
[B. 'torrentia'.] 



1623 — 33 fufst wieder auf dem 
Schlüsse des Cod. E der Ps.-Johan- 
nesapokal., eine wichtige Tatsache 
für die Hss.- Beurteilung dieses erst 
aus der Reuaissance überlieferten 
Werkes : E ist zweifellos die älteste 
Textform, wie schon Bousset er- 



taxcöxag £| svct)vv/na)v kannt hat. 

Zeile 12 v. unten: xal övvrd^ei ö rsfieXovx to jtXijB^og rööv 
anagrcolmv xal Xaxriöet trjv yijv , xal oxiOü^i^ösrai tj yrj eig 
zojiovq xal ycovsvd^rjOovxai ol sXsEivol änaQXcoXol elg rag 
ipoßtQag xoXdoeig. rote djioörsXsl 6 O^sog top 'QxiOTQati^yov 



81 



Miia'i]!, xal Cfpgayiöaq top tojiov tvjixei avxovq ö rtfisXovx 
fierä TOP Tifiiov otavQOV , xal owax^ijoerai rj yrj xarä xo 
jTQoxfQOj'. — Die Engel beweinen sie . . . Fünftletzte Zeile: 
axaaxog kv xcö iöicp d-tXrjfmxi sjioqevoi'xo sv xm xoOfico , xal 
6ia xovxo ovxaig xoXdC,omai. fiaxägiog (wünscht sich selbst 
und dem Leser die Seligkeit) . . . fiaxägioi Jtdvxsg ol cpo- 
ßovfievoL xov d-sov . . . Zuschlielsen der Hölle durch Michael 
schon in Apok. 20, 3 begründet (hier zunächst allerdings nur 
nach dem ersten Gericht [über d. Antichr.], nicht nach dem 
jüngsten.) 

Nun wendet sich der Dichter zu dem Los der Guten, 
dessen Ausmalung er sich gegen Ps.-Chrys., gegen das 
Carmen und gegen Ps.-Joh. für zuletzt aufgehoben hat. Dies 
stellt eine Handlung dar, welche wie die gleichartige im 
Phönix (s. unten) von künstlerischem Verstände zeugt. Auch 
kann man dem Verf. nicht zu grolse Ausführlichkeit vorwerfen: 
Von den Verdammten handelt er V. 1425— 1533 = 109 Verse, 
von den Seligen 1534 — 1693 =^ 60 Verse, und am Schlüsse eine 
anmutige Situation: Begrülsung der guten Seele durch Gottes 
Engel! 



Vossius, S. 182, 2D: Wie der Baum 
... sie et in horribili illa die, quae- 
canque in occulto hie gesserint ho- 
mines, sive bona, sive mala, palam 
ibi proferent . . . Justi fructnm bonum 
et delectabilem proferent: Sancti 
similiter fruetum praeclarum ac 
vegetum. Martyres fruetum glo- 
riosum patientiae ex tormentis ac 
poenis suis secum afferent . . . 



VII, 14. Dominus jubet . . . 
Semper inexstinctas habere luminis 

auras, 
17. Degere perpetuam praeclaro in 
corpore vitam. 
IX, 1.2. Iraeque insidiaeque ab- 
sunt et dira cupido, 

Studien z. engl. Phil. XXXI. 



1634 — 36». Eine Stelle des 11 99 ff. 
benutzten (lat.) Ephraemtraktates 
liegt unter. Vgl. zu frcetwe, blced, 
Schätze [bibl.] Lact., Sp. 820. 'lUe 
ad deum copiosus, ille opulentus 
adveniet, cui astabunt continentia, 
misericordia' usw. 



1636 b— 38. In den Quellen ist 
keine genaue Entsprechung für 
diesen Gemeinplatz zu finden. Vgl. 
Carmen VII, 4 ff. 

1638 — 47. 



Vgl. VII, 8. Gestautes rutilas prae- 
mia vitae Coronas. 



82 



Exclasusque metus, pulsaeque a 

limite curae . . . 
7. Et secura salus placidis laetatar 

in arvis 
Semper victura, semper in luce 

futura ... 
20. Uli exsultantes divinis laudibus 

omnes 
Orantesque simul referunt ad sidera 

voces 
Psallentes domino celebrant per 

gaudia grates 
Beatamque viam nuntiis comitan- 

tibus ibunt. 

Ps.-Joh. §27. Gott redet: „aW 1647— 64 liegt vielleicht inhaltlich 

Tore ovx eaziv növoq , ovx eoriv eher Ps.- Johannes zugrunde. Cooks 
Xvjtf], ovx BOT IV OT£vay/ji6g, o. i. Nachweis zu 1649 — 64, Gregor, 
fivtjGixaxla, — öäxQva, — (p&6voc, In sept. psalm. poenit. expositio, 
— [iiaaöeXipia, — döixla, — vTtfQtj- Migne, 79, 657. 8 ist zu vage; zu- 
(favla, — xaraXaXia, — TCtxQia, — treffender, besonders in der Form, 
[X£Qi[j.va ßiov, — növoq yoviwv tj Augustiu, Sermo ad fratres in 
Tixvfov, — növoq XQvolov, ovx Holv eremo 65, Migne, 40, 1351, welcher 
novrjQol Xoyiofioi, ovx eoziv öiä- in einer mhd. Predigt bei Leyser, 
ßoXoq, — d-ävaroq, — vv§, aXXa Deutsche Predigten des 13. u. 
ndvxa rjfxsQa' xa&wq nQoeiQtjxa' 14. Jahrh., S. 36 übersetzt ist (resp. 
xal aXXa nQoßara exo), d ovx benutzt). Hier wird (vgl. Cr.) 
eoviv ix xfjq avXijq xavxriq, xovx- aufser den 7 bei Cook genannten: 
saxiv xovq dvd^Qwnovq xovg bfioi- „vita sine fine, Juventus sine 
ovfisvovq xwv dyyiXojv Sid x^q senectute, lux sine tenebris, gau- 
ivaQsxov avxwv no?uzeiaq, xdxsZvd dium sine tristitia, volantas sine 
/u£ öel ayayslv (vgl. \5A^1.A8), xal molestia, requies sine labore, sa- 
xijq (pojvfjq (xov dxovowaiv, xal tietas sine fastidio, claritas sine 
ysvijosxai [xLa noi[xvri, slq noifiTJv. nube" weiter aufgezählt: Sie sulen 
(1660^ — 2 a ; vgl. Phon. 56 ff".) ouh sin splendida. schinhaftic 

und gut quia fulgebunt — . wanne die der rechticheit haben 
gestanden hie in ertriche . und widermüte und ungemach haben 
geliden durch das recht, und die daran ivol volheriet haben 
biß; zu gutem ende, da^ sin dan die gerechten, die sulen 
schinen und lüchten als die sünne in ires vater riche 
des almechtigen godes. Sie sulen ouch sin inpassibilia. 
unlidilich da^ sie nicht liden weder vrost noch hitze 
noch hunger noch dürst noch alles des nicht da^ un- 
gemach heilet, sunder sie sulen haben sogetan gemach 
und genade wunne und vroude. quam oculus non vidit . . . 



Cook vergleicht noch Migne, 40, 1353; 39, 2210; Blickl. Hom. 
S. 65; Wulfstan 139. 40 (Be Domes Daije, Bibl. 2, 269) u. 142. 43; 
Alsmann, Ags. Hom. (Bibl. d. ags. Prosa, Bd. 3) S. 166, 73; Pricke 
of Consc. 7814— 7; Müllenh.-Seherer, Denkm.s, 2, 32; Gregor, 
Moral. 9, 66. [Hiergegen halte man Kölbings Versuch. S. Phon.] 
Solcher Stellen wären noch Hunderte beizubringen. Sie gingen 
im breitesten Strom von der Beschreibung des himml. Jeru- 
salems, Apok. 21. 22, aus (vgl. 7, 15 — 17), waren aber schon im 
Alten Testament begründet, z. B. Jes. 49, 10 und 60, bes. 19 flF. 
Vgl. auch unter El. Lam. 1, Lactanz, De div. inst. 7, 27; ver- 
schiedene Schlüsse der Vercellipredigten in Wülcker, Grundr. 
d. ags. Lit., S. 490 ff. ; Hofmann, Münch. Gel. Anz., Bd. 50, S. 351 ff. 
Vollkommene Gewilsheit über die Quelle ist bei solchen Stellen 
fast nie zu gewinnen, da eine Vorlage in die andere tiber- 
geht. Wir halten uns an das gute Nächstliegende, Ps.- 
Johannes. 

Über 1665 — 93 hat Cook S. 225 die verschiedenen An- 
sichten zusammengestellt. Gollancz (Ausg. des Crist, S. 191) 
rechnet sie als eine Art Praeludium zum Güdläc, weil die Hs. 
nach 1693 keine Lücke zeige. In der Tat scheint 1686 — 89 
eine Beziehung auf die Dämonenkämpfe des Gü. aufzunehmen. 
Th. Arnold, Notes on Beowulf, S. 122, hält die Ansicht von 
Gollancz für unwahrscheinlich. Cosijn, Anglosaxonica IV, PBB. 
23, 114 f., dem sich Cook anschliefst, sagt: „Was folgt, ist ein 
selbständiges Stück über das Schicksal der frommen Seele, 
weiche die irdische Herrlichkeit, ])äs eor])an wynne, verlälst; 
dafs dieser Ausdruck nach dem Weltbrande sinnlos ist, leuchtet 
ein [dann mülsten auch alle Ermahnungen nach dem Welt- 
brande sinnlos sein, 1301 ff., 1549 ff., 1578 ff.] : die Begnadigten 
am letzten Tage werden en masse selig (V. 1635 resp. 1634); 
hier wird nur eine fromme Seele von ihrem Schutzengel him- 
melwärts geführt. In der Schilderung der himmlischen Wonne 
stimmen beide überein : vgl. V. 1640 (resp. 1639), Pcet is se ej)el, 
und V. 1683 (1682) , dcet sind 2)ä ^etimbru. Lächerlich scheint 
es mir, ein umfangreiches Gedicht Cynewulfs V. 1694 (1693) 
mit einem Fragezeichen endigen zu lassen; ganz verwerflich 
ist Gollancz' Meinung, dafs der Güdläc V. 1666 (1665) anfängt, 
statt mit dem feierlichen Mani^e sindon, wie der Heleand 
mit Mane^a wäron, und der Panther mit demselben Verse." 



84 

Die deutsche Forschung hat m. W. allgemein an dem Schlüsse 
mit 1693 festgehalten. 

Die Quellen zeigen, dals alle bis zu einem gewissen Grade 
recht haben. Man tut allerdings wohl am besten 1665 — 93 
als erstes Übergangsglied mehr zu Cr. 3, Gü. 1 — 63 als zweites 
Übergangsglied mehr zu Gü. zu ziehen. Die rhetorische Frage 
in Cr. 1690 — 93 fand der Dichter in Lactanz vor. Er be- 
antwortet sie mit der Güdläeerzählung, während Lactanz einen 
kurzen, positiven, ermahnenden Schlufsabsatz folgen läfst. 

Die wichtigste Tatsache jedoch, welche die Quellen mit 
unumstölslieher Gewifsheit ergeben, ist die, dals Cr. 3 und 
Gü. (in der vorliegenden Form, an einen früheren Gü. A. fehlt 
mir jedoch der Glaube, cf. unten) in einem Zuge gedichtet 
sind. 

Das beweist die von Cr. 1549 bis Gü. 63 ausgespannte 
doppelte Brücke der beiden Quellen: Lactanz, De div. inst., 7, 
27 und Ephraem Syrus, Sermo de poenitentia, der als lat. 
Traktat sehr verbreitet war: „Dominus noster, qui e sinu patris 
descendit, nobisque factus est via salutis . . .", Vossius, 
S. 119 ff. 

Der Gedankengang von Lactanz ist folgender: (Migne, 6, 
Sp. 818) 'Quoniam decursis propositi operis Septem spatiis 
(= 7 Bücher d. Div. inst.) ad metam provecti sumus, superest, 
ut exhortemur omnes ad suscipiendam cum vera religione 
sapientiam . . ., ut contemptis terrestribus et abjectis erroribus 
... ad aeterna coelestis thesauri praemia dirigamur . . . 
omittendae sunt voluptates, quae animas hominum perniciosa 
suavitate deliniunt. (819) Quanta felicitas aestimanda 
est subtractum bis labibus terrae proficisci (1665 — 7. 
Hierzu den Schluls v. Lact. Ergänzungen siehe unter Ephraems 
Sermo unten.) ad illum aequissimum judicem, parentem indul- 
gentissimum (cf. Cr. 1647), qui pro laboribus requiem (1676. 
89), pro morte vitam, pro tenebris claritatem, pro terrenis ac 
brevibus aeterna ac coelestia largiatur (1679 ff.) : cum qua 
mercede acerbitates ac miseriae, quas perpetimur in hoc 
mundo facientes opera justitiae (1678^79), conferri et 
coaequari nuUo modo possunt. Proinde si sapientes, si beati 
esse volumus, cogitanda et proponenda sunt (Wortlaut vgl. 
1578 — 83) nobis non tantum Terentiana illa: „Molendum esse 



85 

usque in pistrino, — vapulandum, habendae compedes": sed 
bis multo atrociora: carcer, catenae, tormenta patienda; sus- 
tinendi dolores, mors denique ipsa et suscipienda est et ferenda: 
[cum liqueat conseientiae nostrae nee fragilem istam volup- 
tatem sine poena nee virtutem sine divino praemio fore. 
Cr. 1575 f.] 

Universos igitur oportet operam dare, ut se quam primum 
ad rectam viam dirigant; ut susceptis operatisque virtutibus 
et bujus vitae laboribus patienter exactis consolatorem deum 
habere mereantur. Pater enim noster ac dominus, qui condidit 
firmavitque coelum , qui solem (vgl. die Anspielung in Gü. 22) 
. . ., perspectis erroribus hominum ducem misit, qui nobis 
justitiae viam panderet: hunc sequamur omnes . . . 

(820 oben.) Et quanto quisque annis in seneetutem ver- 
gentibus appropinquare cernit illum diem, quo sit ex hac vita 
demigrandum, cogitet quam purus abscedat, quam innocens ad 
judieem veniat: non ut faeiunt, quorum caecis mentibus lux 
negatur (Cr. 1672 f.), qui jam deficientibus corporis viribus in 
hoc admouentur instantis ultimae necessitatis , ut cupidius, ut 
ardentius hauriendis libidinibus Intendant. [Qua ex voragine 
liberet se quisque, dum licet, dum facultas adest seque ad 
deum tota mente convertat, 1578 ff.;] ut illum diem securus 
exspectat, quo praeses dominusque mundi [deus de singulorum 
factis cogitationibusque judicabit, 1582.] Quaeeumque hie ex- 
petuntur, non tantum negligat, sed et fugiat; potioremque 
animam suam judicet quam bona ista fallacia, quorum incerta 
et caduea possessio est; migrant enim quotidie: multo veloeius 
exeunt, quam intraverant; et tamen si nobis usque ad ultimum 
liceat istis frui, aliis certe relinquenda sunt. Nihil nobiscum 
ferre possumus nisi vitam bene atque innocenter actam. [Ille 
ad deum copiosus, ille opulentus adveniet, cui astabunt con- 
tinentia, misericordia, patientia, charitas, fides. 1634.] Haec 
est haereditas nostra, quae nee eripi cuiquam nee transferri 
ad alterum potest. Et quis est, 1690flf. Hier schliefst die Frage 

qui haec bona parare et ac- einen Absatz, der letzte gibt eine 
quirere sibi velit?' positive Antwort. Ebenso hat man 

sich den Gü. als Antwort auf die 
Frage 1690—3 zu denken. Ver- 
schiedenfach wird Güdläcs Leben 
als vorbildlich hingestellt. Besonders 



86 



Veniant, qui esuriunt, ut coelesti 
cibo saturati sempiternam famem 
ponent; veniant, qui sitinut, ut 
aquam salutarem de perenni fönte 
plenissimis faucibus trahant. Hoc 
cibatu atque potu dei et caeci 
videbunt et surdi audient et muti 
loquentur et claudi ambulabunt et 
stulti sapient et aegroti valebunt 
et mortui revivescent. Quisquis 
enim corruptelas terrae vir- 
tute calcaverit, hunc arbiter 
ille summus et verax ad lucem 
vitamque perpetuam suscita- 
bit. [Nemo divitiis, nemo fascibus, 
nemo etiam regia potestate confidat: 
immortalem ista non faciunt. Nam 
quicumque rationem hominis ab- 
jecerit ac praesentia secutus in 
humum se ipse prostraverit , tam- 
quam desertor domini et imperatoris 
et patris sui punietur. 1549 — 58.] 
Intendamus ergo justitiae, 
quae nos inseparabilis comes 
ad deum sola perducet; et 

„dum Spiritus hos regit artus" (cf. 
1579 f.), 
infatigabilem militiam deo mi- 
litemus: statlones vigiliasque 
celebremus; congrediamus 
cum hoste, quem novimus, 
fortiter, ut victores ac de- 
victo adversario triumphantes 
praemium virtutis, quod ipse 
promisit, a domino consequa- 
mur. 



762 ff. zeigen aber deutlich, dafs 
Gü. als Ergänzung (Erklärung) zu 
Cr. 1665 — 93 und in erster Linie zu 
den 4 letzten Versen gedacht ist. 

Hwider ... ist also zu übersetzen: 
„Wohin sonst soll des Menschen 
Sinn stehen, als dafs ..." Vgl. 
Cr. 1316 ff. 



1686 ff. In 16S8. 9 wird deutlich 
über die Quelle hinaus schon die 
Beziehung zu Güdläc, der dem 
Dichter offenbar als Muster vor- 
geschwebt hat, aufgenommen. Zum 
letzten Teil des Nachsatzes vgl. 
Cr. 1672. 



Dieser Schlufs ist die eigentliche 
Ursache für den des Cr. 3 geworden. 
Lactanz erinnert den Leser an den 
Engel, welcher die abgeschiedene 
Seele zu Gott leitet ; — ob er über- 
haupt an einen Zwischenaufenthalt 
zwischen dem Tode und dem jgst. 
Ger. gedacht hat, worüber nie in 
der alten Kirche Einigkeit bestanden 
hat, ist zu bezweifeln. (Vgl. Zarncke, 
Berichte d. sächs. Ges. d. Wiss. 18, 
190 ff. und Musp.) — 



Nachdem Lactanz in den vorhergehenden Kapiteln des 
7. Buches vom jgst, Ger. gehandelt hat, reflektiert er also im 



87 

Schlufskapitel über das Schicksal der Menschen nach dem 
Tode, Ebenso könnte sehr wohl ein ags. Poet sein Werk ge- 
schlossen haben. Cosijn a. a. 0. hat dies also mit Unrecht be- 
anstandet. 

Das schöne Bild des vom Engel himmelwärts geführten 
Seligen mufs für die damaligen Geistlichen (und nicht nur für 
diese) die allergrölste Wirkung besessen haben, und man wird 
trotz der rhetorischen Frage, 1690 — 3, nicht umhin können, 
hier das jüngste Gericht mit dem vorläufigen Aufhören der 
Lactanz- Quelle enden zu lassen und als neuen Abschnitt des 
Sammelwerkes Gü. zu betrachten. 

In den Inst. div. war keine deutlichere Personifikation 
des Engels und keine Spur von einer Anrede an die Seele 
vorhanden. Diese ist wohl einer Visio Pauli entnommen. 

(Tischendorf a. a. 0.) Apok. Pauli S. 43. ot ös dyad^ol 
äyysXoi oi jiagaXaßovrsg rrjv rpvxrjv xov öixaiov ^Oaoavro cbq 
yvcoQi^ov ovöav {greteä gcest Upertie 1669) xal sjcoQevd-i] ovv 
avTOig, xal e^rjXß-sv ro jcvevfia slg djtdvT?]öiv avxwv {ponne 
liy cet frymcte ^emetact 1665) Xsycov ö&vqo, ipvyjj, döeld-e dg 
röv rojiov rijg dvaördöEcog, ov ^zoifiaötv 6 d-eog xolg öixaioig 
avTov, Vgl. 1670 f. 

Vossius, S. 121, 2D. Dei enirn Den übrigen Inhalt des Grufses 

beatitado dignis continget: Beatita- wie auch die erste Fitte des Gü., 

dine autem se dignos praestiterunt sc. V. 1 — 63, nahm der Dichter 

sancti. Caelestis enirn tuba resona- ans Ephraem. Hier ist der be- 

bit dicetqiie: „Surgite, dilectissimi grüfsende Engel allerdings geradezu 

Christi! Ecce rex caelestis ad- einer, welcher das jgst. Ger. ver- 

venit redditurns vobis requiem^ kündigt. Allein zwischen diesem 
et gaudium in vitam aeternam;i) und dem Gericht nach dem Tode 

pro labore illo piae exercitationisi besteht ja in der ältesten Zeit , be- 

vestrae. Surgite et cernite Christum sonders auch bei Ephraem, kein 
regem, sponsum immortalem, quem *) scharfer Unterschied. Vgl. Masp. 
desiderabatis. Illius enirn a- 3) i)i676f. 2)i680i>f. 3)i67obf. 
more ac desiderio facti estis 
incolae super terram. Surgite, 

cernite decorem et magnam 1672f. 

ejus gloriam. Surgite, cernite 1673^.74. 
regnum ejus, quod paravit 
vobis. Surgite, intuemini Christum 
desiderabilem vobis. Surgite et 

videte dominum, cujus vos Cf. 1677f. 
aspectus sine satietate delec- 



tabit, quem dilexistis, propter quem 
passi estis, propter quem tribu- 
lationes sustinnistis, propter 
quem pietatis ac religionis 
studia coluistis. Venite nunc et 
videte eum cum fiducia, quem ex- 
petebatis. Gaudete et exsultate cum 
ipso laetitia in ineuarrabili, 
et gaudium vestrum nemo 
tollet a vobis. Venite, per- 
fruimini bonis, quae oculus non 
vidit nee auris audivit, neque in 
cor hominis ascenderunt, quae 
vobis donavit ipse desiderabilis 
dominus." 



16S6 — 9. 'tribulationes'; hier 
supponiert der Verfasser, der an 
Güdläc denkt, „durch Dämonen". 
Auch bei Lact, fehlten diese. 



1677 f. 

1674b f.; i6B2ff. d. himml. Jeru- 
salem, vgl. Apok. 21. 22. 



1685 b und 1682flf. allgemein. 



Ouaiac. 

(Ausg. V. Gollancz, The Exeter Book , E. E.T. S., 0. S. 104, 
1895, S. 106ff. Verszahlen gebe ich nach den bei G. ein- 
geklammerten V. Grein -Wülker.) 

Das zweite Übergangsglied zu Gü. bilden Betrachtungen 
über das Leben der Asketen. Die Benutzung des Ephraem- 
sermons ist stellenweise wörtlich, zugleich aber weit knapper 
als die etwas breite Vorlage. 



Vossius, S. 121, ID. Multi sunt 
sancti, justi ac pii deserentes mun- 
dum cum actibus ejus, qui praeclaro 
instituto atque consilio liberae volun- 
tatis bonaque spe praeceptis dei 
obtemperantes confidunt se divinis 
fruituros bonis in paradiso deli- 
tiarum . . . 

S. 121, 2A. Quid agis, homo? . . . 
Modi cum saltem vigila, o homo, te 
ipsum recoUige et agnosce ut sapiens, 
quoniam propter te deus exclusus de 
caelo descendit, ut te ex terra in 
coelum elevaret. 

Rückspringend: S. 121, IB. Nach- 
dem Ephraem zur Bufse ermahnt hat: 
Atque ista vestrae caritati, f rat res 
deo devoti, dico, non quod egol 
dignus sim et a sorde in hac vitaj 



1 — 5. Originell ist an der Aus- 
schöpfuug, dal's der Dichter sprüng- 
weise rückwärts gehend seine Vor- 
lage verarbeitete. Schon hier springt 
er vonVüssius, 121,2 D auf 121, ID. 



8b — 13. 



spelbodan geht demnach auf Ephr. 
zurück, denn die Haupttätigkeit der 



89 



mundus pure vivens: Sed ex 'deo devoti' war damals noch die 

multo dolore ac tristitia tribu- innere Mission. 

lationeque cordis ista commemoro Die 'tribulatio' wird S'^ auf die 

assidue mecnm cogitans, quid nobis ganze Welt übertragen. 

immineat, dum interim nos negli- 

gentes vivimns . . . Dazu 

S. 121, IC. Omnes enim contemptores sumus perpetuo 
existimantes nos in hoc saeculo vano vieturos in aeternitatem, 
cum saecnlum hoc transeat et cuneta, quae in eo sunt . . . 
ibi cruciabimur, quoniam dilectioni dei et regno ejus prae- 
tulimus terram et omnia, quae in ea sunt. 
Anrum et argentum non liberabit 14 — 17». Der Dichter spricht 



bildlich, wohl in Anlehnung an das 
Cr. 1634 ff. und dessen Quelle ge- 
brauchte Gleichnis : Die Schätze, die 
Früchte der Erde, sinken dahin . . . 
Vgl. auch 17i>ff. und 24 ff. 



17b_24a. 



nos ab igne illo formidabili, Vestes 
et delitiae in nostram condem- 
nationem reperientur ibi. Frater 
ibi proprium non liberabit fratrem 
neque pater vicisssim suum filium: 
sed stabit unusquisque in ordine suo 
et in igne. Multi saut ... (V. 1.) 

121, iE. (Die Gegenperiode.) At 
multi sunt homines, qui terrena ap- 
petunt et corruptibilia mundi, quo- 
rum mens semper in corruptibilibus 
defixa haeret . . . quasi immortalem 
haue vanam sibi vitam ducerent. 
Quid agis, homo? Quid vitam ut 
rationis expers traducis ? Prudentem 
atque intelligentem et discernendi 
compotem te creavit deus. Ne 
similis fias tua imprudentia demen- 
tiaque jumentis insipientibus. Kurz 
vorher von den Heiligen: Et deus 
sanctns, justus et verus largitur eis 
caeleste suum regnum m a j o r e m q u e 
iis gloriam donat, ut videant 
ipsum cum sanctis angelis semper 
in gaudio. At multi . . . 

Von 24 — 55 greift der Autor wiederum in der Vor- 
lage nach rückwärts und geht den Inhalt der Predigt kur- 
sorisch durch, um 55 — 63 dies Verfahren verstärkt zu wieder- 
holen. 

Eine genauere Entsprechung für 24^ — 26 fehlt, aber eine 
Nebenquelle braucht nicht angenommen zu werden, da beide 
Stellen dem Sinne nach sich sehr nahe kommen. 



Vgl. 22. 



fcegran ^efsan bringe 19. 



90 

Vossius, S. 120, IE... deus . . . praecognitor futurorum 
est sciens universas cogitationes nostras, quando quis ad eum 
adorandum aceedit, ut sanetur. Videt cor ejus omneque pro- 
positum aceedentis ad ipsum . . . Tune benignissiinus deus . . . 
protinus ab inquirentibus se invenitur, et priusquam oculos ad 
deum attollat, dicit ipsi: Adsura . . . 

120, 2 B. Beati enim cuneti suraus homines, qui dominum 
adeo habemus bonum . . . 

120, 2 C. Fundamus lacrymas quamdiu tempus est susei- 
piendi nostras lacrymas, ne abeuntes in saeculum illud absque 
fructu et utilitate ulla plaugamus. (Vgl. 14 if.) 

120, 2D. Dens nostra peccata et 27 — 29. Vgl. 23ff. 
iniquitates [nobis resipiscentibus 
delet.] 

120, 2 D. Hie remissio, ibi in- 30. Eine längere Aufzählung von 

quisitio; hie longanimitas, ibi seve- den Gegensätzen der Welt und des 
ritas . . . Jenseits ersetzt der Dichter durch 

diesen allgemeinen Satz: Viele sind 
berufen . . . Den Schlufs dieser 
Kette nimmt er auf. 

1 20, 2 E. hie elatio, ibi humiliatio ; V. 3 1 . 2. 

hie rapinae, ibi dentium Stridor. 33 — 6. Vgl. 27j0F. zu 'rapinae'. 

Hie cuncta deaurata, ibi tenebrarum In 85 f. spricht der Dichter für seinen 
caligo; hie desidia, ibi nulla delic- Helden, doch offenbar in Anlehnung 
torum venia. an 'desidia'; dazu s. a. das Folgende. 

Atque omnia ista 37 — 41 ». 

seientes, fratres mei dilectissimi , cur nostrae salutis adeo 
sumus ignavi ? Non igitur mens nostra, fratres, in amore atque 
dulcedine rerum terrenarum defixa haereat . . . 

121, 1 A. Plange hie modicum, ne plangas ibi in saecula 
saeculorum. 

121, IB. Si autera hie nolueris 41^ — 4». 
ex multis pauca reddere, ibi multis 

adhibitis cruciatibus omne tuura de- 
bitum persoluturns es. Atque ista ve- 
strae caritati, fratres deo devoti [43 ^. 
44 "] , dico, non qaod . . . (Vgl. 8 ff.) 

121, ID. [Vgl.Gü. tff.] Multisunt 44b— 55*. Mit dem Schlufs- 
sancti, justi ac pii deserentes^) gedanken beginnt der Dichter und 
m und um cum actibus ejus, qui prae- nimmt durchaus frei, was er braucht, 
claro instituto atque consilio liberae heraus. V. 48 kann ein Nachklang 
voluntatis bonaque spe prae- 2) von Ps.-Chrysost., Sp. 778 sein, wo 
ceptis dei optemperantes con-3) beides erwähnt wird (vgl. Cr. 1 501 ff.), 



91 



3) 45 b. 

6) 51b. 



fidnnt se fruitnros bonis in '•) oder mit derselben Wahrscheinlich- 
paradiso delitiarum: Christum keit auf CarmenlX, 13f. beruhen: 
enim expetentes omnibus corrupti- Selig wird, qiü . . . 
bilibus praetulerunt ipsum (40 b). Axit iuopem quotiens opibus soletus 
Quapropter etiam quotidieindeo^) amicis 

exsultaut et in Christo illuminan- Atque laborantes uimium subvenit 
tnr ac in spiritu sancto conquiesonnt egenos, 

indesinenter gaudentes. Exsultat ^) Pauperis adjutor. 
in eis sanctissima trinitas. ^) 52 — 54». 2)4gb — 47a, 

Vere hi sunt laudabiles, '') 46». '')54b.55». s)5la. 
gloriosi atque beati per '') 44b. 45». 
o m n i a. 

Vossius, S. 120, IC. Quousque 55b — 63. 
adversario (sc. diabolo) tuo im- 
purissimo consentis impudeuter ejus 
voluntatem perficiens? Ille enim te 
quaerit in ignem aeternum projicere : 
hoc ejus est Studium, hoc ipsiusl 
munus, quod suis largituramatoribus. j 
Ipse concupiscentiis suis 
pessimis et immundissimis 
cum omnibus hominibus bel- 
lum gerit. Ipse rursus scelestus 
adversarius in desperationem per- 
ducit obedientes sibi . . . Fuge hunc, 
o homo, odio et abominationi blan- 
ditias ejus habe. Detestare malignum 
et fuge dolosum: homicida enim 
est ab initio usque ad finem; fuge 
ipsum, homo, ne te interficiat. 



Vgl. Musp. 45b. 



55 f. in Jnl. 376 f. übernommen. 

Aber gegen ihn schirmen die 
Schutzengel. Vgl. Cr. 759 ff. 

Homicida ist in der älteren Lit. 
eine öfters gebrauchte Bezeichnung 
für den Teufel. Vgl.Cyrill.v.Alexand., 
Migne, Graec. 77, 1071. Die ags. kenningar, welche diesem 
und ähnl. lat. entsprechen, (für Cynewulf vgl. Jansen, Beitr. z. 
Synon. u. Poet. d. Dichtgen. Cynewulfs, Diss., Münster 1883) sind 
daher nichts als Übertragungen. 

Nun folgt die Erzählung von den Versuchungen Güdläcs. 
Es findet sich 64 — 761 nichts, was mit Bestimmtheit auf diese 
Quellen hinwiese. 

Man nahm auf Grund angeblicher geringerer Stilverwandt- 
schaft mit den bisher als echt angesehenen Werken Cynewulfs, 
auf Grund der Angabe, dafs sich Lebende noch der Zeit des 
Heiligen entsännen (während nach V. 7910". ein Buch als Quelle 
genannt werde, vgl. jedoch 848 ff.), ferner auf Grund der Quellen- 
verhältnisse (V. 1 — 790 sei unabhängig von Felix von Croy- 
lands Erzählung, 791 — 1353 eine treue Übertragung da- 



92 

von 1"'), für die erste Hälfte des Gedichtes einen anderen, früheren 
Verfasser als Cynewulf an. Meine Quellenbelege schneiden grolse 
Stücke von dem sog. Güdläc A ab und weisen sie Cynewulf 
zu. Wer dem Gebrauche der Schwellverse Gewicht beilegt, 
möge bedenken, dafs in den lebhaft bewegten Kämpfen der 
Verse 1—790 3,9o/o, in 791—1353 l,7o/o [Cr. 3 41/3 »^/o, El. 11/5%] 
vorkommen, was zu Cr. 3 (und El.) gut stimmt. Für die Ver- 
schiedenheit des Verf. von „Gü. A" und „Gü. B" könnte man 
geltend machen, dals die Abgrenzung des Fittenumfanges diffe- 
riert. „Gü. A": 63 (+ Cr. 1665—93), 77, 92, 142 (368 fehlt ein 
Blatt, also dann wahrscheinlich 2 Fitten), 126, 89, 104, 97. 
Die Verszahl ist hoch und stark schwankend gegenüber „Gü. B": 
75, 83, 84, 74, 90, 82, 74 (un vollst. Schlufs). Mindestens, glaube 
ich, müfste man an eine Überarbeitung des Gü. A denken. 
Vgl. 197—99, 375. 76, was offenbar auf Cr. 759 ff. zurückweist. 
Allein es will mir jetzt nicht mehr in den Sinn, dals ein 
Dichter vom Range Cynewulf s, der in meinen Augen einen 
früher ungeahnten künstlerischen Rang einnimmt, der alles 
nach Quellen arbeitet, das Gedicht eines Fremden in sein Werk 
eingeschoben hat. Doch muls die Entscheidung dieser Frage, 
die für frühere Zeiten bekanntlich ganz anders als heutige 
zu beurteilen ist, offen bleiben. Mit 762 beginnt wieder eine 
deutliche Benutzung von Lactanz 7, 27 und mit 788 des Carmen 
in Cynewulfs Fassung. Genau wie in Cr. 3 ist hauptsächlich 
der Anfang und das Ende des Kap. 27 verwertet. Aber Cyne- 
wulf wiederholt sich nicht sehr, sondern bringt im wesentlichen 
Neues. 

762—8». Vgl. Cr. 1665 ff. und zu 
Gü. 768 ff. 

Lact. 7, 27. (Sp. 818, erster Satz.) 768^ — 73. 
. . . exhortemur omnes ad suscipiendam cum vera religione 
(770^) sapientiam (772^, vgl. unten), cujus vis et officium in 



1) M. Rieger, Zs. f. d. Ph. 1 , 325 f. Hans Forstmann, D. ae. Ged. Gü. 
d. Einsiedler und d. Gü.-Vita d. Felix, Bonn. Diss., 1901. Der Beweis von 
F. hat mich nicht überzeugt. Die Möglichkeit einer freien Benutzung 
des Felix, dessen Darstellung absichtlich gekürzt sein kann, um den Tod 
mehr zur Geltung zu bringen, ist durchaus offen. Ein Satz stimmt wört- 
lich. Aufserdem beweist die Berufung auf lebende Zeitgenossen (372) 
nicht, dafs alles oder überhaupt etwas aus mündlichen Quellen stammt. 



93 

eo vertitur, ut contemptis terrestribus (773) et abjectis erroribus 
(779") ... ad aeterna coelestis tliesauri praemia dirigamur. 

Daza Sp. 820 unten: Nihil nobiscum ferre possumus nisi 
vitam bene atque innocenter actam (771). 
Schlnfssatz (Sp. 822): Intendamus 774 — 83. 

ergo justitiae, quae nos inseparabilis comes ad deum sola 
perducet; et 

„dum Spiritus hos regit artus" (774*), infatigabilem mili- 
tiam deo militemus, stationes vigiliasque celebreraus (781); 
congrediamus cum hoste (775^, ßrenlustas 775, vgl. Cr. 759 ff.), 
quem novimus (774''), fortiter, ut vietores ac devicto (775*) 
adversario triumphantes praemium virtutis, quod ipse promisit, 
a domino consequamur. (777 = Cr. 1581, wo der Vers deutlich 
auf Lact, beruhte.) 

Dazu Sp. 820 f.: Ille ad deum copiosus . . ., cui astabunt 
continentia (780'^), misericordia (776), patientia (vgl. 782"), 
charitas (782'^), fides (770, vgl, oben) und der vorletzte Satz 
[Cr. 1549 — 58]: Nam quicumque rationem hominis abjecerit ac 
praesentia secutus . . ., punietur (783). 

784—90 nehmen die Vorstellung des himml. Jerusalem aus 
Cr. 1681 ff. wieder auf. 

VII, 17. (Deus jubet justos . . .) 788^ — 90 ist eine genaue Über- 
Degere perpetnam praeclaro in cor- tragnng aus dem hiermit wieder au- 
pore vitam. hebenden Carmen. 

Dazu VII, 15. 16. Ire per antiqua 
semper florentia regna, 
Ditia per nemora, semper amoena 
vireta. 

In der nun hsl. durch 3 Zeilen getrennten, folgenden Fitte 
beginnt eine treue Bearbeitung des V. Kapitels von Felix (ASS., 
11. April). Aber schon Rieger a. a. 0. hat bemerkt: „Das Motiv 
der Schöpfung des Menschen und des Sündenfalles findet sich, 
nur ohne des Dichters breite Ausführung, bei Felix." 

Felix, Kap. V. Verum quoniam humanum genus ab 
initio mortalis miseriae quotidie ad finem decurrit, mutatis 
temporibus generationes (Gü. 791) et regna mutantur, ad 
quem terminum dominus et servus, doctus et indoctus, juvenis 
et senex pari conditione demerguntur: et licet meritis, poenis 
praemiisque disjungamur, tamen nobis omnibus restat exitus 
idem. Nam sicut mors in Adam est, ita et in omnes domina- 



94 

bitur: quisquis enim hujus vitae saporem gustaverit, amaritu- 
dinem vitare nequit (Gü. 840 f. und 843 ^ 44-'). Contigit ergo 
inter haec, postquam dilectus dei Guthlacus ter quinis annorum 
voluminibus devoto famulatu superni regis vitam duxit soli- 
tariam, eece . . , damit beginnt nun die Erzählung: und ihn 
Christus zu sich nehmen wollte, traf ihn plötzlich ein 
Anfall . . . 

791: Beet is Wide cüct ('quoniam') ivera cneorissum ('gene- 
rationes'), 8401 and 843^ 44* stammen aus Felix. Das übrige 
geht der Hauptmasse nach auf diejenige Fassung des Carmen 
zurück, welche wir durch Cr. 2 und Cr, 3 schon verfolgt haben: 
Eine B- Fassung, welche dem originaleren A näher stand und 
Vorlage von C oder deren nächste Verwandte gewesen sein mufs. 

Schon 788 hatte die Wiederbenutzung des Carmen be- 
gonnen, wir haben also auch hier eine Brücke zwischen „Gü. A" 
und „Gü. B". 

Im Phönix, wo dieses lat. Gedicht am weitläufigsten aus- 
geschöpft wird, ist die Sündenfallepisode ebenfalls vorhanden, 
393 ff. Doch können diese Verse nicht Quelle für Gü. sein, 
da hier fast alles auf das Original zurückgeht. Vgl. Gü. 800'', 
810, 816 {to mr), 827''ff., 832—35% 835^ 36. 

Die Entsprechungen sind nun folgende: 791. 92*. Die 
Eingangsformel fulst sichtlich auf Felix, Kap. V, würde also 
nichts für den Anfang eines Gedichtes beweisen. (Vgl. das 
Vorkommen der noch stärkeren Eingangsformel des Beow. und 
Andr. in El. 364, 670, 853, wo nur ein neuer Abschnitt oder 
gar nur eine Rede beginnt.) Vielleicht ist durch sie der 
Schreiber veranlafst worden, vorher drei Zeilen Zwischenraum 
zu lassen und mit Majuskeln zu beginnen. Ein stärkerer Ein- 
schnitt (der die hsl. Einrichtung rechtfertigt) liegt sicherlich 
vor: „Gü. A": Leben und Dämonenkämpfe, „Gu. B": seliges 
Ende; dazwischen zwei Betrachtungen, von denen die erste, 
762 — 90, zu Cr. 1665 — 93 Beziehungen hat, die zweite, 
791 — 850% den Tod Güdläcs vorbereitet (gleichsam begründet, 
weshalb der Heilige überhaupt sterben mulste). Der ganze 
Passus, den wir ähnlich noch öfters eingeschoben finden werden, 
ist aber nichts als eine Ausspinnung des Felix. 

Carmen I, 16. 17. Quis hominem 791— 5». Vgl.'primushomo'III, 12. 

laeto potaisset fingere limo, 



95 



Unde genus vacuo potuisset crescere 

saeclo. 
II, 12 u. 14. Omnipotens solus, cui 

parent omnia rerum, 
Qui sibi complacitum hominem forma- 

vit in aevum. 



795b — 97a ffei; vgl. jedoch Hila- 
rias in Genesin 125 ff. unter Beow. 
797b — 99a. 

799 b. 800. 



801- 
791 ff. 



-13. Zu 812 a vgl. II, 14 unter 



II, 20. Ilanc manibus caram di- 
lexit fingere form am. 

III, 5. 6. Quanta deus homini 
permisit mnnera mundi 

Et praedulce sui signavit pignus a- 

moris. 
VII, 13. Von den Seligen nach 
dem Spruche des jgst. Ger. (worauf 
in VIII, IX eine ausführliche Schil- 
derung der Paradiesesfreuden folgt); 
von da auf die Edenheimat von Adam 
und Eva übertragen: 
VII, 13. Indutosque jnbet de- 

victa morte (802'») vigorem 

(801b) 
Semper inexstinctas habere luminis 

auras [Hartel: TW auram; H. 
meint oram (= harn?); A habitare 
ad 1. a.] 
Ire per antiqua semper florentia 

regna, 
Ditia per nemora, semper amoena 

vireta, 
Degere perpetuam praeclaro 

in corpore (804b) vitam (803). 

In Phon. 15 ff., 53 ff. wird das Reimspiel 801 f. variiert. 
Zu 810 vgl. Cr. 777, Gü. 1149. Fehlerhafte Lesart ist 
zweifellos Phon. 513, wo U^es ^wst von Gollancz stehen ge- 
lassen ist. Hier haben wir ein besonders rein ausgeprägtes 
Beispiel für das Entstehen einer Formel. In Cr. 777 zum ersten 
Male auf Grund derselben Quelle : Uf, leomu, llc ond ^cest. Der 
Genitiv Vifes ^mst in Gü. basiert auf der von der Bibel, von 
Cr. 1381^: s^af ic äe Uf^endne ^cest (vgl. Cr. 1453) und von 
B, II, 22 abweichenden A- Lesart. 
B. II, 22. Spiritu vivificam affla- In Gü. 1149 und Phon. 513 wird 
vit vnltibus auram. die ganze Formel (= Mensch) fertig 

A. Spirituque adflavit vivendi v. a. übernommen. 



805b — 7. Die A-Lesart 'habitare' 
(812) und B 'habere' (804 neotan, 
vgl. jedoch Cr. 1390) machen sich 
den Eang streitig. 

Hieraus erklärt sich in 808 ff. der 
seltsame Ausdruck. Adam und Eva 
besafsen ja schon das Paradies ! Im 
Zusammenhange des Carmen hatte 
die Erwerbung desselben Sinn. 



96 



Zu 813 vgl. Cr. 1650 ff., den Lohn der Gereeliten, wo un- 
widerleglich die systematische Übertragung der Anschauungen 
über die zukünftige Seligkeit auf das Paradies der ersten 
Menschen klar liegt. Dasselbe gilt vom Phönixdichter mit den 
gleichen Partien des Carmen und der Phönixheimat. 
111,1. Immemor ille dei, temere 814—10*. halbes word ersetzt den 

committere tanta, Inhalt des Verbotes im Carmen. 

Nee ultra monitum quidquam con- 

tingeret: unum, 
Unde malnm sciret et unde dignosce- 

ret aequum 
Protinus, inlicitum vetuit contingere 
pomum. 
III, 12. Jamjam primus homo 

doinini mandata mutabat 
III, 1. Immemor ille dei temere 

committere tanta. 
III, 14 — 16. Nam peccati malum 
commisit femina primum, 
Prodidit atque suum decepit lege 

maritum. 
Eva persaasa male patefecit 

limina letho. 
A: E. inducta dolo. 
III, 17. Et sibi cum genere crea- 

vit funera toto. 
III, 20. 21. Agricolaeque labor 
agitavit saevius aunum, 
Callidns hoc zelo serpens injecit 

iniquo. 
A. Atque labor corruptum agi- 
tavit saevior orbem. 
C. h. c. 8. inlexit in ipso. 
III, 13. Conjuge cuncta mala sua- 

dente morte peribat. 
III, 22 f. Inde magis populi multa 
commissa malorum 
Et nefanda malis pepererant semina 
factis. 
III, 18. Hinc nefas incautom, mors 
emanavit in aevum. 
A: mors hinc quasi semen in ae. 
III, 19. Inde magis facinus facile 
percrebuit alt um. 
A: Spargitur, inde magis facinus 
percrebuit atrox. 



816b. 17. Die Schlechtigkeit der 
gesamten Menschheit deutete Ps.- 
Cyprian mit 'jamjam primus homo', 
der ags. Poet danach mit i!ö «r 8 1 6 an. 

818 — 23. ßurh deofles searo 822 
entspricht der A-Lesart; vgl. Phon. 
400 f., 419 a. 



824 — 27*. 

827b — 9a. Hier liegt eine A- und 
eine B- Lesart unter: 827 b. 28 B, 
829aA. 



829^—31, 



832 — 35 a. 



835 b. 36» 'emanare', „unter die 
Leute kommen", ist wörtlich über- 
setzt, also eine sichere B- Lesart. 

836^.37». Dem 'altum' (,der hohe 
Himmel"?) soll vielleicht ^eond wid- 
dangeard entsprechen; dann wäre wie- 
der B bestimmend gewesen, vgl. 843. 



97 



Felix: quisquis enini 
(s. oben). 
Felix: (s. oben). 



nequit 



Carmen IV führt aus, dafs Gott in 
seinem ewigen Ratschlüsse eine Auf- 
erstehung und eine Vergeltung an- 
gesetzt hat: . . . Alle werden sterben: 
IV, 11. lUicet occultis alias (sc. 

animas) includi tenebras[bris], 
Ast alias laetis revocare[i] protinus 

auris 
Servari penitus decreta ad prae- 

mia legis 
Donec iterum [m] ortis resurgant 

Corpora membris. 
A. a. 0., S. 238. Durch den Sünden- 
fall kam Tod und Verbrechen in die 
Welt, welches durch die Sintflut ab- 
gewaschen wurde. Darnach kam 
zwar ein besseres Geschlecht auf, 
allein das Gift blieb in der Welt. 
V. 194ir. (Schlufs). 
Tum populus surgit melior, tum 

purior undis 
gens hominum magnos terris pari- 

tura uepotes. 
Inde sacerdotisin caelumdedita 

corda, 
hinc inter flammas pueri cantare 

parati 
et puer, inpasti quem non tetigere 

leones. 
reges cecinere denm, tum 

vera prophetis 

ora sonant caeli subole 

(^(Ssthäligra etc.) splenden- 

tia terris (846f.). 
quamvis cuncta deo servirent crimine 

victo, 
attamen antiqui etiamnum gutta 

veneni 
spargebat populos et erant vestigia 

fraudis, 

Studien z. engl. Phil. XXXI. 



tum 



200. 



837b — 43a. 

843b. 44 a. 

Mit dem folgenden Gedanken, 
844b — 50 a, lenkt der Dichter wieder 
zu seinem Stoffe über. Diese Ver- 
kettung ist nicht ans Ps.-Cyprian 
entnommen, welcher kaum anklingt, 
sondern aus einer schon 795 ff. viel- 
leicht benutzten, kurzen Genesis des 
Hilarius v. Arles(?), Corp. script. 
eccl. Lat. 23, Wien 1891: Cypriani 
Heptateuchos ed. E. Peiper, S. 231 flf. 
Dieses Stück (204 Hexameter) wird 
an entsprechenden Stellen des Phönix 
und des Bcowulf zur Ergänzung des 
Carmen gleichfalls herangezogen. 
Vgl. über es G. Krüger bei Herzog 
(Pütt, Hauck), Realencyklop. f. 
Protest. Theol. u. Kirche ^ VI, 409, 
18ff. 



[Man vergleiche hierzu die merk- 
würdige Tatsache, dafs in dem Cod. 
Exon. auf Gü. das Lied im Feuer- 
ofen folgt.] 



Der Angelsachse nimmt den Inhalt 
der vorhergehenden Aufzählung in 
den Satz mit pEah (V. 844) auf. 



08 

[quae bouas ablneret doctor nie- [Dieser Schlufsvers ist oifenbar 
lioribus imdis] für den sich aus andern Gründen 

als identisch mit dem Gü. -Verfasser 

erweisenden Phönixdichter Anlafs 

zum Schlufs des gleichen Carmen- 

passns mit Phon. 420 — 23 geworden.] 

An eine Verschiedenheit von Verfassern des „Gü. B" hat 

bisher niemand gedacht. Wir haben nicht den geringsten 

Anlafs dazu. 

Wir müssen nun, meine ich, auf Grund der hier gegebenen 
Nachweise ohne weiteres annehmen, dafs Cr. 3 und Gü. (s. 
jedoch zu Gü, 64 ff.) als homiletisch-episches Sammelwerk ein- 
heitlich gedichtet sind, direkt im Anschlufs an Cr. 2. Wer 
mit Wülker für Gü. B schon nach der bisherigen Forschung 
Cynewulfische Provenienz ansetzte, mufs nun das ganze Werk, 
Cr. 3 bis Gü. B einschl., dem Dichter wegen der fortlaufenden 
Quellen zusprechen. 

Aber überhaupt lassen sich die Fäden zu sicher Cyne- 
wulfischen Gedichten vermittels der Quellenbelege so straff 
und so reichlich ziehen, dafs es nicht mehr möglich ist, die 
Autorschaft Cynewulfs zu umgehen: Cr, 2 bildete (mindestens!) 
das Sprungbrett unseres Dichters, seine Formelbildung knüpft 
direkt an Cr, 777 an auf Grund derselben Quelle wie Cr, 2. 
Cr, 959, 1536^ f. sind sicher aus dem Eleneschlusse entlehnt, 
denn dafs sich zufällig ein zweites Mal genau dieselben beiden 
Ideen des Ambrosius und des Caesarius (die vielleicht auch 
sonst gelegentlich selten vorkommen mögen) in einem so ver- 
wandten Werke der Cynewulfgruppe ohne Anlafs der Eigen- 
quellen wiederfinden, ist ausgeschlossen. 

Für die späteren Arbeiten des Dichters: Phönix, Andreas, 
Beowulf, Juliana, welche eine widerspruchslose Entwickelungs- 
reihe bilden, läfst sich in zahlreichen Fällen nachweisen, dafs 
dieselben Vorlagen wie in diesem Werke, zum grofsen Teile 
dieselben Stellen mit genau den gleichen Tendenzen benutzt 
sind, dafs gegen die Eigenquellen die hier erschlossenen Formeln 
und Ideengruppen wörtlich übernommen sind (und für Phon, 
und Gü. speziell ist Identität der Verfasserschaft unbedingt 
sicher). Daher scheint mir ein Leugnen von Cynewulfs Autor- 
schaft gegenüber alledem absurd. 

Die Behandlung der Quellen ist dieselbe, die wir an 



99 

Cynewulf gewohnt sind: Im grofsen und ganzen treu dem 
Gedankengange, seltener frei, manchmal wörtliche Übertragung, 
meist freier Ausdruck. 

Der weitverzweigte StoiT des jüngsten Gerichtes brachte 
eine reichlichere Komplikation der Quellenverhältnisse mit 
sich. Des Dichters Kombination hatte einen gröfseren Spiel- 
raum als bei real -epischen Gegenständen. Man wird nicht 
verkennen, dafs er originelle Gedanken von allen Seiten zu- 
sammengetragen hat, freilich unter Bevorzugung der griechi- 
schen Literatur und Ephraems. Zahlreiche Schwellverse heben 
die Leidenschaft und Erregtheit deutlich heraus. Der Stoff 
hat den Dichter, der immer wieder die Grölse und Furcht- 
barkeit dieser Ereignisse betont, beträchtlich erhitzt. Es 
raüfste nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn wir nicht 
Cynewulf, der immer wieder auf das jüngste Ger. hinweist, 
gerade diese, die einzige ausführlichere, Darstellung des jgst. 
Gerichtes zuschreiben sollten. 

Über den breiten Erfolg des Werkes, das also auch 
von dieser Seite her einem namhaften Dichter zuzuerkennen 
ist, werde ich noch Belege bringen. Vgl. Hei. 

Mit der Feststellung der Verfasserschaft Cynewulfs für 
Cr. 3 bis Gü. und der Tatsache, dafs Cr. 3 mittelst der Quelle 
an Cr. 2 in direktem Anschlüsse angefügt ist, dürfte auch die 
Zugehörigkeit von Cr. 2 zu dem Sammelwerke Cr.-Gü. er- 
wiesen sein. 

Anmerkiing. G. Biuz, Untersachungen zum ae. sog. Crist aus der 
Festschrift z. 49. Versamiul. deutsch. Philol. u. Schulm., Basel 1907, S. 181 
bis 197, sucht aus dem Wortschatze, aus Laut- und Wortformen, Syntax, Stil, 
Metrik as. Herkunft des Cr. 3 wahrscheinlich zu machen. L. L Schücking, 
Herr. Arch. 120, S. 209— 12 beleuchtet diese Hypothese sachgemäfs. Nach 
meinen Qiiellenbelegen bedarf sie keiner weiteren Erörterung. 



Phönix. 

Herm. Gaebler hat in seiner (Leipz.) Dissertation : Über die 
Autorschaft des ags. Ged. vom Phönix, Halle 1880 (= Anglia III, 
488^526, wonach zitiert wird), die Vergleichung des Phönix 
mit Cynewulfs echten Werken angestellt. Auf Grund der 
Quellenbehandhing, des Verses, des Wortgebrauches, der 
Formeln und der Parallelstellen weist er ihn Cynewulf zu. 



100 

Edw. Fulton, Mod. Lang. Notes 11 (1896), S. 146 ff., einem 
Teil seiner Dissertation: On the Authorship of the Anglo-Saxon 
Poem Phoenix, hat, sich an Gaeblers Argumente anklammernd 
und einige metrische Statistiken und sprachliche Beobach- 
tungen anderer zusammenschreibend, Cynewulfs Verfasserschaft 
bestritten. Die Schwäche von Fultons Arbeit, dessen ganze 
Weisheit im Widerspruche zu Gaebler besteht, ist längst er- 
kannt, Trautmann, Kynewulf, S. 117f., hat die sprachlichen 
Argumente zutreffend beleuchtet; den metrischen Statistiken, 
die nach Sievers' Typen gearbeitet sind, steht er prinzipiell 
ablehnend gegenüber (S. 23 f.); ich halte allerdings mehr davon 
als Trautmann. Fulton hätte durch seine Zahlen geradezu 
auf die starke Möglichkeit Cynewulfischer Herkunft gedrängt 
werden müssen. Man möge sich die Tabellen ansehen und 
sich fragen, ob nicht die Phönixzahlen verblüffend verwandt 
sind mit denen von Cynewulfs Werken. Ob diese unter- 
einander mehr stimmen (Fulton, Sp. 167), ist insofern völlig 
gleichgültig, als überhaupt Phönix sich deutlich zur Cynewulf- 
gruppe stellt; und dafs sie nicht vollkommen parallel gehen, 
läfst sich aus der überschwänglichen Stimmung des einen my- 
thischen Gedankenkreis behandelnden und anderen Versbau mit 
sich bringenden Phönix vollauf verstehen. 

Das über den „Stil" Vorgebrachte ist einfach aus den 
Fingern gesogen: Erstens soll der Phönixpoet von einer 
sonnigeren Gemütsstimmung sein als Cynewulf, der mehr 
„gloomy and refleetive" sei. Gegenübergestellt werden Cr. 
789^ ff.: Huru ic wene me . . . und Phon. 598, wo von den 
glänzenden Taten der Seligen die Rede ist: 

weorc änra ^ehwces 
heorhte hlicect . . . 
Beide Stellen beruhen aber nicht nur auf den Quellen, wie 
man nachsehen möge, sondern es sind ganz verschiedene, un- 
vergleichbare Dinge, dals sich jemand sündig fühlt, und dafs 
die Werke der Guten leuchten werden beim jgst. Ger. 
Zweitens soll sich das verschiedene religiöse Temperament 
zweier Verfasser darin kund tun, dafs Cynewulf (nach Jansens 
Diss.: Beitr. z. Synon. u. Poet. v. C.'s. D. Münster 1883 [welche 
nach veralteter Ansicht Cynewulf El., Cr. I, II, III, Jul. und Rä. 
zuschreibt]) 54 Bezeichnungen für Christus, 37 für Gott gebrauche, 



101 

im Phon, aber 17 (29) für Gott, für Christus nur 4 vorkämen. 
Fulton vergilst bei der Zahl 4 vollständig, dafs Phönix ja 
selber symbolisch gleich Christus ist; und dieser hat 38 Be- 
zeichnungen, von denen folgende erst durch die Deutung auf 
Christus möglich werden: 112 heaJimöd, 144 2)nst ^e])onces 
sleaiv, 165 Jieoden mwre, 228 Jieaporöf, 262 se mödja, 267 jeons^ 
geofena ful, 286 headucrceftig, 288 sunnan ])ejn (vgl. 587), 319. 
354 ce])elmg, 344 cynin^, 345 leof leodfruma, 348 dujuäa wyn, 
350 se sGSceUsa, 353 ^üdfreca [361 se ead^a]. Aber auch sonst 
ist dem ags. Dichter die Deutung stets vor Augen ; anderer- 
seits ist das fortwährende Zurückgreifen auf den Wundervogel 
im zweiten Teile des Gedichtes die Ursache, weshalb andere 
Bezeichnungen für Christus zurücktreten. Zudem sind es nicht 

4, sondern 1. folgende 6: 420 ivuldorcynins , 422 moncynnes 
gefea, 422 me])ra frefrend, 423 se än^a Tiyht, 647 jodbearti, 
590. 616. 650 hcelend, 2. eine gröfsere Anzahl zweideutiger, 
wo Gottvater und Christus ineinander übergehen. Der ur- 
sprünglicheren, jüdischen Anschauung gemäls richtet Jehova 
{= Gottvater); aber in dem Evang. heilst es bekanntlich: 
„Wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlich- 
keit . . ." [und diese Anschauung herrscht in der Christenheit!] 
In der Trinitätslehre ist es also begründet, dafs Gott und 
Christus ihre Namen und Epitheta teilweise gemeinsam haben, 
teilweise sogar vertauschen [vgl. z. B. Wulfstän, ed. Napier, 

5. 147, 14], denn schlief slich ist es immer nur ein Gott. Das 
sagt der Autor des Phönix geradezu 636 ff., nachdem er vorher 
die zur Seligkeit Eingegangenen auf ^od, ^rymsiitend . . ., 
fceder celmihti^, ealra ])rymma ])rym, frympa scyppend, heofuna 
waldend, cäser ein Loblied hat singen lassen: 

Päm anum is ece weorärnynd 
forä bütan ende. Nces Ms frymä cefre, 
eades ongyn, peah he on eor])an her 
])urh cildes häd cenned wcere . . . 
Für alle unter diesen, in dogmatisch -mythischen Dichtungen 
häufigen, Konflikt fallenden Bezeichnungen ist eine Scheidung 
nicht gewollt und nicht möglich. 

Also mit diesen wenig erwogenen Gründen ist es nichts. 
Im Gegenteil: Wenn man unter „Stil" überhaupt etwas vom 
religiösen Temperament in Phönix und in Cs. Dichtungen 



102 

sagen soll, so gibt sich eine schöne Übereinstimmung kund. Den 
Schluls des Cr. 2 (d. Elene zu geschweigen u. a.) bildet das be- 
ziehungsvolle aus Greg. Hom. 29 übernommene Gleichnis zwischen 
dem Menschen und dem Seefahrer, welcher Stürme besteht und 
von Christus in den sicheren Hafen geleitet wird. Aus wenigen 
Worten Gregors ein längeres, mit Liebe ausgeführtes Gleichnis, 
worin der Sehnsucht nach der himmlischen Heimat prächtig Aus- 
druck verliehen wird! Dies ist aber ebenfalls die Grund- 
stimmung des Phon. : Die „sonnigeren" Farben, die ja aus den 
Quellen stammen [„die Gerechten leuchten wie die Sonne" ist 
zudem ein Gemeinplatz allerersten Grades], heben doch nur 
die himmlischen Freuden auf das schönste heraus, und der 
Dichter unterlälst es nicht, 480 f. über die Hauptquelle hinaus 
aus der in Gü. benutzten Ephraempredigt von den Seligen zu 
betonen: 

ne hip Mm tvynne liyht \hylisff\, 
Jicet hy Jbis Imne llf long gewunien. 
Und nun schliefst Fulton: „there is absolutely no strong evi- 
dence advanced by Gaebler frora vocabulary, characteristic 
phrases, and parallel passages, being too weak to be regarded 
as anything like convincing. In the second place, there is 
much that makes decidedly against such a supposition: first, 
in the point of style; second, in versification ; and third, in 
grammar. Lastly, there is the lack of Cynewulf's signature 
— presumably attached to all, since attached to at least four 
of his poems; and this, in the absence of strong evidence for, 
should be conclusive against a Cynewulfian authorship." Das 
Fehlen des Akrostichons soll etwas beweisen! (Vgl. Wülker, 
Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. 1888, S. 211, wo die lat.-ags. Spielerei 
des Phönixschlusses als möglicherweise auf Cynewulf deutend 
zugegeben wird.) Gegen ein solches Postulat eines Akrostichons 
muls auf das entschiedenste Einspruch erhoben werden. War 
denn ein so kunstvolles und schwieriges Stück aus der Hand 
zu schütteln, wie es der die Sachlage so vollständig ver- 
kennende Ausdruck „Cynewulf's signature" voraussetzt? Der 
Künstler, welcher viel Mühe auf diese Akrosticha verwandt 
hat, wollte doch keine blolse Unterschrift geben! 

Fultons Gründe gegen Cynewulfs Autorschaft zerrinnen. 
(Die Beobachtung Trautmanns, das zahlreiche Vorkommen von 



103 

Ponne im Phon., erklärt sich sehr natürlich. In der mythischen 
Dichtung, besonders der eschatologischen, fehlen bestimmtere 
chronologische Angaben; es ist meist nicht anders möglich, 
die Aufeinanderfolge auszudrücken, als mit derartigen un- 
bestimmten Advv. der Zeit, wenn man sich nicht umständlich 
in Sätzen mit nachdem u. ähnl. helfen will. Man vergleiche 
hierzu Cr. 3, Musp. und schon deren Quellen.) Zu den von 
Gaebler für C. vorgebrachten Übereinstimmungen in Wortschatz, 
Formeln und Parallelstellen hat F. nichts Gegenteiliges von 
Bedeutung vorzubringen gewulst. Für Wortschatz und Formeln 
verweise ich auf Gaebler (vgl. Jansen a. a. 0. und andere 
Arbeiten über Cynewulf), da mich eine Widerlegung im ein- 
zelnen zu weit führen würde. Die Parallelstellen werden im 
Kahmen meiner Darstellung unten mitbehandelt. 

Das ist sicher richtig, dals Gaeblers Anschauungen über 
den Phönix nicht genügend fundiert waren; er hat nicht hin- 
länglich die Möglichkeit blolser Beeinflussung zweier Dichter 
herausgearbeitet. Allein, wie Fulton, Sp. 160, Beziehungen 
überhaupt, auch nur verstohlen, anzuzweifeln, geht über das 
Mals des Zulässigen und zeigt nur, wie wenig F. ein be- 
stimmtes literarisches Milieu von der Gesamtheit der anderen 
Literatur zu unterscheiden vermag. Wie schon in der Ein- 
leitung bemerkt, wirtschaftet F., um seinen Beweis zustande 
zu bringen, mit einer breiten Tradition über das jgst. Ger., 
und meint (Sp. 159): „ . . . their [the passages] similarity is due 
to the fact that they are composed of practically the same 
material and were written at a time when the populär mind 
was filled with thoughts of the Doom that was to be near at 
hand." (Vgl. oben S. 6 ff.) Hätte F. sieh einmal die Mühe 
gemacht, gründlich zwei sicher nicht vom selben Autor 
verfafste Jüngste Gerichte wie das von Lumby veröffentlichte 
allerdings sicher jüngere Be Domes Da^je und Cr. 2 oder 
Phönix zu vergleichen, dann würde er vielleicht mit etwas 
mehr Perspektive die Phönix -Crist- Parallelen Gaeblers be- 
urteilt haben. In seinem blinden Eifer, Gaeblers Argumente 
zu zerpflücken, trägt er die besten Beweise für die Stich- 
haltigkeit der bekämpften wörtlichen Übereinstimmungen und 
deren Bedeutsamkeit zusammen. Er sucht aus der ags. Lite- 
ratur zu 28 von Gaebler aufgebrachten Vergleichsstellen 



104 

Verwandtes, und es ist als erfreuliches Zeichen für Gaeblers 
richtiges Empfinden'^zu betrachten, dafs nur 7 von diesen er- 
schüttert werden : Drei Viertel halten die Probe aus. Es sind 
(in [ ] Klammern beigefügt wird eine vorläufig C. noch nicht 
sicher zuzuweisende Cr. 1 - Stelle) : 1. 3 (vgl. 27). 4. 5. 6. [7.] 8. 
10. 11. 12. 15. 16. 17. 18. 20. 21. 22. 24. 25. 27. 28. Eine Wieder- 
gabe der 7 Druckspalten Fultons wird man mir ersparen 
(Sp. 153 — 160). Ich bemerke nur, dafs die zur Entkräftung 
aus nichtcynewulfischen Dichtungen herbeigezogenen Stellen 
meist überhaupt nicht wörtlich parallel sind, z. B. 1. Red. d. 
Seel., Az.; [3. BeD.D.] 4. Gen.; 5. Red. d. S.; BeD.D., Ps.; [7. Hy. 
Jud.] 10. B., Sat.; 15. Met, Hy.; 17. Blickl.-Hom.; 21. Ps., 
Blickl.-Hom.; 22. Ex.; 24. Dom, Red. d. S.; 27. In anderen 
Fällen zieht Fulton als gegen C. beweisend den Andreas, 
„Güdläc B" u. Cr. 3, deren Abfassung dem Dichter auf Grund 
der Quellen sicher ist. 

Die allgemeine Ansicht über die Quellen des Phönix ist 
die von H. Gaebler aufgestellte. A. a. 0. ist die Quelle von 
V. 1 — 380, der hsl. in England sehr reich überlieferte Phoenix 
des Pseudo-Lactantius (Migne, Lat. 7, 277 flf.), verglichen und 
sind für den in diesem lat. Gedichte nicht enthaltenen 2. Teil 
des ags. Phon, zwei Nebenquellen nachgewiesen: Für 453 — 90 
eine auf den Wundervogel bezügliche Stelle des Ambrosius 
und für 546 — 75 (s. a. unten) eine auf Phönix = Christus ge- 
deutete Stelle aus Hiob (29, 18) in der Auslegung des Beda- 
kommentars dazu. 

Für den in diesen Quellen nicht enthaltenen Stoff nimmt 
G. folgende Entstehung an: 

1. Für Erweiterungen innerhalb des Bereiches der Haupt- 
quelle, 1—380, etwa: 3 — 6, 7 — 21, 25 — 27, 33 — 41, 62—65 
(Abweichungen), 73 — 82, 164 (wichtige Abweichung), 240 — 59, 
Änderungen in 322 ff. und eine Anzahl kleinerer Verschieden- 
heiten: Der Verf. ist ein hochbegabter Dichter von reicher 
Phantasie (Anglia III, 500 f.). „Im übrigen sahen wir, dals 
sich der ags. Dichter getreu dem Gange seiner Vorlage an- 
sehlielst und sich nur geringfügige Änderungen in dieser Be- 
ziehung erlaubt ; an einzelnen Stellen folgt er ihr sogar wörtlich. 
In der Ausführung dagegen ist er durchaus selbständig und 
zeigt hierbei nach der Weise der Angelsachsen einen Hang 



105 

zur Breite . . ." Das Heidnische ersetzt er durch Christ- 
liches . . . „Er besitzt eine grolse Vorliebe für Naturschilde- 
rungen, wie überhaupt das lyrische Element entschieden 
hervortritt. Naturschilderungen, die bereits in der Quelle 
gegeben waren, führt er in seiner Weise selbständig aus und 
fügt neue ein, wo sich eine Gelegenheit bietet." i) 

2. Die Frage: „Wie kam nun Cynewulf dazu, dem durch- 
aus heidnischen Mythus eine solche christlich -allegorische 
Deutung zu geben?" (A. III, 516) wird S. 519 beantwortet: 
Die Deutung des Ambrosius hat den Gedankengang des Phönix. 
„Es ist daher kaum daran zu zweifeln, dals Cynewulf durch 
diese Stelle aus Ambrosius den Anstofs für die Hinzuftigung 
des zweiten Teiles zu Phon, erhalten hat." [Zu der Phönix- 
deutung im allgemeinen vgl. die Tierbücher.] „Man könnte 
allerdings auch die Annahme aufstellen, dafs ihm eine aus- 
führlichere Quelle zu Gebote gestanden habe, die ihrerseits 
wieder auf Ambrosius zurückging. Allein ich möchte stark 
bezweifeln, dafs sich eine solche ausführlichere Vorlage nach- 
weisen lälst. Fassen wir nämlich die Darstellung C.'s genauer 
ins Auge, so bemerken wir, dafs dieselbe ganz zerrissen und 
von Einheitlichkeit wenig zu spüren ist." [Diese „Zerrissen- 
heit", gemeint ist das ausgeprägte Detail, und besonders das 
Zurücktreten des Phönix beweist m, E. geradezu für die 
systematische Benutzung einer neuen, nicht ganz mit Ps.-Lact. 
in Einklang gebrachten Quelle.] „Von 393 bis 423 wird die 
Vertreibung aus dem Paradiese geschildert." [Vgl. Gü. 791 ff., 
Beow. 1724 ff., Jul. 497 ff., Hei. 1033 ff., 3592 ff.] „Daran schliefst 
sich von 453 — 90 die eigentliche Ausführung der Allegorie; 
dieser Teil entspricht . . . jener Stelle bei Ambrosius . . . 
Von 491 an, wo also die Schilderung des jgst. Ger. beginnt, 
tritt die Beziehung" [auf Phönix . . . gänzlich] „zurück, er 
erscheint hier fast nur noch als Vorbild für die Auferstehung." 
(A. III, 520:) „Zudem lag der Crist, wie ich weiter unten 

1) Neuerdings hat Fred. W. Moormann , The Interpretation of Natura 
in Engl. Poetry, QF. 95, Strafsb. 1905, S. 43, richtiger als G. die Natur- 
schilderungen des Phon, eingeschätzt: „We trace here, fiir more than in 
any other Old Engl, poem the conventional landscape which was borrowed 
from classical poetry etc." Die Quelle ist in Wahrheit klassizistisch: 
Anrufung der Musen usw. 



106 

zeigen werde, zu der Zeit bereits fertig vor, wo der Phon, ge- 
dichtet wurde." G. sucht, hauptsächlich S. 522 ff., mit Hilfe 
der unleugbaren Parallelen zwischen Phon, und Cr. 2 unter der 
Voraussetzung, dals hier die eschatologischen Quellen von Cyne- 
wulf zum ersten Male benutzt sind, die Übernahme von Ge- 
danken aus Cr. 2 zu beweisen. (S. 524.) Er glaubt also, dafs 
C. für den zweiten Teil des Phon, keine anderen Quellen als 
Ambrosius und Beda gebraucht, dals Cr. 2 vor Phon, entstanden 
und die Schilderung des jgst. Ger. aus Reminiszenzen des Cr. 
hervorgegangen sei. 

In Wirklichkeit beruhen sowohl die unter 1. aufgezählten 
Verse der eigentlichen Phönixerzählung als die gesamte Dar- 
stellung des Sündenfalles und der Auferstehung auf der plan- 
mälsig mit Pseudo - Lactanz verschmolzenen Darstellung im 
Carmen de resurrectione mortuorum. In AV, BV und in C an 
entsprechender Stelle bot dieses Gedicht dem Verfasser des 
Phönix in einem Vergleich des Wundervogels und seines Schick- 
sals mit den Auferstehenden den Anknüpfungspunkt für die 
Allegorie (vgl. 381 ff.), nicht, wie Gaebler meint, nur Ambrosius, 
dessen eigentliche Quellenstelle erst in diese Erzählung an 
einem Punkte eingegliedert ist, wo sie an das Ambrosius- 
zitat anklang. Auch die Ausführung der Hiobstelle beruht 
auf diesem Stücke. Das Gedicht darf also als 2. Hauptquelle 
.bezeichnet werden, zumal, da es nachweislich dem Dichter 
nicht ganz gelungen ist, den Verschmelzungsprozels restlos zu 
vollziehen. Dazu sind zwei schon im Gü. benutzte Vorlagen, 
und zwar genau die gleichen Sätze, gebraucht, welche die 
Identität des Gu.- und des Phönixverfassers sichern. 

Zu Grunde liegt dem ae. Phon, eine B und C gemeinsame 
Vorlage, mit hoher Wahrscheinlichkeit dieselbe, deren Lesarten 
oben in Cr. 2, Cr. 3 und Gu. festgelegt waren. Benutzung einer 
C [welches A näher steht] verwandten Version ergibt sich aus 
der enorm wichtigen Lesart des Phönixvergleiehs (Migne 89, 
297, 4. u. 5. Zeile v. unten): 

Sic renovata suo vivit de funere phoenix, 
Exemploque suos volucres resnrgit in hortus. 

Das Fragment C hat einen kaum einzurenkenden Text; 
es ist am nächsten verwandt mit B, wird aber in einer Anzahl 
von Fällen durch A gestützt (vgl. die oben S. 36 zitierte Ansicht 



107 

von Hartel). Hier jedoch haben A und B die in der Haupt- 
sache tibereinstimmende und korrekte Lesart: BV, 3. u. 4. Zeile 
V. unten, ebenso A: 

B: Sic cremata suo vivit de funere phoenix, 

Extemploque suo volucris resurgit e basto. 
A: Et renovata sno vivit fuligine plioenix, 

Et sua mox volucris (mirum!) post busta resurgit; 
also: 'volucris resurgit', „der Vogel ersteht wieder." C, ganz 
abgesehen von 'in hortus', gibt Unsinn, da resurgere nur in- 
transitiv ist. (Die Entstehung der C -Variante ist vielleicht 
aus XIV des Carmen zu verstehen, wo A (XI, 7 f.) von Christi 
Auferstehung hat: 

[Die Toten stehen auf, Christus] excitosque jubet prodire sepulcris 
Secum, cum fracto surrexerat ipse sepulcro. 

Das männliche 'suos' ['volueres'] ist bei einem ags. Schreiber — 
und C ist ja unter Aldhelms Namen tiberliefert — , dem fugel 
als männlich geläufig war, sehr begreiflich.) Trotzdem ist 
nicht zu bezweifeln, dafs der Schreiber, welcher die Lesart 
erzeugte, 'suos volueres' von 'resurgit' abhängig gedacht hat; 
und so hat ihn auch der Phönixdichter verstanden. Diese 
Lesart erklärt die stärkste Abweichung von Fs.-Lactanz: Phönix 
wird zu einem Herrscher tiber die anderen Vögel, seine Vögel. 
Gaebler (Anglia III, 497 f.) zu Phon. 147—81 (= Lact. 59—72): 
„ . . . als bedeutsamer Unterschied von der Vorlage ist hervorzu- 
heben, dafs sich der Übersetzer den Phönix auf diesem Fluge 
von dem Heere der Vögel umgeben denkt, die ihn als ihren 
König verehren. 

164. ces^iwylc wille wesan 
pe^n and ])eow ])eodne mcerumJ''' 
Anzuftihren ist hier vor allem 158 f. 

pcer Jie ealdordöm 
onfehä foremihti^ ofer fugla cynn." 
Gaebler (Anglia 111,499) zu Phon. 291—349 (= L. 125—60): 
„Wie bereits gesagt, wird in dem ags. Gedichte nicht erzählt, 
dafs der Phönix [sc. nach seiner Verbrennung] nach Ägypten 
fliegt, wo das ganze Geschlecht der Vögel sich um ihn ver- 
sammelt, erfreut tiber den frommen Dienst, den er dem Sonnen- 
gotte erwiesen hat. Es heilst daftir Phon. 322 ff. allgemeiner : 
Stvä se fitjel fleo^ed^, folcum oäeaiveä, 
monsum monna jeond middanseard. 



108 

Das Opfer des Phönix [sc. das seiner Gebeine an den 
Sonnengott] erwähnt der ags. Bearbeiter nicht, wohl aber ge- 
denkt er der Vögel, die sich eifrig um den Phönix als ihren 
König drängen, um ihn auf seiner Heimkehr zu begleiten und 
ihn mit lautem Gesänge zu preisen. Er bringt also die übrigen 
Vögel, wie schon 158 flF., in ein Untertanenverhältuis zum Phönix, 
welches die Vorlage nicht kennt." Ps.-Lact: Die Vögel ver- 
sammeln sich und fürchten sich nicht voreinander: 

152. 'Et rarum volucrem türba salutat ovans' und 155 f. 
Dagegen Phon. 344 f. and for cynin^ mccra^ 
leofne leodfruman. 

Deutlich zeigt sich die C-Lesart in Phon. 578^ ff., wo es 
von Christus -Phönix heilst: 

l)Una läfe s^somnaä . . ., Icede^ sippan 
fu^el on fötum tö frean ^eardum, 
sunnan tö^eanes, pcer M sippan forä 
wuniaä wintra fela wcestmum gennvad, 
ealles ed^ions; ])cer cenij ne mces 
in ])ä7n leodscipe Iwjbpum hwöpan. 
Die &äw, welche Phönix sammelt, sind also die der Seligen, 
seiner Vögel. Entscheidend bewiesen wird die Benutzung der 
C- Stelle durch die noch unzweideutigere Übersetzung in 
511 — 14*. Nachdem Weltbrand und Auferstehung am jgst. 
Tage (letztere kurz) erzählt sind, lauten V. 508 ff.: 
Ponne on leoht cymed 
celdum ])isses in ])ä openan tid 
fceger and gefealtc fugles täcen, 
Ponne anweald eal Up ästellaä^ 
on hyr^enum, hän ^egcedraä, 
leomu, llc somod and lifes gcest 
fore cristes cneo. 
Hier sammelt Gott die Gebeine der Toten aus den Gräbern 
vor Christi Knie, wie Phönix -Christus [i. Carmen = Gott], den 
der Redaktor C natürlich auch schon vor Augen hatte, seine 
Vögel nach seinem Beispiel, i) 



1) Zahlreich sind in d. eschatol. Lit. die Stellen, welche betonen, dafs 
die Auferstehenden ihre Gebeine zusammensuchen, selbst wenn diese in 
alle Winde verstreut, von Tieren gefressen waren usw. Dagegen wird 



109 

Auf C weisen aufserdem: Phon. 617^ (Die Seligen): 

sin^aä^ metude lof, 
aus C: 'Psallantes domino celebrant prae gaudia laudes', 
wo A, B (IX, zweitletzte Zeile) 'grates' haben; Phon. 519. 
(Die Auferstehung wird geschildert): 

518. Beer ])ä lichoman, ledhtra dSene^ 
^ongaä glcedmöde, ^cöstas Jiweorfaä 
in hänfatu, ])onne hryne stl^eä . . . 
C hat: 'Omnis humus laetis eifundit hiatibus ossa'. A 
und B (VI, 18) bieten das richtige 'latis'. In den meisten Dar- 
stellungen sind die Auferstehenden, Gute und Böse, und sogar 
die Engel, von der grölsten Furcht beherrscht. Und wenn 
auch sich bei Ephraem, De sec. adv., Vossius, S. 187, lA findet: 
'Sed gratia dei salvatoris corroborabit corda justorum rapien- 
turque in nubibus obviam ei', so dürfte doch die weit stringentere 
C- Lesart die Anregung zu dem ungewöhnlichen Motiv gegeben 
haben. 

C ist nicht nur Fragment, sondern enthält auch mehrere 
Lücken, die zweifellos vom Dichter benutzt sind. Es fehlen: 
V, 27. 28, VI, 32—35, VII, 11— VIII, 1 (=8 Zeilen; VIII, 2 u. 
3 sind umgestellt), VIII, 10. 11, VIII, 27— 51 (letztere Verse 
stark verwertet, s. Anfang d. Phon.), IX, 1. 8. 18. 

Andererseits scheinen die Lesarten von B gegen C u. A 
gebraucht. So Phon. 8 — 10. Der Aufenthaltsort des Phönix ist 
. . . geblissad 
mid ])äm fcezrestum foldan stencum. 
JEnlic is ])(et iglond, (B^ele se wyrhta, 
mödi^, meaJdum spedi^, se ])ä moldan ^esette. 

VIII, 14. 15. Nescia illa qnibus suavescant pulchrius arva, 

Quis rnelior specie, vel plus praecellat honore. 
C: N. i. q. suavescat pulchrior alga 

Aut quibus aetheris aspirat inollior aura, 
Quis rnelior specie, aut quis praecellat honore. 
A: Nescitur quibus usque locis felicior aura, 

Quae rnelior specie, vel plus praecellat honore. 
'arva' in B ist aus der vorhergehenden Zeile verwechselt 
mit 'aura', welches in B nun diese schliefst. (Die Stelle steht 

m. W. nirgends ausgesprochen, dafs Gott d. Gebeine d. Toten aus d. Gräbern 
sammle. Vgl. Carmen V, 12 — 16; Ephraem Syrus, Vossius, 179, 2A; 
Hatton HG (Blickl. 7), 7. Tag. 



110 



im Zusammenhange der Aufzählung aller einzelnen Herrlich- 
keiten des künftigen Paradieses, Blumen, Bäume usw. Vgl. 
Phon. 26 ^ 27 = VIII, 12.) C hat zwei unbenutzte, B gegen A 
zwei sicher benutzte Plusverse, VIII, 49. 50 (s. unten), und 
andere, deren Benutzung nicht ersichtlich ist. Weitere Einzel- 
heiten unten. C bietet in einer Anzahl von Fällen die korrekten 
A-Lesarten gegen B, geht aber, wie die angeführten Beispiele 
wohl gezeigt haben, so stark mit B gegen A zusammen, dals 
der Nachweis einer gemeinsamen Vorlage von B und C sich 
erübrigt. 

Ich belege nun alles Ermittelte nach dem Gedankengange 
des Phönix und berichtige Gaeblers Vergleichung. 

Phönix. 

(Ausg. V. J. Gollancz, The Exeter 
Book, London 1S95, E. E. T. S., Or. 
Ser. 104, S. 200 ff. Verszählung gleich 
der bei Grein -Wülker, Bd. 3.) 

Die Naturschilderungen der Heimat 
des Vogels stammen aus VIII, wo 
der Aufenthalt der nach dem jgst. 
Ger. zur Seligkeit Eingegangenen 
ausgemalt wird. Phönixheimat und 
Paradies sind dem Angelsachsen eins. 
(Vgl. Gü. 800 ff., Beow. 1735 ff.). Die 
allegorische Deutung ist, wie auch 
Hinweise auf das jgst. Ger. 48 f usw. 
zeigen, von vornherein konzipiert, 
die Ergänzung der einzelnen Vor- 
züge jenes Aufenthaltsortes also 
keineswegs mechanisch. 

VIII, 4. Et secreta deo regio S^ — G. 

ditissima campis 
VIII, 5 f. Beataque nimis sereno in 7. 

cardine sedes, 
Semper aer laetus . . . 
VIII, 14. 15. Nescia, illa qnibus 8—10. 'arva' gibt der Angelsachse 
suavescant pulchrius, arva mit i^lond wieder. Vgl. Andreas 15 

Qnis melior specie vel plus prae- [ßrtZand 2S], wo nach Bouranela. a.O., 
cellat honore. (S. oben.) S. 75 j^w(>« mit i^ZojjfZübersetzt wird. 

(Vgl. dazu Andreas 82 f. loy\d = xiÖQa, 
Bourauel, S. 80.) Diese Stellen dürften 
für Cynewulf die Bedeutung „wasser- 
reiche Gefilde, Gefilde", wofür dem 
Oif. Dict. Belege fehlen, sichern. 



111 



Die Allmacht Gottes wird ständig 
betont: II, 9—12, IV, 1 — 2, V nsw. 



[Ps.-Lact. 2. Qua patet acterni 

mäxiina porta poli. 
VIII, 25. Et neuiora alta tenent 
florentia vertice caelam. 
A. florenti tempore. 

VIII, 33. Aeternumque virent solae 

sine grandine silvae und 

48. 49 [49 fehlt A]. Non frigus 

variat hiberni sideris auras, 

Nee radiata micat pressis caloribns 

aetas 
[Hartel nach TW aestas 242]. 
[Ps.-L. 3. Nee tarnen aestivos hie- 
misque propinquus ad ortus. 
VIII, 42 — 44. Vitam spirat ibi 
quidqnid pia terra virescit, 
Beatosque simul quidqnid de gcr- 

mine flötet, 
Atque solum pulchrae redolent me- 

dicabile cretae. 
[43 fehlt A.] 
VIII, 47. Ver, puto, sempcr agit 
vestitus floribus acther. [A. 
hortus.J 



VIII, 12. Hinc rosea niveo vari- 

antur semine rara. 
C. Hie rosei nivea variantur semina 

ruris. 
A. Roscidaqne hie multo v. semine 

rura. 
VIII, 52. Nox ubi nulla, suas de- 

fandnnt astra tenebras. 
C. Nox u. n. suas defendit tetra 

tenebras. 
A. N. ibi n. , s. defendunt astra t. 

[Hartel.] 



Ans der hymnischen Neigung der 
Vorlage hat der Dichter die von 
Gaebler beanstandeten Hinweise auf 
Gottes Wundermatht und Bestim- 
mung genommen. 

11. 12.] 

13. 14». Die fremden Bäume und 
Blumen der umgebenden Hexameter 
kennt der Übersetzer nicht. Vgl. 
das Folgende. 

14 b — 17 a. Reif (Regen), Schnee 
sind Eigentum des nördlicheren Be- 
arbeiters. 



18. 19".] 
19 h. 20». 



20\ 21». Der persönliche heid- 
nische 'Ver vestitus floribus' fällt 
weg, wie die entsprechenden Götter 
in Ps.-L. Zu blüstnium ^eblöiven vgl. 
Andr. 1248. 1581. Vgl. dagegen Be 
Domes Dse^e (Lumby) und die 
Schreiberverse dazu. 

26^. 27. B, weniger wahrschein- 
lich A, ist benutzt. 



28. tor)ite(lon(l) = „strahlend", 
während das schwächere beorhte 
{beorge = „lichte Höhen") vom 
Dichter formelhaft eingeführt wird. 



112 



Vgl. VIII, 50. Coelum luce sua se- 
renas temperat auras [fehlt A]. 

VIII, 35. NuUa cadunt folia, nul- 
lusque flos tempore desit [A: 
et nullo fl. t. defit]. 

VIII, 39. 40. Stat cum flore novis 
arbor pulcherrima pomis, 

Vitalemque frugem felicita robora 

densant. 
Dazu Ps.-Lact. 30 f.: genus arbo- 

reum . . . 
Non lapsura solo mitia poma gerit. 

VI, lüf. Hie jubente deo . . . 
Continuo ruptis per omnia regna 

sepulcris. 

IX, 1. Iraeque insidiaeque absuut 
et dira cupido. 



[Ps.-L. 18. — aut ardens caedis 
amore furor. 



IX, 3. Hinc malus relegatür [C 
relig.]. 



VIII, 45. 46. Föns illic placidus 
perfundit gramine campos, 
Quatuor iude rigant partitam flnmina 
terram. 
[A : placidis levi fluit agmine cam- 
pls, Q. i. r. partitas f. terras. Hartel 
TW: agmine.] 



33 a. 
34b_39a, 



48. 49. 



50. und 51. toracu. Das übrige 
stammt aus Ps.-L.; [«e sär-]wracu 
wird dann noch einmal aus Ps.-L. 18 
übernommen. 

54 b.] 

\llfes lyre ist Ps.-L. ' Mars ', ss enga 
dead 'mors crudelis', also keine 
eigentliche Wiederholung, sondern 
ungenaue Übertragung.] 

54. synn. [sacu= Ps.-L. 'scelus 
infandum'. Unbemerkt ist der Über- 
setzungsfehler: Ps.-L. 'curae insom- 
nes', „nie schlummernde Sorgen" in 
56 a: ne sorg ne slcBp. 57 — 62» be- 
ruhen hier auf Ps.-L.] 

62^—65». Der ags. Wortlaut 
weist auf B. 



VIII, 35. — nnllusque flos tem- 
pore desit. 



[71 — 73 fufsen auf Ps.-L. 29. 30.] 
bearwas = 'nemora' [s. 13 f.] aus 
dem Carmen; in Andr. 1248 gegen 
dessen Eigenquelle übernommen, 
ebenfalls eine Wiederholung wie 
57 If. durch Benutzung der zweiten 
Quelle. 

74. 75 a. Vgl. 34b ff. 



113 



VIII, 27. Virentesque gravant 

uberrima germina ramos. 
VIII, 50. 51. Coelum luce siia 
serenas temperat auras 
Et reficit foetam meliorem flamine 
terraui. 
[50 fehlt A, 51 meliori, Hartel W st. 
foetam: factam.] 



[Ps.-L. 37. 38. 



V, 32. 33. Fassung C (s oben). 



75b_80a. Vgl. d. Folgende. 

80b_s2aff. Gemeint ist dem- 
nach, dafs der Sturm niemals den 
Wald in seiner Schönheit, den der 
Himmel schützt, bricht, stenc (vgl. 
'flamen') kann m. E. unmöglich 
„Duft, Geruch" bedeuten. Der fol- 
gende Hinweis auf die Schöpfucg 
in 84 und deren Gegenpol, das jgst. 
Ger., wäre aus einer seltsamen Les- 
art von Harteis Würzburger Hs. be- 
greiflich. Allein die Deutung der 
Legende auf das jgst. Ger. ist auch 
von vornherein geplant, es ist also 
nicht so sicher auf 'factam terram' 
zu bauen. 

= 104 — 10 versehentlich bei 
Gaebler (an beiden Orten) ausge- 
lassen. 105 geht ivyllestreamas 
wohl auf Ps.-L. zurück: 'immergit 
corpus in uudas'.] 

158 f, 164 f. Phönix als König 
der Vögel. Zu betonen ist noch, 
dafsAC: 'renovata phoenix' gegen 
B : ' cremata vivit de funere phoenix' 
dem ags. ed^ion^, edmwe an den die 
C- Lesart benutzenden Stellen ent- 
spricht. Bei Ps.-L. fehlt dieser oder 
ein ähnlicher Ausdruck. 241. 258. 

240 — 59 ^ Der ags. Bearbeiter 
geht weiter in dem Bilde als die 
Vorlage. Er holt aus: Die ausge- 
reifte Ernte des Herbstes wird, ehe 
der Winter schaden kann, heim- 
gebracht. So denkt er sich auch 
den Phönix als alt und hinfällig vor 
seinem Selbstopfer. Aber wie dann 
neue Saat aufgeht, so ersteht auch 
der Vogel wieder. 



C V, 32. 33 und V, 20 — 24: 
Semina sie versis [A vacuis] creden- 

tur arida terris 
Et penitus fixis putrescunt [C pa- 

rescunt] mortua fulcis [AC 

sulcis], 
Inde reparatis animatur cnlmus [A 

culmen] aristis, 
Et iterum vivis flavescunt fortia 

granis, 
Cousurguntque novae vario cum foe- 

nere messes. 

250 if.: Gollancz ändert eadwelan in eadwela nnd fafst dieses 
als Subj. M. E. ist die Konjektur nicht nötig. Subjekt ist der 
Satz 252''. 53=": pe cer clcene hiä sced onsäwen, „was vorher als 
reine Saat ausgesät ist", und eorla eadwelan Variation zu 250'': 

Studien z. eugl. Phil. XXXI. 8 



of ])äm wöestmum [sceal]; diese, die Saaten, sind hier der 
Reichtum, welcher ausgesät wird. Die Pointe des ganzen Ge- 
dankens ist, dals aus den wcesimum 250 etwas gleichartiges 
Neue, die wcestmas 255 und zwar ^urh äjne ^ecynd erzeugt 
werden. ])urh würde ich auch hier wie El. 1237 und 1246 
komitativ fassen: „in ihrer eigenen Art." 

Zu 322 ff. vgl. wiederum C V, 32. 33: Phönix als König 
der Vögel. (S. oben.) Der Grund dafür, dafs der Vogel im 
ags. Ged. nicht nach Ägypten fliegt, liegt wohl in dem drohen- 
den Konflikt der Ortsangaben. Das jüngste Ger., worauf die 
Legende gedeutet werden soll, findet im Tale Josaphat, nach 
einigen wenigen Überlieferungen, so für Cynewulf Cr. 875 usw., 
auf dem daneben liegenden Berge Zion bei Jerusalem statt. 
Das war nicht mit dem Fluge nach Ägypten in Einklang zu 
bringen. Der Phönixdichter schweigt ganz über die Gerichts- 
stätte. 324 f. süpan and nor])an, eastan and westan (Reihenfolge 
und Wortlaut sind gleich Cr. 884 f.) scheinen hier aus dem 
Carmen angeregt, dessen Deutung immer vorschwebt: 
VI, 32 — 34: Zum Gerichte kommen 'variae gentes, 
Eoumque manus et quas videt ultima tellus, 
Quae colunt medias devexo in climate zonas, 
Ripheasque tenent pruinosi sideris arces.' 
[32 — 34 fehlen C] 

Bis 380 reicht die Ps.-Lactanzquelle. Von 381 an beginnt 
die fortlaufende Ausschöpfung des Carmen. 381 — 92 knüpfen 
sogleich an. Der schon mehrfach benutzte Passus V, 32. 33 
(C) wird Angelpunkt. Der Dichter kehrt den Vergleich des 
lat. Gedichtes um, wobei ihn die von Gaebler nachgewiesene 
Ambrosiusstelle — eine Deutung der Phönixlegende auf den 
Christen und seine Auferstehung sowie die Mittel der Selig- 
werdung — unterstützte, und spinnt die Deutung der Allegorie 
im einzelnen aus. 

Die ganz nach Art der antiken Dichtungen gehaltene Ein- 
leitung — Anrufung der Muse zu dem Werke — läfst der 
christliche Poet weg. Seine Entlehnungen setzen mit II ein. 
Er folgt dem Gedankengange seiner Vorlage ziemlich treu, nur 
stark und hauptsächlich an den schon benutzten Stelleu kürzend. 
Man halte auch neben den Text die in Cr. 2 und 
Cr. 3 sowie Gü. übersetzten Teile. Danach erweist sich der 



115 

Wortlaut, wie auch sonst, vielfach abhängig von den bisher 
behandelten Werken. 

Zu 384 flf. vgl. Gü. 804, 



II, 3 — 6. Si quis velit poenas 

aeternae evadere flamm ae 
Ignarasque die venturique inscius 

aevi 
Et justae potius adipisci praemia 

vitae, 
Hunc unum meminisse deum solum- 

que precandum. 
II, 3 — 6 und die schon angege- 
benen Quellen für die Auslegung 
der Legende. 

II, 12 — 22. Omnipotens solus, cui 

parent omnia rerum, 
Pater, filius, Spiritus, qui sunt semper 

in unum, 
Qui sibi complacitum hominem for- 

mavit in aevum, 
Pastorempecudum, dominum dedisse 

ferarum [A dedit esse] 
Jusqne dedit volucrum, pontumque 

solum dominandum . . . 
20. Hanc manibus caram dilexit 

fingere formam, 
Decoramque snam voluit inesse 

figuram, 
Spiritu vivificam afflavit vultibus 

auram. 
[Cynewulf in Gü. 810: Spque. a. vi- 
vendi V. a.] 

III, 1 — 10. Immemor ille dei, 

temere committere tanta 
Nee ultra monitum quidquam con- 

tingeret: unum, 
Unde malum sciret et unde diguos- 

ceret aequum. 
Protinus illicitum vetuit contingere 

pomum. 
Quanta deus homini permisit munera 

mundi. 
Et praedulce sui signavit pignus 

amoris, 
Utilia cara tribuit mandata salutis, 
Sub ditione dedit terras animamque 

viventem 



381—6. 
811 f. 



387 — 92. Vgl. Gü. 770 flf. 



393. 94. Der Dichter geht freier 
mit seiner Vorlage um. Der wahre 
Grund dafür ist, wie sich zeigen 
wird, dafs er [sc. Cynewulf] dieselbe 
Vorlage schon im Gü. bearbeitet 
hatte, also gut beherrschte (vgl. 
auch Cr. 2). Jedoch finden sich 
neben schon in Gü. vorkommendem 
auch direkte Entlehnungen aus der 
Quelle: nlp 400 = 'zelo' III, 21, 
nicht nur searo, „List"; 403 f. aeppel 
unrcedum . . . byr^don forbodene = 
'inlicitum pomum' III, 4; 415 fcecne 
ferd = 'iniquo zelo'. 



395 — 400 a. Zu 3971». 98» vgl. 
Gü. 797 b. 98 a; 398 b. 99 vgl. Gü. 814. 
Dafs die bisher schon aufgezählten 
Übereinstimmungen mit Gü. auf Zu- 
fall beruhen, wird niemand glauben 
wollen. Wir haben in der Sünden- 
falleplsode in Phon. 393 fiF. eine deut- 
liche Benutzung des Gü. 791 ff. mit 
wenigen Erweiterungen ans der Gü. 
u. Phon, gemeinsamen Quelle vor uns. 



8* 



k 



116 



Pennatumqae genus, pecudes, genus 

omne ferarum 
Et genus aequoreum, animalia cuncta 
natantia. 
III, 21. Callidus hoc zelo serpens 

injecit iuiquo. 
III, 11 — 13. Sed quoniam primo 
transgressus crimine legem, 
13. ... morte peribat. Vgl. III, 4. 
III, 16. 17. Eva persuasa male 
patefecit limina letho 
Et sibi cum genere creavit funera 
toto. 

III, 18. 19. ... mors emanavit in 
aevum. 
Inde magis facinus facile percrebuit 
altum. 
III, 20. Agricolaeque labor agi- 
tavit saevius aunnm. 
A. Atque 1. corruptum ag. saevior 
orbem. 



III, 21. Callidus hoc zelo serpens 
injecit iniquo. 

Ps.- Augustin, .S9, 220 f. Cum ex- 
pulsus de paradiso jure peccati 
mortis vinculis teneris . . . 



IV, 1. Idcircoque deus solus, cui 
summa potestas, . . . 

3. Altus inaccessam habitans in sae- 
cula lucem . . , 

5. Progeniem lueriti decretum servat 
in aevum. Alle Menschen 
sterben daher, aber das 
dauert nicht ewig: 

14. Donec iterum [mjortis resurgant 
Corpora membris. 



401—4». 



404 b — 7. Zu 405 b vgl. Gü. 826 b. 
27»; 404 b bitter iceard fehlt in der 
Quelle, in Gü. ist der bittere Todes- 
trank aus Felix geschöpft, se hitra 
düad Cr. 1474. 

408. Der Ausdruck ist sehr frei. 



409. 10». Auch hier weist der 
Wortlaut auf die Gü. S29 postulierte 
A- Lesart. 

410b. IIa. Vgl. Gü. 822b, 820», 
auch Phon. 402 f. 

411b_i5a. Zu 412 vgl. Cr. 1405 f. 

415b_i7af. Vgl. Cr. 1408f. und 
dessen genaue Quelle (s. Cook), die 
also unter der später zu erweisen- 
den Voraussetzung, dafs Cynewulf 
der Verfasser des Phon, ist, sofort 
deaddene erklärt, drohtad i^lG, vgl. 
Cr. 856 , kann doch auch hier nur 
'tribnlatio', 'procella', nicht „sojourn" 
(Gollancz) bedeuten, der Heliand- 
dichter überträgt es V. ;i61 1 (s. später) 
mit thiodarliBdi. 

417 b — 23. Bis auf purh fBondes 
searo [vgl. Gü. 822«] hat das Carmen 
keine genaue Entsprechung, aber 
dennoch sind diese Verse dem in 
dem lat. Ged. Folgenden syntaktisch 
in geradezu verblüffender Weise 
parallel. Die Anregung hat Ps.- 
Cyprian durchaus gegeben. Die 
Konstruktion behält der Übersetzer 
bei mit oppwt, führt aber die Er- 



117 

lösung ein : bis Christus durch seine 
Hilarius 204 : Auch nach der Sint- Erdenzeit Trost brachte. Er [Cyne- 
flut blieb etwas von der alten Sünde wulf ] folgt hier zweifellos der Ge- 
in der Welt, die erst Christus mit nesis Hilarii, welche am Schlüsse 
den besseren Wogen seines Blutes der gleichen Episode im Güdläc, 
abwaschen sollte: 844 ff., festzulegen war; der dort 

quae bonus ablueret doctor melio- nicht benutzte letzte Vers bildet in 
ribus undis, Phon, den Beschlufs des Sünden- 

falles. Vgl. a. Cr. 1379 ff. und deren 
Quelle. 

424 flf. wird die geistliche Deutung des bisher Erzählten 
aufgenonamen. Im Carmen fand der Verfasser nur die Parallele 
gezogen 1. zwischen den im Weltbrande sieh verjüngenden 
Auferstehenden und Phönix und 2. zwischen dem Sammeln 
seiner Gebeine und dem Sammeln (Auferwecken) der Toten 
(C). Bei Ambrosius (s. Gaebler) heilst es vom Phönix und 
seinem Nestbau: 'Quis igitur huic annuntiat diem mortis, ut 
faeiat sibi thecam et impleat eam bonis odoribus atque in- 
grediatur in eam et moriatur illic, ubi odoribus gratis foetus 
funeris possit aboleri?' Und dazu wird gezogen: 'Fac et tu, 
homo, tibi thecam . . . Theca tua, vagina tua Christus est, 
qui te protegat et abscondat in die malo . . . Theca ergo 
tua est fides, imple eam bonis virtutum tuarum odoribus' etc. 
[Die Hiobstelle bot nur den Vergleich, der in AB vorliegt, und 
ist, wie es scheint, nach dem Carmen weiter ausgeführt.] Der 
ags. Autor dehnt den Vergleich zeitlich nach rückwärts aus. 
Auch darin, dals die ersten Menschen ihre Paradiesesheimat ver- 
lassen haben, sieht er eine Parallele zum Schicksale des 
Phönix, 424 — 42. Da 424 nicht swä steht, welches sich auf 
den Inhalt des ganzen Satzes bezöge, sondern ^oes pe, welches 
wohl auf pisses fu^les ^efcer geht, so dürfen wir annehmen, 
dafs eine Berufung auf eine Quelle für diesen Zug nicht vor- 
liegt. Eine solche Angabe wäre beachtenswert, da die mehr- 
fachen Berufungen des Dichters auf Bücher und Gelehrte, wie 
wir sehen, zutreffen. Zudem ist nach den einleitenden Zeilen, 
424 f., alles bis 437* einschl. Rekapitulation, ähnlich 437'' bis 
440*; und 440 ''ff. beruhen wieder auf dem Carmen. 

111,21.22. Inde magis populi 440^—46. Der Gedanke ist hier 
multa commissa malorum sehr genau übernommen. 
Et nefanda malis pepererunt semina 
factis. (Sohluis von III.) 



118 

IV, 1. Idcircoque deus solus, cui 

summa potestas, . . . 
5. Progeniem meriti decretum servat 

in aevum: 
Et cunctas animas, quae . . . 
8. Ut primum posito membrornm 

pondere cedunt 
Terrenisque leves resolutae nexibus 

ibnnt 
Ac proprias rep[e]tent diversis par- 

tibus oras, [Hier ist von einem Zwischen- 

lUicet occultis alias includi tene- l aufenthalte der Seelen bis zum jgst. 

bras [-bris] Ger. die Rede. Vgl. Musp.] 

Ast alias laetis revocare[i] pro- 

tinus auris, 
Levari penitus decreta ad 

praemia legis, 
Donec iterum [mjortis resar- 

gant Corpora membris . . . 

447 ff. wird der oben angeführte Passus des Ambrosius 
verwertet (bis 475), jedoch nur sporadisch. Diese Partie des 
Phon, hat Quellenverhältnisse, welche auf das schlagendste die 
Verfasseridentität für Gü. und Phon, sichern. 

448^—50. Vgl. X, 6 ff. (Cr. 759 ff.) Wir haben hier eine 
klare Entlehnung aus Cr. 759 ff.; die 'tela' sind weggelassen, 
was um so bestimmter die Cr. -Stellen voraussetzt. Der 
Fehler [?] ättres [ord] Cr. 768 ist auch hier {ätre 449) gegen 
dieselbe Quelle übernommen. Aufserdem ebenso fäcentäcen 
aus Cr. 1565, wo es dem Zusammenhang sinnvoll (und aus der 
Quelle angeregt) entspricht, während es hier auf dem Wege 
zur Formel ist. Nur eine beachtenswerte Änderung tritt ein, 
die Anbringung der Zeitbestimmung on 2>ä frecnan tid, d. h. 
beim jgst. Ger. resp. zu des Antichristen Zeiten, ein neuer 
Beweis für die Entlehnung von Cr. 759 ff. aus dem Carmen. 
Im ganzen stellen sich sonst 453—84 als kürzere, wörtliche 
Rekapitulation aus den quellenmäfsig auf Ephraem und Lac- 
tauz basierten Stellen des Gü. (s. dort) über das Leben der 
Frommen dar. Dazu kommt die wichtige Tatsache, dals an 
drei Stellen nicht Gü. Vorlage sein kann, sondern genau dieselbe 
Stelle des dort benutzten Ephraemtraktates eingewirkt haben 
mufs. Aus dem Carmen, dessen Gebrauch im Phon, nicht an- 



119 



zutasten ist, könnte höchstens 
gleiche hier eingehender. 

Gü. 48. seilad celmessan, earme 
frEfrad 
(hier nach Ps.-Chrys. od. Carmen IX, 
13. 14). 

Gü. 50. hifiad mid läcum, pä pe 
Ices ägun. 

Carmen IX, 13. 14. (S. Gü. 48.) 

EphraemSyrus, Vossius, 120, ID. 
Fuge hunc [sc. diabolum], o homo, 
odio et abominationi blan- 
ditias ejus habe. Detestare ma- 
lignum et fuge dolosum: homicida 
enim est ab initio u.sque ad finem, 
fuge ipsnm, o homo, ne te inter- 
ficiat: Audi, dilectissime , beatam 
illam vocem domini assidue dicentis : 
Venite ad me omnes, qni la- 
borastis . . . 120, IE. Suscipit 
facile coram ipso procidentes . . . 
120, 2 A. Tunc benignissimus 
deus ob magnam suam bonitatem pro- 
tinus ab inquirentibüs se inveni- 
tur . . . Zweitnächster Satz : Prius- 
quam [homo] effundat lacrymas, 
miserationum suarum thesau- 
ros effundit super eum . . ., 
priusquam ipsum oret, miseri- 
cordiam ab eo consequitur. . . 
120, 2B. Deus ac creator noster e 
vestigio cuncta peccata nostra 
et oflfensiones cogitationumetactunm 
remittit . . . 

Gü. 26 b. pe his (S healden. 

Vgl. Gü. 814. 15». gif hg hälges 
Word healdan woldon 
beorht in brEoshim. 
Gü. 781. and ^ebedu sScad (Ephr.). 
Gü. 779». hälgumgehy^dum {L&ct). 
Vgl.Gü.771^. (beradinbrBostum...) 

heortan cUene. 
Ephraem, Vossius, 120, IE. Sus- 
cipit facile coram ipso proci- 



453. 54" entlehnt sein. Ich ver- 

453.54». ponne he celmessan ear- 
mum dceled, 
dugepa lEasitm, 



454b_57a. 

Vgl. 455^ f. ford onetted 

Icenan lifes, 



\ 454^ f. and him dryhten gecyhd, 
{ fceder on fultum, 

456 i>f leahtras div(2scep, 

mirce mändcede (Tränen der Reue 
tilgen, wie der Regen den Schmutz, 
die Sünden). 



457^. 58*. healded meotudes (ß 
beald in brEostum 



458^. and gebedu sEced 

459». clcenum ^ehygdum 



459^.60». and his cnEo biged 
cepele tu eorpan, 



120 



dentes . . ., quando quis ad 
eum adorandum accedit . . . 

Ephraem, Vossius, 120, 1 E. (Vor- 
hergehender Satz.) Perfngium a 
cunctis vitiis ipse est, sanat 
vulnera donatque vitam sine invidia 
ut benignus medicus. 

Gü. 43'jf. pä pe him godes e^sa 
hleonap ofer hmfdum (Ephr.). 



Gü. 784 f. donne Jiy hweorfad in 
pä häl^an bur^, 
gongad gegnun^a tö Hienisälem. 
(Vgl. Cr. 1681.) 
Gü. 766. (rcefnad her) läre long- 

sumne. 
Vgl. Carmen IX, 18. Omnia divinis 
gessit sua munera jnssis. 
Gü. 581^ ff. and him lof singe 
purh gedefne dum dceges and nihtes, 
herge in heortan heofonrices tveard. 
Vgl. El. 1237 ff. 
Gü. 770 {her ad in breostum) 
beorhtne geUafan (Lact). 
Gü. 33 f. (von den Sündern). 
bid him eordwela ofer pcet ece llf 
hyhta hyhst (Ephr.). 

Gü. 36 — 41. da pe him td heo- 
fonum hyge stapeliad; 
witon, pcet se Edel See blded 
ealra pcere mengu, pe geond middan- 

geard 
dryhtne pEowiad and /)ces dEoran 

häm 
wilniad bi gewyrhtum. (Ephr.) 
Gü. 767.68». earniad on eordan 
Ecan tlfes, 
hämes in hEahpu (nach Cr. 1670 ff.). 
Nach der entsprechenden Aufzäh- 
lung schliefst Gü. 783 f. 
himpcetnehreowed ceft er hing ong e, 
donne hy hweorfad in pä hälgan bürg . . 



460 ^. 61 a. flyhd yfla gehivylc, 
grimme gieltas 



461 b. for godes egsan. 

462.63» vgl. 445 und sonst, 

463^ — 65» zu 448^ — 50 aus Cr. 
759 ff., vielleicht auch Ambrosius. 

465 1> — 69. Ambrosius. 

470 — 74. Vgl. 443 — 46 (Ambro- 
sius). 

474. 75. bEod him . . . wie ge- 
stapelad 
in wuldres byrig, weorca tö lEane, 

476. pces pe hl gehEoldan hälge 
läre, 



All. 78 (scheint aus Gü. 581 ff. über- 
nommen.) häte cet heortan hige 

weallende, 
dceges and nihtes dryhten lufiad, 

479. leohte geUafan lEofne cEosad 

480 — 84». oferworuldwelan. Nebip 
himivynnehyht[hghst?], 
Pcet hy pis Icene llf long giwunien. 
Pus Eadig eorl Ecan dreames, 
heofona hämes mid hsahcyning 
earnad on eine, 



484b — 87. oppcet ende cymed, 
dögorrlmes. Ponne dEad nimed, 
wiga wcelglfre, wöepnum gepryped, 
ealdor änra gehwces . . . 



121 



489''. 90. 



Dals wir in diesen 30 Phönixversen nur eine knappe 
Wiederholung der im Gü. aus verschiedenen Quellen ausführ- 
lieh zuFammengetragenen guten Werke der Frommen vor uns 
haben, ist ohne weiteres klar. Wenn nun der Phönixdichter, 
der ja wie Gü. das Carmen benutzt, aufserdem eine zweite 
Gü.- Quelle, die Ephraempredigt, aus welcher die entlehnten 
Gedanken der ersten Güdläcfitte ursprünglich stammten und 
zwar genau dieselben Stellen zur Ergänzung heranzieht, so ist 
damit Gü. [also auch Cr. 3] und Phönix mit voller Gewilsheit 
demselben Verfasser zuzuerkennen. — 

Infolge der eingefügten Deutung nach Ambrosius ist der 
Dichter von dem Gedankengange des Carmen abgeraten. Er 
nimmt den Faden nun da wieder auf, wo er ihn hat fallen 
lassen, in IV. 

484 — 89 ^ (S. a. oben.) Kurze Zusammenfassung. Vgl. 440 ff. 

V, 10. 11. Cam sint omnia dei, 
reddent magis omnia, tellns 
Jussa revocabit, quidqaid coutexerat 
olim. 

V, das den breit ausgeführten 
Vergleich der Auferstehenden mit 
anderen Naturerscheinungen und mit 
Phönix bietet, war schon reichlich 
benutzt und wird es 511 flf. noch- 
mals ; wie ein roter Faden zieht sich 
die wichtige Vergleicbsstelle durch 
das ae. Gedicht: 240 ff., 380 ff., 
511 ff. u. a. m. 

VI, 1. Ergo ut ad vocem mundo 
tremente divinam . . . 

4 — 8. Promovente deo, veniente 

jndice mundi, 
Protinus innumeris concurrunt ire mi- 

nistris 
Convallantque dominum cum maje- 

state sua coelesti, 
Angelica late descendunt agmina 

terris. 
Omnes nuntii dei, quibus est divina 

facultas. 
-|- 16 — 18. Hinc jubente deo facile 

cum voce potentis, 



491 — 98. 491 = Cr. 795, wo es 
sicher erkennbare Übertragung aus 
'astabunt noti et familiäres mei 
per circuitum' ist. Zu 492 vgl. 
Cr. 941—43. 



122 



Continuo ruptis per omnia regna 

sepnlcris, 
Omnis humus laetis [C] efifundit 

hiatibas ossa . . . 
VI, 16—18. (S.d. Vorhergehende.) 
VI, 19. Viventesque parens po- 

pulos eructat arena. 
VI, 4—8 (s. oben) + 9—11. 
Praeeipua et forma vlrtutis Spiritus 

omnis, 
Ignens his vigor est, rutilantia Cor- 
pora caeli, 
Vis divina micat. 
VI, 12. 13. Hinc trepidans 

terra penitüs universa re- 

mngit 
Partnriens homines, quos reddere 

justa jubebit. 
[C jnssa debebit, A jussa docebit.] 
VI, 35 — 37. Omnis adest pavi- 

dus finis cujusque co- 

lonus, 
Eusticus et nüles, posito diademate 

reges, 
Pauperi permistus aequali in 

agmine dives. 

V, 82. 33. (C.) 



VII, 1 — 3. Ipse se dominus emi- 

nenti lumine clarus 
Et praeponens cnnctis micat in virtu- 

tibas ignis, 
Excelsoque throno coelesti sede 

corascat. 



499 — 503 a. Die Feuerengel, ein 
schönes Bild, werden also, genau 
wie im Cr. 2, nicht als Engel, son- 
dern als reales Feuer wiedergegeben. 



Das Furchtbeben der Erde wird 
bei dem ags. Dichter zur Scham, 
vielleicht unter dem Einflüsse der 
Alliteration: scyld — scomu. 



503 b — 508 a. Vgl. Cr. 804 ff. Die 
Übersetzung von GoUancz: eorpan 
ceht^estrzon mit „earth's possessions" 
ist demnach ungenau : „Der Erde kost- 
barer Schmuck" ; ceppkde gold etc. ist 
regelrechter Parallelismus zu 505 b. 
6 a. Vgl. auch Cr. 995 ff. , wo for- 
swelgan auf Ephraem beruht. 

508b— 14». Die Formel 513 wird 
fertig aus Gü. 810 übernommen; das 
sinnlose liges ist mit Grundtvig und 
Grein in lifes zu ändern. 

514b — 16*. Der ags. Bearbeiter 
fafst, wie schon Cr. 11 90 ff. [vgl. 
Cr. 1009, 1219, 1335], die Quelle auf 
als: Der Herr leuchtet in den Feuer- 
farben des Edelsteines, natürlich 
(im Mittelalter) des Rubins. Es sei 



jedoch ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dafs dieser 
Sinn von Ps.-Cyprian schwerlich beabsichtigt ist, denn zu Grunde 
liegen letzthin die vielzitierten Verse Dan. 7, 9 f.: 'vidi thronum 
candidum sicut flamma ignis' etc. 

516^ 17. Vgl. Cr. 1079 f., 1333 (von beiden keine un- 
mittelbare Vorlage festzulegen, also wohl Ausruf des Dichters.) 

518 — 28 greifen zurück, den Auferstehungsvorgang in den 
einzelnen Phasen zeigend und auslegend. 



123 



VI, 18. C: ... humus Isetis ef- 
fiindit hiatibus ossa. 

VI, 20 ff. Haerent membra comis, 
nectuntur ossa medullis, 

Consertique regunt spirantia corpora 

nervi, 
Et simul infusae moventur sanguine 

venae, 
Dimissaeque cavis animae redduntur 

apertis, 
Organaque sua repetunt snrgentia 

quaeque . . . 
(Aufzählung der Auferstehenden) . . . 
35. Omnis adest pavidas finis cujus- 

que colonus. 
Cr. 811. brond bid on tyhte. 
Vgl. El. 1308 ff., Cr. 1002 ff. Dazu 
s. Mnsp. 5Sff. u. sonst. 

VII, 1—3 (s. 514 ff.) + VII, 4 — 7. 
Martyribus septus numero candente 

virorum 
Beatisque suis comitantibns vatibus 

extat, 
Clara quibus niveis effulgent tempora 

taeniis. 
Jamque sacerdotes nitidis in vestibus 

adsunt. 
Die leuchtenden Gewänder wurden 
vielfach als die guten Taten aus- 
gelegt; vgl. Apok. 19, 8. „Die Seide 
ist die Gerechtigkeit der Heiligen." 



VII, 9. 10. (Märtyrer, Propheten 
und Priester.) 
Submissi[s]que omnibus [omnes] ge- 

nibus reflexis adorant: 
„Solus agios sanctusque deus", vox 
omnibus una est. 
XIV, 9. Cineribus creta jacuisse 
Corpora passis [sc. prophetes 
stupuit]. 



XIV, 1. 2. Haec adeo sancti quo- 
tiens cecinere prophetae, 



518. 19a. (S. oben.) 
519b — 25a. 



525^ ist offenbare Entlehnung, 
ebenso 526 a und das Folgende dem 
Wortlaut nach. 

52613 — 28». Die Allegorie ver- 
langte nach Ambrosius Deutung der 
guten Werke aus den Wohlgerüchen 
des Phönixnestes, deshalb übernahm 
der Poet aus der Quelle nicht die 
'nitidae vestes' usw., sondern nur den 
Inhalt des Bildes, die guten Werke, 
und deutete dann nach Ambrosius 
auf sie. Zum Wortlaut vgl. Cr. 
1032—35. 



528 b — 38 nach Ambrosius; ebenso 
543. 

539 — 42. 



544. 45 wohl aus XIV, woraus das 
nun folgende „Iliobzitat" erweitert 
wird. Vgl. jedoch El. 1312 ff., worauf 
der Wortlaut, der dort aus Ambrosius 
stammt, mit aller Bestimmtheit weist. 

546 — 51. Berufung auf die Hiob- 
prophezeiung. Wie kam der Dichter 



124 



Spiritu saepe dei moniti dixere auf Hiob? Die Erklärung, welche 
fntura. auf Grund der Quellenforschung 

gegeben werden mufs, ist sehr einfach: Cynewulf ist der 
Phönixdichter; er kannte ans der Cr. 2 -Quelle, Gregors Hora. 29, 
die auf Phönix - Christus gedeutete Stelle Hiob 28, 7. Der- 
mafsen auf dieses Buch aufmerksam gemacht, schlug er den 
Bedakommentar zu Hiob nach und fand hier die nach Gaeblers 
Ermittelungen sehr seltene Interpretation von Hiob 29, 18 auf 
den Wundervogel, die er in Phönix zitiert: 'In nidulo meo 
moriar et sicut palma multiplicabo.' Beda hat statt 'palma' 
die fragliche andere Übertragung des hebräischen Wortes mit 
'phoenix'. Hiob 29, 18 ist alles, was das Carmen hier nicht bot. 

XIV, 7 — 24. Gott liefs seinen Wie der nebenstehende Text zeigt, 

Willen durch viele verkünden: stammt sonst Phon. 552 — 69 aus 



Denique jussu dei compegit ossa 

prophetes 
Et stupuit mota subito non sponte 

sepulcra, 
Cineribus creta jacuisse corpora 

passis, 
Surgere tunc vivos anima veniente 

miratus 
Et cum voce sua ad coelum tendere 

palmas, 
Gratanturque deo et victori talia 

Christo, 
lila quidem tumulo petiere silentes 
Servandique dei diei cessere futuro ; 
Paulisper jussit retineri cubilibus 

imis. 
Donec ille dies completo tempore 

magnuä 
Adveniat, cuncti dominum cogno- 

scite verum, 
Qui solus animam faciat conscendere 

lucem, 
Eamdemque potest in tartara trudere 

poenae, 
Et cixi cuncta patet vitae mortisque 

potestas. 
Posse deo, non velle satis est, fac- 

tumque dicendo 
Ille mens solns metuendus sensibus 

imis, 



dem lat. Ged. , teilweise wörtlich. 
Der Angelsachse teilt die etwas un- 
klare Stelle Hiob zu. M. Manitius, 
Gesch. d. christl.-lat. Poesie bis z. 
Mitte d. 8. Jhrh., Stuttg. 1891, 347, 
Anra. 3 vergleicht Ezech. 37, 1 — 10 
und Juv. II, 104. 

Sehr beachtenswert ist, dafs der 
A-Text eine Verbindung mit Hiob 
nicht zugelassen hätte: 
[Statt B XIV, 6.] verba sonantes 

[deus misit] 
Divina, excitosque jubet pro- 

dire sepulcris 
Secum, cum fracto surrexerat 

ipse sepulcro. 
Obstupuerc quidem plures patuisse 

sepulcra 
Et cerni in clara praemortua corpora 

luce 
Miratique pios sermones, dulcia 

dicta; 
Ipsa voce suas tendunt ad sidera 

palmas 
Gratanturque deo et victori talia 

Christo. 
lUos non tumnlos certumestrepetisse 

silentes 
Amplius aut terrae retineri viscere 

clausos; 



125 



Et qaoniam letho cursus concluditur 

omnis, 
Quicunque est hodie, secum sua vita 

feretur. 



Reliqua sed recubat nunc turba cu- 

bilibus imis, 
nie dies donec completo tempore 

magnus 

Adveniat usw. Ein ganz anderer 
und, wie mir scheint, besserer Sinn. 
570 — 74 a. Überleitung. 
C. V, 32. 33. 574 b — 79». 

IX, 6. 7. Jnstitia gaudens aeterno 579 1^ — 82. 

in foedere vivit, 
Et secura salus placidis laetatur in 
arvis. 

583 — 86. Ambrosius. 

587. 88. Gott als Sonne der Gerechtigkeit fehlt im Carmen, 
ist aber ein bekanntes Bild und beruht letzthin auf Apok. 21, 23. 
(„Die Herrlichkeit Gottes erleuchtet'' das himmlische Jerusalem.) 
589. Vgl. Phon. 515. 

590 — 94'. Nach C V, 33 gegen Ps.-Lact. (wo der Vogel 
seinen Begleitern entfliegt und sie traurig zur Erde zurück- 
kehren). Von hier ab hört der eigentliche Vergleich auf, und 
Phönix ist direkt Christus; er tritt, wie Gaebler schon bemerkt 
hat, stark im 2. Teile zurück, von hier ab besonders, und es 
wird wohl nicht nur Schuld der Quelle sein, sondern Kunst- 
verstand, wenn der Dichter den Vergleich nicht weiter preist. 
(S. unten.) Nur noch der Vogel selbst, der ewig im Paradiese 
lebt, wird 596 — 600 als Vorbild für die Seligen hervorgehoben. 



IX, 3. Hinc malus extremas rele- 
gatur exsul in oras . . . 
[8. Semper victura, semper in luce 
futnra.] 
VII, 17. Degere perpetuam prae- 

claro in corpore vitam. 
Cr. 1237 ff. und „justi fulgebunt 
sicut sol" . . ., was sehr oft zitiert 
wird. 
VII, 8. Gestautes rntilas praemia 
vitae Coronas. 
C. Gestautes rutilant premialia vincla 

coronis. 
A. Gestautes rutilasinsigni fronte 
Coronas. 



594 b 
1237 ff. 



-96. Vgl. Gü. 7881' ff., Cr. 



597 — 601. 



602—7*. Hier führt der Angel- 
sachse mit besonderer Liebe aus, 
und zwar nach A. 



6O7IJ— 17a hat bei Ps.-Cyprian 
keine genaue Entsprechung. Wir 
haben wohl am einfachsten an die 



126 



wörtlich anklingenden Verse im Cr. 
zu denken, 1639flf. 
615^ — 21. 



622 — 31. Der Gesang der Seligen 
wird nun vom Dichter in schönster 
Weise in direkter Rede eingefügt. 
Vermutlich gab ihm das 'psallentes' 
den Anlafs zu der vielleicht auf 
Ps. 107, 4 — 7 zurückgehenden hym- 
nischen AusführuDg. Zu 622 vgl. 
El. 893 f.; 626 — 29 vgl. El. 751 — 54 
und dessen Quelle : ' Pleni sunt caeli 
et terra gloria ejus'. 

632 — 35 klingt an IX, 21 an. 



IX, 22. C. Psallentes domino cele- 
brant prae gaudia laudes. 
A.B. per g. grates. 
Ps. 107, 4 — 7. Confitebor tibi in 
populis, domine, et psallam 
tibi in nationibus, 
Quia magna est super caelos miseri- 
cordia tua et usque ad nubes 
veritas tua. 
Exaltare super caelos, deus, et super 

omnem terram gloria tua, 
Ut liberentur dilecti tui. Salvum 
fac dextera tua, et exaudi me. 
IX, 21. Orantesque simul referunt 
ad sidera voces. 

636 — 44* fehlt im Carmen ebenfalls. Eine Quelle nach- 
zuweisen wird kaum nötig sein, da der 2. Glaubensartikel das 
meiste geboten zu haben scheint. 

644b — 54 isfach Ambrosius, Schluls: 'Intravit igitur in 
thecam suam quasi bonus phoenix, quam bono replevit odore 
martyrii', 

655 — öl'' wendet der Dichter gleich noch einmal die 
Allegorie auf seine eigenen Quellen an; diese sind die guten 
Werke der Heiligen, die sie Gott darbrachten. Er dachte dabei 
sicher an sein eigenes frommes Gedicht. 66P — 77 stimmt er 
selbst in das Lob des Höchsten ein, sich von allen Quellen 
losgelöst wie der davonfliegende Phönix zu grolsartigem Fluge 
emporschwingend. Zweifellos hat diesen Schluls ein Künstler 
gedichtet. Vielleicht könnte der lat. Traktat des Ephraem 
Syrus: „Gloria omnipotenti deo . . .", Vossius, S. 478 ff., welcher 
ähnlich hymnisch schliefst, ein entferntes Vorbild gewesen sein. 
[661^ 62^ = Cr. 777^ 78% der geläufigste Homilienschluls.] 

Apok. 5, 13. Et omnem crea- 661 — 66. Marbach, Carmina scrip- 

turam, quae in coelo est et super turarum verzeichnet die Stelle nicht 



terram et sub terra et quae sunt in 
mare et quae in eo, omnes audivi 
dicentes: Sedenti in throno et agno: 
Benedictio et honor et gloria et 
potestas in saecula saeculorum. 
II, 1. Nunc age securam vivam- 
que attingere lympham 



unter den Antiphonen usw. 



667 — 77 beruhen inhaltlich auf 
der Stelle des Carmen, womit dessen 



127 

Et celeres vitae facilem haurite fortlaufende Benutzung 393 begann. 

li quo rem. begietan = 'attingere'; 'viva lym- 

Si qnis velit poenas aeternae eva- plia' und 'facilis liquor' lassen statt 

dere flammae der Konjektur Holthausens 'mer [i &] 

5. Et justae potius adipisci prae- veri' aus 'merueri' (Herr. Arch. 112, 

mia vitae, 132 f.) das einfache 'meri veri', 

Hunc unum meminisse deum solum- „wahrer Lautertrank , Wein" als 

que precandum, Emendation erscheinen. Der Schlag- 

Qui totum in libra posuit sub limine reim 'sinefine', Phon. 675, rührt, wie 

mundum man sieht, aus der Quelle her. 

Aeternumqne manens semperque Im übrigen ist die Benutzung voU- 

futurus in aevum, kommen frei, ßlß^ mufs entweder 

Saecula cuncta tenens, ante omnia stehen 'laude perenni' oder 'laudem 

saecula solus, perennem'. Der Ablativ scheint 

Ingenitus sine fine deus, thronum- metrisch besser. — 

que divinum 
Solus habens coelo semper super- 

eminet alto. 

Die Gleichheit des Cr. 3- Gü.- Verfassers mit dem des 
Phon., der Umstand, dafs Cynewulfs Autorschaft eine einfache, 
befriedigende Erklärung für die Heranziehung einer seltenen 
Hiobinterpretation gibt, mehrfache sichere Benutzung von Cr. 2 
und El. und umgekehrt des Phon, in dem Cynewulf gehörigen 
Andreas sichern C.'s Verfasserschaft für das Gedicht. 

Fassen wir die gesamte Quellenbehandlung ins Auge, so- 
weit das Carmen in Frage kommt, i) Abgesehen von dem 



^) Die Quellenverhältnisse des Phon, und der übrigen Benutzungen 
des Ps.-Cyprian [vgl. auch die des Ps.-Lact. und von Bedas De die 
judicii iu Be Domes Daeje] stützen die kürzlich von Herrn Prof. Morsbach 
(Zur Datierung des Beowulfepos, Gott. gel. Anz., phil.-hist. Kl. 1906, S. 276) 
ausgesprochene Anschauung über die Entstehung der ags. Epik überhaupt. 
Er glaubt, dafs das weltliche Epos (im Gegensatz zum alten Lied) auf das 
geistliche zurückzuführen sei: „Die letzteren (geistl. Epiker) aber knüpfen 
ihrerseits vielleicht z. T. wieder an die noch ältere mittellat. Epik au , so 
dafs auch hier die Brücke zum klassischen Altertum geschlagen würde." 
In den zahlreichen Carmenbenntzuugen des überragendsten Dichters jener 
Zeit dürfen wir einen der wichtigsten Ausläufer dieses Entstehungsprozesses 
sehen. Ich werde in grüfserem Zusammenhange ausführlich hierauf zurück- 
kommen. Nur auf eins will ich einstweilen aufmerksam machen: Dem 
epischen Vers der Antike, dem Hexameter, entspricht die alliterierende 
Langzeile. Wenn wir nun bei Cynewulf gereimte Zeilen mit Endreim 
untereinander und Binnenreim haben, so müssen streng konsequent die 
nächsten Vorbilder dafür in der lat. Epik gesucht werden. Ich stehe nun 
nicht an zu behaupten, dafs das Carmen der wichtigste Faktor für die 



128 

schwülstigen Eingangskapitel (36 Verse) und dem ermahnenden 
Schlüsse XV ist fast kein Satz unbenutzt geblieben bis auf X — XIII. 
Diese beschreiben die Verdammung samt den Höllenstrafen, 
welche zu der Legende absolut in kein Verhältnis zu bringen 
war. Nur den Seligen ist Phönix Vorbild, nur diese ver- 
sammelt er. 

Der Anschlufs an die Vorlage ist meist ein genauer, allerdings 
mehr inhaltlich als wörtlich. Der Verfasser folgt dem Gedanken- 
gange im ganzen, im einzelnen gruppiert er einige kleinere 
Komplexe durchaus frei, so XIV „Hiob", der als Zeuge näher 
zu der Auferstehung, also Über die Beschreibung des Gerichtes 
und der Seligkeit hinweg, gezogen wird. Anderes entstand 
aus dem Verschmelzungsprozesse von selbst: Benutzung des 
Kap. VIII zur Schilderung der Phönixheimat, von V zu der 
Phönixverjtingung, 240 flF., und sonst; daneben bestehen eine 
Anzahl kleinerer Sprünge. 

Betrachtet man aber den Zweck des Autors, so wird man 
sich uneingeschränktem Lobe hingeben dürfen. Der Gedanken- 
gang ist einfach, natürlich und stark. Durch die Vorwegnahme 
der „Hiob" -Stelle (XIV) und der wenigen Anklänge aus XV 
schuf der Dichter Raum für seinen imponierenden hymnischen 
Schlufs, worin er sich über seine Vorlage mächtig erhebt. 



Entstehung des Reimes in der ags. [und nach deren Vorbild der as.?] 
alliterierenden Dichtung ist. Nach M. Manitius, Gesch. d. christi.-lat. Poesie 
usw., S. 348, der das Ged. zuerst literarhistorisch behandelte, findet sich 
hier der Reim in einer Weise angewendet, wie er sonst nur bei Commodian 
auftritt. (Folgen genaue Zusammenstellungen.) „Von den 406 Versen 
sind im ganzen 172 am Ende gereimt. Aufserdem sind 147 (vgl. Vers 201) 
Verse leoninisch und 35 (vgl. Vers 43 [sc. Hartel]) anders gereimt." Cyne- 
wulf kannte das verbreitete Ged. natürlich schon, als er El. dichtete. In 
der Übertragung des Endreims auf den weltlichen Beowulf sehe ich ein 
Hauptargument für Morsbachs Hypothese. (Vgl. Anm. 1 zu Heliand.) 

Ich will hier noch kurz auf etwas hinweisen, was Manitius übersehen 
hat. Dieses Gedicht, die wichtigste stoffliche und formale Quelle Cyne- 
wulfs wimmelt von Alliteration, die freilich weder an betonte Stamm- 
silben gebunden ist noch sonst Regeln kennt. Sie greift wie das Reim- 
spiel über mehrere Verse, sie besteht häufig nur aus zwei nebeneinander 
stehenden Sbstt., sehr oft jedoch in lebhafter Wiederholung des gleichen 
Anlauts. Eine Aufzählung hat hier keinen Zweck, jeder kann sie für sich 
machen. Die lateinische Alliteration wird dazu beigetrageu haben, das 
Gedicht dem ags. Dichter besonders lieb und wert erscheinen zu lassen. 



12Ö 

Wie ein voll ausklingendes Orgelspiel steigt sein Lied von 
der allegorischen Anwendung der Phönixlegende zu den Wonnen 
des Paradieses, den Psalmen der Seligen empor, in die er zuletzt 
selbst mit den wuchtigen lat.-ags. Versen einstimmt, nur noch 
leise die Quelle berührend. 

Demgegenüber wollen die bei dem Verschmelzungsvorgange 
von Ps.-Lact. und Ps.-Cyprian stehen gebliebenen Wieder- 
holungen: 14—21 (Carmen) neben 57—62 (Ps.-Lact), 34 — 38 
(Carmen) neben 71 — 73 ff. (Ps.-Lact.) nicht viel bedeuten; sehr 
viele und wohl tiberlegte Änderungen und Anpassungen beider 
Vorlagen wiegen dies reichlich auf. Und dafs im letzten Teil 
der Phönix zurücktritt, ist künstlerisch nur richtig empfunden. 
646 — 54 wirken, da sie nur mehr den Gesamtinhalt der 
Allegorie zusammenfassen, wohl abrundend. 

Als Schwäche kann es freilich ausgelegt werden, dals 
Cynewulf für die Seligen, die er anfänglich mit Phönix' Vögeln 
verglich, nun überspringend direkt mit Phönix, dem Ewig- 
lebenden, in Parallele setzt. Es entschuldigt ihn, dals er dies 
bei Ambrosius so vorfand; eine Schwäche bleibt es m. E. 
Vielleicht hätte die etwas stärkere Hervorhebung einer leisen 
Gegensätzlichkeit zwischen dem Phönixschicksal und dem der 
Menschen dem Übel abgeholfen. Das Gedicht begnügt sich 
mit fela in 387: 

Risses fugles ^ecynd fela ^elices . . ., 

was vielleicht „gleicht in vielen , nicht in allen Beziehungen" 
heilsen soll. (Aber durch den Gegensatz hätte wieder die 
Einheit der Allegorie gelitten!) Nur auf dem Umwege: Phönix, 
der König der Vögel , ist auch Vorbild für sie , d. h. für die 
Auferstehenden und die Menschen, lälst sich die künstlerische 
Einheit verteidigen. 

Die im Phon, sich zeigende gelehrte Bildung scheint immer 
noch viel besser als die des Durchschnittes der damaligen 
Geistlichen gewesen zu sein: 'curae insomnes' gibt der Bearbeiter 
zwar durch sor^ and slöep wieder; allein nicht nur die gründ- 
liche Beherrschung seiner beiden Hauptquellen, sondern auch 
der halblateinische Schlufs verrät den täglich mit dem Latein 
Umgehenden, und die naive Benutzung der schlechten Hs. und 
ihrer falschen Lesarten kann man ihm nicht vorwerfen. Selbst 
ein moderner Philologe würde schwerlich aus dem C-Vers: 

Studien z. engl. Phil. XXXI, 9 



iso 

Exemploqne suos volucres resurglt in liortus 

durch vierfache Konjektur die wenigstens leidliehe B- Lesart 
hergestellt haben: 

Extemploque sno volucris resurgit e bnsto. 

Jedenfalls sehen wir Cynewulf hier wie auch sonst mit den 
Kirchenvätern usw., deren verschiedene Stellen über Phönix er 
zusammengetragen hat, ziemlich vertraut. Über seine Bildung 
herrscht jedoch stets seine Empfindung, die er auch dem Ge- 
nielsenden mitteilt. 

Der Verfasser des Phon, ist nicht nur eine künstlerische 
Intelligenz gewesen, er hat auch seinen Zeitgenossen als solche 
gegolten. Das zeigt der Einflufs des Werkes. 

An wörtliche Reminiszenzen in der vier Jahrhunderte 
späteren poetischen Predigt: On goä ureisun of ure lefdi (37 ff.), 
die Kölbing, Engl. Stud. 1, 169 f., zu finden meinte, kann ich 
wegen der Formelhaftigkeit der Paradiesbeschreibungen aller- 
dings nicht glauben. Man vgl. den Linzer Entecrist, Hoffmann, 
Fundgr. 2, S. 134, 11—19: 

si inliungeret noch gedurstet me, 

Icein hize düt in we, 

ir urganc wirt vil gut; 

hi den hrunnin stat der hlumin hlut. 

neJieine stat da hat der ha^, 

nimins ouge wirt da na^. 

da inist kein wuft, 

weder ser noch ruft, 

dan ist niman ungesunt . . . 

und die Nachweise zu Cr. 1649 ff., besonders Otfr. V, 23, 273 ff., 
dessen vermutliche Quelle Ephraem (s. Ausg. v. Erdmann), 
Carmen VIII usw. Dagegen, scheint mir, zeigen die von Kluge, 
Engl. Stud. 7, S. 474 ff. veröffentlichten beiden Hss. eines Phönix- 
traktates aus dem Ende des 11. Jahrh. wenigstens die Beliebt- 
heit des Stoffes in der ags. Poesie, wenn sie auch mit Cyne- 
wulfs Werke, das hier offenbar die Bahn gebrochen hat, nicht 
in unmittelbarer Verbindung stehen. 

Eine wirkliche Nachahmung des Phönix verrät sich in 
der bei Lumby, E. E. T. S., Or. Ser. 65, S. 36 publizierten 
„Oratio poetica" (Grein-W. 2, 277). Vgl. Phon. 667 ff 



131 

Tlmnne ^emiUsaä ])e. N. mundum qiii regit. 

^eoda prym Cynin^c. Thronum sedens. 
ä hütan ende. 
Säule wine. 

Geunne Jm on Itfe. Auctor pacis. etc. 

Sehlufsrtß" he gelcede. in lueem perennem. 

P^r eadi^e. Animae sanctae. 

Elce restaä^. Kegnis caelorum. 

In Verbindung mit Gü. (und Cr. 3) hat Phon, auch auf den 
Heliand gewirkt. 

Andreas. 

Die Frage nach der Autorschaft des Andreas kann, wie 
sich gezeigt hat, wegen der z. T. unmethodischen Anwaltschaft 
von Sarrazin (Anglia 12, 375 ff., Beibl. z. Anglia 6, 205 ff. und 
sonst) und Trautmann (Beibl. z. Anglia 6, 17 ff., 22 f.; 7, 372 f. 
und passim sonst) nicht als völlig entschieden gelten. Gleich- 
wohl enthalten die Ausführungen beider Gelehrten das Richtige 
über die Zugehörigkeit des von A. Napier, Zs. f. d. A. 33, 66 ff. 
veröffentlichten und von ihm (dann auch von andern) nur zu 
den sog. Fata apostolorum gerechneten Runenschlusses zum 
Andreas. Neuerdings hat sich besonders Skeat in der Fest- 
schrift für Furnivall, An English Miscella,ny, Oxford 1901, 
408 ff., mit guten eigenen Gründen dieser Auffassung an- 
geschlossen, i) 

Trautmanns Beschlagnahme des Epos für die Lebens- 
schicksale des mit dem Bischof von Lindisfarena Ee identi- 
fizierten Dichters sind vollständig zu verwerfen, und einige 
seiner Argumente zur Verfasserschaft sind zweifelsohne schwach. 
[^aldres] he^ang bezeichnet keineswegs „Ausdehnung", wie 
Brandl, Herr. Arch. 100, 300 ff., und E. C. Butten wieser, Stud. 
üb. d. Verfassersch. d. Andr., Diss. Heidelb. 1899 [?] (vgl. Binz, 
Engl. St. 29, 108 ff'.), betont haben. [Das Verhältnis von Frl. 
Buttenwieser zu Brandls Arbeit, die sich in mehreren Gründen 
decken, ohne sich zu zitieren, bleibt unklar. Brandl: Juni 1898, 



^) Ohne von allen diesen Ansführungen zu wissen, hatte ich dieselbe 
IJberzeuguug gewonnen. 



132 

Butten wieser: Deckelbl. 1899, Titelblatt 1898.] Der Vermutung 
von Brandl, der in den „Fata" einen Reisesegen für die Fahrt 
ins Jenseits 7a\ erkennen glaubt, kann ich jedoch nicht bei- 
pflichten. Solche Reisesegen koromen m. W. in der christlichen 
Literatur nicht vor [die anderen Segen tun das bekanntlich!] 
und dürften überhaupt nicht wohl denkbar sein. Denn die 
dominierende Pointe der alten kirchlichen Vorstellung ist doch 
nicht die einer glücklichen oder unglücklichen Reise der Seele 
nach dem Tode, sondern die einer friedlichen oder unseligen 
Ruhestätte. Wohl kämpfen die guten und bösen Engel um die 
abgeschiedene Seele, aber stets zeigt die Darstellung, dals sie 
schnell von den Engeln oder Teufeln an ihren Aufenthaltsort 
gebracht wird. Die kirchliche Lehre hat sich nie mit dieser 
Fahrt, die nichts als eine Entführung ist, näher befafst. Das 
tritt auch deutlich bei Cynewulf hervor [Holth., EL, S. 54] : 
Napier, 14 ff. Ic sceal feor heonan, 

an elles forä, eardes neosan, 

slä äsettan, nät ic sylfa hwcer, 

of pisse worulde: wie sindon uncüS, 

eard ond eäel. 
Fünfmal ist vom zukünftigen Aufenthaltsort die Rede ; dals der 
Redende erst dahin kommen muls, ist selbstverständlich und 
nebensächlich : neosan, nebst seiner Variation stä äsettan mit An- 
gabe des Zieles, worauf es dem Dichter allein ankam. Er bangt 
nicht um die Rei^, sondern um die künftige Wohnstätte, ob 
er die Seligkeit oder die Verdammung erlangt. (Vgl. „Fata" 
92 — 95.) Wenn manchem Heutigen schon der Gedanke, einem 
oder sich eine glückliche Fahrt ins Jenseits zu wünschen, 
lächerlich vorkommen mag, so ist das selbstverständlich kein 
Mafsstab für den frommen Sinn des mittelalterlichen Dichters. 
Die von Wülker, Ber. d. kgl. sächs. Ges. d. W., 14. Nov. 
1888, gegen die Zusammengehörigkeit von „Fata" und Andreas 
vorgebrachten, mehr stofflichen Argumente hat Trautmann, 
Beibl. 6, 17 ff., richtig beurteilt. Skeat, Mise, S. 414, hat be- 
sonders eindringlich darauf hingewiesen, dals der Tod des 
Andreas als notwendiger Schluls zum Andreasthema in den 
„Fata" gegeben sei, und es gibt in der Tat keine bessere 
Abrundung für einen die christliche Mission pflegenden Dichter 
als am Schlüsse seiner Legende zu sagen: Er litt den Heldentod 



133 

und ebenso alle seine Mitstreiter. Damit konnte er seine Germanen 
dem Christentume günstig stimmen. Einen befriedigenden Ab- 
schlufs wie die Erwähnung des Heldentodes oder aber des 
höchsten glücklichen Besitzes verlangte aber der mittelalterliche 
Leser geradezu. Eine Abreise ins Ungewisse ist als solcher 
unmöglich, wenigstens in einer Dichtung. In einer Predigt 
wie die Blickl. Hom. über Andreas, die herangezogen worden 
ist, waren die Anforderungen an die künstlerische Komposition 
weit geringere. Umgekehrt: Rechnet man die „Fata" nebst 
Runeuschlufs zu Andreas, so haben wir zu Andreas einen 
höchst eindrucksvollen Schluls gewonnen, wie er für Cynewulfs 
sämtliche Werke charakteristisch ist. Vgl. El., Cr. 2, Cr. 3, 
Güdläcs ausführlich beschriebenen Tod, Phönix (!). 

Ich muls gestehen, dafs mir unbegreiflich ist, wie Traut- 
mann eins der wichtigsten Argumente aus der Hand geben und 
einen ästhetischen Wert der „Fata" für sich überhaupt finden 
konnte. Wülker umgeht die Schwierigkeit. S. 215 sagt er: 
„Dichterisch stehen die Schicksale entschieden auf tiefer Stufe. 
Auch dafür würde die erste Stelle seines geistlichen Dichtens 
sehr gut passen." Die Ähnlichkeit zum Julianaschluls, auf 
welche er aufserdem hinweist, ist allerdings vorhanden, und 
beide Runenschlüsse gehören zeitlich unbedingt zusammen 
(s. unten). Aber sie sind keineswegs Erstlingswerke, sondern 
setzen die El.- und Cr. -Abschnitte voraus und stellen eine 
spätere, höhere Entwickelungsphase des Runenschlufsmotives 
dar. (S. Schlufskapitel zu Cynewulf.) Aber auch ohnedies 
wäre zu sagen gewesen, dals die Aufzählung der zwölf Apostel 
und ihres Endes erst durch Anreihung als Schlulsglied an den 
Rumpf Andreas einen angemessenen ästhetischen Wert erhält. 
Für Cynewulf sind „Fata" und Schluls als Ganzes eine künst- 
lerische Unmöglichkeit. 

Dals der Andreaseingang unorganischer als der der „Fata" 
und deshalb Nachahmung sei, beruht auf der nicht zu recht- 
fertigenden Abschneidung der „Fata" ; denn die hier am Schlüsse 
des Ganzen gegebene Aufzählung der Schicksale aller Zwölf 
bildet erst die notwendige Ergänzung zu dem Anfange des Andr. 
Ich kann mir nie und nimmer denken, dafs ein anerkannt so be- 
gabter Dichter wie der des Andr., wenn er nichts von den zwölf 
Aposteln [als nur in Andr. 1—1722] erwähnen wollte, sein Gedicht 



134 

anfängt: Hwcet, we jefrunon on fyrndagum 

twelfe under tunglum tlreadi^e hceled^, 
])eodnes ^e^nas . . . 
Auf Grund einer oder selbst zweier, von anderen Werken 
Cynewulfs abweichender Flexionsbildungen, die Doppelformen 
sein können [und solche sind häufig je nach dem Versbedürf- 
nis], lälst sich aber eine Autorschaft nicht verneinen. 

Die weitschweifige Arbeit von Frl. Buttenwieser hat Binz 
a. a. 0. noch zu günstig rezensiert. Die Beziehung von Pysne 
san^ „Fata" 1 auf die „Schicks, d. Ap." ist aufs höchste un- 
wahrscheinlich, ^ys bezeichnet das Nächststehende, in er- 
drückender Mehrheit aber doch etwas Ganzes aufserhalb des 
Kedenden. l^ys sans kann sich also nicht auf den Satz be- 
ziehen, in dem es steht. Der Anfang der „Fata": 
Hwcet, ic jbysne sang sip^eUmor fand, 
on seocum sefan samnode ivlde, 
hü pä cepelin^as eilen cyPdon, 
torhte ond tlreadige, 
[ganz abgesehen davon, dafs für die „Fata" keine grolsen 
Stoffsammlungen erforderlich waren] fährt mit einer Halbzeile 
fort, also unmöglich einem Gedichtanfang: 

Tivelfc wceron dryhtne ^ecorene . . . 
Und „Fata" 85 zeigt deutlich, wie j)ys gebraucht wird. Nach- 
dem alle Schicksale berichtet sind: 

ßys 2)ä cepelingas ende jesealdon, 
XII tilmödije . . . 
Wie hier bezieht sich offenbar auch „Schicks." 1 auf das 
vorhergehende, im Rumpfe fertige Gedicht. 

Wenn Frl. B., S. 17 meint: „Wie die Dinge liegen [sc. 
Andr. und Matth. werden in den „Fata" nicht wie im Andr. 
zusammen genannt!], könnte der Leser kaum sicher sein, dafs 
der Andreas und Matthaeus in dem „Anhang" dieselben 
waren, von denen er im Gedichte gehört hat", so dürfen wir 
uns wohl ein Lächeln gestatten. Die z. T. äulserst subjektiven, 
abfälligen Ausführungen über den poetischen Stil des Andr. 
im Vergleiche zu den anerkannten Cynewulfischen Werken be- 
ruhen überhaupt nicht auf beweisender Methode, sondern ver- 
mutlich auf dem „schwer definierbaren Etwas" des Frl. B., 
was nach S. 62 die dichterische Individualität ausmacht. 



135 

Aus dem Runensclilusse sind zwei bisher nicht gesehene Be- 
weisgründe gegen Napiers Ansicht (Fata -f- Schluls) zu gewinnen. 

Erstens: In dem Satze Napier Iff.: 

Her mcej ßndan fore])ances gleaw, 
se cte hine lysteä leoäsiddun^a, 
hwä 2)äs fitte f(e^de) 
kann ])äs fitte nur Plural sein. Bosworth- Toller und Sweet 
geben als Bedeutung für ßt auch „canto, song" an. Darnach 
könnte man übersetzen wollen: „wer dieses Lied dichtete" 
und J)äs fitte als Sgl. fassen. Aber diese Bedeutung „Einzel- 
lied, Gedicht" ist nicht nur unbelegt, sondern widerspricht allen 
Belegstellen und späteren mittelalterlichen Bedeutungen des 
Wortes. Das Oxf. Dict. gibt den richtigen Sinn, der aus der 
Praefatio des Heiland ja so geläufig ist ('. . . poeta omne opus 
per vitteas distinxit, quas nos lectiones vel sententias 
possumus appellare'). Es ist unmöglich, mit Brandl, Herr. Arch. 
100, S. 332 (oben) zu sagen: „Überdies bezeichnet er [sc. der 
Dichter] das Gedicht [sc. „Fata"] selbst V. 98 nur als eine fit, was 
in me, Zeit sicher der technische Ausdruck für ein kürzeres Gedicht 
oder einen Gediehtsabschnitt ist und so auch in Alfreds Boethius, 
cap. 30 von einem einzelnen Metrum gebraucht wird." Dieser 
einzige ae. Beleg spricht nicht dagegen, dals fit gewöhnlich 
„Teil eines Ganzen" bedeutet. Im Boeth. ist es Sgl.: Da se 
tvisdom pa J)as fitte asimjen hcefde und vertritt das sonst stets 
in der Eingangsformel der Kapp, gebrauchte leoä [asungen, 
dagegen spell asced, areaJit]. Schon der nur einmalige, aus- 
nahmsweise Gebrauch beweist, dafs es sich nicht mit Icod: 
deckt; offenbar hat es dieselbe doppelte Bedeutung wie „Stück" 
und „pi^ce". Doch ist wohl für fit, wo wir den deutlichen Beleg 
der Heliandpraefatio haben, zweifellos, zudem für Cynewulfs 
Zeit, die ursprüngliche Bedeutung vorherrschend, also „Ab- 
schnitt", „canto als Gesang eines Epos". 

Diese Bedeutung lälst aber den Sgl. an unserer Stelle nicht 
zu: „wer diesen Abschnitt (Teil) dichtete (zusammenfügte)". 
Da fit ein Ganzes, wozu sie gehört, voraussetzt, so kann nur 
interpretiert werden: „wer diese Fitten, Abschnitte dichtete" 
(wie wir „diese Zeilen" schreiben und ein ganzes Schriftstück 
meinen). Die 95 + 27 Verse der „Fata" sind indessen nur 
eine unzerlegbare Fitte (vgl. Skeat, Mise, 410 ff.); sie allein 



136 

können also nicht — und zusammen geboren „Schicks." und 
Runenschluls — das vollständige Werk gewesen sein, worauf 
sieh das Akrostichon bezieht, i) 

Zweitens: Cynewulf befolgt deutlich das Kompositions- 
gesetz: Der Schlufs mufs dem Umfange nach in angemessenem 
Verhältnis zum ganzen Gedicht stehen. Sein Julianaschluls 
ist kürzer als der der El, trotzdem er aus umfangreicherer 
Quelle stammt [die Kürze ist hier allerdings zum greisen Teile 
auf Rechnung späteren konzentrierteren Denkens zu setzen]. 
Daher besteht [Cr. ist nicht zu vergleichen, da das ganze "Werk 
noch nicht endgültig abgegrenzt ist] die Einwendung von Sievers, 
Anglia XIII, 23, dieser Schlufs sei für die „Fata" zu lang, voll- 
auf zu Rechte. Nimmt man aber „Fata" nebst Akrostichon 
als Schlufs zu Andr., so hat man die schönste Harmonie mit 
den übrigen Werken. Dann haben: El. 1236 + 85 (Schi.), 
Andr. 1722 + 122, Jul. (unvollständig überliefert) 694 '^ + 861/2 
Verse. — 

Mit Hilfe der oben nachgewiesenen Quellen zu Cynewulfs 
Werken, die im Andr, selbständig wiederkehren, läfst sich 
Cynewulfs Verfasserschaft zur unbedingten Gewilsheit erheben 
und an der Hand der Vorlage für die Rnnenverse die Zusammen- 
gehörigkeit von „Fata" und Schlufs strikte festnageln. 

(Text des Napierschlusses nach Holthausen, El, S. 53 f., 
das übrige nach Grein -Wülker [und Grimm].) 

Eine eingehende Vergleiehung des Andr. mit den Ugd^tig 
'AvÖQiOv xal Maxd-aiov bis auf die Hss. hat J, Bourauel, Bonn. 

*) Dieses Beweisstück ist nicht von J. Bourauel, Bonn. Beitr. Xf, 128 ff. 
vorweggenommen. B.'s Beweis ist nichtig; denn er will zeigen, dafs 
Andreas, „Fata" und Schlafs zusammengehören, setzt dies aber voraus und 
folgert, dafs deshalb päs fitte PI. sein müsse; und daraus schliefst er 
wiederum, dafs die „Fata" allein nicht die fitte (PI.) hätten bilden können. 
Er dreht sich im Kreise. Der wirkliche Beweis basiert auf der Wort- 
bedeutung von fit = „Teil eines Ganzen". Doch möge man Bourauels 
sonstige Gründe für die Einheit des Ganzen zu Rate ziehen. 

Auf die Wortbedeutung von fit als „Teil eines Ganzen" hat sich auch 
Skeat, Mise, 416 berufen. Aber seine Annahme, fitte sei Sgl (er erwägt 
gar nicht, dafs es Plural sein könnte), ist doch wohl unmöglich. Skeat 
hat vor allem die hsl. Einrichtung genau geprüft und eingehend erörtert. 
Aus seinem Aufsatze geht deutlich die unglückselige Genesis der Andreas- 
hypothesen hervor, die vermieden wären, wenn die ersten Herausgeber 
die Augen geöffnet hätten. 



137 



Beitr. 11, 74—85 nnd 107 — 17 gegeben, leider ohne die Quellen- 
belege abzudrucken. (Übersicht der wörtlich entlehnten Verse 
S. 107), Er kommt zu dem Resultat, dafs eine bisher nicht 
nachweisbare Bearbeitung des Werkes dem Dichter vorgelegen 
habe. Eine grofse Zahl der von B. festgestellten Lücken des 
Andreas, wo die Quelle versagt, lassen sich nun mit den wenigen 
und genau den bisherigen Cynewulfquellen zudecken. 
407 '^ synnum zvunde, vgl. El. 514, Cr. 1313, Jul. 710. 
Carmen II, 16 flf. [Omnipotens . . .] 516—25. Vgl. Carmen II, 16 ff., 

Jusque dedit volucrnra poutumqiie die auch Jul. 497 ff. zu Grunde Hegen. 



(Nacli Bourauel, S. 77 fehlt eine Ent- 
sprechuDg.) 



solum dominandum, 
Qui sermonc tenus potuit extendere 

coelum 
Et sülidam verbo jnssit su.spendere 

terram 
Ac dicto citius separavit aequoris 

nndam, 
[Hanc] manibus [caram dilexit fingere 

formam sc. hominem] 

598—600 (Bourauel, S. 107: 
1665 ff. und Gü., Phon, passim. 

795. Von der Erweckung Abrahams, Isaaks und Jakobs: 
[het üp ästandan . . .] sneome of slcepe ])wm fcestan. Diese er- 
starrte Formel ist wörtlich aus Cr. 888. 9 übernommen, wo der 
Vergleich des Todes mit dem Schlafe aus der Quelle über- 
setzt war. 



nicht wörtlich). Vgl. Cr. 



Ephraem : Tunc benignissimus deus 
ob magnam suam bonitatem protinus 
ab inquirentibns se invenitnr. 



Ephraem, Vossius, 120, 2A . . . 
priusquam ipsum [peccator] oret, 
misericordiam ab eo consequitur. 
Caritas enim dei sie requirit et sie 
vult. Et qui in veritate accedunt 
ad eum, non cuuctatur audire. 



907 — 9 (Bour.: nicht wörtlich, 
S. 107), wohl Ephraem, Vossius, 
S. 120, 2A. Vgl. Phon. 453 ff. Vgl. 
auch 11 50 ff. 

915b-18. Vgl. Cr. 759 — 72; Gü., 
Phon, passim. 

1047. 48. (Bour., S. 81: nur leise 
anklingend) 1048. earhfare der 
Teufel als Formel gebraucht, zum 
ersten Male breit nach Quellen aus- 
geführt in Cr. 759 — 72. 

n 50 — 54. Vgl. 907 ff. (Nach Bonr. 
offen, S. 82.) 



138 

1189. dcofles strcel =^ Teufel ist von Bourauel, S. 114, gegen 
Zupitza, Z. f. d. A. 30, 175if. wohl richtig erfafst. Denn die 
Pfeile des Teufels waren nach Cr. 759 ff. und seinen Vorlagen 
ja die Versuchungen, Anfechtungen, bösen Neigungen, und da 
diese schon in den Evangelien mit Teufeln und Dämonen iden- 
tifiziert wurden, so konnte wohl ein Teufel deofles strcel ge- 
schimpft werden. 

1291. Wiederum Cr. 759 ff. zu vergleichen; ebenso zu 1330 
bis 32. (Nicht wörtlich, Bour. S. 107.) 

1448 f. (Bour., S. 107: nicht wörtlich.) Vision des ge- 
marterten Andreas: Er sieht das Paradies aus seinem ver- 
gossenen Blut hervorwachsen: 

Phon. 71 f. Sindon pä bearivas geseh hs gehlöicene bearwas standav, 
bledum gehongene, blcedum ^ehrodene, sicä he cer his 

wlitigum wcBstnmm (vgl. Phon. 33), blöd ä^eat. 

20 f. is ßcet ceßele lond Wir haben hier eine klipp und klare 

hlmtmum geblöiven, Entlehnung aus dem Phon., wo die 

26 f. ac SS cepcla fcld Paradiesschilderung wörtlich aus dem 

ivridad under ivolcnum wynnum Carmen übertragen ist. Wir finden 
^eblöwen. sonst nur in dem Schreibervers (?) 

ZU dem von Lumby veröffentlichten Be Domes Da33e, E. E. T. S., 
0. S. 65, S. 28, Z. 2 (Lär) das Paradies hlöivende rlce genannt. 
Vielleicht ist dieser Dichter -Übersetzer, resp. der Schreiber, 
von Phon, beeinflulst, wie auch V. 265 und eine kleine Anzahl 
von leisen Anklängen zeigt. 

[1478 — 89 (nach Bour., S. 84 Erweiterung) zeigen deutliche 
Beziehungen zu den „Fata". Der Dichter sagt ausdrücklich, 
daXs er jetzt kürzen will und tut es auch nach Bour., S. 85: 
ein starker Grund für den Umstand, dals im Schlüsse bei der 
Aufzählung der Apostel des Andreas Schicksal kurz gefafst wird. 
Er glaubt mit seinen bescheidenen Gaben nicht würdig genug für 
eine erschöpfende Erzählung von seines Helden Taten zu sein.] 
1555. (Bour., S. 107: nicht wörtlich) tvö2), earmlic ylda 
^edrce^ = Cr. 999. 

[1566 = „Fata "90.] 

1581. (Bour., S. 107: nicht wört- 
lich) smeolt wces se si^eivong (von 
der Myrmidoneustadt) zur Formel 
Phon. 33. smylte is se si^ewon^. geworden aus Phon. 33, wo es vom 

Phönixlande mit sehr viel mehr Sinn 
und quellenmäfsig gesagt war. 



139 



Carmen II, 13. Pater, filius, 
Spiritus, qui snnt semper 



1684 — 86 4- 1717 — 22. (Bonr., 
S. 107: nicht wörtlich.) An sich ist 
diese Übereinstimmnng natürlich 
nichtig. 

1693 f. Zu der Übertragung vgl. 
1.581, wo ebenfalls ideale Zustände 
aus der Paradiesschilderung ent- 
nommen sind. 



1717 — 22. Vgl. 1684 — 6. (Bour. 
S. 83 : Schlufs bedeutend erweitert.) 
Eine deutliche B-Lesart und zweifel- 
los benutzt, wodurch die übrigen 
Carmenentlehnungen, die wie die 
Gesamtheit der Entlehnungen durch 
ihre Masse wirken mögen, gesichert 
werden. Vgl. Cr. 773 f. Interessant 
ist hier wie in Gü. 1 — 63 die rück- 
wärts schreitende Benutzung der 
Vorlage, woraus sich m. E. ergibt, 
dafs der Dichter sie vermutlich ein- 
gesehen, nicht aus dem Gedächt- 
nis verwertet hat. 

13 (11), ein weiterer Grund 



Carmen IX, 3. (Vom Paradiese.) 
Hlnc malus extremas relegatur ex- 
sul in oras. Dazu von den 
Seligen VII, 15. [Deusjubetjustos. ..] 
Ire per autiqua semper florentla 
regna. 
Carmen II, 13. Pater, filius, Spiri- 
tus, qui sunt semper in unum. 
II, 12. Omnipotens solus, cni 

parent omnia rerum. 
II, 1 0. 11. Ingenitns sine fine deus 
thronumque divinum(vgl. 
1720, Cr. 1009, 1334 ff.) 
Sülus habens coelo semper super- 
cminet alto. 
11,8. Aeternumque manens 
semperque futurus in aevum. 
Vgl. den Schlufs der Blicklinghom. 
über Andreas, Morris, 249. 

Phon, schlofs auch mit II, 1 
für Verfasseridentität von Phon, und Andreas. Wir haben ferner 
sichere Entlehnungen aus Cr. 2, Cr. 3, Gü., Phon., Carmen und 
wahrscheinlich aus Ephraems Sermon De poenitentia, Yossius, 
S. 120, IDf. an genau der in Gii. und Phon, benutzten Stelle. 
Das alles schliefst sowohl Zufall wie indirekte Entlehnung 
aus und beweist ausschlaggebend Cynewulfs Verfasserschaft, 
also Einheit von Andr., „Fata", Schlufs. 

In Juliana ist der Runenschlufs im Zusammenhange mit 
dem Werke richtig überliefert, er ist also sicher vollständig. 
Napiers Akrostichon, dessen Zugehörigkeit zu den ;,Fata" von 
Sievers bestritten wurde, wird aber erst vollständig, wenn man 
die Verse „Fata" 88 — 95 davorsetzt. Denn nicht nur sind 
Napiers Schlufs und der der Jul. auf der gleichen Quelle 
aufgebaut, sondern sie zeigen gegenüber den andern beiden 
genau den gleichen, ihnen von Cynewulf erst gegebenen 
Gesamtbau: Juliana: 1. Wunsch, die Heilige möchte helfen, 695 ff., 
2. Wunsch, die . . . Freunde des Dichters möchten helfen durch 
ihre Gebete zu Gott, 7 18 ff. Dem entspricht vollständig: 



140 

1. „Fata^' 88 ff.: 

Nu ic ])onne hidde heorn, se äe lußge 

Risses g^iddes he^an^, pcet hs ^eömrum me 

pone hals an heap lielpe hidde, 

friäes ond fultomes! Hü ic freonda hepcarf usw. 
Die Erwähnung von Heiligen findet sich in den 27 letzten 
Versen überhaupt nicht mehr. In Jul. steht sie noch einmal 
715 — 17, was also um so mehr für die Zusammengehörigkeit 
von „Fata" 88 ff. und Napiers Schluls spricht. Dafs hier gegen- 
über Jul. 695 f andere für den Dichter die Hilfe der Heiligen 
anrufen sollen, beeinträchtigt die Parallele nicht. 

2. Napiers Schluls 12—14: 

Sie pces [sc. des Namens C] jemj/ndis (mann, se die lii)fs6 
pisses galdres he^ang, pect he geoce {me 
ond frö)fre fricle! 

Von einem Doppelschlusse, den Sievers (cf. Anglia XIII, 
Iff., Schluls) in Jul. ebenso finden mülste, kann daher keine 
Rede sein. Dies hat schon Frl. Buttenwieser, S. 18, richtig 
gesehen. 

Zieht man die „Fata" zu dem Schlüsse, so wird die 
ParaUele zu Jul. vollständig, i) 

Der Andreasschlufs 1810—44 („Fata" 88—95 + Napiers 
Schluls) beruht wie die ähnlichen Teile von El. und Cr. auf 
einer Lamentatio des Ephraem Syrus, Vossius, S. 191: Lam. de 
divina retributione. Der Appell an das Publikum findet sich 
jedoch nicht hierin, sondern ist ganz unzweifelhaft aus der 
früher benutzten El. -Cr. -Quelle übernommen (s. Elene, Schluls- 
verse). Statt Christi treten die Apostel, in Juliana diese Heilige 
den Umständen gemäls ein. 

Vossius, S. 428,2A, am Schlüsse Andr. 1810 — 13: Nu ic ponne 
der in deu Text eingefügten Lamen- bidde beorn, sE de lufige 

tatio: pysses giddes bedang, pcet hs geöm- 

Deprecor vos, dilectissimi, efFun- rum nie 

dite super me viscera pietatis vestrae pone häl^an heap helpe bidde, 

et orate pro me procidentes benignis- frides ond fultomes! Hü ic frEonda 
simo amatori bominum, unigenito bepearf . . . 

filio dei, ut faciat mecum seeundum 
misericordiam suam et liberet me a 



*) Der Quellennachweis bestätigt zugleich Napiers Feststellung, dafs 
zwischen 53^ und 54» der Hs. kein Blatt herausgeschnitten ist. 



141 



multitudiue iniquitatum mearum col- 
locetque me in circuitu tabernacti- 
lorum vestrorum, inter macerias 
benedicti paradisi: ut prope vos ibi 
assistere merear, qui illius promis- 
siones haereditate percipitis. Vos 
Bamque filii estis dilecti deo, ego 

vero quasi canis sum abjectns ac Vgl. ^emirum tue 1811. 

vills . . . Ita sane, carissimi mei, j Vgl. Andr. 1829 — 3la(Napierr2 
effimdite super me, obsecro, preces I bis 11»). Die Wiederholung des 
vestras, et venite, solliciti simus de [ Appells, die Sievers a. a. 0. bean- 
vita atque salute nostra. ' standete, rührt also aus den Vor- 

lagen her. 

Die Anrufung der Heiligen ist wohl auch aus der Eigen- 
quelle angeregt. Vom jüngsten Ger. sagt die Lam. unten: 
'quis pro me deprecaturus est?' Nach Ephraem und sonst 
wird beim jgst. Ger. keine Fürbitte mehr gewährt, selbst der 
Jungfrau Maria nicht. Wir haben in Jul. bei Cynewulf eine 
beachtenswerte Eigentümlichkeit, während Andr, mit der sons- 
tigen Anschauung harmoniert. Mit Andr. 1814 („Fata" 92) 
setzt die Quelle ein. 

Ephraem, Vossius, S. 191, 1. Die 
Seele wird zuerst ihrer unverbesser- 
lichen Sündhaftigkeit angeklagt: [0 
misera auima mea, . . .] 191, 1 B. Hei 
mihi, quamdiu carnis voluptatibus 
obteraperabis foedisque passionibus 
et ad inferorum receptacula 
detrahentibus parebis? Dazu 
vgl.Andr.l831bff. (=Schlufsl4bff.): 
lougum illud et molestissimum iter 
ingredieris, nuda . . . und andere 
vorhergehende Stelleu. 

1818-20^ (1— 3"^) sind Eigentum des Dichters: 
Her moes findan forejjances sleaw, 
se äe hine lysteä leoä^iddun^a, 
hwä päs fitte fiß^de). 

[In die Ergänzungen der Hrsgg. an den hsl. verdorbenen 
Stellen.] 

1820 ^ 2P (S''. 4'0. feoh, Reichtum, Besitz, fehlt in der 
Quelle, an späterer Stelle findet sich nur 'omnibus cum cor- 
pore relictis'. Es ist wohl anzunehmen, dals Cynewulf dieses 



Andr. 1814—17 (=Fata 92—95). 
[ITit ic freonda bepearf, 
lidra] on lade, ponne ic langne häni 
eardwlc uncüd äna ^esece, 
läit me on laste Uc eordan dcel 
wcelreafwuni^ean weormum tö hrödre. 



142 

feoh erst aus der Rune, die er ja anbringen mufste, gefolgert 
hat (vgl. El. 1270^): 

F J^cer on ende stände^ : 
eorlas ])ces on eoräan hr{u)ca]) : 
191, 1 C. miserabilis anima, us- 1821bf. (41) f.) ne möton hie äiva 

quequo non suspicis et tuae mentis cetsomne 

ocnlos aperis considerasque woruldwu7ii^ (ende. 
hominum neminem in hoc saeculo permansurum? Sed 
omnes sensim praeterire sicut praeterit dies aut hesternus aut 
alius quispiara. anima mea, quamdiu hoc poenitentiae 
tempus despicis diem de die protrahens, cum tui exitus diem 
ignores et vigilare tuique hinc decessus horam perspicere 
monearis? Hei mihi, quidnam, obsecro, anima, in illa tui 
exitus hora facies, quando amici et noti tuum lectum circum- 
stabunt tibi suppetias ferre nequeuntes? Tu vero tristis et 
tremula omnibus cum ipso 1822^ ff. [b^fl.) W)scealgedreosan 

misero corpore relictis U on edle, mfter töhr(eosan 

lcB)ne Uces frceteica, efne swä L 

tügllded. 

Der Vergleich in der letzten Halbzeile ist wegen der Rune 

la^ti eingeführt und ersetzt den Bibelvergleich in der Quelle: 

'sicut praeteriit dies aut hesternus aut alius quispiam.' Er ist 

wohl aus El. 1269^ übernommen. 

1825— 27 ** (8—10=') bringen die Situation am Sterbebette 
nachträglich: 

[qiiando amici et noti tuum lec- (Ponne C ond Y) crceftes motad 
tum circumstabunt tibi suppe- nihtes nearowe (vgl. El. 1240»); on 
tias ferre nequeuntes] him (N li^ed 

cyn)inges peodom. 
Cynewulf verlegt die Sterbestunde in die Enge der Nacht, 
zweifellos wegen des Reimbedürfnisses. 1827 ^ 28 (10 ^ 11) 
enthalten die Aufforderung, das Runenrätsel zu lösen, 1829 
bis 31* (12 — 14=*) die Bitte an seine Gönner und Freunde, 
seiner zu gedenken (vgl. oben). Dann läuft die Quelle im 
gleichen Satze weiter. 

lougum 1 8 3 1 1> ff. ( 1 4^ flf.) Je sceai feor heonan, 

illud et molestissiraum iter in- an elles (ford, eard)es tiEosan, 
gredieris nuda et aperta nihil tecum sld äsettan, nät ic sylfa hwcer, 
deferens praeter vitia . . . (of pisse) tcorulde. 

(Vgl. 'in hoc saeculo permansurum' 

Der Orientale Ephraem scheint 1821i>f.) Die Quelle hat für die so 

nicht ganz frei von der Idee der naheliegende Ausspinnungabgeseheu 



143 



Seelenwanderung zu sein. Jeden- 
falls könnte man seinen Ausdruck 
so deuten wollen. 



II, 4. Ignarusque die venturique 
inscius aevi. 



Weiter bietet die Lamentatio eine 
ziemlich ausführliche Beschreibung 
der Gerichtsszene und die Beloh- 
nung und Bestrafung. Das nach 
der Entsprechung zu 1831 ff. kom- 
mende Drittel der Quelle ist gänzlich 
übergangen. Dann folgt eine kurze 
Stelle als Ausgangspunkt für einen 
längeren Passus, die Cynewulf be- 
nutzt: 191, 2B. Justus deus noster 
et rectum Judicium ejus. Mcrito 
peccatores aifligimur .'. ., und die 
er mit dem reichlich verwerteten 
►Schlüsse zusammenzieht. Age poeni- 
tentiara, priusquam poenitentiae fores 
obserentur; apud te compella 
ipsnm creatorem, admittet suppll- 
cationem luam tibique placide respon- 
debit: Ego remitto peccata tua, 
neque iniquitatum tuarum recordabor 
amplius. Quare anima, in tempore 
accepto veniam peccatorura tuorum 
eflflagita : nam quisquis fideliter ora- 
verit, is exorabit; et qui quaesierit, 
inveniet, et pulsanti poenitentiae 
fores aperientur. Sic euim repro- 
misit dominus noster Jesus Christus 
requirentibus ipsum. 



von den 'inferorum receptacula' 
1814 ff. („Fata" 92 ff.) nur eine ähn- 
liche Stelle kurz vorher: 'cum tui 
exitus diem ignores', welche wohl 
die Anregung zu nät ic sylfa hwcer 
gegeben hat. Vgl. Carmen II, 4. 
Wörtlich kehrt der Gedanke als ganz 
abgeschliffene Formel in Beow. und 
Jul. wieder. Den gleichen Inhalt hat 
1843 b f. (17i>f.) ivlc sindon uneUd, 
eard ond Edel. Vgl. Beow. 2589 ff. 



1 835 b f. (18 h f ) (Sivä hid) (Blcum 
menn, 
nempe hB ^odcundes gästes brüce. 
Vgl. 1821bf.: 'usquequo non suspicis 
et tuae mentis oculos aperis.' 

1837 f. (20 f.). {Ah) utu wE pE 
geornor tö gode cleopigan, 
sendan üsse bsne on pä beorhtan 
gesceaft, 



1839 f. (22 f.). Cynewulf ändert 
etwas : 

pcBt wE pces botles brücan mötan, 
hämes in hshdo und schliefst sich 
gegen die Quelle au den Wort- 
laut seiner früheren Werke an: 
Gü. 768» (Phon. 483). Ebenso in 
den folgenden Versen: 

1840 b ff. (23 b ff.). Peer is hyhta 
mcest, 

pcer cyning engla clcenum ^ilded 
lEan unhtvllen. Vgl. Phon. 480, 472 ff. 
(Gü. 34). 



144 

Der Schlufs deckt sich wieder 
Cui gloria et potentia cum patre voUkominen : nü ä Ms lof standed 
et saneto spiritu nunc et semper et mycel ond nmre ond his mihi 
in saecula saeculorum. Amen. seomap 

See ond edgiong ofer ealle gesceaft! 
finit. 

Zur Interpretation bietet die Quelle Folgendes: 182P(=4^) 
erweist sich die Ergänzung- ne möton ... wesan, „nicht ist es 
ihnen beschieden, ewig zusammen zu sein, den Weltbewohnern", 
als die richtige. Sievers, Anglia XIII, S. 1 — 3, entschied sieh 
wegen der gröfseren Häufigkeit für ne mülon . . . hrücan und 
übersetzte: „Des feoh genielseu die Menschen hier auf Erden; 
aber keinem von ihnen ist es beschieden, es ewig zu besitzen.") 
1822 (=5) hat Sievers (S. 3— 7) das Richtige gezeigt. Dem: 
'Tu vero tristis et tremula omnibus . . . relictis' entspricht 
genau: wyn sceal gedreosan, „die Erdenwonne wird dann ver- 
gehen, das Gut im Erbsitze" usw. wela, Trautmann, Kyne- 
wulf, S. 52, ist unmöglich, da die psychische Seite des: 'Tu 
vero tristis et tremula . . .' nur durch wyn, „Wonne" = wonnig- 
licher Besitz, wiedergegeben wird. 

1825 ff. (8 flf.) sind dann wieder strittig. Trautmanns 
Interpretation wird durch die Lamentatio widerlegt. Sievers 
(S. 10) konjiziert neosaö: st. neotaä und übersetzt: „Dann 
suchen C und Y nach Kraft nachts in Bedrängung: aber über 
ihnen steht Gottes Verhängnis." („Mit C und Y weils ich 
nichts anzufangen, sie werden blofs die Geltung von Buch- 
stabennamen haben.") Die Situation in der Quelle ist: 'quando 
amici et noti tuum lectum circumstabunt tibi suppetias ferre 
nequeuntes': Freunde und Bekannte bemühen sich um den 
Sterbenden, ohne ihm vor dem Tode helfen zu können. Das 
muls auch die Situation bei Cynewulf sein: „Dann gebrauchen 
{neotad mit der Hs.) C und Y ihre Kunst nachts in der Enge, 
über ihnen steht der Zwang (die Notwendigkeit), des Himmels- 
königs Gesetz." (Sievers: „Verhängnis.") Wir haben also ohne 
Konjektur gegenüber Sievers genau die Situation der Vorlage. 
Die Frage ist nur, ob wir C und Y durch 'amiei et noti' ohne 
weiteres für erklärt halten sollen. Diese Bedeutungen kolli- 
dieren mit den bisherigen und vor allem mit Jul. Auffällig 
ist die Gegensätzlichkeit der ersten Rune zu den zwei folgenden 
in Gr., und die genaue Entsprechung der drei ersten Kunen in 



145 

Jul. ('omnes tarn justos quam injustos atque nocentes') ergibt 
für alle Cynewulfstellen einen vorzüglichen Sinn. Schon Kemble, 
Thorpe, Grein, Gollanez, Skeat (Mise, S. 418) schlugen cene vor 
für C, Gollanez und Skeat yfel für Y (vgl. Cook, Christ, S. 155 f.), 
z. T. allerdings für andere Cynewulfakrosticha. Diese würden 
sinnvoll auch hier in den Zusammenhang passen und der Quelle 
in dem Mafse entsprechen, wie man es billig verlangen wird. 
In dem Falle des Andreas wird es jedenfalls nur mit einer 
kleinen Abweichung von der Vorlage, welche Cynewulf wegen 
der Anbringung der ganz bestimmten Runen unbedenklich zu- 
zugestehen ist, möglich sein, einen mit den übrigen Runen- 
stellen harmonierenden Sinn herauszulesen. 

Cynewulf hat seine Vorlage stark gekürzt, und wie viel- 
leicht schon im Phon., so fällt hier das stetige Zurückgreifen 
auf die früher quellenmälsig entlehnten Ausdrücke und damit 
die stark sich steigernde Formelhaftigkeit der Diktion ins 
Auge. 

Zum Schlüsse möchte ich nicht unterlassen darauf hin- 
zuweisen, dafs ich durch Diskussion die Klärung meiner An- 
sichten teilweise Herrn Prof. Morsbach verdanke, der hin- 
wiederum in seinen Vorlesungen (Sommer 1907) sich zu der 
gleichen Ansicht gestellt hat.i) 



Beowulf. 

Ein Exkurs. 
(Ausg. von F. Holthausen, 2 Bde., Heidelberg und New York 1905/06.) 

Der im Cr. 759 £F. angezogene Teil der Begrüfsung des 
siegreichen Beowulf durch HröJ^jär, Beow. 1724 — 68, ist nichts 
anderes als eine Maxime über den dem Menschen innewoh- 
nenden Übermut und seine Bestrafung im Bilde des Sünden- 
falles. Der Passus ist der Hauptsache nach nicht nur stofflich, 
sondern an vielen Stellen wörtlich aus dem Carmen (allem 



^) Die Albion -Seriesausgabe von Krapp (Andreas and the Fates of 
tlie Apostles. Boston, New York, Chicago, London 1906) wurde mir 
nachträglich zugänglich, hier kann ich nicht mehr auf Krapps Gründe 
gegen Cynewulfs Verfasserschaft eingehen. Sic sind ebenso schwach wie 
das bisher in gleicher Richtung Vorgebrachte. 

Studien z. engl. PhU. XXXI. 10 



Anscheine naeli der B-C-iFassung Cynewulfs) entnommen. In 
diesem wird, um es kurz zu wiederholen, in zwei kleinen 
Abschnitten, II und III, erzählt, wie Gott, der allmächtige, den 
Menschen in seiner Liebe erschuf, mit allen Gaben und Kechten 
ausstattete. Der Mensch aber (genau wie im Beow. heilst es 
nicht: 'die Menschen' oder: 'Adam', sondern immer generell: 
'[primus] homo'): 

III, IfF.: Immemor ille dei, temere committere tanta, 

Nee ultra mouitum quidquam contingeret : unum, 
Unde malum sciret, et nnde dignosceret aequum 
Protinus, inlicitum vetuit contingere pornuin etc. 

Also nicht die böse Lust, wie in der Bibel und sonst, sondern 
Unbesonnenheit, Voreiligkeit ('temere' vgl. oferhysda dcel 
Beow. 1740) und Gottvergessenheit ('immemor' = Beow. 1751 
forgyteä . . .) ist schuld am Sündenfalie. 

Das Gedicht fährt fort: III, 12. 

Jamjam primns homo domini mandata mutabat 
(womit der Keim zur Verallgemeinerung des Bildes im Beow. 
gegeben war), und seitdem herrscht der Tod in alle Ewigkeit 
ttber das ganze Menschengeschlecht, was breit ausgeführt 
wird. 

Im 4. Absatz folgt dann weiter: Gott wahrt sein Gebot 
('servat decretum', seine Bestimmung, was auch auf das jgst. 
Ger. und Eingehen der Guten zur Seligkeit zu beziehen ist) und 

IV, 6. f. Et cunctas animas, quae corpora tarda gubernant 
[A. tum c. t. gabernans] 
Et ratione movent hominem vagante per artus 
[A. Quae r. m. h. per multa vagantem] 

(== Beow. 1741 f. se weard, säwele hyrde, sc. die Vernunft, vgl. 
Holtb., S. 235 und Cr. 1550 ff., freilich ist das Bild in anderen 
Zusammenhang gestellt worden). 

Sehen wir vorläufig von den ebenfalls aus dem Carmen 
entlehnten Einzelzügen 1756 f. und 1762 — 67 ab, so wäre zum 
Aufbau des generalisierten Gesamtbildes vom Sündenfalle, wie 
es der Beo wulfdichter gibt, nur noch eine spätere Stelle des 
lat. Gedichtes heranzuziehen gewesen, wo es von den im jgst. 
Ger. Verurteilten heilst: 

X, 6. Flammea pro meritis, instantia tela tremiscunt 

[A. Flammas p. m., stagnantia . . ., C. infantia, vgl. Cr. 759 ff.]. 



U1 

Zwar ist nun der Wortlaut des Bildes vom Teufel und seinen 
Geschossen in Cr. 763 ff., der gebieterisch eingreift: 

. . . wröMhora . . . forä onsendeS 

of Ms hrcegdhogan hiterne sträl und 77P: 

Titan üs heor^an pä . . ., 
entsprechend Beow. 1744 ff.: [bona , . .,] 

se ])e of flänho^an fyrenum sceoteä^. 

Ponne biä^ on hre^re under heim drepen 

hiteran strcele, — Mm heheorgan ne con — 
nicht wörtlich aus der Hauptquelle (eben dem Carmen), sondern 
einer nicht näher feststellbaren Nebenquelle entnommen, resp. 
stark davon beeinflulst, könnte also auch im Beow. zuerst be- 
nutzt sein, wenn nicht von anderen Seiten her die Priorität 
Cr. zugesprochen werden mülste. Wir finden im Beow. viele 
erstarrte Formeln, deren Schöpfung wir quellenmäfsig festlegen 
konnten. 

Beow. 1123* zur Formel abgeschliffen: 

% (ealle forsweal^), ^Cesta ^ifrost, 
= Cr. 813*, wo es aus dem Carmen, einer im Beow. nicht 
benutzten Stelle, sinnvoll ('spiritns' = Feuergeist) übersetzt ist. 
In der nächsten Zeile sehen wir aus derselben Stelle des Cr.: 
Beow. 1124^: wces Mra hlced scacen aus Cr. 804^: bij) se wynn 
sccecen entnommen. Dazu vgl. Beow. 2725^ ff.: 

wisse he gearwe [cf. El. 1240"^], 

^cet he dce^Mvila ^edro^en hcefde, 

eord^an ivynne; ää ivces eall sceacen 

dö^or^erimes, deaä ungemete neah — [vgl. Phon. 484: 
. . . op])cet ende cymeä 

dö^or^enmes, Jionne deaä nimeä 

ealdor . . .] 
Vgl. auch Beow. 977 ff, Cr. 801 ff. und Jul. 705 ff, Beow. 1756 f. 
aus Cr. 812 f. (s. unten). 

Auf Phönix weist Folgendes zurück: Beow. 569 f.: 

Leoht Bastan com, 

beorht beacen ^odes . . . 
Phon, 93 ff. Der Vogel schaut der Sonne entgegen : 

hwonne Up cyme oe^elast tiingla 

ofer yämere eastan Uxan, 



148 

f(Bder fyrngeweorc frcetwtim hllcan, 
torlit täcen so des. (Ps.-Laetanz.) 
Am Grendelmeer Beow, 1363, dem Gegenstück des Paradieses, 
stehen wie in der Phönixheimat 71 f. und öfters (Carmen!) 
hrinde beanvas. 

Diese erstmalig übernommenen Züge des Phönix sind deutlieh 
auf dem Wege, Formel zu werden. Wir gewahren endlich un- 
antastbare Entlehnungen aus Andreas 183Pff. (Schluls 14^flF.): 

Ic scedl feor heonan, 
an elles forä, eardes neosan, 
slä äsettan, nät ic sylfa hwöer, 
of pisse worulde ; wie sindon uncüS, 
eard ond eäel. Swä hiä celcum menn, 
nem])e he jodcundes gästes hrUce, 
was alles aus der Lamentatio übertragen war. Im Beow. 
kehrt diese Stelle öfters und zwar ganz abgeschliffen wieder: 
805^—8 von Grendel: 

Sceolde Ms aldor^edäJ 
on äcem dce^e pysses lifes 
earmllc wurdan ond se ellor^ast 
on feonda ^eweald feor sid^ian. 
1714 f. von Heremöd: 

oJ>])(Bf he äna hwearf, 
mcere Reeden, mondreamum from. 
2589 ff. von Beowulf: 

sceolde [ofer] willan wie eardian 
elles hwergen, swä sceal ceshwylc mon 
älmtan Icenda^as. 
Dafs in dem Stoff des Beowulfdichters nichts von diesen 
christlichen Ideen vorhanden war, braucht kaum erwähnt zu 
werden. 

Ein weiterer Beweis für die Posteriorität der fraglichen 
Beowulfstelle ist die Tatsache, dafs die wörtlichen Parallelen 
zu den zu vergleichenden, übrigens weit ausführlicheren Versen 
des Crist schon mehrfach vorher im Beowulf auftreten, also 
dem geistigen Schatze des Verfassers einverleibt waren. 
186 ff, wel hiä, pcem ])e möt 

cefter deaädcege drillten secan 
ond tö fceder fced^mum freodo wilnian. 



149 

Cr. 773. Uton üs tö fceäer freoäu tvihiian, 
hier aus der Vorlage übersetzt. 977, 1123 f. s. oben. 1271 ff. 
vgl. Cr. 758. 1433—47 am Grendelsee: 

Sumne "^eata leod 
of flänhosan feores ^etwcefde, 
yäsewinnes, ])cet Mm on aldre stöd 
herestrcel heardra . . . [Scolde Beowulf. . 1444 ff.:] 

sund cunnian, 
seo de bäncofan heor^an cüpe, 
])cet Jiim Mldegräp hrepre ne mihte, 
eorres inwitfeng aldre jescepdan. 

Vgl. 2786% Cr. 802^ 

Auf Cr. 21) [dieses wird sich noch deutlicher zeigen], 
Phönix und Andr. weisen demnach so sichere und zahl- 
reiche Entlehnungen, dafs an indirekte Übernahme schwerlich 
gedacht werden kann. Nun enthalten ja Gü. und Phon. Ab- 
risse des Sündenfalles nach dem Carmen. Allein Beow. weist 
eine ganze Anzahl wörtlicher Originalentlehuungen aus dem 
lat. Gedichte auf. Wir müssen uns daher die Beowulfstelle 
auf folgende Weise entstanden denken: 
11,12. Oranipotens solus, cui 1724^ — 27. mihtig ^od 1725 ent- 

parent omnia rerum, . . . spriclit 'omnipotens', liB äh ealra 
14. Qni sibi complacitum hominem ^eiveald 1727 ist Latinismus für 

fonnavit in aevum, 'omnia rerum'. II, 16, der in A fehlt, 

Pastorem pecudum, dominum dedisse ist nicht nachweisbar benutzt. 

[dedit esse A] ferarnm 
Jusque dedit volucram pontumque 

solam dominandum . . . 
[III, 7. Utilia chara tribuit man- 

data salutis.] 

In hwllum 1728, „zuweilen" oder besser: „eine Zeitlang" 
(„ . . . schenkt er ihm auf seinem Wohnsitze der Erde Wonnen, 
die Freudenstadt der Menschen" ['electa sedes' IX, 5], sc. das 
himmlische Jerusalem = Paradies , Seligkeit [vgl. Gü. 788 ff., 
Phon. 1 ff.] „zu bewohnen") zeigt sich gegenüber der Quelle der 

1) Gern gebe ich der Wahrheit darin die Ehre, dafs Sarrazin, wie 
ich jetzt bemerke, schon Anglia, N. F. II, 410, die Abhängigkeit von 
Beow. 1724 ff. von Cr. 681 — 85, 756 — 78 nach seiner Art wahrscheinlich 
zu machen versucht hat. Dafs er und ich das gleiche Eesultat unabhängig 
gewonnen haben, dürfte für die Sache sprechen. 



150 



maximenliafte Charakter der Stelle, 
wörtlich entlehnt. 



Trotzdem ist das meiste 



II, 20, Hanc manibus caram 

dilexit fingere formam. 

III, 5. Quanta deus homini per- 
misit munera mündi 

Et praedulce sui signavit pignus 

amoris. 
III, 8, Sub ditione dcdit 

terras animamqne viventem 
Pennatumque genns, pecudes, genus 

omne feranim 
Et genus aequoreum, animalia cuncta 

natantia. 
[A. III, 8. animasque volantum, 
9. peeudnm, 10. E. g. ae. et de- 
formia monstra natantum.] 
Vgl. aus dem Folgenden (von den 
Seligen) IX, 5. Illic prisca fides 
electa in sede quiescit. 



IX, 1. Iraeque insidiaeqne ab- 

sunt et dira cupido, 
Exclususque metus pulsaeque a 

limite curae. 
Hinc malus extremas relegatur exsul 

in oras, 
Beatosque labor veritusque con- 

tingere fines, 
Illic prisca fides electa in sede 

quiescit, 
6. Justitia gaudens aeterno in foe- 

dere vivit, 
Et secura salus placidis laetatur 

in arvis 
Semper victura, semper in luce futura. 
In C fehlen 2 und 8, welche hier 
deutlich benutzt sind. A hat ab- 
weichend : 2. pulsae de, 3. Hie malus 
extorris dignas exivit in oras, 4. Nee 
vetitos unquam datur huic contingere 
lucos, 6. Insistit gaudens ae. i. f. vita, 
8. semperque [Hartel i. 4 mit DTW 
vetitus]. 



1728 — 34. 

1730 ist wörtliche Übertragung 
von III, 5. 



1732t>. worolde dcelas hcifst also 
nach der Quelle: ,das Bereich der 
Erde, der Meere und der Luft". 
Das erste, vor allem auch das zweite 
hat ja für den mit Wasserdämonen 
kämpfenden Beowulf besonders Sinn. 
Leider ist jedoch die. schöne A- 
Lesart nicht im Beow. zu erkennen. 



17.35 — 39 a führen das Leben 
solcher Glückseligen näher aus. Die 
Einzelheiten sind aus der späteren 
Beschreibung der Seligkeit nach der 
Auferstehung genommen. Vgl. die 
zu hwihim 1728 zitierten Parallel- 
steilen. 

1735a=6, 17351^ = 1, ädl 1136 
aus 7, yldo 1736 aus 8, 1736b. 37* 
aus 2, 1737b.38a = 3; 1738^.39 ist 
wohl *sub ditione dari' III, 8 (s. 
1732). 



Eine Entscheidung für A oder B 
ist wiederum nicht zu treffen. Die 
Lesarten stimmen zum Phon. 

Der Beowulfverf. ergänzt dem- 
nach genau wie Cynewulf im Phon, 
die Schilderung des alten Paradieses 
durch Züge aus dem nach dem jgst. 
Gericht bevorstehenden, aus Ab- 



151 



III, 1. Immemor ille dei, (emere 

committere tanta, 
Nee ultra monitum quidquam con- 

tingeret: unum, 
Unde malum sciret et nnde di- 

gnosceret aequnm. Dazu 

III, 1 1 . Sed quoniam primo trans- 
gressus crimine legem, 

Jamjam primus homo domini man- 

data mutabat. 

[A. III, 1. tale, 2. Non ultra, 

3. pariter dign., III, 12 st. mutabat 

reliquit.] Von dem Sündenfalle 

bietet Ps. -Cyprian weiter: 

in, 13. Conjuge cuncta mala 

suadente morte peribat. 
Nam peccati malum commisit femina 

primum, 
Prodidit atque suum decepit lege 

maritnm. 
Eva persuasa male patefecit limina 

letho . . . 
Die Überredung motiviert der 
Angelsachse aus dem folgenden 
Abschnitte des Carmen [und aus 
seiner zweiten Quelle]: Deus servat 
decretum . . . 

IV, 6. Et cunctas animas, quae 
Corpora tarda gubernant 

Et ratione movent hominem va- 

gante per artus . . . 
[A liest: IS.Conj., quae mala cuncta 
suasit, 14. Peccatique, 15. Trans- 
gressaque suum, 16. Eva inducta 
dolo.] 

Die Tätigkeit der Schlange beim 
Sündenfalle kennzeichnet III, 21 : 
Callidus hoc (sc. in d. böse Welt) z e 1 o 

serpeus injecit iniquo [A. in- 

lexit in ipso]. 



schnitt IX. Der Beowulf mufs aber 
selbständig aus dem Carmen ge- 
schöpft haben, da im Phon. 54 statt 
der Person : ne gesaca ühwer ec^hete 
Eoived (so Beow.) = 'malus relegatur' 
gegen die Vorlage die Sache steht: 
ne synn ne sacu ne sänvracu. 

1739b _ 41. Vgl. oben. 1739^ = 
III, 3, sonst ist der Ausdruck frei 
nach dem Zwecke umgebildet. 

Auch hier bleibt unsicher, ob A 
oder B benutzt ist. 



1741b — 43. Die Vernunft, durch 
welche die Seele den Menschen 
steuert, ist Wächter der Seele, wie 
Cr. 1550, wo aber die Personifikation 
gleichfalls nicht quellenmäfsig war. 
Vgl. d. Ergänzungsnachweis unten. 

Auch hier wird keine Variante 
greifbar. 



An dem so aufgefafsten Sündenfalle 
geht Hröj?5ärs Betrachtung weiter. 



1744 — 47. Wenn hier in der Vor- 
lage des Beowülfdichters (die mit B 
gelesen haben müsste) 'telo' statt 
' zelo ' gestanden hätte, was man fast 
glauben möchte ('iniquo' würde 



152 



Cr. 759 — 76 passim: ponne wr^lit- 
hora 
in folc godes ford onsended 
of his brcegdbo^an biterne strcel. 

. . . TJtan üs beorgan pä, . . . 
pcet hl üs ^escilde wid sceapan 

wcepnum, 
läpra ly^esearwum . . . 



III, 1. Immemor ille dei, temere 
committere tanta. 



Cr. 1399 ff, Pä ic pE güda sxvä 
fela for^iefen hcefde 
ond pB on päm eallum sades tö Igt 
möde puhte, . . . (=vitalia mandata 
contemnens). 

III, 16. Eva persuasa male pate- 

fecit limina letho 
Et sibi cum genere creavit funera 

toto, 
Hinc nefas incaatnm, mors emana- 

vit in aevum. 
[A. 16. E. inducta dolo, 17. pro- 
creavit, 18. mors hinc quasi semen 
in aevum.] 



biter 1746 entsprechen), so würde 
sich die Ableitung (wie dann auch 
im Cr. 2) beträchtlich verständlicher 
gestalten. Allein auch 'zelo' kann 
im Autor die Assoziation 'telo' und 
damit X, 6 ff., resp. hier die Criststelle 
ausgelöst haben. 



Cr. 842 f. (Vom Weltbrande) . . . 
<:sled ealdgestrEon unmurnllce 
gceata ^ifrast . . . ausPs.-Cypr.VI,36. 



Zu 1745 — 47 vgl. Gen. 3, 1 — 6: 
Die Gegenreden der Eva vor der 
Verführung. 

1748 — 52 ist breiter ausgeführt 
als im Carmen, aber dem Sinne 
durchaus getreu und wie vom Sün- 
denfalle gesprochen. Zu 1748 vgl. 
Cr. 1400, wo ebenfalls von diesem 
Gegenstande die Rede ist. Das for- 
melhafte beagas [beaggifa, „Fürst"] 
ist allerdings wohl allgemein und 
dann besonders auf den Helden be- 
zogen. 

1753 — 57. In 1755^ felid öper tö 
haben wir allem Anscheine nach 
eine B-Lesart: Es greift ein anderer 
zu, der ohne Klage Kleinodien aus- 
teilt, des Menschen alten Schmuck 
[dem Toten bei den Germanen mit- 
gegeben], sich um Furcht nicht 
kümmert: der Tod (1761— 6S). Nur 
das abgeschliffene 'mors emanavit 
in aevum', „der Tod kam unter die 
Menschen", nicht die A- Lesart kann 
Ausgangspunkt für die Personifika- 
tion 'Mors' sein. Ich vermute, dafs 
der Dichter an das beliebte ken- 
ning wiga wcelgifre = „Tod" ge- 
dacht hat. Vgl. Cr. 984 , Gü. 972, 
1006, Phon. 486. 

1756 f. sE pe unmurnllce mädmas 
dcelep, 
eorles cBr^estreon ist wohl An- 



153 



Unter den vielen Auferstehenden 

kommen zum Gericht: 

Rusticus et miles, posito diademate 

reges, 
Pauper! permistus aequali in agmine 

dives. 



V, 12. Si quem forte rogis abole- 

vit flamma sopitum, 
Aut aliquem caecis dejecerat aequor 

in undis; 
Si cujus tarnen satiarunt viscera 

pisces, 
Aut finxere ferae crudelia funera 

membris, 
Alitibus jacuit raptato corpore san- 

gais, 
Ultra nee domino negabuut funera 

qnemquam. 
[A. 12. sepultum, 13. disjecerat, 14. 
cnjusque fame, 15. fixere, 16. Ultima 
non domino rapient sua munera 
magno. Hartel 115 (=V, 14). cujus- 



spielung auf Cr. 8 12 f., da eine 
Neuentlehnung aus dem Carmen 
(woraus Cr. dies schöpfte) mit den 
gleichen Worten noch weniger für 
sich hat. 

1758 — 62» ist Anwendung der 
Maxime auf Beowulf. 

1762b — 68. Die Aufzählung der 
Todesarten ist zweifellos aus Car- 
men V entnommen , wo ausgeführt 
wird, Gott könne alle Menschen, 
welchen Todes sie auch gestorben 
sein mögen, zu neuem Leben er- 
wecken. Der Dichter überträgt 
ans Rücksicht auf sein höfisches 
Publikum oder den vornehmen 
Sprecher nicht die ekelerregenden 
Todesarten, und setzt dafür nor- 
malere Todesarten, durch Krankheit 
od. Schwertesschärfe (ähnlich 1765''), 
durch Speeresflag, durch Alter und 
der Augen Brechen, die aber aus 
1736 ff. augeregt sein dürften. 



que famem , . . piscis.] 

Noch schärfere Umrisse gewinnt die Entlehnung, wenn 
wir den modifizierenden Anteil der zweiten hier verwerteten 
Quelle (Hilarii Genesis, s. Gü. 843ff., Phon. 420 ff.) festlegen. 



Corp, scr. eccl. Lat., Vindob., Tom. 
23 ed. Peiper, S. 236. 

Nach der Erschaffung des Menschen 
heifst es 125 ff.: 
felix animal, summi cui dextra 

tonantis 
est pater; o felix nimium, qui 

ducis olympo 
et genus et formam ; si te non noxia 

terrae 
decipiant vitia nee blandas subruat 

error, 
nnmen eris caeloque redux mira- 

bere regna, 
130. quae promissa bonis fido pater 

exhibet ore. 



Man vergleiche: 



1724. Wundor is tö secgamie {ygl. 
Phon. 394). Der Olymp wird durch 
das Paradies ersetzt: eard 1727, 
hlBoburh wera 1731, wobei natürlich 
an das himmlische Jerusalem ge- 
dacht ist. 

1732 — 34. stc^e nee entspricht ge- 
nau-, Ms 1733 ist mit Klaeber, Herr. 
Arch. 115, 180 auf rice gemäfs der 
Quelle zu beziehen, also ist statt 
'regna' im Ags. der Sgl. eingetreten; 
ende jedoch ist gegenüber demselben 



154 



eorlscipe 1727. Vgl. V. 138. Es 
bedeutet also : Monscheuwürde, 
Menschlichkeit, Menschentum. 



snyttru 1726 und damit die Ge- 
samtauffassuug der Maxime. 

Vgl. Cr. 1380^: ond pE ondgiet 
sealde und V. 145flf. 



1726 ßurh aidne sefan. 



auf Grund der Quelle räumlich zu 
fassen. 
Nam tibi multa deus nascenti con- 

tulit ultro: 
aetheriam primum faciem vultumque 

paternum 
incessumque pedum rectum, sublimia 

coUa, 
ne qua mora in caelum oculis spec- 

tantibus esset; 
135. tnnc alacres promptasque manus 

vitaeque ministras, 
atque domum divae pectus ratio- ] 

nis et alti I 

sedem consilii, facundae vocis 1 

honorem. i 

Haec soli concessa homini; nam 

cetera mutnm 
et pecus obtinuit . . . 
142. Tu vero, omnipotens, privato 

munere largus 
erga hominem manibusque tuis ope- 

risque favore 
inpendens, patria pignus pietate 

colendo, 
ne quid divinis modo desit vultibus, 

ignem 
aetheris inspiras et sacrae 

mentis opimam 
indulges partem permixtus cor- 
pore toto. 
148. Hiac meminisse licet veterum, 

praesentia nosse 
hinc datur atque animae fas est 

Ventura videre; 
hinc loquimur canimusque deum, 

hinc sidera cuncta, 
terrarumque viget cultus, pontusque 

movetur; 
hinc artes nomenque, pudor, pru- 

dentia, jastum; 
hinc animae surgunt fortes, hinc 

pergit honestum 
et via qnae ducit castosadliminacaeli. 

Der Verfasser des Beow. kennt also niclit nur Crist, Phon., 

Andr., sondern auch die Quelle der am stärksten benutzten 



snyttru 1726. 



Das relativ stärkere Hervortreten 
der Genes. Hilarii zeigt ebenfalls, 
dafs Beow. nach Gü. und Phon, 
entstanden ist. 



155 

Criststelle. Die Fassung, welche er gebrauelit, steht im Ein- 
klang mit der von Cynewulf benutzten. Bei der Schilderung 
der Paradiesesseligkeit, welche dem Glücklichen eine Weile 
zu teil wird, schöpft er nicht nur aus Abschnitt II, III der 
Vorlage, sondern er ergänzt genau wie Cynewulf Phon. 50 ff. 
(Phon. 1 ff.) aus der Schilderung der Seligkeit nach dem jgst. 
Ger., aus Abschnitt IX. Endlich und vor allem, er modifiziert 
die Quelle und ergänzt sie aus einer Nebenquelle, genau wie 
Cynewulf in Gü. 843 ff. und wahrscheinlich in Phon. 420 ff. den 
gleichen Teilen derselben Hauptvorlage mehrere Gedanken aus 
derselben Nebenquelle hinzufugte. 

Dals Cynewulf und der Verfasser des Beowulf eine und 
dieselbe Person sind, was Sarrazin bekanntlich unter vielseitigem 
Widerspruch [dies wohl wegen seiner unzulänglichen Methode] 
wiederholt behauptet hat, lälst sich nach diesen Funden nicht 
mehr von der Hand weisen. 

Der Dichter hat nach einer lat. Vorlage direkt gearbeitet, 
das beweist der Latinismus ealra 1727 (und überhaupt die 
Wörtlichkeit) schlagend. Damit ist die ja schon längst ver- 
breitete Ansicht, dafs der Beowulfverfasser ein Gebildeter und 
zwar (selbstverständlich) ein Geistlicher war, endgültig stabi- 
liert, selbst wenn wir nicht zu der Annahme gedrängt würden, 
dals er der in lat. und griech. Kirchenvätern gut belesene 
Cynewulf war. 

Auf eine Besprechung der schier unendlichen Beowulf- 
hypothesen kann ich hier nicht eingehen. Mir ist nichts be- 
kannt, was der oben erschlossenen Autorschaft im Wege stünde, 
ebensowenig etwas, was gegen die hier mit urkundlichen 
Gründen aufgestellte relative Chronologie spräche. Die welt- 
lichen Epen mit mythologischem Einschlag sind stofflich zu 
allen Zeiten altertümlicher als die gleichzeitigen geistlichen. 
Ich erinnere nur an die mhd. Volksepen und ähnliche Werke 
aller Literaturen. Sie verfolgten ja ausgesprochen den Zweck, 
das alte nationale Sagengut zu pflegen. Formale Gründe stehen 
keineswegs entgegen. 

Die letzte Untersuchung von Herrn Prof. Morsbach, Zur 
Datierung d. Beowulfepos, Gott. gel. Anz. 1906, scheint vielfach 
klärend gewirkt zu haben: Es ist nach dem Stande der Laut- 
gesetze eine Unmöglichkeit, den Beow. vor 700 anzusetzen, 



156 

Der terminus ad quem von Herrn Prof. Morsbaeh (Beow. vor 
Gü. A: 730) war, wie er selbst gesteht, kein absolut 
zwingender. Einen sicheren zu geben war bisher unmöglich. 
Cynewulf gehört ohne allen Zweifel in die 2. Hälfte des 
8. Jhrh. In diese Zeit fällt also auch der Beowulf. 

Wirkliche Schwierigkeiten macht es dagegen, die Priorität 
des Beow. gegenüber der von Andr. noch sicher beeinflufsten 
Jul. mittels der bisher befolgten Methode festzulegen. Beow. 
1724 — 68 bieten nichts sicheres Quellenmäfsige, was in Jul. 
als übernommen nachzuweisen wäre. (Vgl. nur Jul. 500 f.) Sie 
wird jedoch, soviel ich sehe, durch die bekanntlieh überhaupt 
stärksten Parallelen des Beow., eben die zu Andr., wahrschein- 
lich, und gegenüber der Schönheit und Vollendung von Andr. 
und Beow. scheint Jul. das Werk eines älteren, kühleren Dichters 
darzustellen. 

Anmerkung. Die wenigen Zeilen Beow. 90 — 98 von der Schöpfung 
lassen sich ebenfalls auf dem Carmen de resurrectionc mortuorum mit 
Wahrscheinlichkeit basieren. Sogar die Eingangsformel 90'': Scsgde, se pe 
cüpe . . . hat hier ihr Vorbild. Man vergleiche : 

Zu 90'^ f.: 1,9. Jam mihi lüciferas liceat contingere mnsas 
(der Dichter ruft die Musen an). 

Zu 92 ff.: I, 27flf. Ut liceat per cuncta deum agnoscere verum, 
Qui lucem, maria, caelum terramque paravit 
Oruavitque novum variando sidere mundum. 
(Vgl. gefrcetioade 96\) [Hartel mit TW variato.] 

Zu 96 f.: I, 11. [Modulabor . . .] 

Et laetas alio positas sub sidere Silvas. 
(Vgl. I, 7 : frondentes Silvas cecini.) 

Zu 971^ f.: I, IG f. Quis hominem laeto potuisset fingere limo, 
Unde genus vacuo potuisset crescere saeclo. 
(Dieselben Verse scheinen Gü. 791 flf. benutzt.) 

Ich will hier noch bemerken, dafs m. E. beim Beowulf, 
kein Gedanke an eine blofse Redaktion älterer ags. Lieder 
oder Gedichte sein kann, sondern dafs wir ein einheitliches 
Werk eines Dichters (vielleicht mit dieser oder jener 
Schwäche?) anzunehmen haben. Vgl. Brandl in Pauls 
Grundr.2 II, S. 991 (1908). 



157 



Juliana. 

(Ausg. von Gollancz, Exeter Book, S. 242 ff., ScUufs nach 
Zupitza- Schipper, Übungsbuch«, S. 13f.) 

Eine Vergleichung mit der Quelle hat 0. Glöde, Anglia XI, 
146 ff. veröffentlicht; darnach ist die genaue Vorlage noch nicht 
gefunden. Trotzdem sind einige Abweichungen und Erweite- 
rungen mit den allgemeinen Quellen Cynewulfs sicher zu stellen. 
306 ist gegen die Acta sanctorum als Peiniger des Andreas 
Egias genannt. Der Dichter kannte dessen Namen von dem 
Andreas 1739 („Fata" 17) her, und er stand schwerlich, wie 
Glöde S. 157, 8 vermutet, in seiner Julianavorlage. 

Nach Glöde, S. 150, hat die Quelle für 357—416 nur: 
'Et putavi te inducere, ut sacrificares et negares deum tuum', 
und sonst stimmt der Text der A. SS. durchaus nicht zum Ae. 
bis auf 403 : am. cog. ... (s. unten). 

Gü. 55 f. oft him brü^an tö 376 f. (Der Dämon spricht:) Sivä 

ladne geliSded, se pe him lifes ofonn. ic brögan tö 

lädne gelade, päm pe ic lifes ofonn. 
Dies stammt deutlich aus Gü. 55 f., 
wo es, wenn auch nicht ganz wört- 
lich, aus der Vorlage herrührte. 
Andr. 1831b ff. (Napier 14i>ff.) Ic 389. ic sceal feor ponan 

sceal feor heonan, heanmöd hweorfan, hrdpra bidaled, 

an elles ford, eardes neosan, in gleda gripe [= El. 1302^] ist 

std äsettan . . . (Ephraem, Lamen- offenbar aus dem Andreasschlusse 
tatio). genommen. 

404 f [ic] purh earhfare in onsende 
in hreosisefan hitre ^eponcas. 
Die Quelle hat nur: 'amaras cogitationes inferimus Ulis'. Das 
Bild earhfare ist also vermutlich aus Cr. 759 ff. oder einer der 
späteren davon abhängigen Stellen bekannt gewesen; ebenso 
470 ff. misthelme forbrcejd 

purh ättres ord eagna leoman, 
sweartum scürum. 
Für 461 — 510 bieten die A. SS. nur: 'Daemon respondit: 
Ego multorum hominum oculos extinxi, aliorum pedes confregi, 
alios in ignem misi, alios appendi' [Glödes Angabe, dies sei 
nicht verwertet, ist falsch; vgl. 48P — 83*], 'alios autem san- 
guinem vomere feci, alios in pontem (pontum?) submersi', und 



158 



sie fahren zu 513 fort: 'nemo mihi prophetarum injurias fecit, 
quas a te sustineo.' 

483*^—97*' muls ich offen lassen. 

497'' — 510^" beruht, diesmal z.T. wörtlicher und selbst- 
ständig, auf der auch Andr. 516 — 25 benutzten Carmenstelle, 
II, III, die also in Cynewulfs Werken immer und immer wieder- 
kehren ; wir fanden sie schon in Cr. 2, Gü., Phon., Andr., Beow. 

II, 17 f. [Deus,] 497 b — 991. 
Qui sermone tenus potoit extendere 

coelum [A protendere] 
Et solidam verbo jussit suspendere 
terram. 

Dazu I, 28 f. (vgl. Anm. zu Beow.) 
Qui lucem, maria, coelum terramque 

paravit 
Ornavitque novum variando sidere 
mundum. 
Vgl. II, 20. Hanc manibus caram 
dilexit fingere formarn. 

III, 16 f. Eva persuasa male pate- 
fecit limina letho [A. E. in- 
ducta dolo] 

Et sibi cum genere creavit funera 
toto. 
III, 21. Callidus hoc [sc. in orbem] 
zelo serpens injecit iniquo. 



499 b — 505» sind frei unter viel- 
facher Benutzung der früheren Werke. 

501. [ic] hg gelcerde, pcet hl lufan 
dryhtnes, 
ece ^ad^ifan, an forlston setzt m. E. 
die Beowulfstelle voraus: 1728 f. 

Hictlum heon lufan Iceted hworfan 
monnes möd^eponc. Ehe die Men- 
schen die Liebe zu Gott aufgeben, 
müssen sie darin gelebt haben. 

503 b f. pcet Mm hcem geweard 

yrmpu tu ealdre and hyra eaferum 

swä setzen Phon. 404 f. voraus, 

dessen Wortlaut seinerseits wieder 

zu Gü. 840 ff. vermittelt. 



Phon. 404 b f. pcerhim bitter weard 

yrmpu cefter cete and hyra eaferum 

swä. 

Gü. 840b. pone hitran drync . . . 

Gü. 842 b, Pcet Mm bäm gescüd. 

III, 22. 23. Inde magis populi 
multa commissa malorum 
Et nefanda malis pepererunt semina 
factis. 
III, 18. 19. Hincnefas incautum . . . 
Inde magis facinus facile percrebuit 
altum [A. atrox]. 

Auch abgesehen von 501 f., welches vielleicht Beow. 1728 
voraussetzt, dürfen wir Jul. an die letzte Stelle rücken, wenn 
wir die Behandlung der Sünden fallepisode (:= Carmen II, III) 



505 b — 10». Eine Entscheidung 
für 'atrox' A ist nicht zulässig, da 
ihm für tvräpe 'nefanda' (PI.!) . . . 
und 'incautum' [Hartel 'infaustum'] 
den Rang ablaufen. 



159 



betrachten. Die Darstellungen dieser werden immer kürzer 
und gedrängter. Der Gedankengang läuft ab: 

Gü. 791 — 844« in 53V2 Versen, Phon. 393 — 420* in 28V2 
Versen [Andr. 515^ — 25" = 10 V. ist nur kurze Anspielung] 
Beow. 1724'' — 57 in 331/2 Versen (eine Maxime mit ein- 
gestreuten Reflexionen unter Benutzung anderer Abschnitte), 
Jal.497''— 510=* in 13 Versen. 

Die Kürze der Behandlung und die Ausdrucksweise des 
Autors 492 ff. und 505^ f. hwodt sceal ic mä rwian yfel endeleas 
usw., die sonst nirgends ähnlich sind, weisen deutlich darauf 
hin, dals dies die letzte aller Darstellungen der Episode ist. 

Der Schluls, 695** — 731, beruht, wie schon gesagt, mit 
denselben kompositioneilen Änderungen wie im Andreas auf 
dem gleichen Stück wie dieser: Threnos sive lamentatio de 
divina retributione von Ephraem Syrus. Über den Aufbau vgl. 

Andr., ebenso über die Herkunft des 



Vossius, S. 191. Anklagen der 
Seele wegen ihrer unverbesserlichen 
Sündhaftigkeit ... 191, IC. mise- 
randa anima, . . . quam veniam in 
die judicii assequeris, cum salvator 
perprophetam exclamet dicens: Post 
haec, anima, ad me revertere, et ego 
sanabo te. miserabilis anima, ns- 
quequo non suspicis et tuae mentis 
oculos aperis considerasque homi- 
num neminem in hoc saeculo per- 
mansurum? Sed omnes sensim 
praeterire . . . Tue Bufse, du kennst 
die Todesstunde nicht, wenn Freunde 
und Bekannte um dein Bett stehen, 
ohne dir Hilfe bringen zu können. 
*Ta vero tristis et tremula omnibus 
cum ipso misero corpore relictis 
longum illud et molestissimum iter 
ingredieris, 

nuda et aperta nihil te- 
cum deferens praeter vitia negli- 
gentiam socordiamque tuam coar- 
guentia. Hei anima, quid factura es, 
qnando tnba illa magno et horribili 
sonitu omnes tam justos quam 
injustos atque nocentes a sae-- 
culo dormientes ciebit et eunctos ad 



Anrufs der Heiligen und der Bitte 
an das Publikum. 

695 ^. Is me pearf niicel, 
pcet SSO hälge mE helpe gefremnie, 
ponne ms ^edcBlad deorast ealra 
sibbe töshtad, sinhiivan tu, 
mich mödlufan, (so schon Gü. 940 iT. 

pEah Ms llc and ^(Sst 
hyra somwiste, sinhlwan tu, 
deore gedceled) 



6991». nü sceal of lice 
säwul on sidfcet, nät ic sylfa hivider 
eardes uncydpu: of sceal ic pissum, 
sscan öperne (vgl. Andr. 1831 fif.) 

ar^ewyrJdum, 
gon^an iüdcedum; 



C, Y ond N, 



geomor hweorfed 



160 



tremendum sistet tribunal sin- 
gulis, quae in vita gesserint, referen- 
tibus, 

wenn die Guten belohnt, die 
Bösen bestraft werden. Seele, was 
wirst du tun, wenn Christus sagt: 
Venite etc. und 191, IE. quonam 
tunc profugies, quando formidandum 
et horribile decretam audieris: Dis- 
cedite a me . . . , wenn die furcht- 
baren, strafenden Engel dich mit 
allen Sündern denBöllenqualen über- 
antworten? Tuncprofectolacerata 
atqiie dilaniata simul amaro cum 
fletu dices: Hei, quid mihi miserae 
contigit? Et vae mihi, quia de- 
prehenderunt me mala haec; nee est 
dentibus uUa requies, nuUumque 
intolerandae necessitatis est laxa- 
mentnm. Ad cujus me genua pro- 
volvam? Quem implorabo? Quisi 
pro me deprecaturus est? Non est \ 
ex hie manentibus, qni vota acJ 
preces meas excipiat? Non est, qni 
misereatur calamitatis meae? Quid 
faciam, quidagam? Hei mihi, quod 
nulla via queam relaxatione potiri. 
Eecessit tempus exorandi. 
Qois mihi indulgebit exoptatam unius 
diei poenitentiani, quo possim 
flendo ad misericordiam Christum 
flectere? Aber Gottes Gericht trifft 
den Sünder mit gerechter Strafe, da 
er sein Unglück selbst verschuldet. 
(Hier wird stark gekürzt.) 



[Vgl. Andreasschi. : Deprecor . . .] 
Darum tue Bufse und bete zu Gott, 
so wird dir Erhörung. Sic enim 
repromisit dominus noster J. C. re- 
qnirentibus ipsum. 



cynin^ biß rspe, 
sigora syllend, 

Zum Folgenden vgl. den Satz 
mit * ; der Wortlaut scheint aus Cr. 
802 f. entnommen. Vgl. El. 1243^ 
Cr, 1000 •'1, 1632». 

7051^. ponne synnum fäh 
E W ond U äcle biäad, 
hwcet him cefter dcedum dsmati wille 
lifes tö Uane; L F beofad 
seomad sorgcearig, sär eal ^emon, 

710. synna wunde, pe ic sip 

oppe cer 
^eiüorhte in ivondde: pcet ic wöpi^ 

sceal 
tearum mcenan; 



695 ff., 715 ff. Vgl. Andr. 



712b. wcES an tid tö Icet, 
pcet ic yfeldveda cer gescomede, 
penden ^mt ond lic geador sipedan 
onsund on earde. 



Ponne ärna bipearf, 
pcet mB seo häl^e ivid pone hyhstan 

cyning 
gepinp.ge: mec pces pearf monap, 
micles mödes sorg; bidde ic monna 

gehwone . . . 
Bezieht man, wie mir der Zusammen- 
hang zu verlangen scheint, ponne 
auf die Gerichtsszene, so haben wir 



die Andr. 1810 ff. angezogene Eigentümlichkeit. Es ist jedoch 
nicht ausgeschlossen, dafs sich das Adv. blols auf den letzten 



161 

Teil des vorhergehenden Satzes beziehen soll, also auf das 
Erdendasein. 

719 ff. sind naturgemäls Eigentum des Dichters. 

Cui gloiia et potejitia cum patre Unter dem Einflüsse des Schlufs- 
et sancto spiritu nunc et semper et satzes von Ephraem ist Cynewulf 
in saecula saeculorum. Amen. eine Darstellung untergelaufen, die 

man beanstanden könnte (vgl. indes oben S. 101): 725 ist 
Gott döeda demend genannt (sonst stets nur Christus!), neben 
ihm „se deora sunu", und dann heilst es gar: 

])onne seo Prynis ])rymsiUende 

in ännesse celda cynne — 
hier scheint er sich des Fehlers bewulst geworden zu sein 
und versucht ihm die Spitze zu nehmen — 

])urh ])ä scwan ^esceaft [= Christus] 
scrlfeS bi ^ewyrhtum 

meorde monna jehwäm. Vgl. Beow. 979: 
[ä^^r äbldan sceal^ 

hu him scir metod scrlfan wille. 
Besonders verdient hervorgehoben zu werden, dals Cynewulf 
die Aufforderung zum Gebet, wie sie die Quelle bietet, in 
eine persönliche Bitte umgestaltet: 

For^if üs, mce^na ^od, 
2>cet we ^me opsyne, cepelin^a wyn, 
milde gemeten on ]>ä möeran tid ! Amen. 
Für die Runenstellen ergibt sich aus der Quelle: 
704 f. ^eomor hweorfed^ 

C, Y ond N 
entspricht mit voller Gewilsheit der Dreiteilung: 'omnes tarn 
justos quam injustos atque nocentes tuba ciebit'; man 
muls allerdings die Cynewulfschen Runen zwar einheitlich, 
aber abweichend von der übrigen Tradition interpretieren, um 
diesen Sinn zu erreichen. Wir dürfen jetzt auf das Zeugnis 
der Quelle hin die schon vorgeschlagenen cene, yfel, ned = 
„Kühne", „Übeltäter", „Frevler" für sicher halten. Ebenso 
haben offenbar die anderen Zeichen die Bedeutung von Personen. 
Es entspricht sich: Tu vero tristis et tremula omnibus . . . 
relictis . . . nuda et aperta nihil tecum ferens praeter 
vitia, also die Reichen müssen ohne ihre Schätze Rede stehen, 

Studien 3. engl. Phil. XXXI. H 



162 

und ])onne synnuni füh 

E W ond U äcle hidaä:, 

hwcet htm cefter dcedum deman tville 

lifes tö leane; L F heofad: 

seomaä sorgceari^ . . . 
Ohne nur eine Haaresbreite von den Runennamen eoh, wyn, 
ür, la^u, feoh abzugehen, erreichen wir den Sinn, welchen die 
Quelle verlangt. Denn es ist kein Zufall, dals 1. eoh und wyn 
und 2. la^u und feoh unmittelbar nebeneinander stehen. 
1. eohwyn, 2. ür, 3. la^ufeoh sind nichts anderes als die 
Schätze des damaligen Angelsachsen, für die [wie wir unter 
„Grofsgrundbesitz" den Stand der Grolsgrundbesitzer, unter 
„Reichtum" den Stand der Reichen usw. verstehen] die Per- 
sonen einzusetzen sind: „wenn mit Sünden beschmutzt, die 
Pferdereichtum und Auerochsen hatten, in Furcht harren, was 
er ihnen nach ihren Taten urteilen will, zum Lohne ihres 
Lebens; die reiche Seen besalsen, beben, sie weilen ver- 
stört ..." 

Wir kommen also ohne jegliche Gewaltsamkeit auf den 
quellenmälsigen Sinn und dürfen daher Trautmanns (Kyne- 
wulf, S.47 — 50) bisher nicht diskutierte, phantasievolle Interpre- 
tationen (CYN = C2/«, „Volk, Leute", EWU north. PI. = wests. 
eowan, „Schafe", LF=: llcfcßt, „Leib" sc. der Dichter selbst) mit 
der im Laufe der verschiedenen Cynewulfakrosticha gegebenen, 
einfachen Übersetzung, in der jede Rune eine feste Bedeutung 
hat, als zu gekünstelt ablehnen, i) 

1) Es ist nicht auszuschliefsen , dafs Cynewulf auch die Anbringung 
der Akrosticha direkt nach seinen Vorlagen, den lamentationes, vornahm. 
Im Syrischen waren diese metrische Lieder, und vielfach bilden die 
Stropheneingänge ein Alphabet oder ein Akrostichon, wie Geiger, Alpha- 
betische und akrostichont. Lieder bei Ephraem , Zs. d. d. morgenländ. Ges. 
21, gezeigt hat. Syrisch wird C. nicht gekonnt haben. Aber "Wilh. Meyer, 
Ges. Abh. I, 7fF. , hat nachgewiesen, dafs Ephraems Werke metrisch ins 
Griechische übertragen gewesen sind. Es steht also durchaus nicht aufser 
Betracht, dafs auch Nachbildungen des Alphabets oder der Akrosticha da 
waren. (Vgl. die Übertragung des berühmten sibyll. Akrostichons, Or. 
Sib. VIIL) Die El. -Cr. -Quelle, allem Anscheine naoh in dem syrischen 
Teil der römischen Ausg. von Ephraem III, S. 485, Paraen. 33, ist im Syr. 
allerdings nach Geiger, S. 470, Abecedarius. [Die Andr.-Jul.- Quelle 
konnte ich bisher nicht feststellen.] Interessant ist die Sache jedenfalls, 
so unsicher die Konstruktion arbeitet. 



163 



Zu Cynewulfs Chronologie und Entwickehmg. 

Die zeitliche Anordnung der Werke Cynewulfs war bisher 
nichts als ein Tappen im Finstern. Der grölste Teil der 
Datierungen war bestimmt durch den Epilog der Elene und 
die darin enthaltene „Angabe über das Lebensalter des 
Dichters". Da diese, wie ich gezeigt habe, auf der Quelle 
beruht und ihre Einschränkung durch den Poeten eher für 
frühe Mannesjahre als für Alter beweist, so sind auch die 
Annahmen betreffs der anderen Werke hinfällig geworden. 
Man schlols rückwärts, dafs Juliana, welche allerdings am 
weitesten von der El. entfernt ist, an den Anfang gehören 
müsse, Cr. in die Mitte. Die „Fata", welche seit 1888 dem 
grölseren Teile der Forscher als echt gelten, wurden von 
Wülker wegen ihrer dichterisch tiefen Stellung noch vor Jul. 
gesetzt. Trautmann, Kynewulf, ordnete den Andreas zwischen 
Jul. und Cr. ein. 

Bekanntlich haben Germanisten und Anglisten für das 
Heidentum der Germanen immer eine gewisse Vorliebe gehabt. 
Das mag der Hauptgrund gewesen sein, weswegen El, die 
noch ein Hervortreten der Persönlichkeit des Dichters [und 
zwar auch noch nach dem Quellenbelege das stärkste] zeigt, 
als schönstes [unter den vier akrostichisch, endenden] und damit 
als spätestes Werk bezeichnet wurde. 

Diese Ansicht hat Trautmann, S. 112, in ähnlicher Weise 
zu formulieren versucht, wobei er sich freilich den buntesten 
Phantasien hingibt. Er wagt sogar eine absolute Chronologie: 
Jul. um 750, Andr. um 755, Himmelf. kurz vor 760 oder 
später, El. zwischen 770 und 780. Ich lasse dazu die all- 
gemeine Ansicht durch einen billigen Rezensenten aussprechen, 
G. Binz, E. St. 26, S. 393 : „Zur Bestimmung der chronologischen 
Reihenfolge der Cynewulfschen Dichtungen, welche Tr. am 
Schlüsse seiner Abhandlung unternimmt, fehlt es uns ebenfalls 
an zuverlässigen Kriterien; über einen gewissen Grad von 
Wahrscheinlichkeit wird man in der Beantwortung dieser Frage 
kaum je hinauskommen." [Letzteres geht allerdings ebenfalls 
zu weit] Gar nicht nimmt B. Stellung zu dem noch un- 
sichereren Versuch von Tr., eine Reihenfolge der ae. allite- 
rierenden Denkmäler überhaupt aufzustellen (S. 120 ff.) Tr. 

11* 



164 

selbst (S. 123) glaubt im einzelnen nicht des Richtigen sicher 
zu sein: „Ich werde mich indessen nur wenig betrüben, wenn 
mir Fehlgriffe, selbs [?] recht arge nachgewiesen werden. Es 
kommt darauf an, dals die Ergründung der Wahrheit angeregt 
und die Wissenschaft gefördert wird." 

Einen neueren, noch weniger zuverlässigen Datierungs- 
versuch hat auf Grund der s. Zt. von Lichtenheld aufgestellten 
Kriterien Barnouw gewagt. (A. J. B., Textkrit. Unters, nach d. 
Gebrauch d. best. Artikels u. d. schw. Adj. in der ae. Poesie. 
Diss. Lugdunensis 1902.) 

Die Lichtenheldschen Sätze, welche unmöglich archai- 
sierenden und stilisierenden Tendenzen der Autoren, nicht 
einmal der Verschiedenheit des Stiles zwischen weltlicher und 
geistlicher Dichtung gerecht werden können und im einzelnen 
aulserordentlich von dem P^rmessen der Interpreten getragen 
werden müssen, sind ganz einseitig zum Mafsstabe der ganzen 
Chronologie gemacht. Dals damit auch nicht ein Schatten 
von wahrscheinlichen Resultaten erzielt werden kann, ist mir 
sonnenklar. Die Forschung hat auch, soviel ich sehe, fast ein- 
hellig gegen Barnouw Stellung genommen. Ich lasse wieder 
einem unparteiischen Rezensenten das Wort, E. A. Kock, 
E. St. 32, S. 229 f., der manche wichtige Einzelheit zugibt, 
aber S. 229 kurz seine Ansicht zusammenfafst: „Dals metrische 
Rücksichten bei dem Anbringen oder Weglassen des Artikels 
eine Rolle gespielt haben, steht aulser Zweifel; aber da die 
altgerm. Metrik noch einer endgültigen Feststellung harrt, 
scheint man mir hier auf schwankenden Boden zu bauen." 

Neuere Versuche sind mir nicht bekannt. [Barnouws 
Resultate stehen zu den hier ermittelten tatsächlichen Ver- 
hältnissen in schneidendem Gegensatz: 

660. Beowulf (im Anschlüsse an Trautmann). 

680—700. Exodus, Rätsel 4, 36, 38—41, überhaupt die 
Mehrzahl der Rä. 

740. Gen. A. 

770—790. Andr., Kreuzges., Cr. 1. 

800—830. Daniel, Gü. A. 

850. Jul. 

860. Himmelf., Cr. 3. 

880. Cr. und Sat., El, Azarias. 



165 

880—900. Gü. B, Tierbuch, Phönix. 
993. Byrhtnöds Tod. 
1000. Gen. B.] 

Mit Hilfe der Quellennachweise ist es nun nicht nur ge- 
lungen, Cynewulfs Verfasserschaft für eine Anzahl von Dich- 
tungen endgültig festzulegen, sondern auch eine relative 
Chronologie mit zwingender Konsequenz aufzustellen. Ein 
Werk setzte das andere voraus. Wir können deutlich wahr- 
nehmen, dals El. in Cr. 3 benutzt ist; Cr. und Gü. bilden ein 
homiletisch -episches Sammelwerk; Phon, macht die stärksten 
Anleihen bei Gü. und seinen Quellen; Andr. setzt neben 
anderen den Phon, voraus; Beowulf benutzt Cr., Phon, und 
Andr., und Jul. scheint nicht vor Beowulf denkbar. Die 
Quellenbenutzung wurde immer vielgestaltiger, die früheren 
Vorlagen kehrten in den späteren Werken immer wieder, 
soweit sie allgemeinere, tibertragbare Gedanken enthielten, 
wobei ihr Gebrauch immer kursorischer wurde, Postulat war 
dabei einzig und allein das: Da, wo eine Quelle als Ganzes 
erscheint, tritt auch der in andern Werken vereinzelt vor- 
kommende parallele Gedanke zuerst auf. 

In allen Fällen fand sich dieser Satz durch mehrfaches 
Auftreten von Entlehnungen bestätigt. 

Eine eindringendere Behandlung der Cynewulfprobleme 
mit umfassenderer Untersuchung der ae. Dichtung und ihrer 
Quellen mufs ich mir aufsparen. Daher gebe ich im Folgenden 
nur einige schlagende Bestätigungen der nunmehr erschlossenen 
Chronologie: gleichsam eine Stichprobe von der geistigen Ent- 
wickelung Cynewulfs, einem schönen, neu auftauchenden literar- 
historischen Problem. 

Welche Schwierigkeiten setzte uns dieser Dichter ent- 
gegen! Was man für das Subjektivste bei ihm hielt, seine 
Kunenschlüsse, ist es nur mit stärkster Einschränkung; eine 
Objektivität, wie sie bei den bedeutenden Persönlichkeiten 
einzig dasteht. 

Wo ist die Seele des Dichters zu fassen? Wir antworten 
wie beim Eleneepilog: da, wo die Quelle aufhört. Die Prä- 
zisierung seiner Stellung gegenüber seinen Quellen ist somit 
die allererste Vorbedingung seiner Beurteilung. 



166 

Es hatte gewils eine Berechtigung, wenn man El. niit dem 
lyrisch so sympathischen Schlufsabschnitte künstlerisch hoch 
einschätzte: als fertiger Künstler tritt der Poet vor uns hin. 
Gleichwohl erlebt er vor unsern Augen eine unzweideutige 
Entwickelung. 

Schon bei Gelegenheit der Jul. wurde gesagt, dafs die 
Behandlung der Sündenfallepisode einen Fortschritt zeigt. In 
Gü. 791ff. hat sie den Zweck, zu begründen, warum Güdläc 
sterben muls. Er mufs es, weil alle Menschen durch Adams 
und Evas Fall dem Tode bestimmt sind. Wir erhalten dann 
in 531/2 Zeilen eine vollkommen sinngetreue Übersetzung der 
Quelle. Erst mit 7 weiteren Versen lenkt der Dichter auf die 
Hauptquelle ein und ordnet die Episode dem Gesamtzweck 
der Erzählung unter. Innerhalb dieses Passus ist an keiner 
Stelle irgend eine Beziehung auf den Helden zu erkennen. 
Alles das könnte genau so in irgend einem anderen Werke 
angebracht sein. Die Eingliederung ist also ziemlich mecha- 
nisch. 

Ganz anders schon in Phon, 393 ff. Hier hat sie ebenfalls 
(wie ja ursprünglich im Carmen) den Zweck, die Notwendigkeit 
des Todes zu zeigen, der dann überwunden zum ewigen Leben 
führen muls. Die Darstellung desselben Ideenkomplexes nimmt 
aber nur 28 1/2 Verse ein, ist also weit konzentrierter und lehnt 
sich aulserdem leicht an die der Bibel näheren Cr. 3 - Stellen 
an. Die Ergänzung aus Hilarius bedeutet nicht nur wie Gü. 
eine Ausschmückung im einzelnen, sondern ein neues Glied über 
den Gedankengang hinaus, 420 ff.: ein Hinweis auf die Er- 
lösung. Also steht der Dichter zweifellos bedeutend höher 
über seinem Stoffe als in Gü. Und dann ist nicht nur eine 
Begründung des Todes aller Menschheit gegeben, sondern 
durch den Hinweis auf das Erlösungswerk eine Einordnung 
in die Phönix -Christusallegorie. Die Verbindung mit dem 
Hauptgegenstande ist demnach eine engere als in Gü. 

Andr. 516'' — 25* = 10 Verse spielen nur auf die Herrlich- 
keit der Schöpfung an, ebenso Beow. 90 '^ — 98. 

Nun sehe man aber Beow. 1724'' — 68, wo die Stoffbeherr- 
schung geradezu eine eminente geworden ist. Alles ist in den 
Dienst der Erzählung gestellt, und die zweite Quelle wird so 
meisterhaft mit der Hauptquelle verschmolzen, dafs es schwer 



167 

wird, das ihr Entnommene auszuscheiden. In keinem Augen- 
blick verliert man den Zweck des Bildes vom Sündenfall aus 
dem Auge, alles ist Durchdringung. Wenn sich nicht die wört- 
lichen Quellen nachweisen liefsen, könnte man zweifeln, dals 
im letzten Grunde vom Sündenfalle die Rede ist. Auch die 
sonstige Kombination ist eine reiche: Carmen V und IX werden 
herangeholt, der Teufel erhält aus anderer Quelle eine neue 
Gestalt, er wird jetzt auch hier der leichengierige Wüterich, 
der mit den Menschen beständig Krieg führt. Dazwischen in 
das Bild eingegliedert persönliche Bemerkungen aus der 
Situation: 1750ff. auf Heremöd (1719 f.) gemünzt, 1758 ff. Er- 
mahnungen an Beowulf; ja, der letzte Gedanke aus dem lat. 
Gedichte geht gänzlich in der Form der Anrede an den Helden 
(1761'' — 68) unter. Eine bedeutende Beherrschung des Ge- 
dankens, eine Lebendigkeit der Situation, über ihr das Bild 
vom Sündenfalle so leuchtend, dals wir sagen müssen: Meister- 
lich! Nicht mehr eine äufserliche Eingliederung, wie in Gu., 
oder eine gute Einordnung in den Gedankengang, sondern ein 
aus der Situation heraus emporsteigendes Bild ist aus dem 
Stoffe geworden. 

Jul. 497^ — 510" enthalten ebenfalls den ganzen Ideen- 
komplex der Vorlage, aber nur sehr konzentriert und kurz, 
diesmal von einem neuen Gesichtspunkte aus. Nicht mehr 
heilst es an die Adresse des Menschen, dals der Mensch 
sterben müsse, wie auch noch im Beow., sondern der Teufel 
selbst oder vielmehr dessen Diener rühmt sich seiner Helden- 
tat, dafs er den Menschen um die Seligkeit betrogen und ihm 
sein trauriges irdisches Los verschafft habe. Trotz dieses 
weiteren Fortschrittes vermisse ich etwas den grofsen Zug des 
Beow. Jedenfalls ist die Darstellung viel einfacher, wie es 
die Kürze mit sich bringt. 

Bei den Darstellungen des jgst. Ger. (Eleneepilog, Cr. 2- 
Schlufs, Cr. 3, Phon. 2. Hälfte, Andr.- und Jul.-Schl.) ist ein 
Vergleich naturgemäls viel schwieriger, da nicht die gleiche 
Quelle zu Grunde liegt, deren Bearbeitung zum Malsstabe ge- 
macht werden könnte; Cr. 3 ist schlechthin mit den anderen 
Stellen unvergleichbar, da er eine Gesamtdarstellung mit Selbst- 
zweck sein will; ebenso Phon., wo das jgst. Ger. einen grolsen Teil 
der ganzen Allegorie bildet. Ihnen gegenüber sind die Runen- 



168 

Schlüsse nur Schlufsglieder, schon etwas aiifserhalb der Ge- 
dichte stehend. Wollen wir sichere Resultate erzielen, so haben 
wir nur die Stücke zu vergleichen, welche unter gleichen 
kompositionellen Bedingungen stehen: das sind nur die Runen- 
schltisse. 

Zwar schon die Tatsache, dals El. und Cr. 2, Andr. und 
Jul. je auf der gleichen Quelle beruhen und genau gleichen 
Aufbau zeigen, und der Umstand, dafs in Andr. und Jul. Bau- 
steine aus der El. -Cr. 2 -Vorlage verwertet sind, geben einen 
ersten Anhaltspunkt für die Aufeinanderfolge der Gruppen: 
1. El. + Cr. 2, 2. Andr. -f- Jul. Allein auf diese fragliehe Basis 
läfst sich noch keine wirkliche Chronologie aufbauen, es muls 
vielerlei dazukommen. In der Tat verstärkt sich das Beweis- 
material unaufhörlich. 

Der äulsere Umfang der El. -Cr. 2 -Quellen [sc. der beiden 
lamentationes] ist zusammengenommen ^/g desjenigen der Andr.- 
Jul.- Quelle. Trotzdem haben die Epiloge folgende Grölse: 

El. 1237 — 1321 = 85 Verse [etwa 30 Verse nur angeregt 
und aus anderen Quellen]. 

Cr. 779 — 866 = 88 Verse, genaue Quellenentsprechung von 
789^ — 849 = 60 V2 Verse [etwas über 15 angeregt und aus 
anderen Quellen]. 

Andr. 8 + 27 = 35 Verse. 

Jul. 695^—731 = 36 1/2 Verse. Also die auf umfänglicherer 
Vorlage beruhenden Andr. -Jul. -Schlüsse haben eine weit ge- 
ringere Verszahl als die anderen beiden. Sie sind demnach 
schon äulserlich viel konzentrierter. Aber auch innerlich sind 
sie es. Der Bau der Epiloge zu Andr. und Jul. ist weniger 
schildernd, aber reicher an positiver Handlung; beide enthalten, 
was El. und Cr. nicht hatten, eine Anrufung der Heiligen und 
einen Appell an das Publikum um Fürbitte. Ja, Juliana bringt 
überdies in den letzten 2 1/2 Zeilen ein persönliches Gebet des 
Dichters, aus dem Sinne der Gesamtanschauung des Geistlichen 
sicher ein schöner Abschluls. Wir sehen, die Struktur ist hier 
bedeutend reicher, die Konzentration des Gedankenganges 
stärker. 

Daneben finden wir einen Hinweis auf die Runen, welcher 
in El. und Cr. fehlt, also eine Verdeutlichung. Man kann 
zweifeln, ob in El. und Cr. überhaupt beabsichtigt war, die 



169 

Fttrbitte des Lesers zu erwirken. Es wäre möglieh, dafs der 
Name des Autors nur als Schmuck gedacht ist, wie das z, B, 
in der orientalischen und byzantinischen verwandten Literatur 
gang und gäbe war. In Andr. und Jul. wird ein Zweck mit 
der Namensnennung nicht nur verbunden, sondern auch an- 
gegeben, ja, in Juliana kommt der Dichter seinem Publikum 
soweit näher, dals er selbst, um sich dessen Fürbitte zu ver- 
dienen, ein Gebet mit allen und für alle anstimmt: 
729 ^ Forgif Tis, mcegna sod, 
Pcet we ])lne onsyne, (B])clinsa wyn, 
milde gemeten on ])ä mceran tid! Amen. 
Es hört sich an, als ob der Dichter mit seiner Gemeinde 
spräche. Jedenfalls sagt das ein Autor, der mit seinem Publikum 
lebhafte Fühlung hat. 

Wie schon von verschiedenen Seiten gelegentlich bemerkt, 
bildete die Anbringung der Runen eine grolse Schwierigkeit 
für den Poeten, der doch auch bemüht ist sich zu variieren. 
Die Art und Weise, in der Cynewulf sich dieses Kunst- 
stückchens entledigt, stimmt durchaus zu der bisher beob- 
achteten geistigen Entwickelung. Eins täuscht, hat mich selbst 
wenigstens längere Zeit getäuscht: Die Mannigfaltigkeit der 
syntaktischen Einordnung der Eunensbstt. nimmt vielleicht 
etwas ab. In Jul. ist sie zweifellos am geringsten: Wir be- 
kommen 1x3, 1x2 und 1x1 Wörter als reine Aufzählung 
von Subjekten und zwar von Personen, cene, yfel stehen als 
substantivierte Adjj., die übrigen, ned, eohwyn, ür, lagufeoh, 
als Abstrakta für Personen. Nur die beiden kühn komponierten 
und doch einen guten Sinn ergebenden Runenpaare zeigen 
Kraft der Phantasie. 

Dagegen haben wir in El. folgenden Sachverhalt: cene 
und yfel bezeichnen den Dichter selbst, cene in der Variation, 
yfel als Sbj. Alle haben selbständiges Prädikat, ned ist in 
der Komposition erstes Glied, eoh im Nebensatze Sbj., lagu 
steht in adverbialer Bestimmung; eoh, ür und feoh sind als 
realer Besitz gefafst. 

In Cr. 2 haben yfel und ned gemeinsames Prädikat, stehen 
im Nebensatz. Nur ür leitet einen Satz ein, feoh ist Variation 
zu ür (aulserdem llfwynna d^l), laju ist als erstes Komposi- 
tionsglied gebraucht, wyn steckt als Sbj. in der Inversion, cene 



170 

als Sbj. hinter einem Zeitadv. wyn, ür, feoh bedeuten realen 
Besitz. 

In Andr. lälst sich ein stärkerer Fortschritt bemerken. 
Freilich wird feoh geradezu buchstabiert, was sich sonst kein 
Werk zuschulden kommen läfst, was aber vielleicht der Rätsel- 
charakter erforderte, cene und yfel sind Personen und haben 
ein Prädikat wie auch ür, die Variation zu tvyn. feoh, tvyn 
sind Sbjj. und leiten beide den Satz ein. lasu steht in adv. 
Best., ned ist Sbj. in der Inversion, feoh, ür, tvyn bedeuten 
realen Besitz. Was nun in El. und Cr. ein reizvolles Versteek- 
spiel war, wird in Andr. als Anagramm zum Raten aufgegeben; 
in Jul. wird schlicht und einfach aufgezählt. 

Denn das ist offenbar die Entwickelungstendenz: Verein- 
fachung in der Anbringung der Runen, Erleichterung des 
Erratens und Verdeutlichung des Namenszuges. Darauf 
weist vor allem auch die strenge räumliche Konzentration in 
der Verteilung der Zeichen. In El. gebraucht der Dichter 
13 Zeilen, in Cr. 11 {eoh fehlt), in Andr. 7 {eoh fehlt) und in 
Jul. nur 5 Zeilen für das vollständige Runenspiel. 

Die Mannigfaltigkeit in der syntaktischen Verwendung 
der Runen wird preisgegeben, statt dessen aber durch Schlicht- 
heit allmählich eine erstaunliehe Konzentration erreicht. In 
der Tat wird man doch wohl sagen müssen, dals es ein 
technisch grölseres Kunststückchen war, in Andr. und Jul. auf 
so engem Räume die Runen anzubringen, ohne den Sinn all- 
zusehr zu pressen. Und diese Entwickelungslinie geht auf das 
genaueste der vorhin an der Stindenfallepisode aufgewiesenen 
parallel. 

Zu der sonstigen Entwickelung der Technik und des for- 
malen Könnens des Dichters will ich nur auf einige Punkte 
hinweisen. Die ursprünglich in breiten Schilderungen über- 
nommenen Bilder und Gedankengruppen Cr. 759 — 72 ff., Cr. 
804—14, Cr. 1007 ff., 1334 ff., 1649 — 64, 1665—89, Gü. 1—63, 
762—90, Phon. 33ff, 71ff., Andr. 1831 ff (1814ff.) kehren, je 
später sie vorkommen, in immer knapperen Formen und immer 
kürzeren Anspielungen wieder, wozu man die einzelnen Stellen 
einsehen möge. Damit schleifen sich die Gedanken ab, die 
Formelhaftigkeit des Ausdrucks nimmt zu. Aber die Summe 
der Vorstellungen wird gröfser, der Ideengang rascher, die 



171 

Handlung schneller fortschreitend. Man vergleiche beispiels- 
weise die schleppende Handlung der El. (besonders die zum 
Teil uninteressanten langen Keden) mit den späteren Werken, 
z. B. Beowulf, dessen Handlung sehr rüstig vorwärts schreitet, 
und Juliana, wo der Gedankengang m. E. durchaus lebhaft 
genannt werden mufs. 

Zur Metrik wird man noch viel lernen können. Bei Cr. 3 
ist schon darauf aufmerksam gemacht, dals wir mehr mit der 
Erklärung aus dem Stoffe zu operieren haben, z. B. betreffs 
des Gebrauches .der Schwellverse. Gleichwohl scheint sich zu 
zeigen, dals die Anwendung des Schwellverses bei Cynewulf 
im allgemeinen abnimmt. (Vgl. Trautmann, Kynewulf, S. 25f.) 
Den bisher aufgestellten metrischen Kriterien stehe ich skep- 
tisch gegenüber. Sichere Entwickelungslinien der ags. Vers- 
kunst sind .noch nicht nachgewiesen worden. Ein Überschlag 
über die Anwendung der gekreuzten Alliteration (vgl. Morgan, 
P. ß. B. 33, S. 164 ff.) und der Doppelalliteration nach Traut- 
manns (Kynewulf) Stichproben hat keine festen Entwickelungs- 
linien ergeben. Eine Bestätigung meiner Chronologie, wie mir 
scheint, lieferte dagegen die Festlegung der von E. Schröder, 
Zs. f. d. A. 43, S. 361 ff. als bewufstes Kunstprinzip angesprochenen 
Tendenz zum doppeltalliterierenden Nominalkompositum. Es 
entfällt, nach der oben festgelegten Zeitordnung, ein doppel- 
alliterierendes Nominalkompositum in: 

Elene auf 188 Verse, 



Crist „ 


141 


Güdläc „ 


123 


Phönix „ 


95 


Andreas „ 


74 


Beowulf „ 


99 


Juliana „ 


104 



Dals Cynewulf mit vollem Bewulstsein der Neigung zur 
Schöpfung dieses Stilmittels folgt, dals seine Kunst einen Auf- 
stieg zeigt, ist m. E. sonnenklar. Für die Bewufstheit spricht 
geradezu das, was zunächst auffällt: das Nachlassen im Beo- 
wulf und in der Juliana. In ersterem, dem umfangreichsten 
Gedichte, erlahmte, wie Schröder betonte, auf etwa 600—800 
Verse im ganzen die wortschöpferische Kraft vollständig, was 
sich nur durch Aulserachtlassen, Vergessen des Prinzips erklären 



172 

läfst. Juliana ist aber Alterswerk, das Nachlassen ist somit 
ohne weiteres verständlieh. 

Mit der Konzentration des Poeten in formaler Hinsicht 
scheint mir eine innere Vertiefung des Geistes und des Charakters 
deutlich hervorzutreten. Eine Vertiefung des Geistes zeigt sich 
in der Wahl der Probleme. Elene, eine Legende: Findung 
des hl. Kreuzes, des Gegenstandes der Verehrung und Haupt- 
symboles der christlichen Religion überhaupt. Der Dichter ist 
der christlichen Lehre, wie er im Epilog sagt, innerlich näher 
getreten und interessiert sich für den Gegenstand seiner An- 
betung. 

Crist: Cynewulf denkt an die persönliche Wiederkunft 
Christi, sucht also sein Verhältnis zum Heiland weiter auszu- 
bauen. Güdläe behandelt die Mittel und Wege zur Seligkeit 
und zeichnet ein (nationales) vorbildliches Leben, Kämpfe gegen 
Teufel sehr allgemeiner Art. 

Phönix falst die bisherigen Vorstellungskreise zusammen 
unter grölserer Durchdringung des Stoffes. Die grofs angelegte 
Allegorie der gesamten christlichen Heilslehre zeigt in ihrer 
vorwiegend hymnischen Natur eine zweifellose, allerdings 
mehr gefühlsmälsige Verinnerlichung gegenüber den früheren 
Werken. 

Andreas: Hier taucht ein mehr menschliches Problem auf. 
Ein Apostel befreit den andern und durch die eigene innere 
Heldenhaftigkeit im tiefen Leiden und in äufseren Demütigungen 
besiegt er die Feinde, bekehrt sie, geht aber rastlos wieder 
zurück zu seiner Lebensaufgabe. 

Beowulf, ein Heldengedicht aus der Sage stammverwandter 
Völker. Der immer hilfsbereite, mit übermenschlichen Eigen- 
schaften begabte Held besteht für befreundete, bedrängte Nach- 
barn die schwierigsten Kämpfe und geht zuletzt für sein Volk 
in den sicheren Tod. 

Juliana: Hier wagt sich der Dichter sogar auf ein dem 
geistliehen Gefühl wenig zugängliches psychologisches Gebiet, 
das der weibliehen Empfindungen. Allerdings ist das Problem 
streng geistlich gehalten: Abweisung der Liebeswerbung um 
Gottes willen. 

Im ganzen müssen wir uns hüten, in der Wahl des Vor- 
wurfes zu viel zu sehen. 



173 

Eine Entwickelung seines Charakters scheint mir der 
Dichter in Folgendem zu zeigen. In El. ist die Sentimentalität 
zweifellos am gröfsten, Cynewulf denkt doch mit einer ge- 
wissen Wehmut an seine weltliche Vergangenheit. Im Andr,- 
und Julianaepilog gibt er nicht mehr reine Stindenklagen, 
sondern bittet zugleich die andern Menschen, ihn in ihr Gebet 
einzuschlielsen. In Jul. geht er sogar gegen die Quelle seinem 
Publikum mit dem eigenen Beispiele des Gebetes voran. Er 
hat also den Weg zur Abhilfe seiner Betrübnis gefunden. 

Wie wir gesehen haben, liels sich eine Entwickelung 
Cynewulfs in folgenden Punkten konstatieren: Anwachsen des 
Quellenschatzes, grölsere Beherrschung des Stoffes, Steigerung 
des technischen Könnens, gröfsere Klarheit und Deutlichkeit 
in der Einfügung der Runen, Konzentration des Gedankens, 
kräftigeres Fortschreiten des Gedankenganges, sittliche Selbst- 
zucht, engere Fühlung mit seiner Gemeinde oder seinem Zuhörer- 
und Leserkreise. (Über die absolute Chronologie vgl. Hei. und 
Otfr..)i) 



2. Gruppe. 

Kleinere Stellen und Dichtungen. 

Zahlreiche Anspielungen auf das jgst. Gericht, Andr. 530, 
1436, Beow. 1180, 3069, Gen. 1743, Exod. 539, Jud. 119, Metr. 29, 
89 usw., bieten weder für Quellen- noch für Verwandtschafts- 
verhältnisse Anhaltspunkte. Dagegen lälst sich für die betr. 
Verse der Reden d. Seel., des Traumgesichtes und für das aus 
119 Langzeilen bestehende Stück Bi Domes Dseje die Quelle 
nachweisen, m. E. die direkte. 



') Das Runenspiel kann natürlich niemals rezitiert worden sein, sicher 
war es nur für das Auge bestimmt. Daraus dürfte, wenn das bisher noch 
nicht beachtet sein sollte, der Schlufs sicher sein, dafs diese Gedichte 
in erster Linie Buchpoesie waren. Man wird sie sich natürlich auch ab- 
schnittsweise vorgelesen und vorgetragen haben. 



174 



Reden der Seelen. 

(Text nach Grein -Wülker, Bibl. 2, 101 ff.) 

Die lange gesuchte, Thorpe bekannte Quelle für das Ganze 
gebe ich bei anderer Gelegenheit. Sie enthält die Stellen über 
das jgst. Ger. z.T. nicht: 88 ff., 148 ff., 160 ff. [Sie enthält 
49 — 60.] Für diese lälst sich Folgendes sagen. 

Als Vorlage hat in der Hauptsache die [lat.J Ephraem- 
predigt: „Venite, universi frates, consilium a me peccatore et 
imperito Ephraem accipite" (vgl. Cr. 1199 ff.) gedient. 

Ephraem, Vossius, 183, lA.. Quid 88. 89», 92 -96, 99»' — 100«. Za 
vero in die judicii ei dicemus, si . . . 95 ^ f. vgl. Ephraem „In eos, qui in 



negligentes fuerimus, fratres? Ipse 
. . . nos ad suum regnum invitat 
rationem a nobis de tanta vitae 
nostrae negligentia exquisiturus. Et 
dicet ad nos ipse: Propter vos in- 
carnatus sum, propter vos in terris 
palam conversatus sum, p. v. flagel- 
latus s., p. V. conspntus sum, — ala- 
pis caesus — , — crucifixus — , — exal- 
tatus sum in ligno . . . Jam dicite 
mihi, peccatores et natura mortales, 
quid vos propter me dominum ve- 
strum perpessi estis, cum ego pro 
vobis sim passus . . . Quam quisque * 
maluerit incedere viam rectam aut 
non rectam [vorher: regnum aeter- 
num aut supplicia], eam propria 
sibi voluntate eligat . . . Quid igitur 
peccatorum genns tibi incom- 
prehensibili, benignissimo et 
misericordissimo deo retri- 
buet, qui erant sua voluntate 
peccatores, non natura? Nam ante- 
quam salvaremur, impium erat nos- 
trum genus . . . 

Vossius, 183, lA. Quod si nos- 
semus, fratres, quid nobis immineat, 
die noctuque indesinenter plangere- 
mus deum deprecantes, ut nos a 
confusione illa aeternisque tenebria 
liberet. 

183, 2D. . , . ut in die adventus 
sui mansiouem apud te [Christus als 



Christo obdormierunt", Vossius, 
S. 594, 2E: 'omnes . . . solliciti erunt, 
quid singuli ipsorum dicturi sint 
quidve judici de male actis respon- 
suri.' Die beiden bei Ephraem hier 
fehlenden Züge der Verse 89^ — 91, 
97 — 99 a weisen wohl auf Neben- 
quellen. Das Zeigen der Wundmale 
ist ein stereotypes Motiv der meisten 
(bes. der späteren) Darstellungen; 
vgl. die Zusammenstellungen zu Musp. 
100 ff. Zu 97 ff. vgl. Musp. 91 ff. und 
Ps.-Hippolyt, De cons. mundi, Ber- 
liner Ausg. II, 308, K. 46. 
*102f. 



100i>f. Ac hwcet dö wyt unc 
Exetertext: ponne he unc hafad ge- 
edbyrded öpre sipel Diese 
Zeile erweist sich als echt. 

Die beiden letzten Sätze sind wohl 
umgestellt, um die Chronologie deut- 
licher herauszubringen. 



148 ff. 



161 ff. Bezeichnend für den Angel- 
sachsen [und das Alter des Gedichtes ?J 



175 

Gemahl der Seele] una cum coelesti ist, dafs sich die Guten selbst ihrer 

patre sao faciat; eritque tunc laus Taten freuen, rühmen, während sie 

tibi coram sanctis angelis et arch- sonst , wie schon Matth. 25 , in Be- 

angelis, ingredierisque in paradisum scheidenheit nichts von ihren eigenen 

magna cum gloria ac gaudio. Werken wissen. 

Die Benutzung der Quelle scheint mir direkt zu sein. 
Frei exzerpierend und umgestaltend wie hiermit geht der Verf. 
auch mit der Hauptquelle um. 99M00* = Jul. 704^ 5'\ wo 
sie auch nicht ganz wörtlich zur Quelle stimmen, scheinen zu 
schwach, um weitere Vermutungen zu tragen. 



Traum gesicht vom Kreuze. 

(Grein -Wülker, Bibl.2, 123 ff.) 

Dieses Gedicht, dessen hohe künstlerische Stellung ich 
auf Grund der in meinem Besitze befindlichen Hauptquelle 
noch zu zeigen hoffe, scheint stellenweise von mehreren Pre- 
digten Ephraems abhängig zu sein; wenigstens geht 103 — 21 
im ganzen auf den Sermo in pretiosam et vivificam crucem 
domini : „Omnis celebritas domini nostri J. C. salus et redemptio 
et gloria nostra fidelium est", Vossius, S. 537 ff., zurück. 

538, 2 A. ... quibus fieri incipien- 
tibus etiam virtutes caelorum com- 
movebuntur [als Engel gedeutet, 
vgl. Cr. 811'']. Quis non horreat et 
contremiscat in hora illa, quando rex 
regum [dazu 538, 2D . . . qni pote- 
statem habet omnis carnis] a throno 
gloriae suae exsurgens, descendet 
visitalurus cunctos habitatores orbis, 
rationem ab eis exacturus et singulis 
mercedem secundum opera reddi- 
tnrus. 

538, ID. Audistis..., qnae ac 117. [118 stammt wörtlich aus 

quanta sit crucis potentia, quantae der Hauptquelle] 119 — 22. 
ejus virtutes quantaque bona. Haee siquidem, boni instar 
gubernatoris, praesentem hanc vitam nostram gubernat et in 
pace constituit custoditque. Haec futuram quoque nobis vitam 
aeternam conciliat. 

Auch dieser Nachweis vermag ein überzeugendes literar- 
historisches Resultat über die Verfasserschaft nicht zu basieren. 



103 — 11. 



112 — 16. Eine weitere Ausführung 
des gegebenen Gedankens, bietet 
diese Predigt nicht. Vgl. dazu die 
in den Red. d. Seel. 92 — 95 an- 
gezogenen Stellen. 



176 



Bi Bornes Daeje. 

Das bei Grein-Wülker, Bibl. 3, 1, 171 ff. gedruckte Gedieht 
in 119 Langzeilen, welches sich mit der Zeit vor dem jgst. 
Ger. beschäftigt [zum Unterschiede von Lumbys Be Domes 
Dseje^Beda, De die judicii an dem Titel Bi Domes Dse^e 
kenntlich; ich nenne es Dom] ist möglicherweise ein Alters- 
werk Cynewulfs. Künstlerisch steht es nicht sehr hoch. Der 
Gedankengang ist rasch, geradezu flüchtig, der Ausdruck sehr 
formelhaft. Der Begriff des Schicksals, den wir in Andr. und 
Beow. am stärksten herausgebildet finden, tritt auch hier auf- 
fallend hervor (81, 115). Zahlreiche ßeminiszenzen weisen 
allerdings nur auf die Zeit nach Phon. Der Schlufs, 103 — 19, 
ist eindrucksvoll wie bei allen Werken Cynewulfs. 

In der Hauptsache ist ein Abschnitt aus einem der 6 lat. 
Traktate des Ephraem S. Vorlage gewesen; daneben wird be- 
sonders das Carmen de resurrectione mortuorum passim ver- 
wertet. 

Ephraem, De compunctione animi: „Venite, dilec- 
tissimi, venite, patres et fratres mei", Vossius, 
S. 458 ff. 

460, 2C. Terra tota instar aquae maris a facie 1.2«. 
gloriae ipsins contremiscet. Vgl. 15 Vorzeichen, 
Ps.-Beda: Prima die eriget se mare in altum quadra- 
ginta cubitis super altitudinem moutium. 
Dazu Carmen I, 12 ff.: 
Aeternasque simul memorabo carmine flammas, 
Unde mare in tumidas immensum fluctuet undas, 
[Quae virtus moveat solidas tremiscere terras, 
Et lux unde novo praefulserit aurea mundo]. 
460, 2E. ... quod soluta jam sit atqne finita vitae 2i'. 3 a. 
praesentis celebritas, omnisque vita ipsorum timore 
concntietur ac trepidabit velut aqua maris (dies war 
der Anknüpfungspunkt.) 

460, 2A. Considera ac vide: quoniagi appropinquat S'^. 4. 
et Don tardabit. 

460, 2C. Et ut breviter dicam, veniet redditurus 5 — 9». 
unicuique secundum opera sua . . ., veniet ex caelis 

cum potestate et gloria ingenti , . . Fluvius igneus 9^ — 13». Zu 10 

coram ipso praecurret, qui terram ab iniquitatibus vgl. Cr. 1002 ff., 

expurget. 12 vgl. Cr. 974. 

461, IE. ... ego vero superbiebam . . ., ego IS^ — 18». 



177 



vero ridebam . . . Uli cum Christo in sempiterua re- 
gnant saecula, ego autem cum Antichristo in ignem 
aeternum mittor. Vae mihi infelici ac miserabili: quid 
mihi accidit? Quantorum bonorum jacturam feci, ut 
modico hie tempore voluntatem diaboli peragerem. Nunc 
cognosco . . . me a vanissimo mundo illusum ac 
supplantatum esse. 

Carmen XII, 9. Ob via fit saevae flammae fugienti- 
bus ira. 

XU, 1. Tunc avidos rapidus includit tartarum ignis. 
[A. T. avidus rapido est inclusus tartarus igne.] 

XI, 6flf. Non scitis ecce diem, quemvos ridere soletis; 
Ibitis in tenebras ignis et snlphuris altas. 
10. Ire sub ardores semper sine fine gehennae [sc. 
jubet. A. st. semper: rabidaej. 



18b 

19—29. 20b 
stimmt deutlich 
zu B XII, 1. 

29. ä tö ealdre 
scheint für B XI, 
10 zu sprechen, 
wörtlich über- 
tragen ist 'sem- 
per sine fine' in 
bütanendeece27. 
XII, 15. Gliscit aer densis abstrusa luce tenebris. (19 b. 20».) 

XII, 7. Uli praecipitem (24b) pulsi toUuntur [eine Hs. (24b.) 
conduntur] in aestum. (22b.) 

Hinc fagiunt, illinc cursu referuntur acuto (25«.) 

Agnoscuntque suam jam tum de crimine poenam. (25 f.) 

XII, 17. Est natura loci signatis ignea poenis 
Et palus inferni candens ardoribus ima 

Intonat horrificis, fretum poenale, caminns. (22.) 

XII, 23. Huc captiva gemens mittetur turba malorum (28 f.) 

Arsurumque nefas scelerati corporis agmen. 

461, IE; 2A. Propterea demmtiant testanturque 30 — M^. 

nobis . . . sacrae scripturae, quod bona, quae prae- 
paravit deus diligentibus se, nee oculus vidit nee auris 
audivit nee in cor hominis peccatoris [dies Wort un- 
biblisch] ascenderunt . . . sed potius timete eum, qui 
potest et animam et corpus perdere in gehennam. 

Si** — 54 halte ich für bunte Wiederholungen. Vgl. 
Cr. 1583, 942 f., Phon. 228, Cr. 783 ff. (1036, 1326), 838 £F., 
804^ {[tyr =] wyn kann also im Cr. nur Besitz bedeutet 
haben), zu 46^ ff. Cr. 815 ff., Phon. 478 f., 497, 520 ff., Cr. 1146, 
812 ff., Cr. 966^ 939. 
Carmen VI, 9 f. (v. d. Feuerengeln). Igneus his vigor 55. 56«. Lixed 
est, rutilantia corpora caeli, lyftes mcegen, 

Vis divina micat. [C. migrat.] eine Stelle, de- 

ren Treue Zwei- 
fel ausschliefst. 
Vgl. Cr. 811b. 

12 



Studien z. engl. Phil. XXXI. 



178 



Vgl. 15 Vorz., Ps.-Beda. Sexta die omiies herbae 
et arbores sangiiineum rorem dabxiut u. Augustins 
Akrostichon nach Orac. Sib. VIII: „Judicii Signum 
tellus sudore madescet": 

VI, 1 — 3. Ergo ut ad vocem muudo tremente divinam 
Et penitus motis virtutibus aeris alti, 
Tunc fragor insolitus et maxima murmura caeli. 



VI, Schlui's. Tendentesqne manus populi clamare 

mirantur. 

VI, 27. Eine längere Anfzählung aller zum Gericht 
Kommenden beginnt: 

Matres atque viri repetita luce resurgunt. 
Augustins Akrost: Unde deum cernet incredulus atque 

fidelis. 

VII, 12. Imperat et justos numero discerni malorum, 
15. Semper inextinctas habere luminis auras. 

Von 64 bis zum Schlüsse scheint wieder 
gang des Sermo vorzuliegen. 

Vossius, 461, 1 A. ... lugens dices: Vadam et pulsabo 
ad ostiura misericordiae Christi domini: quis seit, an 
aperiet mihi. 

461, lA. ... respondetque tibi sponsus: „Amen 
dico tibi, nescio te; discede a me, operarie iniqui- 
tatis . . . Sacras meas scripturas audiebas et deri- 
debas, atque ideo huc introitum tibi non concedam . . ." 
461, IC. Ista porro audiens stabis confusione plenus 
[IE. Nunc cognosco unumquemque secundum opera 
sua recipere . . .] 
Crist 840 ff. Peer bid m^hxvylcum symvyrcendra 

on pä snüdan tld 
lEofra micle ponne call psos Icene gesceaft, 
pcBt hE hine sylfne on päm sigeprSate 
behydan mcege . . . 
461 , 1 D. ... ego autem convivla ac prandia sectabar. 
Uli divinas laudes canebant, ego autem tacebam . . . 
Uli lacrymas profundebant, ego vero ridebam. 



56K 57». 



57^—59. Wir 
sehen an dieser 
Stelle deutlich, 
dafs die Erklä- 
rung von Cr. 
811b, Phon. 525 b 
die richtige war, 
denn 58 b&roncZos 
läcad mu[a genau 
VI, 2 entspre- 
chen, da 58» = 
VI, 1 und 59 b = 
VI, 3 ist. 

60.61. 



62. 63. 

der Gedanken- 

64 — 67*. Vgl. 
Cr. 1090 — 1100. 

67b— 71a.. 
71b — 75. 



76. 77» deut- 
lich aus Cr. 840 ff. 



77b — 79». 
79 b. 80. 



179 

Ideo 81—91. Zu 

nnnc illi gaudent atque exultant, ego autem in liictii 88^ ff. vgl. Vos- 
ac dolore versor, Illi laetantnr, ego vero plango . . . sins, 120, IDE 
Haec et similia cum planctu ac dolore dices et nihil (Gü. 1 ff.), 
omuino proficies: nuUus enim ibi poenitentiae locus 
erit vel utilitatis. Propterea denuntiant nobis . . . sacrae 
scripturae, qiiod bona, qnae praeparavit deus dili- 92 — 97. 
gentibus sc, nee oculus vidit nee auris audivit nee 
in cor hominis peccatoris ascenderunt. Audisti 
rursus dicentem dominum: Nolite timere eos, qui 
occidunt corpus, animam autem non possunt occi- 
dere etc. 

Carmen V, 10. Cum sint cancta dei, reddet magis omnia 98 — 100*. 
tellus, 
Jussa revocabit, quidquid contexerat olim. 

V, 17. Ultima nee domino negabunt funera quemquam, 100^ — lOS*. 

Adparere deo vivos de morte necesse est Vgl. Cr.961, 1028. 

Eesumptisque suis homines astare figuris. 

Vgl. Ephraem, Sermo in eos, qui in Christo obdor- 103t> — 7 ■''.Vgl. 

mierunt, Vossius, 592, 2D (von einem Sterbenden ge- Gü.ll59.60,Red, 
sprochen) : „Expectabimus vos ibi — , ut veniatis ad nos, d. Seel. 99. 100. 
non enim nos amplius ad vos veniemus." 

Ephraem, Hauptquelle, Forts. Et alibi rursum: 107^. 8. 

Beati, qui persecutionem patiuntur propter me. 

Atque 109 — 19. 

ideo dicit etiam apostolus: „Nolite errare, deus non irridetur. 
Quod enim seminaverit homo, hoc et metet." 

Zu 109 — 12 vgl. Ephraem, De cruce, Vossius, 539, 2C . . . 
quando tubae vocem de caelo audiemus super quodvis tonitruum 
horribiliter resonantem omnesque . . . excitantem; Carmen VI, If. 

Ergo ut ad vocem mundo tremente divinam . . . 
16. Hinc jubeute deo facile cum voce potentis. 

Aulserdem vgl. Ephraems Katechese über die Qualen der 
Hölle, Vossius, 153, ID. . . . divina scriptura a finibus usque ad 
fines terrarum . . . clamat . . . Omnes igitur, ut ante dixi, deo 
pleni cum dolore ac lacrymis clamant diei illius necessi- 
tatem praenuntiantes. De hac ipsa die locutus est propheta 
Esaias: Ecee dominus veniet disperdere universam terram et 
peceatores perdere ex ea . . . Ecce dominus veniet et quis 
ßustinebit dies adventus ejus. 

Im allgemeinen ist die Einzelausftihrung und die Aus- 
Bchöpfung durchaus frei, sehr frei, jedoch klingt manches an. 
Zahlreiche kurze Sprünge, Abschweifungen (26^ u. 71^') verraten 

12* 



180 

eine gewisse Unruhe, ja vielleicht ist Enge der Gedankenbildung 
zuzugeben. Hübsch herausgearbeitet ist nur der Schlufs, der 
in der Vorlage gar keinen Abschlufs bildet, aber sieh sehr 
gut zu einem solchen eignet. 

Die Carmenlesarten stehen zu der von Cynevpulf be- 
nutzten Fassung nicht in Widerspruch. Ephraem ist vielfach ver- 
wendet. Da jedoch hier meist andere Abschnitte (und wenige 
Verse) des Carmen und eine andere Predigt des Kirchen- 
vaters gebraucht sind, so lälst sich die Identität des Verf. 
mit Cynewulf nicht strikte behaupten. Jedoch ist das Zu- 
sammentreffen Ephraems und des Carmen, dieser beiden 
Lieblingsquellen des grolsen geistlichen Poeten, m. E. ein 
starker Wahrscheinlichkeitsbeweis für ihn, zumal sichere 
Übernahmen aus seinen Werken vorliegen. 



3. Gruppe. 



Für die diese Sippe bildenden, meist späten Darstellungen, 
welche sicher freier aus ihren Quellen schöpfen, kann ich, 
wie mir scheint, z. T. nur indirekte Quellen nachweisen. Ich 
rauls mich kurz fassen, da mir das Material nur lückenhaft 
zu Gebote steht. Den Grundstock bilden 1. die Prosapredigt 
in Cod. Hatten 116 (früher Jun. 24), S. 382 ff. der Bodleiana 
in Oxford, von S. 386 ab in den Münch. gel. Anz., Bd. 50 
(1860), Sp. 349 ff. von C. Hofmann abgedruckt (Nölle, PBB 6, 
456, Nr. 50) ; 2. der 2. Teil der 7. Blicklinghomilie, ed. Morris, 
E. E. T. S. 58 (auch in Kluges ags. Leseb.) ; 3. das me. Gedicht 
„Debate between the Body and the Soul" in: The Latin 
Poems commonly attributed to Walter Mapes ed. Th. Wright, 
London 1841, S. 346 ff. und K. Böddeker, Ae. Dichtungen des 
Ms. Harl. 2253, 1878, 235 f. (Nölle, PBB 6, 457, Nr. 51); 
4. vielleicht die 15. Predigt des Vercellibooks, welche Wülker, 
Grundr., S. 490 zitiert: S. 80^ ])ces Uwes dcejes tacnu. Alia 
omelia de die judicii . . ., deren Schluls an Hatten 116 an- 
klingt. Auf diesen, bezw. deren Vorlagen beruhen der 2. Teil 
des Crist und Satan und, wie es scheint, einige Stellen der 



181 

von Lumby, a. a. 0., 40 ff. (Bibl, 2, 230 ff.) edierten Paraphrase 
des Paternoster. Sie sind in die zweite Linie zu rücken. 

Hatten und Blickl. 7, 2. Teil, sind zweifellos Bearbei- 
tungen derselben Predigt. Die beiden gemeiosamen Vorzeichen 
werde ich vorweg behandeln und dazu das z. T. aus gleicher 
Quelle gespeiste me. Gedicht stellen. 



Die Legende von den siebentägigen Yorzeiclien. 

Die Verteilung der Vorzeichen auf 7 Siegel, 7 Posauneo, 
7 Schalen des Zornes kennt schon die Apokalypse, und diese 
sind hier ausführlich benutzt. Eine Verteilung auf Tage 
kommt m. W. nirgends in der Bibel und den Apokryphen 
vor. Wie jedoch die Fünfzehnvorzeichenlegende, die ganz aus 
dem IV. Buche Esra hervorgegangen ist, ihre 15 (14) Tage 
(s. Anhang I), so hat auch die vorliegende Predigt, welche 
ohne Zweifel demselben apokryphen Buche vielerlei verdankt 
[vgl. 2. Tag], wohl ihre Verteilung auf 7 Tage hieraus ent- 
nommen. 

IV. Esra 7, 26 ff. 'Ecce tempus veniet et erit, quando 
venient signa, quae praedixi tibi [sc. K. 5, 1 — 11; 6, 18 — 28] . . . 
30. Et eonvertetur saeculum in antiquum sileutium diebus 
Septem sicut in prioribus judiciis, ita ut nemo derelinquatur. 
81. Et erit post dies Septem, et excitabitur, quod non 
vigilat, saeculum et morietur corruptum. 32. Et terra reddet, 
quae in ea dormiunt, et pulvis, qui in eo silentio habitant, et 
promptuaria reddent, quae eis commendatae sunt animae.' 
V. 30 und 31 bilden einen synonymen Parallelismus; wir haben 
hier also 7 Tage, die wohl ursprünglich auf die 7 Weltalter 
bezogen waren, die aber, wie sie die 15 Vorzeichen in 15 
Tagen einzig erklären können, wohl auch hier Ausgangspunkt 
waren. 

Stofflich weisen sowohl die Hattonfassung als die der 
Blicklingh. selbständig auf die Quellen zurück; wir haben 
demnach direkten Zusammenhang beider abzulehnen. Die 
gemeinsame Vorlage muls aber im ganzen, wie sich zeigen 
wird, der etwas später tiberlieferten Fassung Hatton näher 
gestanden haben. 

Die Verteilung der Vorzeichen ist in Einzelheiten abweichend. 



182 



Es entsprechen sieh ganz im rohen etwa: H. 1. 2. Tag und 
Bl. 1. Tag; H. 3. und Bl. 2. 3. z. T. (ohne den höU. Gestank); 
H. 4. 5. und Bl. 4. (ohne die höll. Geister); H. 6. und BL 5. 
[Bl, 6. Höllengeister; Michael schlägt sie und treibt sie in die 
Hölle] ; H. 7. = Bl. 7. (mehrere Sätze vor die Vorzeichen ge- 
stellt). Es liegt mir natürlich fern, hier erschöpfende Parallel- 
stellen zu geben. Gleich zu Anfang haben beide Fssgn. einen 



selbständigen echten Zug. 



Quellen (u. Debate). 

4. Esr. 15, 12flf. Lu- 
gebit Aegyptus et fun- 
damenta ejus plaga 
verberata et castiga- 
tione, quaa inducet ei 
deus. 13. Lugebunt cul- 
tores operantes terram, 
qnoniam deficient se- 
mina eorum ab uredine 
et grandine et a sidere 
terribili. 14. Vae sae- 
culo, et qui habitant in 
eo, 15. quia appropin- 
qaavit gladius et con- 
tritio eorum; et ex- 
snrget gens contra gen- 
tem ad pngnara et 
romphaea in manibus 
eorum. 



Hatton. 



Hofmann, 349. Ari- 
sad peod wid peode 
arid rice [so Hs. richtig] 
tvidrice. (Genauer nach 
Luc. 21, 10 f.) Pon[n]e 
bid pcer peoda je- 
Pring and mcenigfeald 
reohnes geond mcBnig 
stowa. Pas eordlican 
tacnu tce mi ^eivordene 
oft sceawiad. Pon[n]e 
^eweordap pas tacnu 
syfon dapim cer pam 
dorne. Vgl. Gregor, 
Hom. in Ev. I, 1 (Migne, 
76, 1078B). 



Blickl. 



Py cerestan dce^e on 
midne dce^ ^elimpep 
mycel gnormm^ ealra 
gesceafta (vgl. 4. Esr. 
15, 12. 13). 



183 



On ßam cerestan do- 
nies dceges tacne bid 
tnycel [Hs., H. inicel] 
stefen gehyred of ßam 
heofones tungle. and 
blodig Kolcn astigap 
norpan. and mycele 
[H. micele] ßunorrade 
a7id ly^yhi blicetap. 
and poet tcolcn [H. icol- 
cen] bcernedealnelieofen. 
ar.d hit ponne on^in- 
nap Hnan blodigan 
regne. 



ond men gehyrap 
mycele stefne on heofe- 
num stcylce Peer man 
fyrde trymme ond sam- 
nige; ponne astigep 
,blodig tcolcen mycel 
from norpdoele ond 
oferpecp ealne pysne 
heofon; ond cefter paem 
tcolcne cymcp legetu ond 
punor ealne pone dag; 
[ond] rinep blodig regn 
cet oefen. 



I.Tag. 

Eine ungefähre Ent- 
sprechung bilden die 
Ereignisse nach dem 
Blasen der 1. Posaune. 
Apok. 8, 5. Et accepit 
angelus thuribulum et 
implevit illud de igne 
altaris et misit in ter- 
ram, et facta sunt toni- 
trua et voces et fulgura 
et terraemotus magnus. 
7. Et primus angelus 
tuba cecinit; et facta 
est grando et ignis 
mista in sangaine et 
missum est in terram: 
et tertia pars terrae 
combusta est, et tertia 
pars arborum concre- 
mata est, et omne foe- 
num viride combu- 
stum est. Vgl Debate, 
Wright, S. 347: 
Body, wyld thou nou lytlie ... 
The furste day slial springe ose hlod a red deu, 
That al this world shdl sprede, bynymen gonien ant gleu; 
The grene tren shule Med that Crist himself seu, 
Wel his him thenne that Imth he god ant treu! 
The other day shal für brenne al that hire fore stond, 
Ne may hit no water quenche ne nout that hire fore tvond; 
The World shal dl o füre ben ant these brode londes; 
Thenne shal oure loverd sayen, 'Such arene myne sondes'. 
4. Esra 15, 29. Et Onpamcefterandcege Onpcemcefterandcege 
exient nationes draco- stefen bip gehyred of bip gehyred mycel stefn 
heofonum and eorde bid 
onhrered and heofon- 
cund leoht oferhcefd 
ealne middaneard op 
pes dceges oefen. Hier 
liegt eine absolut sichere 
Entlehnung des Ver- 
gleiches der Machthaber 
der letzten Tage" mit 
Gestirnen und Gottes 



num Arabum in curribus 
multis, et sicut flatus 
eorum numerus feretur 
super terram, ut jam 
timeant et trepident 
omnes, qui illos andient 
30. carmonii insanientes 
in ira et exient ut apri 
de Silva ... 33. et a 
territorio Assyriorum 



on heofenum fyrdweo- 
rodes getrymnesse, ond 
eorpe bip onhrered of 
hire stotce, ond heofon 
bip open on sumum 
ende on pcem eastdcele; 
ond mycel moegen for- 
cymep purh pone ope- 
nan dal ond pone heo- 
fon oforpecp ond ofor- 



184 



subsessor obsidebit eos 
et consnmet uuum ex 
Ulis et erit timor et 
tremor in exercitu illo- 
rum et contentio in 
reges ipsorum. 34.Ecce 
nübes ab Oriente et a 
septentrione usque ad 
meridianum et facies 
earum horrida valde 
plana irae et procel- 
lae; 35. et collident se 
invicem, et collident 
sidus copiosum super 
terram et sidus illorum ; 
et erit sanguis a gladio 
usque ad ventrein . . . 
37. ... et post haec 
movebnntnr nimbi co- 
piosi 38. a meridiano 
et septentrione et por- 
tio alia ab occidente, 
39. et superinvalcscent 
venti ab Oriente et 
recludent eam et nubem, 
quam suscitavit in ira; 
et sidus ad faciendam 
exterritationem ad ori- 
entalem ventum et oc- 
cidentem violabitur, 40. 
et exaltabuntur nubes 
magnae et valldae ple- 
uae irae et sidus, ut 
exterreant omnemter- 
ram et inhabitantes 
eam et infundent super 
omnem locum altum et 
eminentem sidus terri- 
bile, 41. ignem et gran- 
dinem . . . 

Zu Debate 3 (Flut), 
4 (Sturm), 5 (die Tiere 
heben die Köpfe zum 
Himmel) vgl. die 15 
Vorzeichen , die , wie 
auch in der Zeile vor 
dem ersten Tag: stones 



mit dem höchsten Ge- 
stirne aus 4.Esra vor. 



Onpampriddan d(Bge 
cet pere cefteran tide 
pces dceges on heofonum 
cetywed fyren tacen and 
of eordan deopnesse 
asti^ed mycel sweßen 
ly^e. and oet pam 



xcrylip cet cefen; ond 
blodig regn ond fyren 
fundiap pas eorpan to 
forsivyl^enne ond to 
forbcErnenne ; ond seo 
heofon bip ^efeallen cet 
pcem feowerendum mid- 
dangeardes; ond eall 
eorpe bid mid peostrum 
oforpeaht cet pa end- 
lyftan tid pces dceges; 
ond ponne cwep eall 
folc: „Arige us nu ond 
miltsi^e se drihten, pe 
on engla endebyrdnesse 
tvces ^ehered; pa he on 
Betleem ivces acenned, 
pa cleopodan hie ond 
pus cwcedon: ,^iddor 
sy ^ode on heanessum 
ond mannumon eorpan, 
pam pe godes tvillan 
syn." 

Hier sind wohl jüngere 
Erweiterungen vorhan- 
den. Vgl. die Belege 
zuCr. 875flf., 900 ff. und 
den I.Tag. Besonderes 
ist nicht darin. Zum 
Anfang vgl. Jes. 13, 13. 
'movebitur terra de loco 
suo', und Apok. 6, 14 
(s. 3 Tag). 



Py priddan dcege seo 
eorpe ond on pcem norp- 
ende on don pam east- 
ende sprecap him be- 
tweorum (vgl. 4. Esr. 5, 
11. Et interrogabit regio 
proximam suam et dicet: 



185 



breJce on ihre, hier ein- 
gewirkt haben müssen. 

Apok. 6, 1 4. et coelnm 
recessit sicut liber in- 
volutus, et omnis mons 
et insulae de locis suis 
motae sunt. 

Apok. 9, 1 . Et quin- 
tus augelus tuba cecinit : 
et vidi stellam de caelo 
cecidisse in terram; et 
data est ei clavis 
putci abyssi. 2. Et 
aperuit puteum a- 
byssi et ascendit 
f n m u s p u t e i sicut f u- 
mus foruacis magnae, 
et obscaratus est sol 
et aer de fnmo putei; 
3. et de fumo putei 
exierunt locnstae in 
terram ; et data est illis 
potestas, sicut habent 
potestatem scorpiones 
terrae. 

Apok. 9, 19. Potestas 
enim equorum in ore 
eorum est et in caudis 
eorum , nam caudae 
eorum similes serpen- 
tibus habentes capita, 
et in his nocent. 20. Et 
caeteri homines, qui 
non sunt occisi in his 
plagis neque poeniten- 
tiam egeruüt de operi- 
bus manuum suarum, 
ut non adorarent dae- 
monia et simulacra au- 
rea et argentea et aerea 
et lapidea et lignea, 
quae neque videre pos- 
sunt neque audire neque 
ambulare. Vgl. Ps.-Jo- 
hannesapok. , Tischen- 
dorf, S. 71ff., Kap. 19, 
wo eine Nachbildung 



feoiver healfum ßisses 
middnneardes sc lieofon 
toberstcp. and mycel 
sweg cymp. and ^e- 
sweorc. and of helle 
astigep mycel dymnesse 
and fnlnesse stenc and 
oferhoefd pas eordan 
ane tide dcB^es. ponne 
ongitad syn fülle men 
hyre forwyrd and for- 
tvyrhtu. Vgl. zu letzte- 
rem den Schlufs des 
5. und 6. Tages. 



On pam feorpan doege 
fram norddcele pisses 
middaneardes mycel 
hream a[sjti^d helle- 
gasta. Ponne fealled 
call hepenra manna deo- 
folgyld on pam dce^e. 
On pam fiftan dce^e 
cet pcere fiftan tide 
dce^es mycel samminga 
cumap. and punorradc 
swypemycele. andsteor- 
ran feallad of heofo- 
num and peostre bid 
swipe mycel. and pcet 
lyftbip onhrered. ponne 
calle peoda widsacap 
pisse worulde and hi 
onjitap ponne drihtnes 
mihte. Vgl. den fol- 
genden Tag. 



„Numquid per te per- 
transiit justitia jnstum 
faciens?" Et hoc ne- 
gabit. Dieses inter- 
essante Motiv scheint 
somit original. Vgl. 
Leo, Canticum, Migne, 
Graec. 107, 309, Z. 7 
bis 12); ond pa neol- 
nessa grymetiap ond 
pa eorpan tvillap for- 
sivelgan. Ponne bip eall 
eorpan mcegen omven- 
ded, ond mycel eorp- 
hrernes bip on pcem 
dcege geworden. 

Py feorpan dcege ofor 
undern beop myccle 
puneras on heofnum; 
ond ponne gefeallap 
ealle deofolgyld; ond 
ponne hit bip cet sun- 
nan setigange , ond 
peahhwepre ncenig leoht 
ne ceteotvep; ond mona 
bip adtvcesced; ond beop 
peostra forp gewordene 
ofer ealle world ond 
steorran yrnap wiper- 
synes ealne pone dceg; 
ond men hie magan 
geseon swa sutole swa 
on niht, ponne hit swipe 
freosep ; ond ponne on 
pcem dcege hatignp pisse 
worlde tvelan ond pa 
ping, pe hie nu lufiap. 
Vgl. den folgenden Tag. 



186 



der 7 Siegel vorkommt. 
xal orav dvol^^ t^v 
TtEßTtXTjv OipQayyLSa, 
axiod-j^aezai rj yfj xal 

d7toxaXv(p9^rjo£Tai 
nävia r« x^ixi'jQia inl 
■jiQoaomov näariq xrjq 
yfjq und 7. Siegel: 
. . . ccTtoaxeTtaa&Tjoezai 

c a f 

rwTjq. 

Ps.-Joh.§lT(S5,Z.2). 
xal röte oxio&tjoorrai 
oi ovQavol dno dva- 
xoXwv jjXlov (lexQL 6v- 
o/jt(3v, xal xaxeXQ-woiv 
inl xrjv yrjv Ttk^&r] 
dyysXvjv dva^iQ-f^ojicov, 
xal . . . (alle werden 
vor Gottes Thron be- 
rufen). Apok.6,12— 16. 
Et vidi, cum aperuisset 
sigillnm sextum : et ecee 
terraemotns magnus 
factns est, et sol factus 
est uiger tamquam Sac- 
cus ciiicinus, et luna 
tota facta est sicut 
sanguis, 13. et stellae 
de caelo ceciderunt 
super terram sicut ficus 
emittit grossos suos, 
cum a vento magno 
movetur, 14. et caelum 
recessit sicut über in- 
volutus, et omnis mons 
et insulae de locis suis 
motae sunt, 15. et reges 
terrae et principes et 
tribuni et divites et 
fortes et omnis servus 
et liber absconderunt 
se in speluncis et petris 
16. et dicunt montibus 
et petris: Cadite super 
nos et abscondite nos 
a facie scdentis super 
thronum et ab ira agni. 



On pam sixtan dcBge 
cet pere sixtan tide 
dce^es pes heofon to- 
hlyt fram eastdoele op 
pcene ivestdcel, call engla 
iverod cynip ofer eordan 
and sccadap pa sod- 
festan men fram pam 
arleasan. ponnepa ar- 
leasan men fieod pcet 
heofoncunde werod hi 
sylfe to behydenne on 
diinnm and on beorgum 
and civedap: „Untyn 
pu pe la, eorpe, and 
forswelh tis. py les pe 
we fundene beon." 



Py fiftan daige cet 
■undenie se heofon to- 
byrst from pcem east- 
dcele op pone westdcel; 
ond pomie call engla 
cyym lociap purh pa 
ontynnesse on manna 
cynn. ßonne geseop 
ealle menn, pcet hit wile 
beo7i cet pisse worlde 
ende. Fleop ponne to 
muntum ond hie hydad 
for para enjla onsyne, 
ond ponne cwepap to 
pcere eorpan ond bid- 
dap pcet heo hie for- 
sioel^e ond gehyde, ond 
wyscap, pcet hie ncefre 
wceron acennede from 
fceder ne from nieder; 
swa hit geara be pon 
on Cristes bocum gewit- 
god tccBs , on piis cwe- 
pap: „Eadige syndon 
pa men , Pa pe wceron 
unberende, ond eadige 
syndon pa innopas, pa 
pe ncefre ne cendon, ond 
pa breost, pa pe ncefre 
meolcgenden(xron" (vgl. 
Matth. 24, 19; Marc. 13, 
17; Luc. 21, 23; l.Tess. 
5, 3); ond ponne hie 
cwepap to pcem dunum 
ond to pcem hylliim: 
„Feallap ofor us ond 
tts beivreop ondgehydap, 



187 



Die Blicklinghomilie 
ist hier wohl erweitert, 
dcDii Hatton entspricht 
ziemlich genau der 
Apok. 

Zum 6. Tage der 
Blicklinghom.vgl. auch 
den Schlafs des Cod.E 
vonPs.-Joh., Tischen- 
dorf, S. 94. Ragnel treibt 
die Verdammten zu- 
sammen , spaltet die 
Erde, welche sie auf- 
nimmt: tÖt6 dnooteXel 

o &£oq TOV CCQXlOTQa- 
rrjyov Mt^ariX, xal 
ocpQayylaaq zov totcov 
zvnrsi avrovg 6 rc/ns- 
Aov/ fxsrd TOV rlßiov 
atavQov , xal ovvax- 
&rjOeTai rj yt} xaxa 
xb TtoörsQov. Michael 
übernimmt vielfach das 
Totenamt des Hermes- 
Mercurius und findet 
demgemäfs in zahl- 
reichen Darstellungen 
ähnliche Verwendung. 
Vgl. Leo, Canticum, 
Migne, Gr. 107, 309 ff. 
V. 122flf. (unten S. 192). 



Die Tätigkeit des 
Michael als Psycho- 
pompen ist in Ilatton 
gegen Ende des Gan- 
zen erwähnt. 



On pam seofopan 
dce^e cet pere seofopan 



pcet tve ne purfon 
pysne ege leng proician 
cet pyssxmi en^lum. Nu 
is eal gesyne, pcet lue 
cer behyded hcefdon. 

Nun kommt die an 
früherem Orte fehlende 
Entsprechung über den 
Besuch hüllischer Gei- 
ster offenbar mit jün- 
geren Zusätzen. Vgl. 
Apok. 20. Py sixtan 
dcege cer underne ponne 
bip from feower endum 
pcere eorpan call mid- 
dav^eard mid aiverg- 
dum gastiim gefylled, 
pa fundiap, pcet hie 
ivillon genimon myccle 
herehyP manna saida 
stca Anticrist cer be- 
foran dyde; ond ponne 
he cymep, po7ine beotep 
he, ptvt he teile pa 
satda sendan on ece 
ivitii, pa pe hiyn heran 
nellap; ond ponne cet 
nehstan bip he sylfa 
071 ecne wean bedrifen. 
Siva ponne py dcege 
cymep sanctus Michahel 
mid heofonlicum preate 
haligra gasta ond ponne 
ofsleap ealle pa awerg- 
dan ond on hellegrund 
bedrifad for heora un- 
hyrsumnesse godes be- 
boda ond for heora 
mandcedum. Ponne je- 
seop ealle gesceafta ures 
drihtnes mihte, peahpe 
hie nu mennisce men 
oncnawan nellan ne 
ongytan. 

Ponne cefter peossum 
pingmn bip neh pcem 



188 



Vgl. Matth. 24, 30. 31 
und daher zahlreich. 

Vgl.z.6.TageApok.6, 
12—10. (Blickl. 4.Tag.) 



Ps. 49, 3. Dens mani- 
feste veuiet: Deus nos- 
ter et non silebit, 4. 
ignis in conspectn ejus 
exardescet et in cir- 
cuitn ejus tempcstas 
valida. (Eines der alier- 
häufigsten Zitate!) 

Während das Bis- 
herige im ganzen den 
Eindruck erweckt, als 
sei es bunt zusammen- 
getragen — ein wenig 
logisch geordnetes 
Stückwerk — , so setzt 
hier mit dem 7. Tage 
eine starke und steti- 
gere Benutzung von 
Ephraem ein. 

De cruce, Vossias, 
S. 179, 2 A (==538, 2D; 
ähnlich 181, 1 C). Solo 
enim jussu magni regis, 
qui habet potestatem 
omnis carnis, e vestigio 
terra cum tremore ac 
studio suos reddet de- 
functos, infernus suos, 
et mare mortnos suos, 
quidquid item huma- 
norum corporum bestiae 
dilaniarunt, vel pisces 
devorarunt , vel aves 



tide äce^es bid dümes 
tacen, and cet pam 
feoiver healfuni pisse[s] 
niiddaneardes feower 
hynian [blaicap]. ponne 
befealdap pes heofon 
to^cedere sivylce man 
ane boc betine and seo 
simne bid onivended on 
peostru and se mona 
on blöd, and steorran 
of heofonum feallap, 
and eall heofoncund 
mce^en ponne onhrered 
bid. Dryhten cymd 
ponne on micclum mce- 
genprimme and fyr on 
his ansyne scynep and 
blycep and on his ymbe- 
hwyrfte bidsrvipemycel 
hrereness. Ponne arisad 
ealle pa men pape mid 
gebregdnessum on deape 
sivulton . frani pam 
feower healfum pisses 
middangeardes. Pcet 
syndon pa pe on pis- 
sum life on fyre for- 
bcernde ivceron oppe on 
ivcetere adrencte iveron 
oppe on rode ahan^ene 
loeron oppe on morpe 
ofslagene rceron . oppe 
wilde deor frceton oppe 
fu^elas tobceron . ealle 
pa ponne cet pera by- 
mene stefne arisap and 
purh fyres leoman to 
godes dorne gap. Vgl. 
Jul. V. Toledo, Progn. 
III, K. XV, Bibl. max. 
patr. Lugdun. XII, 
S. 606. 



seofopan d(Bge; 07id 
ponne hatep sanctus 
Michahel se heaheirgl 
blaivan pa feower be- 
man cet pissum feower 
endum middan^eardes 
ond aicecceap ealle pa 
lichoman of deape, 
peahpe hie cer eorpe 
beiori^en hcefde oppe 
on wcetere adruncan 
oppe wilddeor abiton 
oppe fuglas tobceron 
oppe fixas toslitan oppe 
on cenige loisan ofpisne 
worlde geiviton; ealle 
hie sceolan ponne 
arisan ond forp gan 
to pam dorne. Das hier 
Fehlende ist vor den 
1. Tag vorgenommen, 
On pcem dcege geivitip 
heofon ond eorpe ond 
scB ond ealle pa ping, 
pe on pcem sindon, swa 
eac for pcere ilcan 
wyrde gewitep sunne 
ond mona, ond eal 
tungla leoht aspringep; 
ond seo rod mrs driht- 
nes bid arcered on pcet 
gewrixle para tungla, 
seo nu on middangearde 
aivcrgde gastas flemep. 
Ond on pcem dcege heo- 
fon bip befealden stva- 
swa boc ond on pcem 
dcege eorpe bip for- 
bcerned to axan, o. o. 
p. d. sce adrugap, o. o. 
p. d. eall heofona mce- 
gen bip omvended ond 
onhrered. 



189 

discerpserunt, in prio- 
rem statum remeabit ; 
cunctique in ictu oculi 
resurgent et corarn 
tribunali adstabnnt . . . 
Vgl. Beowulf 1763flf., 
oben S. 153. 

Zum 7. Tage vgl. Debate (S. 348): 

The scste day ayen the dorn shule foitre aungles stonde, 
Blowe tJiat this world slial quaque, tvith heme in here Jionde; 
l^if hit ys any soule ihat flet bi water other by londe, 
Up hit shal aryse anon ant to the dorn gonge. 

The seveihe day shule up ryse, ase the boJc us tolde, 
In stat of thrytty wynter bothe junge ant olde: 
ThilJce that god han ydon, he moive be ful bolde, 
When Jhesu Crist wol come his harde domes holde. 

Besonders merkwürdig ist hierin die Angabe, daXs alle 30 Jahre 
alten Mensehen zum Gericht kommen sollen. Wir finden sie 
wieder in Ps.-Joh. § 10: näöa (fvöiq dvdQcojiivr] tqlüxov- 
rasTtjg dvaözriösTai. Neben den in Hatten und Bliekl. vor- 
kommenden Gedanken, die auf Ps.-Joh. deuten, zeigt diese 
Idee ziemlich bestimmt dessen (indirekte) Benutzung an, damit 
aber auch für die kärglichen und entstellten Vorzeichen des 
me. Gedichtes den Zusammenhang mit unseren beiden Pre- 
digten. 

Hätten w^ir keine anderen Kriterien als die von den 
Quellen gebotenen, so würde sich bei der künstlerischen Tief- 
stufe der beiden Vorzeichenaufzählungen, worin Hatten und 
Bliekl. noch am meisten übereinstimmen, nur schwer eine feste 
Entscheidung für die Priorität einer fällen lassen. Von Inter- 
esse sind diese siebentägigen Vorzeichen hauptsächlich für die 
Bildung der Vorzeichenlegenden. Vgl. Anhang I. 



Hatton. 

Um anderen die Vergleichung der Predigt mit der 7. Blick- 
linghom. zu ermöglichen, lasse ich hier den von Hofmann a. a. 0. 
weggelassenen Eingang, soweit er stofflich von Belang ist, 
folgen. S. 382—84, Z. 9 enthalten Betrachtungen über Pro- 



190 

Zessionen und den Himmelfaljrtstag, der nun morgen sei.i) 
S. 384, Z. 10. Men ])a leofestan, ^ehyraä lifes hehodu and 
Jta ecan lare lustlice, onfoä and on^ytaä ])one cwide pes 
so])an dceman, ])e we hedydrian ne majori, forpon drillten 
])us cweä: „Se ])e oferho^ed^ pone lareow, ondrede he 
Mm pone heofonlican deman, Poet is drihten ^od." {His 
leorneras iveron lareowas ^enemnede, forpon M us fja 
Jial^an lare of godes hocum secgad^ and pes Jieofoncundan 
[Lieblingswort !] cyninges tocyme hodiaä, forpon pe he cymep 
to demanne eallum middangearde.) ForPon pone sopan deman, 
urne drihten, ive us ondredon sceolan and for his dorne we 
sceolan forhtian, and pone micclan and pone langan domes 
dces ivarnian tve us, cerPon Pe he cume and tilian we georne, 
pcet we ponne gemette synd on godum weorcum [and] doedum-, 
forpon pe pcet is se myccla drihtnes domes dceg and ealles 
mancynnes, Pcet is yrmpe dceg and jnornunge dceg and unrot- 
nesse dceg and cwanunge dceg and nearonesse dceg and hytter- 
nesse dceg and earfod^nesse da^s and gesomnunga dces heofon- 
wara and eoräwara and hehvara and Pcet is gewrixles dceg 
lichaman and sawla"^), and ne hid ncenig mcegp pces mycclan 
mancynnes segaderod on Pam dcege, Poet hine per gescyldan 
mcege. Ne pa snyttero, ne pa gleawnes, ne ncenig man nah 
swa mycel riee on pissuni middanearde, pcet he hine pcer he- 
ladian mage heforan Pare andweardnesse pera halgan Prinnesse. 
Beet is cySnesse (Glosse: testimonium) dceg ealles mancynnes 
purh gesceafte fyres and wceteres and windes and punorrade 
swipe sträng, Pcet is bemena dceg and hire leoäringa. Pysne 
dces we us on mycelre rernesse toiveardne ongytan magon he 
mosnifealdum pingum, pe us oft and gelome he cypad. Be pam 
dcege drihten sylf cweä: Ärisap etc. (S. Hofmann, S. 349.) 

Auf diesen Blättern stehen zahlreiche lat. und einige ags. 
GH. von späterer Hand, u. a. neben den Zeichen des ersten 
Tages: de signis ante diem judicii. 

Eine befriedigende Quelle vermag ich für den Eingang nicht 

^) Die Schrift weist nach meinen Vergleichungen eher auf das 12. 
als das Ende des 11. Jahrh. 

2) Nach Sophon. I, 14. Vgl. Ephraem, Vossins, 595, lA, B; 193, 
ID; Gregor, Hom. in Ev. I, 1, 76, 1081 usw. Wulfstau ed. Napier, S. 185fr. 
seheint vou unserer Predigt beeiuflufst zu sein. 



191 

nachzuweisen. Höchstens Heise sich 4,Esra 15, 1. 5 heranziehen: 
'Ecce loquere in aures plebis meae sermones prophetiae, quos 
inmisero in os tuum, dicit dominus. 5. Ecce ego indueo, dicit 
dominus, super orbem terrarum mala, gladium et famem et 
mortem et interitum etc.' (15, 15. 'Exsurget gens contra 
gentem . . . ', dann die benutzten Vorzeichen.) Zu dem auf 
die Vorzeichen Folgenden vergleiche man : Ephraem, De judicio 
extremo et de compunctione: „Venite universi fratres, con- 
silium . . ." (lat. Trakt.), Vossius, 182, 2 fF., 182, 2E. 'Ubi etiam 
adsistent milia milium et decies dena milia arehangelorum et 
angelorum, Cherubim et Seraphim, justorum et sanctorum pro- 
phetarum atque apostolorum chori.' 

[De cruce. 179, IB. 'Et apparebit Signum filii hominis in 
caelo cum multitudine exercitus angelorum universam terram 
illuminans.'] 

183, lA. 'Quid vero in die judicii ei dicemus, si . . . adeo 
negligentes . . . fuerimus, fratres?' 183, IB. 'Et dicet ad nos 
ipse : Propter vos etc.', vgl. oben Red. d. Seel. 

182, 2 B. Nihil nobis in illa proderit hora praeter Hofm., S. 351 
bona, quae hinc nobiscum, detulerimus opera. Fu- 
turum enim est, . . . Mihi sane cor tremnit et renes 
immutantur, dum cogito de actuum omnium mani- 
festatione cogitationumque ac sermonum exacta dis- 
cussione, quae ibi fiet. (Die Bücher des Lebens fehlen 
hier. Vgl. 478, 2A [ebenfalls einer der lat. Trakt, 
die meist in gleicher Hs. überliefert wurden], 539, 2C.) 

121, ID (vgl. Cr. 16ö5if.). Aurum et argentum non Z.T.Vgl.Blick- 
liberabit nos ab igne illo formidabili. Vestes et Hngh., Schlufs. 
delitiae in nostram condemnationem reperientur ibi. 
Frater ibi proprium non liberabit fratrem neque pater Vgl. Musp. 57, 
vicissim suum filium: sed stabit unusquisque in ordine 
suo, in vita et in igne. Vgl. 594, 2E. 

182, 2Dff.; 184, 2C. Z. 12flf. ist inhaltlich ziemlich treu 

aus Ephr. übernommen (mit kleinen 
Umstellungen und Erweiterungen). 

Ps.-Joh. § 12, S. 79, Z. 3ff. Kai Z. 8— 4 von unten scheint wieder 
näXiv sinov xvQie, soziv iv r(ö auf Ps.- Johannes zu weisen. 
xoOficp txeb'cp yvcoQLöai dkXrjXovg, dÖEXcpdq dÖBXcpöv, ri (plXoq 
röv g)iXov, ij JtaxriQ xa Idia rexva, i] ta ZExva rovg lölovq 
yovtlq; xai rjxovöa (pcorrjc XsyovOrjg fioi' axovGov ^Icoävvr}' 
TOlg fiEV öixaioig yvcoQLö^iog yivEtai, tolg öe di/aQvcoXolg otöa- 
ficög, ovTS hv t^ dvaözdöEL övvavtai yvwQiöai dXXi^Xovg. 



192 

Zu 351, Z. 4—1 V. unten, 353, 1 — 12 vgl. Cr. 1530 ff.; 
Ephr. 182, 2 E. 

S. 353, Z. 12—354, Z. 7 beruht auf Apokal., Kap. 21 f. Diese 
scheint doch wohl von dem Verf. der Predigt direkt benutzt 
zu sein, die Zahl und Genauigkeit der Übereinstimmungen ist 
im ganzen sehr beträchtlich. Was den Bearbeitern zukommt, 
ist mit dem vorliegenden Material nicht zu ermitteln. 

'^Pay^oerai xa f^vri/xelcc 353, Z. 7 — 19. Vgl. Apok. 19; 

NexdSojv xazsGTiy/.dva)v Blick!., 6. Tag; Leo, Canticum, 122 ff. 

Tf/ Tov XQLXOv vTtavzrjoei 
MixccTjX ö7i;e();(0VT0g dfza 
Ilttvxaq Qinfi naQaaxfjGaL 
TexxaQiov £x xwv äve^xcov. 

Zum Schlüsse vgl. wieder De judicio extremo et de com- 
punctione, S. 183, IDE und passim, besonders 184, 1. 

Eine gründliche Kevision des gesamten Textes möge dem 
zukünftigen Herausgeber vorbehalten bleiben. Die geringe 
Sorgfalt der Hofmannschen Abschrift ist aus den wenigen 
Zeilen der S. 386 des Codex genügend festgestellt. Bei Ge- 
legenheit der Cr. -Sat.- Zitate wird man einige mir notwendig 
scheinende Verbesserungen finden. 

Wenn die Predigt im ganzen auch mehr als eine blolse 
Übertragung zu sein scheint, so bringt doch das vielver- 
sehlungene Einzelwerk keinen Gesamteindruck von Bedeutung 
hervor, welcher sicherlich die vornehmliche Quelle, Ephraem, 
kennzeichnet. Noch rhetorischer und deutlich sekundär wegen 
der vielen Umstellungen und Kürzungen gegenüber den hier 
nachgewiesenen Quellen ist die Predigt Wulfstan, S. 182 ff., 
welche in zahlreichen Sätzen hier offenbar Anleihen gemacht hat. 



Blicklinghomilie Nr. 7. 

Die Quellenverhältnisse etwa der ersten Hälfte dieser 
Predigt sind jetzt durch Max Förster, Herr. Arch. 166, 301 ff. 
fast vollständig klar gelegt, der damit einem Nachweis von 
mir Vorgriff. 

Zu den einleitenden Zeilen vgl. Dom, Schluls; Ephraems 
lat. Traktat „Venite, universi fratres, consilium", Vossius, 184, 
2B. quando — tormenta. Die Quelle des 1. Teiles, der Höllen- 



1Ö3 

fahrt, reicht bis anwalde aUsde. Die folgenden Zeilen (Morris, 
S. 91, 11) sind sicher letzthin aus demselben (lat.) Sermo des 
Ephraem abzuleiten, den wir als vornehmliche Quelle von 
Hatton bezeichnen müssen. Vgl. Vossius, 182, 2 und 183, 1. 
"Wir haben ein kurzes rösume des in Hatton noch ziemlich 
ausführlichen Passus vor uns. Dann folgen die aus dem 7. Tag 
vorgenommenen Vorzeichen (s. dort), darauf diese selbst, wie 
oben behandelt. 

Als ganz knappe Zusammenfassung erweist sich auch der 
auf die 7 Vorzeichen folgende Schluls. Vgl. Hatton, Hofmann, 
S. 351, 7ff. und deren Quelle; Vossius, 595, lA — C. Jedoch 
liegen hier dem Anscheine nach, hauptsächlich in den er- 
mahnenden Sätzen, jüngere Weiterbildungen vor. Vgl. Vossius, 
595, 1 und Ps.-Chrysost. (Cr. 3), auch 4. Esra 7, 45: tunc enim 
nemo potest salvare eum, qui periit, neque demergere, qui vicit 
und 16, 72 (69): Erunt [sc. turba copiosa, Feuergeister] quasi 
insani, nemini parcentes ad diripiendum et devastandum adhuc 
timentes dominum (16, 69. Ecce enim incenditur ardor super 
vos turbae copiosae et rapient quosdam ex vobis et cibabunt 
idolis occisos). Dazu vgl. 2. Tag: 4. Esra 15, 30. ut apri de 
Silva. 

Vergleicht man das Verfahren in den beiden Hälften der 
Predigt, so zeigt sich Übereinstimmung. Beide kürzen. Der 
Grund dafür ist wohl, dafs zwei vollständige Homilien nur 
eine neue bilden mulsten. Doch kann, wie auch die weniger 
starke Zusammenziehung der ersten Hälfte beweist (vgl. Förster), 
die Kürzung im zweiten Teile ursprünglich nicht so stark ge- 
wesen sein wie in der vorliegenden Fassung. Das zeigt das 
eigentümliche Verhältnis dieser Blicklinghomilie zu dem zweiten 
Teile des alliterierenden Gedichtes, welches Grein Crist and 
Satan nannte. 

Für die Blicklinghom. lälst sich jedenfalls auch das sagen, 
was M. Förster gegen ten Brink für die übrigen festgestellt 
hat: Sie beruht in allen Teilen auf ausführlich abgeschriebener 
Vorlage, hat also keinen höheren literarhistorischen Wert. Ver- 
mutlich ist, wie Hatton zeigt, die Vorlage des zweiten Teiles 
eine ags. gewesen, denn die wörtlichen Übereinstimmungen 
der älteren Fassung in Hatton mit ihr sind kaum aus einer 
lat. Vorlage zu erklären. 

Studien z. engl. Phil. XXXI. 13 



lU 



Crist und Satan, 2. Teil (366—664). 

(Grein -Wülker, Bibl. 2, 542 — 57.) 

Die früheren Quellenuntersuchungen von F. Groschopp, Das 
ags. Ged. Crist und Satan, Leipz. Diss., Halle 1883, S. 17 f. 
(nimmt freie Niederschrift aus dem Gedächtnisse und Be- 
nutzung der Bibel an) und Albin Kühn, Über die ags. Gedd. 
von Crist und Satan, Jenens. Diss., Halle 1883, S. 14 f. (nimmt 
für 379 — 469 den Descensus ad inferos (Ev. Nicodemi), für 
470 — 664 nur das neue Testament als Quelle an) sind nach 
dem Hinweise von Max Förster bei Gelegenheit der oben 
zitierten Quellenbelege zum ersten Teile der 7. Blickling- 
hom. endgültig erledigt. Herr. Areh, 106, 306: „Es sei hier 
noch darauf hingewiesen, dafs der unserer Homilie zu Grunde 
liegende Descensus Christi ad inf. auch die Quelle ist für die 
Höllenfahrtstelle in 'Christ and Satan' 437 ff., in „Christi 
Höllenfahrt" 84 ff. und im merc. Martyrologium (ed. Herzfeld, 
S. 50), wie sogar wörtliche Anklänge lehren in dem Teile, wo 
der lat. Text nicht mehr erhalten ist." [Quelle, nächste Version: 
Book of Gerne, Hs. 1. Hälfte des 9. Jhrh., University Libr. Cam- 
bridge. LI. 1. 10; letzte Lage verloren.] 

Försters Nachweis bekommt nun durch Heranziehung der 
Predigt in Hatton 116 einen besonderen Wert. Denn setzt 
man in die 7. Blicklinghom. statt der erhaltenen Fassung des 
zweiten Teiles die der älteren Hattonpredigt ein, so erhalten 
wir einen Text, von dem ich nicht anstehe zu behaupten, dals 
er bezw. seine (lat.) Vorlage Quelle von Crist und Satan 2 ge- 
wesen ist. 

Bei der UnvoUständigkeit des Materials muls ich mir 
einen genaueren Vergleich versagen. Ich weise daher nur 
darauf hin, dafs in der so gewonnenen älteren Fassung der 
7. Blicklinghom. nicht nur, wie schon Förster gesagt hat, die 
Höllenfahrt Christi (sc. 437 ff.) wörtlich gegeben war, sondern 
auch die Auferstehung, die Himmelfahrt, das Sitzen Christi 
zur Rechten Gottes, und endlich zu 599 ff., was uns hier am 
meisten angeht, das jgst. Ger. in durchaus quellenmäfsiger 
Übereinstimmung, z. T. noch wörtlich anklingend, sich darbot. 
Meist kürzt das Gedicht stark, die Vorzeichen werden ganz 
übergangen. Man vergleiche: 



195 



Cod. HattoD 116, S. 384 f. Forßon pone sopan deman, 
iirne drihten, we us ondredon sceolan and for his 
dorne ive sceolan forhtian and pone micclan and pone 
lan^an domes doeg . . . Dcet is cydnesse dce^ ealles 
mancynnes purh gesceafte fyres and wceteres and ivindes 
and punorrade stvipe sträng, pcet is bernena dceg and 
hire leodringa. 



351, Mitte: Donne cicid se eca cyning: „Venite, 
benedidi patris mei, percipite regnuni meum, quod vobis 
paratum est ab origine mundi . . ." 



351, 13 V. unten: Discedite a me, maledicti, in ignem 
aeternum. Fare ge fram me, awyrgde ; and hi ponne 
ahwyrfap fram haligra manna dreame and sivipe 
beofigende hellewitu secap . . . 

354, 15 V. unten: Men pa leofestan, herigen loe nu 
bone celmihtigan drihten and liifien we hine . . . 
353, 2 if. Of f)issum tintregum, men [pa] leofestan, 
tilien we us to gescyldenlnle and us geioarnige\nne'\, pa 
hwile pe we lifes leoht habban moton . . . , pcet ive heo- 
fona rice gearnian nioten mid urum drihtene and eallum 
his halgum. 

353, 10 V. unten bis 354, 3. 

354, 10 V. unten: he is engla symbelnes, and he is 
wuldor piera eadigra apostola, and he is leoht pcera 
haligra martira , and he is neorxnaivanges ece gefea, 
and he is helo ealra untrumra, and he is alysend pcera 
gehceftendra , and he is ealra pinga leoht and ealra 
tida. 354, 6 : Die Seligen singen : „sy helo urum drihtne 
andpanc \pam?] ive [pe?] sitted ofer pissum heahsettle." 
Vgl. 354, 14 V. unten flf. 

354, Off. Dcer is ece bliss and engla sangum 
geswiperod . . . 



599 — 608. Die 
Ausdrucksweise 
und Einzelheiten 
scheinen sich an 
vielen Stellen an 
Cynewulf (Cr., 
Phon.) anzuleh- 
nen, dem weitaus 
die Priorität zu- 
zusprechen ist. 

609 — 16. Vgl. 
Cr.QlOff., 1076ff. 

617ff.,derGrufs 
in kurzer Form 
genau w. Hatton, 
Hofm. 351, Mitte; 
ebenso d. Fluch, 
627 ff., Hofm. 351, 
13 V. unten: Dis- 
cedite . . . 

620 ff Vgl. Cr. 
1362 ff. 

627 ff. Zu 629 ff. 
vgl. Cr. 1530 ff. 



643 ff. 



648ff. Das himm- 
lische Jerusalem. 

652 ff. Vgl. 
Phon. 015 ff. 



660 ff. 
13* 



1Ö6 

In dieser Quellenableitung des Cr. u. Sat. 2 "haben wir einen 
entscheidenden Beweis für die Altertümlichkeit der Hatton- 
fassung; eine Vorlage der Blicklinghom. mufs ursprünglich 
auch einmal diese Form in ihrem 2. Teile gehabt haben. 

Solange die Quelle nicht genauer vorliegt, lassen sich die 
Abhängigkeitsfragen nicht exakt beantworten. So viel ist jedoch 
wahrscheinlich, dafs der stark aus Cynewulf gegen die Eigen- 
quellen entlehnende Charakter des Details, der offenbar frei 
die Quelle umschreibt, auf spätere Zeit weist. 

Ich muls gestehen, dafs ich eine literarische Behandlung 
der Person des Satans, der doch in dem Gedicht eine grofse 
Rolle spielt, in der Frühzeit, etwa der Cynewulfs, für gänzlich 
unmöglich halte. Diese Periode beschäftigt sich nur mit der 
einfachen, grofsen Lichtgestalt des Himmelskönigs Christus. 
Die komplizierteren Probleme des Crist und Satan hätten in 
der Zeit des eben überwundenen Heidentums m. E. keinen 
Anklang gefunden. 

Die Komposition dürfen wir uns im ganzen wohl ähnlich 
der lockeren des Cr.-Gü. denken. Vielleicht haben wir gar 
eine Nachahmung dieses Werkes vor uns; dem Gedankengange 
nach seheinen mir Cr. -Sat. und Cr.-Gü. auffallend parallel. 



Paraphrasis poetica in orationem dominicam. 

(Lumby, E. E. T. S., Or. Ser. C5,40ff.; Grein-Wülker, Bibl. 2, 230flf.) 

Das Stück, welches mehrfache wörtliche Berührungen mit 
Cynewulfs Werken zeigt, enthält eine Anzahl von Stellen, welche 
an die eben behandelten Predigten anzuklingen scheinen, be- 
sonders 84 — 100. Eine Quelle ist mir nicht bekannt. 

For^if üs üre synna, ^cet Us ne scami^e eft [vgl. Cr. 1301 ff.], 

drihien üre, Jionne ])U on dorne sitst 

and ealle men Up arlsaä, 

2)e fram wlfe and fram were wurdon äccenned. 

Beoä ^ä ^ehrosnodon eft bän mid ]>äm flcesce [7. Tag] 

ealle ansunde eft geworden. 

Pär we swutollice sidäan oncnUwaä [Cr. 1312 ff.j 

eal, ^(Bt we seworMon on worldrlce, 

hetere and wyrse, äcer heoä bütu geara 



197 

ne nm^on we hit nä dyrnan, for^äm pe hit drillten wät 

[Cr. 1049 ff.]; 
and ])är gewitnesse heoct wuldor micele 
heofonwaru and eoräwaru, helwaru pridde [Cod. Hatten, 
gegen Schluls meines Nachtrags S. 190]. 
Ponne heoä egsa geond ealle world [Cr. 838 ff.], 
p>är man üs tyhJiaS on dceg twe^en eardas, 
drihtenes äre oädJe deofles peowet, 
swä hwaäer we gearniaö: her on llfe, 
2)ä hwlle ])e üre mihta mceste wceron. 

Die Aufzählung ist sehr kunstlos, aber doch nicht ohne 
Gefühl. Ich würde das Gedicht etwa in das 10. Jhrh. setzen. 



Überblick über die ags. Literatur. 

Die zahlreichen guten, für Cynewulf meist direkten Quellen- 
belege schlielsen die Existenz einer frühen ags. Tradition über 
das jüngste Gericht aus. Wer nur ein wenig historisch denkt, 
Wülste nicht, wie er einen solchen Sprung vom kurz vorher 
und nur äulserlich abgelegten Heidentum mitten in eine christ- 
liche Literatur erklären sollte. Cynewulf arbeitet fast jeden 
Satz nach fremder, nachweisbarer Quelle. Erst ganz allmäh- 
lich bildet sich ein Ansatz zu einer eigenen ags. Tradition 
heraus. Cynewulfs von breitem Erfolge getragene Dichtungen, 
die übrigens (sehr beachtenswert!) gemäfs dem religiösen Stand- 
punkte seines Volkes an z. T. antik -heidnisch gefärbte Vor- 
bilder, wie De Phoenice und Carmen, anknüpfen, bilden das 
erste Glied und die Vorbedingung dieser neuen Entwickelung. 
Sie scheinen schüchtern benutzt in der durch ihre metrischen 
Lizenzen und Spielereien sich als jünger erweisenden Über- 
tragung von Bedas De die judicii (Lumbys Be Domes Dseje), 
stark dagegen in Crist und Satan und dem Paternoster. 

Aber erst das Entstehen einer ags. den Tagesbedürfnissen 
dienenden Prosapredigt, hundert oder mehr Jahre nach Cyne- 
wulf, konnte Grundlage einer wirklichen, breiten Tradition 
werden. Hier verlieren die Umrisse der fremden Vorbilder 
immer mehr an Schärfe. Eigene Erweiterungen, Kürzungen 
und sonstige grölsere Freiheiten in der Quellenbehandlung 



198 

treten auf, weil man tatsächlicli jetzt einen gröfseren Schatz 
von geläufigen Vorstellungen über das jgst. Ger. beständig zur 
Verfügung hat. Bei jElfric und späteren Autoren ist diese 
Entwickelung zur vollen Blüte gediehen. (Vgl. die Quellen- 
forschungen von Max Förster, besonders: Über die Quellen von 
iElfrics Homiliae catholicae, Diss., Berlin 1892 und Anglia XV, 
473 ff.; XVI, Iff..) Und das erworbene poetische Gemeingut — 
besonders Cynewulfs Dichtungen — blickt in zahlreichen Re- 
miniszenzen durch. 

Die Wucht, die Einfachheit und Klarheit der Darstellung, 
die Ursprünglichkeit der Anschauung macht effektvolleren, 
merkwürdigen und krausen Übertreibungen (7 Vorzeichen, 
15 Vorzeichen) Platz: Die Legende wuchert, geboren aus dem 
realistisch und naturalistisch ausgegebenen Bilde und Gleichnis. 



Deutsche Literatur. 



Auf dem Gebiete der festländischen Literatur vermag meine 
Quellenforschung wie für die ags. Dichtung eine Frage von 
allgemeinerer Bedeutung endgültig zu beantworten. An der 
ags. Gen. B hatten wir seit Sievers' Nachweis und Zangemeisters 
Fund das Beispiel einer Übertragung aus dem As. ins Ags. 
Der umgekehrte Weg der Einwirkung beider Literaturen ist 
bisher nicht überzeugend dargetan. Bezweifelt ist er nie. 
Eine solche Annahme bildet sogar ein geläufiges Rüststück 
unserer Literaturgeschichten (z. B. Scherer, Lgsch., 3. Kap., 
Eingang; R. Kögel, Gesch. d. ahd. Lit. in Pauls Grundr. ^H, 
S. 89, § 72). Die Sache ist ja so einleuchtend, und ich würde 
Eulen nach Athen tragen, wollte ich die geschichtlichen Ver- 
hältnisse erörtern, die für die Literarhistorie zu dem obigen 
Postulat geführt haben. (Vgl. R. Cruel, Gesch. d. Pr., § 2, 3 
und Scherer, a. a. 0., 10. Aufl., S. 42 ff., S. 46.) 

Die Frage ist also weniger ein Was? als ein Wo? und ein 
Wie? Wo und wie haben Einwirkungen von selten der ags. 
Literatur auf die kontinental- germanische stattgefunden? 

Eine bestimmte Beantwortung der Frage in diesem Sinne 
hat in letzter Zeit M. Trautmann, dieser wiederholt, und sein 
Schüler Otto Grtiters unternommen. Der erstere hat in seiner 
Schrift: Finn und Hildebrand, Bonner Beitr. z. Angl., Heft 7, 
Bonn 1903, S. 54 ff. versucht nachzuweisen, dafs das Hilde- 
brandslied aus dem Ags. tibertragen sei. Auf diese Arbeit 
braucht hier nicht eingegangen zu werden, da durch mehrere 
Rezensionen ihre Haltlosigkeit festgestellt ist (vgl. G. Binz, 
Zs. f. d. Ph. 37, S. 529 ff., wo die frühem Rezensionen ver- 
zeichnet sind). Am 26. Mai 1904 hat dann Trautmann auf 



200 

der Neilphilologenversammlung zu Köln einen Vortrag gehalten, 
in dem er das gleiche vom Heliand behauptet. Gedruckt 
vrurde das Stück in den Bonner ßeitr., Heft 17, Bonn 1905, 
S. 123 — 141: Der Heliand eine Übersetzung aus dem Alt- 
englischen. 

Zuletzt hat sich Otto Grtiters ausgesprochen: Über einige 
Beziehungen zwischen as. und ae. Dichtg., Bonner Beitr. 17, 
S. IfF. Er glaubte dort auf Grund zahlreicher, auffälliger 
Parallelen 1. zwischen Cr. 3 und Gen., 2. zwischen Cr. 3 
[u. a. Dichtungen] und zwei Heliandstellen die Fäden zwischen 
ags. und as. Dichtung knüpfen zu können und meint, daXs wir 
wegen der historischen Verhältnisse im Sachsenlande nur an 
Übernahme aus dem Ags., nicht umgekehrt, denken könnten. 

Kezensionen beider Schriften sind mir nicht bekannt ge- 
worden. Ich werde daher ausführlich auf sie eingehen müssen; 
ich kann es, wie ich glaube, nicht zum Schaden der Sache, 
mit den neuen, guten Waffen der Quellenforschung. Dabei 
werde ich jedoch den Faden der Gesamtdarstellung innehalten 
und, was ich zu den angeführten Schriften zu sagen habe, 
einordnen. 

Heliand. 1) 

Der Vortrag von Trautmann tastet die festländische Heimat 
des Gedichtes an. S. 123 f. zählt der Verf. einige flüchtige Ver- 
mutungen früherer Forscher in gleicher Richtung auf. Gründe 
hatte bisher nur R. Bechstein, Jahrb. d. Ver. f. nd. Sprachf. X, 
S. 133 ff. vorgebracht: Übereinstimmungen syntaktischer Art 
und der Stabreimbrechung zwischen ags. und as. Poesie. Traut- 
mann hält sie für ungenügend: Die ae. Herkunft „lälst sich 
nun aber besser stützen, ja, wie ich glaube, sicher erweisen". 
Seine Gründe sind: 

1. Übereinstimmung in Worten und Wendungen zwischen 
dem Ags. und As. In Heliand 1994 — 2013 z. B. kommen nur 
8 Worte vor, denen eine Entsprechung im Ags. fehlt: gömun, 
thiorna, heri, giaJc, skenkeon, skalun, drögun, brast. Was sagt 
aber Trautmann, wenn aus denselben Versen der eine Autor 
Otfrid nur folgende 9 Worte nicht gebraucht: gewet, gömun, 

1) Meine eigenen Zitate zählen nach Heynes Ansg., 4. Aufl., ebenso 
die von Grüters; Trautmanns Zahlen (= Sievers) sind danach geändert. 



201 

muniUJca, giak, orJcun, alo [-fatmt], fagar, (jedoch /a^ön, will- 
fahren), flettea, farledid, und von diesen wiederum nur der 
eine Tatian noch dreie kennt: arwlmn, gouma, fagar? 
Bleiben sechs Worte! Dies würde also nach Trautmanns 
Methode eher für eine Übersetzung aus dem Ahd. als aus 
dem Ags. sprechen. Die gleiche Probe liefse sich übrigens 
für jeden germanischen Dialekt machen, sogar für Ulfilas, 
und dies Kriterium zeugt viel eher für as. Ursprung. 
Übereinstimmungen in Formeln und Wendungen sind im all- 
gemeinen schwerer zu kontrollieren, da es hier ebenso wie bei 
der Metrik auf as. Gebiete an Material für die Forschung 
fehlt. Einen Grund für ags. Provenienz kann nur der darin 
erblicken, der, wie Trautmann tun zu wollen scheint, radikal 
dem ganzen Kontinent alle eigene alliterierende Dichtung ab- 
spricht (vgl. Trautmann, Nachwort zu Finn und Hildebrand). 
Oder glaubt etwa Trautmann, dals auf dem Kontinent, der 
kulturell so sehr viel der christlich -ags. Welt verdankt, nicht 
auch die fortgeschrittenere Technik der Angelsachsen erlernt 
werden konnte? Es lälst sich indessen zahlenmäfsig fest- 
stellen, dals durchaus ein scharfer Unterschied im Formel- 
gebrauch zwischen den ags. und den in as. Sprache tiber- 
lieferten Dichtungen (einschl. Gen. B) besteht. 

Sievers hat bekanntlich in seiner Ausgabe ein vollständiges 
Verzeichnis der parallelen ags. Formeln unter dem synonymi- 
schen Teil beigefügt. Zählt man diese Heliandparallelen der 
ags. Gedichte, berechnet die Prozentzahlen der Verse, welche 
eine Heliandparallele aufweisen, so ergibt sich etwa folgendes 
Bild. (Nur hsl. überlieferte Verse sind gezählt.) 

Parallelen. Verszahl. Prozente. 

Gen. B 239 617 38,73 
Cr. 3 141 827 17,05 
Crist u. Sat. 99 731 13,54 



[1. Teil 


43 


365 


11,78 


2. Teil 


51 


297 


17,17 


3. Teil 


5 


67 


7,5] 


Cr. 1 


57 


439 


12,98 


Dan. 


89 


762 


11,68 


Elene 


150 


1320 


11,35 



202 





Parallelen. 


Verszahl. 


Prozente, 


Andr. 


187 


1721 


10,86 


Cr. 2 


46 


427 


10,77 


Jud. 


35 


677 


9,89 


Gü. 


129 


1353 


9,53 


Gen. A 


220 


2311 


9,52 


Jul. 


64 


731 


9,01 


Beow. 


283 


3182 


8,89 


[Höllf. 


12 


137 


8,76] 


Exod. 


51 


589 


8,66 


Salom.-Sat. 


38 


503 


7,55 



Aus dieser Tabelle, deren Zahlen eine grofse Stabilität 
besitzen (kleinere Dichtungen sind wegen der Zufälligkeit der 
Resultate ausgeschlossen), geht klar hervor, 1. wie deutlich 
Gen. B sieh technisch zum Heliand stellt, 2. dals die as. 
Dichtungen, selbst ins Ags., nach Trautmann die Originalsprache, 
übertragen, einen Dichter voraussetzen würden, der sich im 
Gebrauche seiner Formeln von dem normalen Prozentsatze 11 
ungefähr 4*/2D3al so weit als die nächsten nach oben entfernt, 
als Cr. 3 und Cr.-Sat. 2 (7Vo Abweichung), und 8 mal so weit 
nach oben (wenn man hier überhaupt einfach multiplikativ 
messen darf!) als der Salomon und Saturndichter, welcher nur 
3,5% davon abweicht, nach unten absteht, einen Dichter, 
dessen Formelgebrauch mehr als 21o/o von dem Höchstsatze 
17 absteht, während der unterste Satz 91/2% weniger bietet. 
Ein solcher Dichter ist eine Unmöglichkeit, ein schlagender 
Beweis, dals Gen. B und Hei. einem andern Boden entwachsen 
sind als dem ags.. (Übrigens zeigt diese Tabelle auch deut- 
lich, wie die Stoffverwandtschaft mit Hei. grölsere oder ge- 
ringere Parallelenprozente verursacht. Weltliche Dichtungen 
wie Beow., Salom.-Sat, die alttestamentlichen Exod., Gen. und 
die Legenden Gü., Phon, halten die letzten Plätze besetzt. 
Sie bietet aber zugleich ein Problem: Wie erklärt sich die 
doch immerhin auffallend hohe Parallenzahl des Cr. 3 und 
Sal.-Sat. 2, die stofflich allein nicht zu rechtfertigen sind, wie 
Cr. 2 und Cr. 1 beweisen ?) 

Sodann macht Trautmann geltend, dals von den angeführten 
40 Halbversen 25 regelrechte ags. Verse seien. Ja, fragt man 
sich erstaunt, ist denn dieser Unterschied von 15 nicht ags. 



203 

Halbversen, die dann S. 127f. auf das phantasie vollste um- 
gedichtet werden, nieht grols genug? Und wenn die Besse- 
rungen nur leicht einzusehen wären! In ihnen zeigt sieh die 
ganze Haltlosigkeit des Änderungsverfahrens. Es ist sehr zu 
bedauern, dafs Trautmann nieht mehr als 20 Verse nach seinen 
Grundsätzen umgesetzt hat, man würde dann klarer das syn- 
taktisch-stilistische Bild, welches seine Korrekturen hervor- 
rufen müssen, fassen können. Doch auch schon aus seinen 20 
„gebesserten" Versen lälst sich erkennen, wie verzerrt dieses 
sein würde. V. 1995 '^ tilgt er: 

ihär Jie te (enum) gömun warä 
gehedan . . . 
V. 1996^ läfst er hingegen das syntaktisch genau ebenso ge- 
brauchte ena stehen: 

thär skolda man ena hrüd geban. 
Der unbestimmte Artikel muls aber beide Male stehen, da eine 
EinzelvorstelluDg zum ersten Male genannt wird; s. Behaghel, 
Syntax d. Hei. § 50. Ebenso unerlaubt ist die Tilgung in 2000: 

geng imo mid {is) jimgoron. 
Der Begriff der Zugehörigkeit wird deutlich verlangt, vgl. 2821'*, 
^557 u. Heynes Glossar. 2002 wird ein unentbehrliches Demon- 
strativum gestrichen, welches im folgenden Vers wieder auf- 
genommen wird: 

he (im) öle at thsm gömun was 
gialc hl thär ge]md:da, that hi hahda Jcraft godes. 
Nach Behaghel, Synt.d.Hel. § 51, ist Fehlen des Demonstrativums 
nur in ganz bestimmten Fällen erlaubt, §52 — 55. Aulserdem will 
Trautmann die Konjunktion that, die im HeL nicht ein einziges 
Mal unter Hunderten von Fällen fehlt, streichen! Nicht nur, 
dals nicht die geringste Notwendigkeit zur Tilgung all dieser 
Wörtchen vorhanden wäre, ein derartiges Zurechtschneiden 
um der ags. Metrik willen würde auf das schlimmste in den 
einheitlichen syntaktischen Bau der as. Sprache eingreifen. 
Wir haben aber, wie Trautmann sich später einwirft, nicht nur 
einen vollkommen guten, geordneten Stabreim im Heliand (wie 
der im ags. ausgesehen haben sollte, darüber sagt Tr. eben- 
falls vieles Phantasievolle S. 135 f.), sondern im ganzen ein 
einheitliches metrisches Bild. Wäre das Gedicht eine z. T. 
wörtliche Übersetzung, wie er sie annimmt, so erwarteten wir 



204 

Ungleichheiten. Eine vollkommene Kenntnis der as. Metrik 
kann nun freilich unsere Überlieferung nicht gewähren. (Vgl. 
Binz, a.a.O., S. 533 ff., über Finn und Hildebrand.) Bis zur 
Kernfrage ist Tr. gar nicht vorgedrungen : Sind diese 15 Halb- 
verse altsächsisch unbedingt falsch, und ist die as. Metrik, 
welche Hei. und Gen. bieten (auch Musp. stellt sich hierzu) 
ein Unding? Trautmann wird vielleicht bei einem ernst- 
haften Versuche einer Rückübertragung deren Unmöglichkeit 
selbst einsehen. 

3. Fremdes j und einheimisches g stehen im Stabreim; 
dies stimme mit dem Ags. überein. Hier hätte Tr. nur Holt- 
hausens As. Elementarb. § 229 nachzuschlagen brauchen, um zu 
sehen, dafs as. nicht nur im Heliand der Lautwert j für g ver- 
langt wird. Vgl. z. B. Glossen wie ieldati statt gelclan (Fr. H.), 
iegivan (Bed.). Ebenso ist as. vollkommen korrekt die Metathese 
irnandi statt rinnandi 3919, die seit Grein von den Heraus- 
gebern ohne Anstols angenommen worden ist. Die Inlautmetathese 
ist überall geläufig; vgl. Kluge in Pauls Grundr. ^I, S. 384 ff., 
Siebs, das. S. 1260. Was jedoch die Metathese im Anlaut an- 
geht, so halte ich sie für beachtenswert. Ich glaube, dals 
wir hier ein Dialektkriterium für den Heliand vor uns haben: 
das mhd. ors = ros wird bekanntlich aus dem Niederrhein- 
fränkischen abgeleitet; ich bin der Ansicht, dafs auch das 
irnandi des Heliand (vgl. V. 5898) auf die Nähe dieser Gegend 
hinweist. Vgl. Holth., As. Elementb., § 26 Anm. Jedenfalls 
ist die Erscheinung durchaus nicht nur ags., wie Trautmann zu 
glauben scheint. 

Ebenso liegt die Sache mit dem Schwunde des h vor 
Konsonant: 

V. 4138. werod samnöian endi hwarbos fälian 
[wie Jul. 249 (Gü. 234 reimt wrcecmcecgas)]. Er findet in allen 
westgermanischen Dialekten zu dieser Zeit statt. Vgl. Musp. 
73 und 82. 

4. S. 126 f. Sichere ags. Formen sind nur in der Hs. C vor- 
handen. Die Formen in M: lära, mesta, kinda, herte, hinge, thiade, 
ine, hina werden durch die kleinen as. Denkmäler vollkommen 
als as. resp. fries. gesichert; vgl. Holth., Elemb. § 29, 30. Die 
Hs. C des Brit. Mus. hat bekanntlich schon in der ersten Hälfte 
des 17. Jahrh. Franciscus Junius in England benutzt. Vor ihm 



205 

kümmerte sieb, von einzelnen abgesehen, niemand um ags. und 
altgerm. Hss. in England. Es ist daher ein einleuchtender Schluls, 
dals die Hs. C, die er wiederentdeckte, schon lange Jahrhunderte 
dort gelagert bat und zu einer Zeit nach England gekommen 
bezw. in England selbst entstanden ist, wo man die alte germa- 
nische Poesie noch pflegte, also etwa im 11. Jahrb. (C wird 
datiert lO./ll. Jahrb.) Das Dutzend ags. Formen bat aber nicht 
das mindeste Auffällige, da ein ags. sprechender Schreiber ohne 
Zweifel der Urheber ist, der vielleicht in England, vielleicht 
auf dem Kontinent ein älteres Original sehr treu kopierte. 
(Vgl. Kögel, Grundr. 2 II, S. 96.) Übrigens sind die as. Laut- 
verhältnisse noch durchaus nicht tiberall klar, und ebenso wie 
auf ags. Herkunft könnte man auf hochdeutsche raten. So würde 
z. B. die allen Hss. gemeinsame, also archetypische Schreibung 
uo für as. zu erwartendes ö nach Trautmanns Schlufsweise auf 
ein ahd. Original deuten; vgl. Holth., §31, §94. 

5. S. 128 if. bringt Trautmann 7 Stellen vor, wo er durch 
ags. Konjekturen etwas, was ihm anstölsig erscheint, erklären 
zu können glaubt. Bei dreien gibt er S. 135 zu, dafs seine Vor- 
schläge auch as. möglich seien. Doch betrachten wir sie alle! 
V. 150 ff. Zacharias zweifelt an den Worten des die Geburt 
Johannis verbeilsenden Engels und sagt: 

nU wit sus gifrödod sint: 

habad unk eldi hinoman elleandädi, 

that wit sint an unkro siuni gilesMt endi an unJcun 

flesh is unJc antfallan, fei unsküni, [sldun lat, 

is unha lud gilidan, lik yidrusnod. 
Das ajta^ Xtyofisvov lud hatte Sievers erklärt als „Wuchs, 
Gestalt" zu liodan. (Piper und Behaghel nehmen es an; Heyne 
hatte „Körperkraft, -fülle".) Trautmann behauptet: „'Der Wuchs 
ist uns vergangen' oder 'die Gestalt ist uns vergangen' gibt 
keinen Sinn ! und wenn ein zu liodan gehöriges lud (!) nicht 
'schöne Gestalt, Schönheit' oder 'Körperkraft' heilsen kann, 
wie Sievers mit Recht hervorhebt, so werden wir an 
falsche Überlieferung denken müssen." Das hat aber Sievers 
gar nicht gesagt: Er wollte selbstverständlich nur den Grund- 
begriff „wachsen" festlegen, und die von ihm geforderte Be- 
deutung „Wuchs, Gestalt" hat selbstverständlich hier die 
Bedeutung: „der schönere Wuchs früherer Jahre." Es dürfte 



20G 

doch sehr naiv sein, eine so lächerliche Interpretation wie lud 
als Entstellung aus Imid = ae. lynd, „Fett", laut werden zu 
lassen: „unser Fett ist gegangen, unser Leib verfallen." Die 
Variation lih gidrusnod: „unsere äufsere Erscheinung, Leib 
verfallen" fordert geradezu in lud „Gestalt, Wuchs", denn 
syntaktisch gehören zusammen 1. ß^esh is unk antfallan, zum 
selben Prädikat die Variation fei unslwni, 2. is unka lud gi- 
liäan, zum selben Prädikat die Variation lih gidrusnod. Diese 
Konjektur hält übrigens Tr. auch für as. möglich (S. 135), 
ebenso die folgende. 

5768^. wünom [C -an] [nahton] in wannon ags. wonnum, „in 
dunkeln Nächten", wänomon nahton (Vilmar) „in hellen Nächten" 
befürwortete Sievers. Piper tibersetzt wänom adverbial „schim- 
mernd in der Nacht". Heyne läfst die Stelle offen. Ich 
vermag mich hier nicht zu entscheiden, doch scheint mir, dafs 
der Wächter in der sternfunkelnden Nacht ein beliebtes Motiv 
der epischen Dichtung war, namentlich, wenn er kampfgerüstet 
wachte. 

Die dritte dieser „Entstellungen aus dem Ags." ist nur mit 
falscher Interpretation konstruiert. V. 2465 ff. in der Deutung 
des Gleichnisses vom Sämann sagt Christus: 

histed thUr üdJar man, 
the is imu jung endi glau endi habad imu güdan müd, 
spräkono spahi, endi ivet iuwaro sjyello gisked. 
Eine Bemerkung von Piper gibt Trautmann den Anstofs. Piper 
sagt: „Hier ist merkwürdigerweise einmal jung und glau, 
'klug', als gleichbedeutend gesetzt, während sonst im deutschen 
Altertum die Alten mit den Weisen gleich gelten. Es soll 
wohl mit jung die Frische der Hingebung und die Aufnahme- 
fähigkeitbezeichnet werden." Das scheint Trautmann gezwungen; 
er glaubt, jung sei aus s<^orn verlesen. Weder Piper noch sonst 
jemand hat jung tilgen wollen. Der Zusammenhang fordert 
es; denn Christus zeichnet in den folgenden 10 Versen so un- 
zweifelhaft den Typus eines Jüngers, der Gottes Wort mit 
frischer Hingebung aufnimmt (vgl. Piper), es verbreitet und es, 
wie der gute Boden das Korn, wachsen lälst, dals man zweifeln 
mufs, ob Trautmann sich diesen Zusammenhang klar gemacht 
hat. Pipers Bemerkung wird auch insofern einzuschränken 
sein, als dieser ideale Jüngling nicht positive Weisheit besitzt, 



207 

sondern nur die Klugheit, das Wort Gottes „aufzunelimen und 
zu bewahren", also passiv bleibt, was sehr wohl neben dem 
Typus des „alten Weisen" verständlieh, ja dessen Korrelat ist. 
Zudem steht hier glau und nicht wls. 

2461. an ßures farm hält Trautmann für Entstellung aus 
fyres fcepm, „Feuers Umarmung" (Beow. 184 f.), trotzdem es im 
Hei. 4368 nochmals überliefert ist: wiä^ tJies flödes farm, nimmt 
also eine zweimalige Entstellung mit dem gleichen Resultat an. 
Nach Trautmann ist farm keine germ. überlieferte Wortbildung, 
ihre Existenz dürfe daher bezweifelt werden, zumal da fard 
giJdusid . . . an fiures farm keinen Sinn habe: „nimmt Fahrt 
in des Feuers Fahrt, Zug, Gang . . ." (vgl. Beow. 515 f. s^ofon 
ypum weol purh wintrys wylm, Hei. 2702 fruma fremidin), 
„denn das Feuer der Hölle denkt sich doch niemand als um- 
herfahrend oder fortziehend, sondern als an einer Stelle bren- 
nend". Die letzte Bemerkung ist richtig, wenn auch nicht 
uneingeschränkt (vgl. Carmen de resurrectione mortuorum, X 
bis XIII). Allein farm zu faran, genau wie galm zu galan {göl), 
ags. wcehn, wylm zu iveallan gebildet, hat nicht nur die Bedeu- 
tung „sich (horizontal) weiter bewegen", sondern, freilich weniger 
ausgeprägt, dieselbe Doppelbedeutung wie iveallan: 1. „sich weiter 
bewegen, wallen (Wallfahrer!)", 2. „sich wiederholt bewegen, sich 
hin und her bewegen, anstürmen, auf- und abwogen." Vgl. 
Heynes Glossar, Hei. 1737, 1760, 201 (iesamne faran), 2814. 

Der Ansturm der höllischen Feuerwogen, Hei. 2461, wie der 
der Wasserwogen, Hei. 4368, gibt aber ein sehr anschauliches 
Bild und ist mehrfach in der alliterierenden Dichtung belegt: 
El. 1293flF., Cr. 1594 ff., Dom. 78^ (dazu dessen Quelle). Dem 
Worte und dem Inhalt stehen also keine Bedenken entgegen, 
und das zweimalige Vorkommen derselben Entstellung ist un- 
denkbar. Aulserdem gebraucht der Dichter selbst häufig genug 
faämos, „Hände, Arme" (738, 2952, 3386, 3528, 4920, 4961, 
5120, 5637), und hatte daher schwerlich Veranlassung, aus 
ags. fceäin farm zu machen. 

Die nächste Konjektur an gleicher Stelle: 

Forct skal he hentan (sthetean) 
mid his hreosthugi breda lögna: 

[hentan, „erjagen"; hetean: Schmeller, Heyne: „execrari, ver- 



208 

fluchen", Piper: „odisse", Sievers: lietean, „ealefacere"] spricht 
noch weniger an, als das hsl. hetean, „exeerari". 

Bei der folgenden Stelle, 3308 ff., ist die Verbesserung, die 
Trautmann glaubt vornehmen zu müssen, syntaktisch unmöglich. 
Die Jünger, zur Nachfolge Christi aufgefordert, fragen: 

Hwat skulun wi thes te löne niman, quact he, 

gödes te gelde, thes wi thurh thm jungardöm 

egan endi erdi al f arietun, 

hodos endi MwisJd, endi thi te herron gihurun, 

folgodun thinani ferdi: hwat scal üs thes te frumu weräan, 

langes te löne? 
Piper macht darauf aufmerksam, dafs hwat mit langes ver- 
bunden werden müsse: „Was an Langdauerndem, Ewigen". T.: 
„Aber die Frage 'was Ewiges wird uns als Lohn werden?' 
wäre doch sehr auffallend! Denn der Heiland hat nur ein 
Ewiges zu verschenken, die ewige Seligkeit, und Petrus weils 
das; wie könnte er eine so seltsame Frage an Jesus richten." Er 
meint dann, Verderbnis aus ags. lores („Verlust") sei anzunehmen. 
Zergliedern wir einmal die Konstruktion! thes in 3308 nimmt 
den Inhalt des ganzen Nebensatzes: thes wi thurh thln jun- 
gardöm egan endi erdi al f arietun, hodos endi hlwisM, endi 
thi te herron gihurun, folgodun thmaru ferdi, voraus; derselbe 
Inhalt kann aber unmöglich in gödes 3309 gemeint sein, denn 
das Verlassen etc. ... ist weder ein „Gut" noch „gut"; es 
ist daher ganz unumgänglich, gödes als gen. partit. zu hwat zu 
ziehen: „Was für ein Gut . . ." Noch schärfer präzisiert ist also 
die Konstruktion: 

Hwa t sculun wl te löne niman, 

[hwat] gödes [sculun wi niman] te gelde [sc. dafür dals eto.] 
Und V. 8312 nimmt wörtlich diese Konstruktion auf: 

hwat scal üs thes [sc. für das im Nebensatz Gesagte] 

[ÄM^a^] langes te löne. [te frumu weräan, 

lang oder die Konjektur muls also auf alle Fälle etwas sein, 
was als Belohnung gegeben wird wie göd V. 3309, also: „Was 
Langdauerndes, Ewiges." Und das soll keinen Sinn haben, 
wenn Christus [in dem Schluls der vorhergehenden Fitte] eben 
ermahnt hatte, den Schatz und die Reichtümer zu verkaufen 
und den Armen zu geben, um den Schatz im Himmel zu 



209 

gewinnen? Diese dunkeln Worte fordern sowohl den noch 
wankenden (!) Petrus als den für eben bekehrte Sachsen 
schreibenden Dichter auf das dringendste heraus zu der 
Frage: „Was für ein Gut sollen wir als Lohn erhalten . . ., 
was soll uns dafür zum Frommen werden^ was ist denn das 
für ein Ewiges, was wir als Lohn erhalten sollen?" Christus 
beschreibt es ihnen dann ausführlich und fügt zur Erklärung 
das Gleichnis vom reichen Manne und dem armen Lazarus 
hinzu. 

Auch die 6, Konjektur erweist sich als unnötig, 2877 f. 
Nach der Speisung der Fünftausend erkennt das Volk, dals 
he giwald mid gode 
an thesaru middilgard meron habdi, 
enfaldaran hugi (sc. als alle Propheten). 
C bietet envaldaran (die Schreibung v für f ist nicht selten, vgl. 
Holth., § 195). Heyne tibersetzt „moralisch rein, lauter", Piper 
„schlicht, unwandelbar treu". Trautmann meint: „Wie käme 
der Dichter dazu, wo von den Wundertaten und der Macht 
Jesu die Kede ist, an ihm die 'hochethische' [so Piper] Eigen- 
schaft der „Schlichtheit" und „unwandelbaren Treue" zu rüh- 
men? Aufserdem: envaldaran hugi muls doch, wegen des 
gemeinsamen Verbs hahdi, Gespiel zu giwald meron sein und 
etwas Ähnliches bedeuten." Er nimmt dann Fehlübersetzung 
aus ags. änwealdran hyse, „mächtigeren Geist", an {onweald 
Gü. 1075, se onwedlda mehrfach). Dals sich ein guter Sinn 
daraus ergeben würde, ist nicht zu bezweifeln ; allein der Sinn 
der Heliandüberlieferung ist auch nicht schlecht, und sonst ist 
enfald so reichlich im Hei. in ganz abgeschliffener Bedeutung, 
man möchte sagen als Schlagwort, gebraucht, dafs an unsere 
Stelle nicht getastet werden darf. Heynes Glossar gibt an: 
god enfald, „wahrer Gott", 1057, man enfald, „wahrer Mensch", 
1062, unreht enfald, „offenbare Sünde", 3748. 3843. Dazu vgl. 
als Ermahnung Christi an seine Jünger bei ihrer ersten Ent- 
sendung, 1885 ff.: 

Than wesat gi eft an iuwon dädiun dUbon gelika, 

hebhead wid erlo gihwena enfaldan hugi, 

mildean mödsedon, ihat thdr man negen 

thurh iuwa dädi bedrogan ni werde, 

beswikan thurh iuwa sundea. 

Studien z. engl. Phil. XXXI. j^ 



210 

Dieser Beleg stellt den Sinn der von Trautmann angezogenen 
Stelle vollkommen klar : der milde Spendersinn des wahrhaften 
Mensehen, das ist enfald Jiugi, und das ist ja für den Alt- 
germanen überhaupt die Tugend der Fürsten, der Mächtigen. 
So auch bei der Speisung der Fünftausend, wo Christus seine 
hohe Sendung und seine Gewalt offenbart. Der Begriff, den 
wir für enfald hier etwa einsetzen könnten, wäre also „wahr, 
recht", oder mit Piper „unwandelbar treu". Dafs die Worte 
anwald: giwald übrigens eine unwahrscheinliche (wenn auch 
nicht unmögliche) Variation bilden, dürfte der Erwähnung kaum 
bedürfen. (Ein zweites Mal, wo maliiig parallel zu enfald 
steht, 1057^ ff. bei der Versuchung Christi: 

wända, that he god enfald, 

forütar manJcunnies wiht mahtig tväri, 

helag himiles ward, 
ist mahtig als Variation zum Ganzen, god enfald, zu fassen.) 
Der siebente Vorschlag Trautmanns, 1879 witödes als 
Partie, zu witün, ^bestimmt", zu fassen, scheint mir annehmbar 
(vgl. Jul. 686). Trautmann gibt selbst zu, dals er as. gut möglich 
ist. Die folgenden sich windenden Ausflüchte auf fingierte 
Einwürfe kann ich bis auf einen Punkt übergehen. Die Be- 
nutzung von Hrabans Matthäuskommentar wird in einer un- 
diskutierbaren Weise bestritten. (S. 173, Anm.) Sievers, Zs. f. 
d. A. 19, hatte betont, dals, auch wenn viele Stellen nach dem 
Matthäuskommentar sich sonst zerstreut nachweisen lassen, doch 
ihre Vereinigung in Hrabans Werk, welcher die im Hei. ent- 
spricht, Benutzung beweise: „Die einzige Möglichkeit der Er- 
klärung dieses Verhältnisses bleibt eben die, dafs Hrabans 
Kompilation die Vermittelung gebildet hat." Trautmann schreibt 
dazu: „Diesen Schlufssatz muls ich bestreiten: die Überein- 
stimmungen zwischen Hraban und dem Heliand erklären sich 
doch auch vollkommen befriedigend, wenn man annimmt, dafs 
Hraban und der Helianddichter dieselbe Quelle (dieselben 
Quellen) benutzt haben." „Er [der gelehrte Helianddichter] 
wird aus Quellen geschöpft haben, die später Hraban benutzte. 
Möglich auch, dals er selber lateinische Erläute- 
rungen zum Matthäus schrieb und diese seiner Dich- 
tung zugrunde legte, und dafs dann Hraban diese 
verlorene oder doch nicht wiedergefundene latei- 



211 

nische Schrift benutzte." Man sollte nicht glauben, dals 
ein Mann, der lange Jahre seines Lebens in wissenschaftlicher 
Arbeit bemüht war, sich mit solcher Kücksichtslosigkeit über 
die einfachste Logik hinwegsetzen könnte. Wenn dann dem 
Hei. zuliebe, auch die as. Gen. eine Übersetzung aus dem Ags., 
also Gen. B Rücktibersetzung wird, so ist das konsequent, aber 
ebenso gewaltsam und unmotiviert, wie das von der Heliand- 
hypothese gilt. In Gen. B scaties = as. Gen. 22 scattas ist mit 
Behaghel und Holthausen die Bedeutung von „etwas Elsbarem" 
wegen der folgenden Variation, tö mete semearcod = as. te 
meü gimarcot anzusetzen. Statt dessen verlangt Trautmann 
S. 138/39 die Bedeutung sceat, ,,Schlofs, Kleidung", und kon- 
jiziert um dieser Hypothese willen statt mete ein ^eniete oder 
etwas Ähnliches, was er unentschieden läfst. Dafs diese Willkür 
nicht geeignet ist, etwas zu beweisen, braucht man kaum zu 
sagen. 

Den Schlufs bilden zwei Erwägungen, die Trautmanns 
Sache stützen sollen. 1. Otto Grüters, sein Schüler, glaubt 
Abhängigkeit des Hei. und der Gen. von ags. Dichtungen nach- 
weisen zu können. Trautmann meint: „Dürfen wir uns dann gegen 
den Gedanken, der Heliand sei eine Übertragung aus dem Ae., 
noch sperren?" Ja gewifs! Einwirkungen vonseiten der Angel- 
sachsen auf die Altsachsen sind sehr wahrscheinlich, ohne dals 
an der ags. Herkunft des Hei. und der Gen. nur im geringsten 
gerüttelt zu werden braucht. 2. Die westfälischen und sächsischen 
Bistümer und Abteien werden [nach Trautmanns Zusammen- 
stellungen] gegründet: Osnabrück 783, Verden 786, Bremen 787, 
Paderborn, Minden, Münster später, Hamburg, Hildesheim, 
Halberstadt, Herford unter Ludwig dem Frommen, Corvey 816. 
„Konnte Sachsen um 824 einen Mann hervorgebracht haben, 
der doch gelehrt genug war, eine solche theologische Leistung 
von sich zu geben, wie der Heliand doch ist?" [824 fungiert 
nämlich bei Trautmann als Entstehungsjahr des Heliand. Es 
ist auf sehr charakteristische Weise gewonnen: Als Mittelzahl 
zwischen den Annahmen der verschiedenen Forscher, gleichviel 
welcher Ansatz der wissenschaftlich richtige ist; Schmeller 
setzte den Hei. unter Karl d. Grolsen, Windisch zwischen 825 
und 835, Middendorf um 825, Wackernagel, Piper und andere 
um 830. T.: „Setzen wir 824 als die mittle Zahl . . ." Und 

U* 



212 

damit glaubt er einen wissenschaftlichen Ansatz zu geben: Er 
bildet sich keine objektive Meinung, sondern nimmt das Mittel 
einer beliebigen Anzahl von Aufserungen,] Die Antwort auf 
die Sache ist sehr klar: Die Zeit für das Heranwachsen eines 
genügend geschulten Sachsen ist mehr als reichlich. Aus den 
folgenden Jahrhunderten des Mittelalters sind neuerdings noch 
ganz andere Tatsachen über die Schnelligkeit literarischer 
Entwickelungen und Wirkungen bekannt geworden. Vgl, u. a. 
das Verhältnis von Wolfram zu Wirnt v. Gravenberg und die 
Entwickelung der mhd. höfischen Poesie nach ihren frz. Vor- 
bildern. Man denke auch an Aldhelm und Beda. 

Die ganze radikale Hypothese hat sich also Punkt für 
Punkt als brüchig erwiesen. Es besteht nicht der geringste 
Anlals, gegen die gute Überlieferung dem Heliand (und damit 
der Genesis) die as, Herkunft abzusprechen. 

Otto Grüters hat sich charakteristischerweise viel vor- 
sichtiger als sein Lehrer geäulsert: a. a. 0. S. 49 erkennt er 
in der as. Gen. „einen ganz eigenen, ursprünglich anmutenden 
Geist der Freiheit und Grölse, den ein Übersetzer schwerlich 
aus seiner Vorlage in sein Werk hinübergerettet hätte, den 
man auch in den ae. religiösen Dichtungen nirgend so kräftig 
verspürt." Allein er meint, dals man sich darin täuschen 
könne und hält zu Trautmann (ohne selbständige Gründe hinzu- 
zufügen. Vgl. das. S. 4.) Da nun jeder Zweifel an der kon- 
tinentalen Heimat des Heliand und der Gen., die deutlich in 
jeder Hinsicht neben ihm steht, nur als Vergewaltigung der 
einfachsten Tatsachen gelten muls, so ist das Problem schwie- 
riger, als es sich Grüters darstellte. Es verdient jedoch hervor- 
gehoben zu werden, dafs Grüters mit eigenem Verständnis 
gearbeitet hat, und seine Mühe nicht vergeblich gewesen ist, 
wenngleich für die positive Beantwortung des Problems: Ein- 
wirkung ags. Dichtung auf die as., grölsere Evidenz und Exakt- 
heit verlangt werden muls. 

Vergleichen wir die obige Prozententabelle für ags. Verse 
mit Heliandparallelen, so ist die von Grüters auf selbständigem 
Wege gewonnene Heranziehung des Cr. 3 und der Höllenf.- 
Himmelf. etc. (= Cr. u. Satan 2) klar bestätigt. Darnach ist 
der Formelgebrauch beider Dichtungen [genauer: Dichtungs- 
abschnitte, denn beide sind nicht selbständig; für Cr. u. Satan 



213 

beweist die Metrik für Einheit des Verfassers] dem des Heliand 
am nächsten verwandt; die übrigen Dichtungen folgen mit 
40/0 Abstand. Ähnliches zeigen die Zusammenstellungen von 
Grüters für die Gen. B, die danach mehr Parallelen zu Cr. 1379 
bis Schlufs aufweist, als alle übrigen, auch stofflich verwandten 
Dichtungen (S. 43, 3), und auch als der erste Teil von Cr. u. 
Sat., der nur einige, allerdings starke Parallelen bietet. 

Allein jeder weitere Schlufs über diese Tatsache hinaus 
ist unerlaubt. Grüters schliefst (S. 34 für die Gen.): Die Über- 
einstimmungen sind nicht aus einer gemeinsamen lat. Quelle 
herzuleiten, die für verschiedene Gegenstände schwerlich die- 
selbe gewesen ist (S. 34, 2). Es bleibt also nur anzunehmen, 
dafs die as. Gen. und der Abschnitt des Cr. auf verwandten 
ags. Dichtungen beruhen, da an ältere as. christliche Dich- 
tungen nicht zu denken ist. (Vgl. S. 48.) 

Es ist unbegreiflich, warum G. (1905) nicht zu Cr. 1379 ff. 
die von Cook in seiner Ausgabe (Boston 1900) nachgewiesene 
Quelle verglichen hat (für Gen. vergleicht er gelegentlich 
Avitus), und sich statt dessen in vagen Behauptungen ergeht. 
Er würde da eine feste Unterlage gehabt haben. 

Für den Heliand greift G. zwei bestimmte Stellen, 1033 ff. 
und 3591 ff. (Sündenfall und Erlösung), heraus und mufs S. 48 
zugeben, dals der Wert der ags. Parallelen durch die der 
andern ags. Dichtungen erheblich vermindert wird. Die Stellen 
des Cr. 3, Höllenf.- Himmelf. und Phon. 393—423 gehen nach 
seiner Annahme auf die gleiche ags. Tradition dieser Episode 
zurück. Die Verwandtschaft im Ausdruck unter allen dreien 
sichert, dals die Übertragung des Ausdrucks von dem Sünden- 
fall auf den Fall der Engel stattgefunden hat, die Abweichungen 
der as. Gen. gegenüber Höllenf. -Himmelf. und Phönix, dafs Cr. 
und Gen. eine gemeinsame Entwickelungsstufe haben. Be- 
dauerlicherweise passiert Grüters das Mifsgeschick, dafs er 
schlagende Parallelen im Gü., wo genau dieselbe Episode vor- 
kommt, tibersieht. Für alle ags. und as. Parallelen wird auf 
Grund der historischen Verhältnisse den as. Dichtungen die 
Originalität abgesprochen und eine ags. Tradition dieser Episode 
vom Sündenfall postuliert. Allerlei Möglichkeiten und Ab- 
hängigkeiten der Chronologie, die für G. durchaus nicht festlag, 
werden nicht in Betracht gezogen. Z. B. scheint mir sicher, 



214 

dafs Cr. u. Sat. später ist als Hei. (s. oben). Mit solchen vagen 
„Traditionen" läfst sieh überhaupt in der Literaturgeschichte 
nichts Bestimmtes anfangen, wie mit der ganzen Parallelen- 
methode, die eben imstande ist, das Faktum eines literarischen 
Zusammenhangs wahrscheinlich zu machen. 

Eine Lösung der Prioritäts- und Originalitätsfrage vermag 
erst die oben befolgte Methode der Quellenforschung zu geben. 
Sie zeigt die treu benutzten Eigenquellen von 1. Cr. 1379 If., 
2. Gü.791ff.undPhön.393ff., 3. von Höllenf.-Himmelf (Cr. u. Sat. 2) 
106 ff. [welche für die Heliandstelle nichts wichtiges Eigene 
bietet (vgl. nur 107, Hei. 3593 ^ 122^ 3596^ 128% 3613) und 
sich als stark abhängig von Cr. 3 - Gü. erweist]. Sie bereitet 
der unhistorischen Annahme einer spezifisch ags. Tradition der 
Sündenfallepisode ein kurzes Ende. 

Es sei hier betont, dafs Grüters den Finger im Hei. durch- 
aus auf die richtige Ankerstelle für die Problemlösung gelegt 
hat. Wir begrüfsen in den Heliandversen 1032 — 1048 und 
3592—3619 gute Bekannte. 

Die Eigenquellen des Heliand bieten nach Sievers folgende 
Andeutungen: 1032 — 49. Hrabanus zu Matth. 4, 3. ' Justum quippe 
erat, ut sie temptationes nostras suis temptationibus vinceret, 
sicut mortem nostram venerat sua morte superare. . . . Erexit 
se (Satanas) servus contra dominum, ... et dum innocentem 
studebat ligare, reos se dolebat amittere.' Hrab. zu Matth. 4, 9. 
'Antiquus hostis contra primum hominem parentem nostrum in 
tribus temptationibus se erexit . . . Sed quibus modis primum 
hominem stravit, eisdem modis a secundo homine temptato 
suecubuit' und: 3588—3618. Beda zu Luk. 18, 35. 'Caecus 
iste per allegoriam genus humanum signifieat, quod in parente 
primo a paradisi gaudiis expulsum claritatem supernae lucis 
ignorans damnationis suae tenebras patitur.' 

Wir haben an den beiden Stellen eine direkte stoffliche 
und wörtliche Übernahme aus Cynewulf vor uns, und zwar eine 
Kontamination von Gü. 791—844* und Phönix 393—423, die 
ja beide auf Carmen II, III beruhen. Die Ableitung aus den 
Quellen ist für beide oben gegeben. Das Carmen de res. kann 
dort nur direkt benutzt sein, wie denn Quellenfragen bei Ge- 
dichten nur die Rezensionen und Lesarten zu behandeln haben. 
Die beiden Heliandstellen weisen mit keiner Spur direkt auf 



215 



das lateinische Gedieht zurück. Dafs die beiden Carmen- 
absehnitte, die, wie stets bei C, mit freierem Ausdruck über- 
tragen sind, ein zweites Mal mit denselben Worten wieder- 
gegeben worden seien, ist unvorstellbar. 

Aulserdem: wir finden nicht nur dieselben Worte, sondern 
auch einzelne Gedanken gemeinsam mit Phon, aus der zweiten 
Quelle der Gü.-Phön.-Beow.-Episode zugefügt und wörtlich 
aus dem Ags. übersetzt, und endlich finden wir hier im Hei., in 
die Carmengedanken eingemischt, unzweifelhafte Entlehnungen 
aus der Rede Christi an die Verfluchten im Cr. 1379 ff. (d. h. 
einem andren Teil des Cr. -Gü. -Werkes), deren Quelle Cook nach- 
gewiesen hat. Übrigens wird schwerlich jemand zweifeln, dafs 
Cynewulf, der das Carmen in fast allen Werken (unter Über- 
nahme von Latinismen) direkt benutzt hat, die Originalität 
zukommt. Indem ich für die weiteren Parallelen auf Grüters 
verweise, gebe ich eine übersichtliche Ableitung der Stellen: 

Phon. 413ff. purh ncedran mp, Hei. 10321' — 35«. [Ee konsta is 

pä hso nearive biswäc möd-sebon, 

yldian üsse in Cerda^um wrEdamvilleon,] hivd he thesa tverold 



purh fCBcne ferd. 



Gü. 826 ff. (wlf) hyre ivere sealde 
t)urh deofles searo deadberende ^yfl, 
poet da sinhlivan tu sioylte ^etSah. 
Sippan SS spei üd^enge weard 
Adame and Evan, eardwica cyst, 
beorht odbroden; seitdem herrscht 
der Tod in der Welt. 

Cr. 1 408 1 ff. ond pä bidrifen wurde 
on päs psostran woruld, pcSr pü 

polades 
sippan mcegenearfepu micle stunde 
sär ond swär gewin ond swartne dsad, 
ond cefter hin^onge hrsosan 

sceoldes 
hsan in helle, helpendra Isas. 
Da mec ongon hrsoivan, pcet min 

hondgeweorc 
on fsonda ^eiveald fsran sceolde. 
1460 f. Ic onfsng pln sär, pcet pü 

moste ^escelig mlnes 
Bpelrices Eadig neotan. 



Srist 
an them anginnea, irmin-thioda 
biswekmidsundiun,yg[.Gn.ldl — 98. 
1035b — 37a. thd he thiu sin- 

hiivun tivs, 
Ädama7i endi Evan, thur un- 

trewa 
forUdda mid is luginun, 



1037b — 39 äff. springen in die 
gleiche Stelle der Rede Christi an 
die Verfluchten über: that liudio barn 
aftar irohinferdi helleasDhttm, 
gumöno gEstos. 



1039 b — 42 a. Thü welda that god 

mahtig, 
xvaldand icendean endi welda thesum 

iverode forgeban 
hdh himilrlki; be thiu he herod 
is stinu senda. [hslagna bodon, 



216 



Der ScWnls dieser Heliandstelle ist aus Phon, hervor- 
gegangen. Zu 1043'' vgl. auch Gü. 56^. 



Phon. 400^. 1». ficerhimmpgescsod 

ealdfsondes cefsst. 
[Gü. 56 b. sE pe him llfes ofonn.} 
Phon. 413 {purh ncedran mp), pä 
Mo nearwe biswäc [1035] 

yldran üsse in cerdagum 

purh föecne ferd, pcet hl feor 
ponan 

in päs deaddene drohtad sJihton 

sorgfulran gesetu. 

Phon. 408^. hcefdon godes yrre. 



10421'— 48 a. That loas Satanäse 
tulgo 
härm an is hugi, a fönst heban- 

rlkies 
manno kunnie; welda thü mahtigna 
tnid them selbon sakun sunu droh- 

tines, 
thBm he Ädaman an srdagun 
darnungo hidrög, thatheioard 

is drohtine led, 
biswek ina mid sundiun, . . . 
Zu 1047i> vgl. Phon. 408 1^. 
Genau dieselbe Reihenfolge der Reminiszenzen, nur noch 
deutlicher, liegt Hei. 3592 flF. vor: zuerst solche aus Gü., dann 
aus Gr., zuletzt aus Phon., und zwar genau dieselben Stellen. 
Diese Aufeinanderfolge entstand schwerlich dadurch, dafs der 
Dichter auf die erste Stelle zurückblätterte, sondern sie stellte 
sich wohl in seiner Erinnerung von selbst so ein (das Ge- 
dächtnis der mittelalterlichen Menschen war ja sehr gut!). 
Jedenfalls wird durch diese gleiche Art der neuausschöpfenden 
Aufeinanderfolge der Abhängigkeitsbeweis noch vollständiger. 

Gü. 791. Dcet is Wide cüdivera 

cnEorissum, 
f oleum ^efröSge, pcet te frympa 

god 
pone (erestan celda cynnes 
of pcßre clcenestan, cyning cel- 

mihtig, 
foldan geworhte. 

823. Post da sinhlwan td swylte 

getEah 
Sippan SE Epel üd^en^e weard 
Ädame and Evan . . . 

Gü. 808 fif. tu päm fce^restan 
heofonrlces ^efean hiveorfan 

möstan 
leomu, lic somod and llfes g^st . . . 

Gü. 816b. ]gy tQ cBr aprmt, 
pcet hy waldendes willan Icesten . . . 
Cr. 1394 ff. fcecnum fEonde 
furpor hgrdes, 



3592 b — 95 ist Übernahme des Ein- 
gangs von Gü. 791 ff. 

That menid thöh liudio harn, 
al tnankunni, hivösiemahtig god 
an themu anaginne thurhisEnes 

kraft 
sinhlwun twe (Gü. 823») selho 
giwarhta, 



Adam endi Evan, 

3596^.97». fargaf im upivegos, 
himilo rlki. 



3597 b vgl. den Ausdruck in Gu. 
Äk thö ward im the hatola te tiäh, 

3598 aus Cr. 1394 ff. 



217 



1398. firenweorctim forlure, pcet 
ic dB tu fremum sealde. 

Phon. 413ff. pä hso nearwe bi- 
swäc 
yldran ilsse . . ., 
414. pcet In feor ponan. . . 

Cr. 1405. neorxnawonges wlite 
nyde sceoldes 
ägiefan . . . 

Cr. 1404 f. pä pü of päm gefEan 
fremde %vurde, 
feondum on willan feor äworpen. 

Cr. 1 408. ond pä bidrifen wurde 
on päs peostran ivoruld, pc^r pü 

polades sippan 
mcegenearfepu micle stunde 
sär ond swär gewin. [Vgl. 1418 
säre sipas.] 



Cr. 1404. feondum tö willan 
feor äworpen (wurde). 
1414 f. Da tnec ongan hreowan, 

pcet min hondgeweorc 
on fsonda geweald feran sceolde. 
Gü. 829^ f. weorces onguldon 
deopra firena purh deädes cwecilm. 
Cr. 1412 f. ond cefter hin gonge 
hrsosan seeoldes 
hsan in helle. 



Cr. 1379f Hwcet ic pec, mon, 
hondiim minum 
cerest geworhte. 



flund mid fScnu endimid firin- 
werkun, 

3599. Phon. 41 3 ff., vgl. Hei. 1035, 48. 
biswsk sie mid sundiun, 

that sie sinsköni, 

3600f. Höht farletun, wurdun 
an Isdaron stedi, 
an thesan middilgard man far- 
worpan, 



3f)02 — 4». tholüdun Mr an 
thiustriu thiodarbedi, 



tounnun wraksldos, welon thar- 

b7)dun 
fargätun godes rikies, 

3603 b vgl. Cr. 1391 beorhtne 
blCBdwelan (neorxnawonges). 

Gü. 800b. Peer ne wces welan 
brosnung. 

3604b. 5». gramon theonüdun, 
fiundo barnun; 



3605b. 6a. Vgl. Hei. 1037b — 39«. 
sie gut dun is im mid fiuru lön 
an theru heton helliu. 



3606b — 9a. Aufnahme des Ver- 
gleiches der vertriebenen Stamm- 
eltern mit dem Blinden vor Jericho 
nach dem Bedakommentar zu Luk. 
18, 35 (s. oben). 

3609bf. ihena the sie mid is 
handun gisköp, 
giwarhta an is willion. 

3610 f. aus d. Bedakommentar (vgl. 
Phon. 418 a). 



218 

3612» an dödes dalu übersetzt 
Phon. 416 a. 
Phon. 411 f. forpo7i hg sdles tvyii 3612^ — 19 ist ein klarer, be- 

geoniormöde ofgiefan sceoldon . . . stimmter Nachklang aus Phönix. 

Phon. 415 ff. pcet hl feor ponan Sätun im thö bi theru drohtines 
in päs dEaddene drohtad söhton, strähm 

sorgfiilran gesetu. Hirn weard jämarmüde, godes helpa bidun; 

seile llf siu ni mahta im thöh er iverdan, 
hEolstre bihyded and SE hälga er than lonldand god 

ivong an thesan middilgard, mahtig drohtin, 

purh fcondes searo fceste bityned is selbes stinu sendian weldi, 

tvintra mengu, oppcet lotddor- that he Höht antluki lixidio 

cyning barnnn, 

purh his hidercyme (Vgl. 3622^^. oponddi im Ewig llf, that sie 

23») hälgum tü^Eanes, thena alowaldon 

moncynnes ^efEa, mepra frefrend mahtin antkennian ivel, kraftagna 
and SE änga hyht, eft ontynde. god. 

Da Cr. und Gü. ein Werk bilden, Phon, ebenfalls von 
Cynewulf herrührt, so ist die Abhängigkeit des Hei. von allen 
drei Stellen sehr natürlich. Wir haben darin, was Cynewulf 
angeht, einen neuen Beweis seiner literarischen Bedeutung und 
Einwirkung. 

Welche anderen Werke Cynewulfs etwa dem Heliand- 
dichter bekannt waren, und wie stark er sie benutzt, dafür 
fehlen vorläufig sichere Anhaltspunkte. Wir werden jetzt 
iedenfalls das Recht haben, auch bei minder starken Beweisen 
im Heliand Reminiszenzen aus Cr.-Gü. u. Phon, (nicht Himmelf. - 
Höllenf.) zu konstatieren, sobald die geläufigen Heliandquellen 
versagen, so an der von Grüters (S. 40 ff.) angemerkten Stelle, 
Heliand 378—82 aus Cr. 1419 — 26, und in Christi und der 
Jünger Gespräch über das jgst. Ger., 4296 (und vorher) 
bis 4453. 

Im ganzen schliefst sich in letzterem Teile der Autor 
sehr treu an die Bibeltradition, resp. den vermittelnden Tatian 
an. Keine einzige Spur als das Wort Mutspelli 4360 und 
V. 4354 — 63 weisen bestimmt auf andere Herkunft. V. 4354 ff. 
lehnen sich deutlich an den Eingang des Cr. 3 an (s. dort, wo 
die Quellenverhältnisse dieser Ideengruppe auseinandergesetzt 
sind). Im Hei. liegt dieselbe Vollständigkeit und Verbindung 
der Ideen vor wie Cr. 867 ff., die quellenmälsig sonst nirgends 
zu belegen war. 



219 

Anmerkung 1. Für die Kompositionsweise des Helianddichters, 
sowie deren historische Entwickelnng sind die Einschiebungen der Silnden- 
fallepisode sehr lehrreich. Der Heh'anddichter verfährt in der Anbringung 
solcher veranschaulichenden Gemeinplätze wie sein ags. Vorbild, der seiner- 
seits die Vorliebe dafür (Cr. 1379ff., Gü. 791ff., Phon. 393ff., Beow. 1724 ff., 
Jul. 497 ff.) gleichfalls aus seinen Quellen zu habeji scheint. Denn in 
Carmen II, III hat die Erzählung des Sündenfalls ebenso episodischen 
Charakter wie bei Cynewulf: Erst mit Abschnitt IV wird das eigentliche 
Thema, Auferstehung der Toten, in Angriff genommen. Die Erzählung 
des Sündenfalls hat nur wie in Gü. und Phon. (Cr. 3) den Zweck, zu 
illustrieren, dafs alle Menschen sterben müssen, oder einen ähnlichen. 
Auch diese Beobachtung ist geeignet, die Hypothese von Morsbach, wo- 
nach die ags. Epik auf mlat. Vorbilder zurückgeht, auf das kräftigste zu 
unterstützen. (Vgl. oben S. 127 f. Anm.) Für den Helianddichter , dem 
nach der Ansicht der meisten Forscher der Tatian vorgelesen wurde, ist 
es bezeichnend, dafs er diesen Weg, jedenfalls in diesem Falle, erst auf 
Veranlassung des Angelsachsen betreten hat, den er noch gut verstanden 
zu haben scheint. Für die Erkenntnis des sprachlichen Verhältnisses 
zwischen den kontinentalen Sachsen und den Angelsachsen dürften die 
entlehnten Stellen somit auch von Interesse sein. 

Anmerkung 2. Die von Grüters aufgebrachten Parallelen zwischen 
der as. Gen. (ags. Gen. B) und Cr. 1379 ff., die er auf die Rechnung einer un- 
möglichen ags. Tradition der Sündenfallepisode setzte, erweisen sich als 
direkte Entlehnungen aus Cr. Spätere Einflüsse zeigen sich auch an 
anderen Stellen der ags. Gen. A (z.B. 20 f. cf. Jul. 501; 67 ff. cf. Andr. 
1831 [Schlufs 14] und Beow.; 114 cf. Jul. 498«). 



Muspilli. 

(MSD3, S. 7ff\, Steinmeyers Text.) 

Eine Darlegung der Forscliung über dies Denkmal, dem 
so viel Liebe und Mühe von den Besten gewidmet worden ist, 
würde zu viel Zeit und Raum kosten, ohne wesentliches Neue 
zu bringen. Ich beschränke mich daher auf die Beifügung 
einer chronologisch geordneten, Vollständigkeit erstrebenden 
Literaturübersicht (als Anhang II) und komme gleich zu den 
Quellen, aus denen ich zu deduzieren suche, was sich gewinnen 
lälst. 

Die Parallelen, auf welche C. Kraus, Zs. f. d. öst. Gyran. 47, 
342 ff., als mittelbare Verwandten hingewiesen hat, sind (Pseudo- 
Hippolytus, De consummatione mundi, K.37, Migne, Graec. 10. 559) : 

[Musp. 50.] 'Fluvius enim igneus egrediens cum furore 
instar maris saevi exuret montes et colles' 



220 

[52 f.] 'et mare delebit' 

[53''.] 'ac aethera velut ceram inflammatione dissolvet,' 

[54*. Contamination, s. unten] 'stellae cadent de caelo, sol 
convertetur in tenebras et luna in sanguinem,' 

[54''.] 'caelum more libri volutabitur, exuretur universa 
terra.' 

[79.] 'Tune sancti angeli discurrent' 

[80 (73).] 'congregantes omnes gentes, quos expergefaciet 
horrenda vox illa tubae,' 

[80 (89, 87 f.).] 'sistenturque ad tribunal Christi,' 

[83,] 'qui fuere quondam reges, principes, pontifices, sacer- 
dotes, ut administrationis suae et ovilis reddant rationem . . .' 

[100 flF.] 'ac ostendet' (sc. Christus) 'eis manuum pedumque 
clavos, latus suum lancea perforatura, caput coronatum spinis 
ac pretiosam erueem.' 

Er hätte noch hinzufügen können, dafs K. 46 Christus in 
seiner Ansprache an die Bösen die einzelnen Glieder aufzählt 
und von ihnen ßechenschaft verlangt [Musp. 91 ff.]. 

Die Benutzung dieser Stellen denkt sich Kraus im ein- 
zelnen: „Das Fallen des Mondes wird also nur durch ein Ver- 
sehen des Dichters oder durch eine Auslassung in seiner 
lateinischen Quelle an die Stelle des Sternfalles getreten sein. 
— Dals eine Auslassung im Spiele ist, ist schon deshalb 
wahrscheinlich, weil der Dichter, der die Bäume aus Eigenem 
hinzufügte, wohl kaum die Sterne und die Sonne absichtlich 
mit Stillschweigen übergangen hätte." In einer Anm. verweist 
er auf die normannische Version der 15 Vorzeichen, Nölle, 
PBB 6, 449: Der Mond wird rot, nähert sich der Erde, fährt 
dann ins Meer, um den Tag des Zornes zu vermeiden. Für 
sten ni Jcistentit (55^) zieht er mit Kögel an: Matth. 24, 2; 
Mark. 13, 2 ; Luk. 21, 6 und dazu die 15 Vorzeichen. 

Die Quelle, welche mir für dieselben Stellen zu Gebote 
steht, enthält alles bis auf das Zeigen der Wundmale, ein 
sehr verbreitetes Motiv [Musp. 102]. Es läfst sich nicht be- 
stimmt vermuten, ob es etwa in einer noch näheren Vorlage 
vorhanden war, denn es bieten sich aufserdem zahlreiche 
Möglichkeiten der Übernahme. Ja, die Ergänzung stellte sich 
mit V. 100 und dessen Quelle fast von selbst ein. Im ganzen 
ist das Verhältnis zur Vorlage frei genug, dals wir für 102 



221 

Provenienz von anderer Seite annehmen dürfen. Auch für 
54* brauchen wir nicht mit Kraus zu der letzten Zuflucht 
eines Fehlers zu greifen, da erlösende Parallelen von wahr- 
scheinlich verwandten Quellen zu Hilfe kommen. Da nun 
Ps.-Hippol., welcher sehr viele jüngere, im Musp. nicht vor- 
handene Bestandteile enthält (so z. B. treten Elias, Enoch und 
Johannes gegen den Antichrist auf), nach Nowostrojew- 
Harnack, Gesch. d. achristl. Lit. I, 644, frühestens im 9. Jahrh. 
entstanden ist, so wird dadurch an sich eine Benutzung im 
Musp. in Frage gestellt. Die Annahme eines mittelbaren Zu- 
sammenhanges jedoch, wie sie Kraus macht, ist unbedingt 
richtig. Bousset leitet Ps.-Hipp. sogar in gerader Linie aus 
Ephraem ab. 

Ehe ich an mein Werk gehe, möchte ich hier betonen, 
daXs ich betreffs des Musp. zwar nicht ohne gut gegründete 
Überzeugung, aber doch ohne so schlagende Beweismittel zu 
sein glaube, wie z. B. auf dem reichen Felde von Cynewulfs 
Werken. 

Für Musp. 31 — 103 ist ohne allen Zweifel die auch im ags. 
Traumgesichte vom Kreuze benutzte Predigt des Ephraem Syrus 
De cruce, Vossius S. 537 ff., Quelle, für 1—30 höchstwahrscheinlich 
ein anderes Stück desselben Autors: Sermo in eos, qui in Christo 
obdormierunt etc.: „Quid ita hodie, carissimi, serio seduloque 
simul congregati sumus?" Vossius, 591 ff. 9 Ich habe in der 
übrigen Literatur nichts gefunden, was auch nur annähernd 
gegen beide aufkäme; nur für 1 — 30 bietet eine zweite spätere 
Predigt einige Parallelen: Cyrillus von Alexandrien, Migne, 
Graec. 77, 1071 ff. (vgl. Anastasius Sinaita, Migne, Graec. 89, 
1191 ff. und Andreas Cretensis, Migne, Graec. 97, 1282 ff.), 
welche gegenüber Ephraem wenigstens einen Vergleich lohnt. 

Die Schwierigkeit ist nun die: Haben diese beiden Pre- 
digten Kürzung und Vereinigung schon in der zur Kürzung 
stark neigenden Karolinger zeit (darauf machte mich Herr Prof. 
Wilh. Meyer aufmerksam) erfahren, oder erst durch den 
Dichter? Ephraem spielt in der altgermanischen geistlichen 
Literatur eine grofse Rolle; seine Sermone sind wohl meistens 
unter seinem Namen (auch untergeschobene finden sich!) und 

^) Den predigtartigen Charakter des ahd. Gedichtes hat zuerst Müllen- 
hofif erkannt (Zs. f.d. A. 11). 



222 

vollständig überliefert aufgetreten, denn sie standen gewils über 
dem Niveau der gewöhnlichen Predigten. Andererseits würde 
die Weglassung vieler schöner Stellen nicht recht begreiflich 
erscheinen. Um es kurz zu sagen: Es besteht ein Abstand 
zwischen dem Gedichte und den Quellen, der sowohl direk- 
teren Vorlagen als auch dem Dichter selbst zugeschrieben 
werden könnte, und der das Erfassen der Arbeit des Verfassers, 
was wir ja so sehr brauchen, erschwert. Aber es sind doch 
einige Stellen vorhanden, wo wir mit unumstölslicher Gewils- 
heit die Hand des Autors erkennen können, wo sich zeigt, 
dafs nicht die Vorlagen, sondern der Dichter selbst frei mit 
den Quellen umgegangen sein mufs, so 36 ff., 66 ff., 91 ff. 
Ähnliches ist wahrscheinlich an zahlreichen andern Stellen. 
Dagegen können eine Anzahl Anlehnungen an andere Predigten 
Ephraems (besonders die verbreiteten 6 lat. Traktate) schon 
von den Vorgängern unseres Dichters herrühren. Wir haben 
also die Gewilsheit, dals mindestens ein Teil der Abweichungen 
von diesen Quellen auf Rechnung des deutschen Poeten zu setzen 
ist, so dafs wir etwas Vertrauen zu unseren Vorlagen haben 
dürfen. Sehen wir nun einmal dem Dichter bei der Arbeit zu ! 

Der Sermo über die in Christo 
Entschlafenen usw., Vossius 591 flf., 
preist zuerst die aus der eitlen Welt 
zur Seligkeit Eingegangenen, welche 
auf der Erde fremd gewesen seien 
und nur den Himmel erstrebt hätten, 
konstatiert die allgemeine Trauer 
über ihren Verlust und kommt dann 
auf die Sterblichkeit der Menschen. 
Vossius 592, IB. Pretiosa in con- 
spectu domini mors sauctorum ejus, 
at mors peccatorum pessima. Et 
propterea dicebat propheta: Cur 
timebo in die mala? Iniquitas 
animae meae circamdabit me. 

Venietenimdies et hora, fratres; Musp. 1. ... sin tac piqueme, da^ 
veniet, inquam, omnino et non prae- er touuan scal. 

teribit, quando relinquet homo 
omnia et omnes et solus abibit 

derelictus, abjectus, nudus, omni) , , ... ,.,„ 

auxilio destitutus, absque tutore et ..^S^' ^^' ^<ir qmmU xmo hüfa 
Sine uUo comitatu imparatus et) ^^nuolc,21\enUxmohxlfamqmmit. 



223 



loquendi audacia destitntus .... 
592, 1 C. Veniet eniin repente hora, 
et cuncta cessabunt : parva febris et 
cunctae vanitates in nihilumrecedent; 
una nox profunda et tenebrosa atqne 
aernmnosaet adducetur tamquam 
judicatus ac condcninatus a d poe- 
nam, quo lictores eum abdu- 
cent. Multis sane tunc opus 
tibi erit ductoribus, o homo, multis 
adjutoribus mnltisque sociis 
in hora separationis animae a 
corpore. Darauf wird die Notwen- 
digkeit und Unerbittlichkeit des 
Todes ausgemalt : Dann hilft keiner, 
dann kümmern wir uns nicht mehr 
um Geld, Speise usw. Der gläu- 
bige Sterbende nimmt schmerzlosen 
Abschied von seinen Freunden und 
tröstet sie auf ein Wiedersehen, 
bittet sie um Fürsprache für seine 
sündige Seele, klagt sich selbst an. 
Während er weiter sprechen will, 
versagt ihm die Stimme . . ., 593, 
IC, quando dominicae copiae 
atque satellites advenerint, 
quando formidabiles exer- 
citus invaserint atque apprehen- 
derint, quando divini nuntii atque 
emissarii animum ex corpore 
migrare jusserint, quando inexo- 
rabiles apparitores in Judicium i) 
nos trahentes detulerint, quos mise- 
rabilis tunc spectans homo, etiamsi 
rex sit^), etiamsi magistratum ac 
praefecturam gerat, etiamsi tyran- 
nus Sit etc., concutitur ... er 
wird dann die Allmacht des Ewigen 
erkennen. 593, IE. ... quid est 
vana et inhumana illa nostra potes- 
tas? Ecce vere exercitus caelestes 
. . . Daher lalst uns nicht noch 
dem Verschiedenen Unruhe bereiten, 
sondern: 593, 2B. Orate, ut cum 
pace anima exeat, ut locnm quietis 
accipiat. Supplicate, ut angelos 
benignes habeat, precemini, ut 



Vgl. 9.10. da^ (sc. Satanä^ses kisindi) 

leitit sia sdr, dar im 

leid wirdit, 
in fuir enti in finstri: da^ ist rehto 

virinlih ding. 
Vgl. 2. 3. uuanta sdr so sih diu sela 

in den sind arhevii 
enti si den Uhhamun likkan lä^^it. 
Dazu ziehe man den (lat.) Traktat 
Ephraems De beatitudine animae, 
Vossius HOflf., der dem Wortlaut von 
2.3 am nächsten kommt. 140, iE. 
' Beatus, qui in hora illa emigrationis, 
quando cum timor e atque dolore anima 
separatus a corpore, fiduciam reperit. 
Venturi enim sunt angeli, qui animam 
a corpore jam separatam accipiant 
sistantque ante tribunal immortalis 
ac tremendi judicis.' 
4. 5. so quimit ein heri fona himil- 

zungalon, 
da;; andar fona pehhe: dar pägant 

siu umpi. 
Als Ergänzung zu Zarnckes Aus- 
führungen (Ber. d. sächs. Ges. 18) sei 
bemerkt, dafs der Streit der Engel 
und Teufel um die Seele eine ewig 
neue Quelle in der Apokalypsis Pauli 
(Visio Pauli) und ihren Nachbil- 
dungen hatte. 
') sih in den sind arhevit, 2 ^ u. 3. 
*) Zu derartigen Stellen halte man 
die Annahme, dafs das Mnsp. an 
höhere Stände gerichtet gewesen sei. 



224 



mitem atque benevolum judicem 
inveniat . . . Orate, nam in magna 
nunc agonia constitutus est . . . 
Quid est homo? Nihil . . . Alle 
sinken dahin, auch der Mächtigste. 
593, 2 C. et ecce abducitur ad locnm, 
quo abducere satellites solent. In 
lila die praeteribunt omnes sermo- 
cinationes ac cogitationes ejus, in 
illa die, quando divini exactores 
in medium prodierint excepturi ani- 
mam ex aere supervenientes, 
in quo principatus consistunt 
ac potestates mundique rec- 
tores adversariarum copiarum, 
acerbi illi nostri accusatores, saevi 
tributorum exactores, calculatoresl 
atque censores occurrentes et/ 
rationem exigentes, examinantes et 
hominis peccata 



ac peccatorum 
chirographa praeferentes, quae 
in juventute et quae in senec- 
tute, quae sponte quaeque impruden- 
ter, quae operibus et quae cogitatio- 
nibus acciderunt. Magnus ibi tnnc 
timor, magnns infelicis animae tremor. 
Inexplicabilis necessitas, quam tunc 
subit ac sustinet ab immensa infinito- 
rum hostium multitudine ipsum ca- 
lumniis proscindente, ne ad caelum 
ascendat, ne in regionem vivo- 
rum ingrediatur []], ne in lu- 
mine viventium[2j inhabitet[3], 



Vgl. 9, da^ leitit sia sdr, dar iru 
leid tvirdit . . . 



4. 5. sd quimit ein heri fona himil- 
zungalon, 
da^ andar fona pehhe: dar pägant 

siu umpi. 
Statt 'ex aere' ist fona himilzun- 
galon offenbar erst durch den Dichter, 
' der den Stabreim zu heri brauchte, 
eingesetzt, 'in quo consistunt' = dar 
pägant siu umpi, 5^. 

^) pägan ist also in erster Linie 
„streiten mit Worten, disputieren"; 
in zweiter auch „gewaltsam kämpfen", 
denn der Ausgang des Kampfes ist hier 
zweifellos gewaltsam. Vgl. MSD'II,37. 

Hier liegt liegt vermutlich der Aus- 
gangspunkt für V. 69, 70 (71): 
der hapet in ruovu rähono uueUha, 
das; der man er enti sid upilea 

kifrumita, 
da^ er i^ alla^ Jdsaget . . . 

Auf die Übertragung vom Gericht 
nach dem Tode auf das jüngste 
komme ich weiter unten. 



14 f. dar ist Up äno t6d[l], Höht 
äno finstri [2], 
selida [3] äno sorgün. 

Für die lat. Sätze hat der Dichter offenbar die in Pre- 
digten und in der geistlichen Dichtung geläufigen Formeln 
eingesetzt, ihre Reihenfolge entspricht jedoch genau dem 
obenstehenden Text. (Vgl. 16. 17* pü, hüs in himile) Der 
vielgenannte Vers 14, den auch Otfrid, I, 18, 9 bietet, und zu 
dem MtiUenhoff in den Denkmälern (3. Aufl. II, 32) eine grolse 



225 



Menge Parallelen schon beigebracht hat, sollte doch nun 
endlich als literarhistorisch nichts beweisende Formel an- 
erkannt werden. Noch Kögel, Pauls Grundr. 2 II, 110, nimmt 
an, dals ihn Otfrid aus dem Musp., welches er deshalb gekannt 
haben soll, entlehnt habe. Vgl. auch Lactanz, De div. inst. 
7, 27 (Migne 7, 819 A) 'pro morte vitam, pro tenebris claritatem'; 
Ps.- Johannes -Apok., Tischendorf (Apocalypses apocryphae) 
S. 92, ovx löTiv d^ävaroq, ovx lonv vvB,, dXXa Jtccvra rjf/tQa', 
Wtilker, Grundr., Predigten der Vercellihs., z. B. Schluls der 
19. Predigt (S. 491): pcer is ece med and Jxer is Ufbiitan deaäe 
and geo^uä hutan ylde and höht hutan pystrum; Hatton 116, 
Hofmann, MUnch. gel. Anz. 50, 351, von der Hölle: Jxbt is deaä 
hutan life and peostru buton leohte ; ebenso von der Hölle Cyrill 
von Alexandrien (s. unten): 'ubi lux nulla neque mortalium vita 
est, sed dolor sempiternus'. Vgl. oben Cr. 1649 ff. 



Der Satz geht zu Ende : aeternum \ 
sancti angeli excipientes aui- 1 



12. entisi dero engilo eigan wirdit, 



secum in caelum abducunt. 



Der Aufang des folgenden Satzes, 
dessen Sinn allerdings von Mnsp. 
abweicht, ist gleichwohl als Anlafs 
für 15^. 16. 17 'i zu betrachten: Tune 
nos mortale curantes corpus 
et tamquam peregrinum atque 
alienum ex propria domo ad 
sepulturam eflferentes , m a g n u m 
aliud et formidandum mysterlum 
cernimus consideramusque ibi 
parvos et maguos, reges et ple- 
bejos, tyrannos ac servos cuuc- 
tosque alios in unum cinerem ac 
pulverem redactos et in nnum foe- 
torem ac putredinem vermemque 
resolutos . . , 

Dann wird ausführlich von dem 

Studien z. engl. Fbil. XXXI. 



13. die pringent sia sär üf in 
himilo rihi. 
Dieser Vers ist also, wie die Quelle 
zeigt, richtig überliefert, und es geht 
nicht an, mit Möller heffent ein- 
zusetzen, da pringent eine viel 
genauere Übersetzung von 'abdu- 
cunt' ist. 

Der Dichter hat in 1 2. 1 3 das Haupt- 
verbum vorweggenommen, dann in 
14. 15» den Inhalt des eingeschobe- 
neu Satzes erledigt. Also müfste 
auch von dieser Seite her 15 ''ff.: 
dar nist neoman siu/t. 
denne der man in pardisii pü ki- 

uuinnit, 
hüs in himile, 

dem nächsten Satze entsprechen. 
Wir sehen hier deutlich, dafs der 
Verfasser seiner Phantasie folgt, was 
ja bei so formelhaften Stellen nicht 
viel besagen will. Zu 171»: 

dar quimit imo hilfa kinuok, 
vgl. den späteren Satz 595, 1 B: 
'Bouum in illa tunc horatibisub- 

15 



2^6 



Schicksale der begrabenen Leich- 
name gesprochen: 

594, 1 A. Quos 
saepe dum liquefactos ac pntre- 
factos in sepulcro jacentes conspi- 
cimus, digito nobis invicem demon- 
stramus dicentes: Ecce hie talis et 
ille talis . . . 594, IC. Loquimur 
ibi, et nemo est, qni audiat; 
plangimus et nemo, qui atten- 
dat . . . Nos, inqaiunt, qui ex hu- 
manis excessimus, illi sumus, quo- 
rum cujusque anima in locis 
sibi congrueutibus versatur, 
ut quaeque est commerita . . . 
594, 2A. Quocirca deinceps ne 
vos ipsos fallatis, sed a nobis 
... edocti, resipiscite, et fir- 
miter credite apud inferos 
Judicium esse et sine fine 
supplicium et tenebras omnis 
lucis expertes 



et gehennam 
inconsolabilem vermemque non 
dormientem et fletum absqne silentio 
et stridorem inaccessabilem, tribu- 
lationem atque angustiara in- 
curabilem 



esseque citra per- 
sonarum acceptionemjudicem 
et ministros nemini parcentes luc- 
tumque ibi amarnm ac sempiternum. 
Die nun folgende Zusammenfassung 
bei Ephraem ist im deutschen Ge- 
dichtevorweggenommen. Haecquam- 
vis non verbis, rebus sane ipsis ad nos 
fratres nostri, qui illuc praecesserunt, 



veniet auxilinm, si pauperibus 
atque meudicis hie compassus fueris. 
Man beachte den Fortgang der 
Gedanken in der Quelle. 



Vgl. Musp. 26 b. 27. da; ist rehto 
paluuic dink, 
da; der man haret ze gote enti imo 
hilfa ni quimit. 



18 ff. pidiu ist dürft mihhil allero 
manno uuelthemo, 
da; in es sin muot kispane, 
da; er kotes uuillun kerno tuo 
enti hella fair harto uutse, 
pehhesptna : dar piutit der Satanä; 

altist 
hei;;an laue, so mac huckan za diu 
sorgen dräto, der sih suntigen uuei;. 
uue demo, in vinstri scal sino virind 

stüen, 
(' inferos ' wird mit hella identifiziert, 
darin der Satanä; altist herrscht, 25) 
26 a. prinnan in pehhe. Vgl. 21 ^, 

23 a. 

Vgl. 26''. 27. Die Übertragung ist 
hier frei im Anschlufs an die schon 
zu- 1 und 15 ff. zitierten Stellen, 
weniger wahrscheinlich an das nahe- 
liegende Gleichnis von dem Reichen 
und dem armen Lazarus, worauf 
schon MSD verweisen. 

28, 29. uuänit sih kinäda diu 
uuenaga sela: 
ni ist in kihuctin himiliskin gote . . . 



227 

loquuntur ac nos docent: quorum 

sicut memoriam facimus, ita ab 6.7. sorgen mac diu sela unzi 

illis aliquid desideremus ad- diu suona arget, 

discere vel aadire aut nosse zn uuederemo herie si gihalotuuerde. 
veluti, ubinam sint, vel quo- Diese Vorwegnahme, wie vielleicht 
modo se habeant eorum animae die ganze Behandlung, zeigt, dafs 
utrumque apud superos an der Autor den Gedankengang seiner 
apud inferos existant. Anne Quelle gut kannte. Vgl. ßlickling- 
intueantur nos modo aut ipsi eos hom. 8», ed. Morris, S. 97ff. = Ars- 
aliquando adhuc conspecturi si- mann, Bibl. d. ags. Prosa 3, I64i): 
mus ? . . . Ceterum nemo ista Ac hwcet is, pcet pcem men sy mare 
novit . . . pearf to pencenne, ponne embe his 

sauwle pearfe, and hwonne se dce^ 
cume, pe he sceole wid pcem licho- 
mon hine ^edcelon, and hwylce lat- 
teowas he hoebhe and hivyder he 
gelceded sy, pe to wite, pe to wuldre. 

Die nächsten Sätze der Predigt sind fUr die Textkritik 
aulserordentlich wichtig, denn sie widerlegen die von Bartsch, 
Germania 3 vorgebrachten angeblichen Widersprüche zwischen 
1 — 30 und 31 flF., die ja auch schon Zarncke a. a. 0. aus den 
Widersprüchen der kirchlichen Lehren erklärte. Aber Zarncke 
gab trotz seiner zahlreichen Belege, S. 195, wie schon berührt, 
zu: „Allerdings ist kaum irgendwo jene Doppelverurteilung 
und die darin scheinbar liegende Ungereimtheit so auf die 
Spitze getrieben wie in unserem Gedichte, und dieser Punkt 
verdient noch unsere Aufmerksamkeit. Unser Gedicht läfst 
nämlich gleich nach dem Tode die Guten völlig eingehen zu 
den himmlischen Freuden, sie kommen üf in himilo rihi, sie 
gewinnen pü in pardisu, und zwar Jiüs in himile, und das 
verstölst gegen die alte und korrekte Auffassung des Dogma." 
Damit ist der Textkritik von Bartsch immer noch ein gewisser 
Spielraum gelassen. 

Wir sahen schon, dafs das direkte Eingehen der Seelen 
zur Seligkeit, bezw. zur Verdammung, vom Dichter einfach 



*) Es ist unbegreiflich, wie Afsmann (S. 263, Anm.) die Wort-für- 
Wort- Übereinstimmung beider Homilien aus der gleichen lateinischen Vor- 
lage erklären will. Die Predigt bei Afsmann ist deutlich jünger, und 
die minimalen Abweichungen von der Blicklinghom. sind nichts als Ver- 
einfachungen des zum Teil etwas geschraubten Ausdrucks. Die Ent- 
sprechungen reichen bis Z. 76 mit Auslassung mehrerer Sätze. 

15* 



228 

aus dieser angesehenen kirchliehen Quelle genommen ist. 
(Dieselbe Darstellung finden wir bei Cyrill v. Alex. a. a. 0. 
Vgl. auch Ephraem, De beatitudine animae, Vossius 140 ff.) 
Die folgenden Zeilen der Vorlage lauten: 

'Ceterum nemo ista novit: nullus enim illinc unquam 
rediit nuUnsque nobis de iis, qui ibi versantur, ubi sint, in- 
dicavit; nam ea sejunxit a nobis deus: verum abscondit et 
operuit atque obumbravit res illas a nobis, donec et nos 
hinc profecti ad ea, quae ibi sunt, pervenerimus, 
quando ex mortuis resurgemus omnes et adstabimus 
et confitebimur, ratioque omnium a nobis exigetur 
(vgl. 35. dar scal er vora denio rthJie a^ rahhu stantan) 
in illo magno ac tremendo, in illo formidabili et in- 
explicabili judicis tribunali, quando ex caelo veniet 
Universum judicaturus orbem terrarum, ab ortu solis 
usque ad occidentem, quando voces horribilissimarum 
illarum tubarum resonabunt, quando timore ac tre- 
more omnis sub caelo creatura commovebitur atque 
inturbabitur . . . 594, 2E. Advocabit caelum sursum et 
terram discernere populum suum omnemque carnem ad 
tremendum illud tribunal (31f. So denne der mdhtigo Jchuninc 
da^ malial kipannit, dara scal queman chunno MUha^), ubi 
non erit parvus et magnus, servus et liber, ubi non erit 
rex et subditus, sed aequaliter (32. MUha^) omnes judicio 
obnoxii, omnes vincti, derelicti, tremebundi, plorantes, anxii 
atque solliciti erunt, quid singuli dicturi sint quidve 
judici de male actis responsuri. (Vgl. 30. 35 f. Die wört- 
lichere, wirkliche Quelle hierzu siehe unten S. 232. Die 
Beziehung des folgenden Satzes auf den Antichrist scheint 
freilich frappant.) Ubi tunc ibi regum imagines, ubi tyran- 
norum jactantia . . .' Von hier ab versiegt diese Quelle bis 
auf einiges Nachträgliche, wo das jüngste Gericht und der 
Wert der Almosen betrachtet wird. 

Aus dem ersten Satze geht klar hervor nicht nur, dafs 
der Muspillidichter in der Vereinigung beider Gerichte einfach 
seiner Quelle folgte, also 1 — 30 und 31 ff. untrennbar sind, 
sondern, was M'eitere Bedeutung hat, dals Ephraem in beiden 
Gerichten nur einen einzigen fortlaufenden Prozels, etwa der 
Vergeltung, erblickte, dals er also das jüngste Gericht zweifellos 



229 

symbolisch ausgelegt hat. In Ephraems Traktat De beati- 
tudine animae wird die abgeschiedene Seele ebenfalls gleich 
vor den Richterstuhl Gottes berufen. 

Dies scheint überhaupt die allgemeine Auffassung der 
Heidenchristen gewesen zu sein, für die das Strafgericht des 
jüdischen Messias über Israels Feinde keinen realen Sinn haben 
konnte. Genau das gleiche Übergleiien vom ersten Gericht 
zum zweiten finden wir oft wieder, allerdings, soviel ich sehe, 
sonst nur in griechischen (und orientalischen) Quellen. Vgl. 
die unten im Zusammenhange besprochene Predigt Cyrills 
V. Alex. u. a., wo z. T. noch ausführlichere SchilderuDgen des 
unmittelbar angeschlossenen jgst. Ger. diese Auslegung sichern ; 
ferner Leo VI. philosophus, Canticum compunctionis, Migne, 
Graec. 107, 309 flf., wo von einem Zwischenaufenthalte der Seele 
keine Rede ist (s. V. 31 — 36 if.). Ebenso scheint die Auffassung 
im ags. Crist, wenn hier umgekehrt unmittelbar an das jgst. Ger. 
das erste angeschlossen wird, 1665 ff. Homilien lateinischen 
Ursprungs, welche das Gleiche böten, sind mir nicht auf- 
gefallen. Jedoch zeigen eine symbolische Auffassung des ge- 
samten Vorganges in ganz anderem Bilde auch 4. Esra, Kap. 15. 
1(5, deren Herkunft nicht sicher ist. (Vgl. Anhang I.) Dort er- 
scheint das Ende im Bilde gewaltiger Gewitterstürme über 
der Hure Babylon. (Hierzu vgl. die kanonische Apokalypse.) 
Die moderne Theologie legt es ebenfalls bildlich aus. Vgl. 
M. Kahler über Göttliches Gericht in Herzogs Realenzykl. f. 
protest. Theol. und Kirche, 3. Aufl. 

Es ist nun höchst schwierig festzustellen, wie weit unsre 
ältesten Dichter diese symbolische Auffassung teilen und wie 
weit sie naiv legendarisch weiterbilden. Der Muspilliverfasser 
läfst sich kaum etwas Eigenes merken. V. 35 rilihe zeigt 
vielleicht, dafs ihm ein deutsches Königsgericht vorschwebt. 
Allein diesen Zug hat er wohl dem Heliand entlehnt. (Siehe 
unten.) — 

Neben den erdrückenden Parallelen des im Occident so 
wohlbekannten Ephraem können die wenigen des Cyrillus, 
Migne, Graec. 77, 1071 ff. (Homilia de exitu animae et de 
secundo adventu) nichts bedeuten. Ich gebe sie der Bequem- 
lichkeit halber in der lat. Form. 'Metuo mortem, quoniam 
acerba mihi est. Metuo gehennam, quoniam aeterna est . . . 



230 

Tum nullus . . . poenis eripiat, non pater, non mater, non 
filius, non filia, non quispiam cognatorum, non vicinus, non 
amicus, non defensor, non pecuniarum largitio, non divitiarum 
abundantia, non potentiae fastus: quin haec omnia cineris ritu 
[vgl. „müspille" 57] in pulverem abeunt solusque reus ex suis 
factis absolventem aut condemnantem sustinet sententiam . . . 
Justum est dei judieium: vocabar et non obtemperabam 
[Musp. 33 f. denne ni hitar parno nohhein den pan furisizzan, 
ni allero manno uuelih se demo maliale sculi\ ; docebar et non 
attendebam . . . neque in animum revocans aut considerans, 
quantus animae metus, terror, certamen, aestus sit sustinendus, 
cum a corpore separatur. Praesto sunt enim nobis exercitus et 
potestates caelestes et contrariarum potestatum tenebrarum prin- 
cipes, improbitatis praepositi, maneipes publicani, ratiouum exac- 
tores et actionum censores aerei, et cum eis ille homicida diabolus 
[Satanä^ses Jcisindi 8] . . ., qui insidiatur ut leo in antro suo 
[68. da^ der tiuval dar pt Jcitarnit stentit], . . . qui mortis habet 
imperium, ... et sententia sua condemnans omnia . . ., quae 
peccavi: quaeque deinceps a pueris usque ad diem exitus feci, 
ea omnia perscrutans [69 — 71. der hapet in ruovu rahono 
uueltha, da^ der man er enti sid upiles Mfrumita, da^ er 
i^ alla^ Jcisaget, denne er ze suonu quimit] . . . Quando 
metu et terrore putas animum conflictari in illa die, cum 
videt . . . terribiles daemones . . . Tenetur igitur animus a 
sanctis angelis per aerem sublimis praeteriens invenitque 
quosdam quasi publicanos arcarum custodientes ... At 
sancti angeli animum ducentes proferunt omnia bona . . . 
Quodsi dignus fuerit, assumunt eum angeli et deinceps securus 
pergit comites habens sanctas potestates; ut habet scriptum 
illud: „Laetorum omnium habitatio apud te est." . . . Sin 
autem inventus fuerit dissolute et luxuriöse vixisse, audit . . . 
vocem: „Tollatur impius, ne domini gloriam videat" . . . Tunc 
a sanctis dei angelis derelictum prehendunt Aethiopes illi dae- 
mones et eum crudeliter verberantes deferunt ad terram eaque 
diffisa infractis colligatum vinculis praecipitant in tenebricosam 
et caliginosam terram . . ., ut ait Jacobus: in terram tene- 
bricosam atque tetram: terram caliginis aeternae, ubi lux 
nulla neque mortalium vita est, sed dolor sempiternus . . . 
lUic vae, vae perpetuo, illic eheu; illic vociferantur, nee 



231 



est, qui succurrat; clamant, nee ullus est, qui liberet . . . 

[Uff.]. 



Vossius 593, 1 A. Der Sterbende 
wirft sich vor: Quomodo mihi ipsi 
illusi dicens: Juvenis sum, adhuc 
perfruar rebus saeculi . . . , tandem 
aliquando poenitentiam agam: be- 
nignus enim est deus, et omnino 
mihi veniam concedet? Haec 
qnotidie cogitans vitam ipse meam 
valde male consumpsi. Edocebar 
quippe et non attendebam, admone- 
bar et deridebam, audiebam 
scripturas et tanquam non 
audiens agebam, audiebam de 
judicio et subsannabam, audie- 
bam de morte et velut immortalis 
vitam traducebam quasique aeternus 
condemnebam, et ecce, imparatus 
praeoecupatus sum et n ullus est, 
qui adjuvet, ecce impoenitens 
anticipatus snm, et nemo, qui red- 
imat. Ecce rogo, et nemo, qui 
exaudiat. 



Statt der Parallele: 'Justum est 
dei Judicium: vocabar, et non ob- 
temperabam' zu 33 hat Ephraem 
eine ebenso gute. 



Vgl. 28. iiuänit sih kindda 
wenaga sela. 



diu 



33 f. denne ni kitar parno nohhein 
den pan furisizzan, 
ni allero manno uueWi ze demo ma- 

hale sculi. 
Nach meinem Empfinden ist das 
Ganze sogar noch wörtlicher durch 
die Angabe 'de judicio' = pan 33, 
da m. E. bei Cyrill der Sinn des 'vo- 
cabar' nicht 'vocabar ad Judicium', 
sondern 'vocabar ad deum' ist. 
Dazu kommt, dafs das vorher- 
gehende 'tanquam non audiens' 
dem furisizzan verzweifelt ähnlich 
sieht. 
Nun ist Cyrill offenbar aus Ephraem hervorgegangen, also 
Zwischenfassungen sind wohl möglich. Ich halte daher nach 
allem für wahrscheinlich nur, dals die Entsprechungen für 
Musp. 8, 68 — 71 in der direkten Vorlage des Muspilli Verfassers 
enthalten waren, vielleicht auch die für 14 ff. — 

Im übrigen setzt in 31 ff. auch deutlich schon die zweite 
Predigt Ephraems mit einer nahe verwandten und daher asso- 
ziierten Stelle ein. In 31 — 36 treffen also beide Quellen zu- 
sammen. Nur das aus der ersten bisher nicht Nachzuweisende 
sei hervorgehoben. 

Es sei von vornherein darauf aufmerksam gemacht, dafs 
sowohl in der ersten Quelle die Entsprechungen von 31 — 36 
den Schluls als in der zweiten Predigt den Anfang der Be- 
nutzung bilden, so dals also eine Umstellung der Verse 31 — 36 
hinter 72, wie Joseph, Zs. f. d. A. 42, 172 ff., vorschlug, un- 
zulässig wird. Auch die Doppelung 31 ff., 73 ff. entspricht der 
(zweiten) Vorlage und ist m. E. logisch und ästhetisch nicht 



232 



zu beanstanden. Soviel ich sehe, hat Josephs psychologisch 
unwahrscheinliche Annahme keine Billigung gefunden. (Vgl. 
jedoch Steinmeyer in Erg. u. Fortschr. S. 213.) 

Die Predigt (vgl. oben Traum- 
gesicht) ist bei Vossius zweimal 
gedruckt : 538, 1 D bis 539 und 1 79 f. ; 
an erstgenanntem Orte geht ihr ein 
gröfserer Abschnitt über das Kreuz 
Christi voraus. Ob dieser Teil dem 
Dichter oder dessen Vorlagen zur 
Hand war, läfst sich nicht ent- 
scheiden, 538, 2A. Quisnonhorreat 
et contremiscat in hora illa, quando 
rex regum a throno gloriae suae 
exsurgens desceudet visitaturus 
cunctos habitatores orbis, 
rationem ab eis exacturus et 
singulis mercedem secundum 
opera eorum redditurus. Das 
alles ist so schrecklich, dafs ich nur 
um eurer Seligkeit willen weiter 
rede . . . 538, 2B. Talia enim 
magna et tam horrenda admirabilia 
neque ab initio contigerunt creaturae 
neque umquam in universis gene- 
rationibus accident. 



31a. So denne der mahtigo khu- 

ninc , . . 
34». ni allero nianno uuelih . . . 
35 f. dar scal er . . . a^ rahhu 

stantan 
pi da^ er in uuerolli kimierkdt 

hajpeta. 



Es ist mir höchst wahrscheinlich, 
dafs dieser Satz des Sermo, der 
vom Antichrist nichts enthält , dem 
Dichter (nicht dem Schreiber!) eine 
andere Quelle in das Gedächtnis 
rief, von der ich leider nur eine 
viel spätere Spur bei Kadulphus 
Ardens (Ende d. 11. Jahrb.) nach- 
weisen kann: 

Rad. Ard., 38. Hom. de tempore. In festo angelorum. 
Sermo de apocalypsi. Migne, Lat. 155, 1456. 'Factum est 
praelium magnum in caelo, Michael et angeli ejus praelia- 
bantur cum dracone, et draco pugnabat et angeli ejus. 
(Apok. XII.) . . . Dicitur autem hie praelium quoddam cer- 
tamen invisibile, quod habent boni Spiritus adversus malos 
Spiritus, et mali Spiritus adv. b. sp. pro acquisitione ho- 
minum.' (Vgl, 42. uuili den rehtkernon da^ rthhi kisiarJcan.) 
. . . 'Dicitur autem hoc praelium magnum, quoniam magni 
sunt, qui pugnant, magnus eflfectus, ex quo pugnant, et 
magna causa, pro qua pugnant.' (Vgl. 40. Jchenfun sint so 
hreftic, diu kösa ist so mihhil) 

[Für Späteres bietet dieses Stück: '(Diaboli) officium est 



233 

homines accusare . . ., qui accnsabat illos in conspectu dei 
nostri die ae nocte . . ., semper in pernieiem nostram vigilat. 
Vgl. 66. uuartil, 68 u. 71. da^ der tiuval dar pt Mtarnit 
stentit. . . ., da^ er i^ alla^ Jcisaget, denne er ze suonu quimit.] 

Die Übereinstimmungen mit 37 flF. sind höchst frappant. 
Nun ist auffallend, dafs in der Antichristepisode, 37 — 49, 
zweimal auf Gewährsmänner Bezug genommen wird, sonst 
nirgends, 37. Da^ hört ih rahhon dia inieroltrehtwisön, 48. doh 
iiuänit des vilo gotmanno, da^ . . . Das dürfte neben der Tat- 
sache, dafs in unserer Fassung der Ephraempredigt etwas 
Paralleles vollkommen fehlt, dafür sprechen, dafs der Passus 
auch nicht in der von dem Dichter benutzten direkten Vorlage 
gestanden hat. Dazu kommt, dafs diese Verse, wie Zarncke 
a.a.O., S. 218 ff., ausgeführt hat, von der Tradition (wonach 
Enoch und Elias gegen den Antichrist predigen, von diesem aber 
getötet werden, worauf über ihn selbst das Strafgericht herein- 
bricht) in zwei Punkten abzuweichen scheinen, was schwer mit 
der Annahme einer schriftlichen Vorlage vereinbar ist: I.Nen- 
nung blofs des Elias, 2. Elias wird blofs verwundet (?), dagegen 
der Antichrist erhält vom Teufel seinen Lohn. 

Kögel, Pauls Grundr.2 II, 111, hat auf die parallele Stelle 
der altsächs. Genesis, und schon imErgänzungsheft seiner Literatur- 
geschichte auf eine andere Parallele (95 f. parallel Genes. 57 f.) 
aufmerksam gemacht und Beziehungen vermutet. Für die Anti- 
christepisode sind sie in der Tat möglich. Man beachte die 
wörtlichen Anklänge. (Ich zitiere nach Heyne, Heliand*.) 

As. Gen. 139 b ff. Thann hier dk 

thie Udo kumit, 
that hier Antikrist alla thioda, 
werod äiverdit, thann he mid 49. da;; Elias in demo iiuige ar- 

loäpnu scal uuartit uuerde. 

xverdan Enocha te banon, eggiun 39». der nnarc ist kiuuäfanit. 

scarapun: 
thuruh is handmegin hwiriUt 40. khenfun sint so kreftic (Rad. 

thiu ssola, nur 'magni'). 

thie gBst an guodan tveg, endi 43. pidiu scalimo helfan, derhimi- 

godas engil kumit, les kiuualtit. 

145, wrikit ina wammscadon 

wäpnas eggiun: 
ivirthit Antikrist aldru bilösid, 46. pidiu scal er in dem uuicsteti 

uunt pivallan 



234 

thie flund bivellid. Folk wirdit enti in demo sinde sigalos uuerdan. 

eft gihivoroban 
te godas rikea, gumimo güidi 42. uuili den rehtkernön da^ rihhi 

langa hivlla, endi sUd im sldor thit kistarkan. 

land gisund. 

Setzt man in diesem Passus Elias ein, was unter Erinne- 
rungstrtibung aus Nebenquellen genommen sein könnte, so ist 
die Muspillifassung der Episode (abgesehen von den Formeln 
und den Radulphusstellen) fast ganz gegeben. Mir ist daher auch 
die Annahme Zarnckes, dafs der Dichter den Elias siegen lasse, 
unwahrscheinlich. Denn sigalos braucht der Antichrist nicht 
durch Elias, sondern er kann es durch den ihm mit seinen 
Engeln helfenden Gott geworden sein; äiverdian, äwardian (as.) 
bedeutet nicht nur hier „verderben, vernichten" (vgl. Heynes 
Glossar), arwartan, irwartan (ahd.) ist allerdings mehrfach 
Glosse zu 'violare', 'vulnerare', aber fast ebenso häufig zu 
'corrumpere' (Graff, I, 957), und was gäbe es für eine 
schwächliche Vorstellung ab, aus dem Blute einer 
blolsen Wunde den gewaltigen Weltbrand hervor- 
gehen zu lassen, wenn es nicht die Todeswunde und 
das Herzblut des Elias gewesen wären? Ehe ich also 
annehme, dals der Dichter gegen die doch gar zu bekannte 
Überlieferung den Elias über den Antichrist siegen lasse, 
greife ich zu der näherliegendeu Vermutung einer Unklarheit 
im Ausdruck, wie sie im Gedicht mehrfach vorkommen. 

Ich gestehe nach alledem, dafs ich für diesen Passus an 
direkte Entlehnung aus der as. Dichtung, resp. an Nachbildung 
glaube. Vgl. das über die Vorbilder des Dichters unten Ge- 
sagte. 

Für die Vorstellung, dafs aus dem Blute des Elias der 
Weltbrand entstünde, hat Heinzel, Zs. f. d. öst. Gymn. 1892, 748, 
aus östlichen Quellen Parallelen mitgeteilt. Ich bin auf keine 
derartige Lesart gestofsen und glaube, dafs auch dieses Motiv 
nicht, wie Zarncke meinte, eine kühne Kombination des 
Dichters ist (vgl. MSD^II, 37), sondern aus einer mündlichen 
oder einer sonst nicht bekannten Quelle stammt, denn die An- 
schauung des entbrennenden Blutes mutet in ganz anderem 
Mafse als unser Gedicht sonst altepisch und hochpoetisch 
?in. — 



235 

Mit V. 51 beginnt wieder die Benutzung der Ephraempredigt, 
bis zum Schlüsse fast Zeile für Zeile durchlaufend. Man hat viel- 
fach früher das nun kommende, eindrucksvolle Stück des Ge- 
dichtes für älter als das übrige gehalten, so K, Bartsch (Germ, 3), 
J.Feifalik (Sitzungsber. d. Wien. Ak. 26, 1858, 351 f.), Müllenhoff 
(MSD), Scherer (Litgesch. und sonst), Heinzel (a.a.O., 747), 
Steinmeyer (MSD 3). Gleiches Alter, resp. Einheitlichkeit des 
Gedichtes nahmen an Zarncke (a.a.O., 225), P.Piper (Zs. f. 
d. Ph .15, 77), A. Ebert (Allgem. Gesch. d. Lit. d. Mittela. i. Abdl., 
1887, Bd. 3, 105 ff.), Kelle (Lgsch., 131 ff.), W. Wilmanns (Gott. 
gel. Anz. 1893, Nr. 14, 532 ff.). Kraus (a. a. 0.), Joseph (Zs. f. 
d. A. 42, 172; dazu Steinmeyer, Erg. u. Fortsch. 213). Kögel 
(Lgsch. I, 322 und Grundr.^ II, 112) schliefst einen Kompromifs 
und nimmt hier einzelne Entlehnungen aus älteren Vorbildern 
an. Da die Partie ziemlich treu aus der Gesamtquelle (daher 
der Schwung der Stelle!) entnommen ist, so müssen wir nun 
endgültig der zweiten Gruppe von Forschern Recht geben. 
[Ganz abzulehnen sind nach den Quellenverhältnissen die text- 
kritischen Versuche von E. Wilken (Germ. 17, 329 ff.) und 
Hermann Möller (Zur ahd. Alliterationspoesie, 1888 ; vgl. hierzu 
Steinmeyer in MSD 3 II, 40)]. 

Ähnliche Stellen kommen bei Ephraem mehrfach vor (vgl. 
Bousset, a.a.O., 159), ohne dals man m. E. berechtigt wäre, 
wie Bousset tut, zusammenzuziehen und einen kritischen Text 
herzustellen. Der Autor kann sich wiederholt und dabei 
variiert haben. (Freilich muls ein etwa nachw^eisbares ein- 
heitliches Metrum im Einzelfalle zur höheren Kritik benutzt 
werden.) Bei Vossius vgl. aulser der identischen Stelle 179 
noch 132, 2 C DE; 181, IBC; 380, IC DE; 427, 2 CD; 
460, 2 C; 463, IBC; 480, IBC. Von Ephraem aus gingen 
diese Sätze in die spätere Literatur über. (Vgl. Ps.-Chrysost. 
[s. oben Cr. 3], Ps.-Hippolytus [Nachweise von Kraus] und 
Ps.-Johannesapok. § 14). Allein Ephraem ist vielleicht eben- 
falls von ähnlichen Vorlagen ausgegangen. Vgl. Boussets Be- 
lege zu den Vorzeichen.) Die Abweichungen des Musp. von der 
Quelle erklären sich gröfstenteils aus diesen öfters vorkommen- 
den Parallelen, die sich gegenseitig beeinflufst haben werden. 

Nach dem letztzitierten Satze werden 
etwa 30 Zeüen vorläufig übergangen. 



236 



Vossins 538, 2E. Qno pacto tnnc, 
fratres mei carissimi, snstincbi- 
mus, quando igneum viderimns 
fluvium ab orta solis usque ad 
occasum cum furore emanantem 
ac instar ferocis asperiqne maris 
montes ac valles devorantem 
[Ps.-Hipp. montes et colles] . , . 



Tischendorf S. 81, § 14. xal 
xaraxatjooviai ra oqt] za fisyäXa, 
xal ai TtevQai näoai xoDrsvd-ijoovxai 
xal yevtjoovrai (oasl xoviOQXöq, xal 
xaraxatjaovzai Ttöv ötvÖQOv usw. 
A: oQi^ rä ^leyäXa bßolwq xal al 
neiQai xal näv ösvöqov. C: nävza 
za öevÖQa dno rtSQcczcov ^ojq 
TteQazwv ztjg oixov^evriq = 
enk in erdu. Vgl. Wulfstan (Napier) 
S. 262, 4 ff. 

Vossius 538, 2E. . . . terramqiie 
omnem ac, qaaecunque in ea 
sunt [fehlt Ps. - Hippol.] , exuren- 
tem. 



Tanc, carissimi mei, ab illo igne 
deficient fluvii [fehlt Ps.-Hipp.], 
evanescent fontes, mareexsic- 
cabitur [fehlt Ps.-Hipp.] , 



Vgl. 55^. 5(5. verit denne stüatago 
in lant, 
verit mit dhi vuiru viriho utiison 



51. 52^. s6 inprinnant die pergä: 
poum ni kistentit 
entc in erdu. 

'valles', im griechischen Text zäq 
vänaq, „waldige Niederungen". 
Darnach wäre zu vermuten, dafs in 
der Vorlage 'silvas' oder ein syno- 
nymes Wort gestanden hätte, und 
man könnte poum mit Reimnot er- 
klären wollen. Allein wir finden die 
Bäume auch ausdrücklich genannt, 
z. B. 4. Esra 15, 62 '. . . terram tuam 
et montes tuos, omnes silvas 
tuas et lignum fructiferum igni 
comburent.' Trotzdem mufs die 
Übereinstimmung mit mehreren Hss. 
von Ps.- Johannes auffallen. 

Die Lesart der Hs. C, die offenbar 
im Musp. benutzt ist, stützt die An- 
sicht Bonssets, dafs Ps. -Joh. auf 
Ephraem beruhe, der dem Muspilli- 
dichter in dieser Fassimg vorgelegen 
haben mufs. Ebenso 54 "j. 



54^. prinnit mittilagart, 

55». sten ni kistentit. Dies 
hat Kögel mit Eecht an Christi 
Prophezeiung vom Untergange Jeru- 
salems angeknüpft; der Ausdruck 
stammt ohne Zweifel letzthin daher. 
Vgl. Hei. 3701 f. Wir erkennen die 
Hand des Verfassers deutlich. 

52 b. aha artruknet, 

bi^. muor varsuuilhit sih. 
muor hat der Übersetzer offenbar 
aus seiner Anschauung statt des 
Meeres eingeführt, dem er doch 
etwas Ähnliches an die Seite stellen 
wollte. (Dasselbe meint Kraus.) 



237 

aer tur- Vgl. luft 59. 
babitnr, astra e caelo decident, 
sol deficiet, In na vertetur in san- 
guinem, caelum ut liber compli- 
cabitur. 

Das alles hat wolil sicher in der Vorlage gestanden. 
Statt dessen finden wir 53^ 54'*: suiUzöt lougiu der himil, 
mäno vallit. Ps.-Hipp. bietet für ersteres 'aethera velut ceram 
inflammatione dissolvet', was wohl in der Fassung des Dichters 
gestanden hat. Vgl. Ephraem, Vossius 132, 2C: 'caeli ardore ignis 
solventur'; Cr. 967: nimeä — fyres wcelm — wjp/ieo/bw und meine 
Belege dazu; Hatton, Hofmann S. 349, 1. Tag: pmt ivolcn hceme2> 
ealne heofen; (Dom 55"^). Für das biblische 'luna vertetur in 
sanguinem' bieten nach Vossius einige griechische Hss.: 'luna 
praeteribit', sc. jtaQtQXfcai, was das vallit unter keinen Um- 
ständen hervorgerufen haben kann. Vgl. das Augustinische 
Akrostichon „Judicii Signum": 

Eripitnr solis jubar et choras interit astris, 
Volvetur caelum, Innaris splendor obibit. 

Ich habe das Motiv, welches sich vereinzelt erst in der nor- 
mannischen Version der 15 Vorzeichen (12. Jahrh.) und später 
wiederfindet, nirgends sonst entdecken können als im Crist 
937 If. und in dessen Quelle. Da wir auch in V. 51. 52 
selbständige Spuren von Ps.-Joh.- Lesarten gegenüber Cr. 
wahrnahmen, so dürfen wir die Möglichkeit nicht von der 
Hand weisen, dafs auch mäno vallit auf der Ephraemvorlage 
des Ps.-Joh. beruht, welche ri ceXrjvr] jceotitat gelesen hätte 
(Tischendorf S. 87, Cod. F). Allein auch fremder Einfluls ist 
denkbar, besonders weil durch diese Annahme die normale, 
bibelrichtige und zu Ephraem stimmende Lesart der hier un- 
möglich, wie in Cr. vermutlich, selbständig benutzten Ps.- 
Johannesapok. unberührt bleibt. 

Tunc angeli emissi cum festi- Entspricht nicht, wie Kraus meint, 
natione congregaturi electos a qua- 55 1». 56. Vielmehr stammen ab- 
tuor ventis, ab extremitate caelorum gesehen von vuiru, was schon oben 
usque ad extremitates eorum. ähnlich belegt ist, 55^^ — 62 zum 

gröfsten Teil noch aus der Quelle 
zu V. 1 — 30 (wie auch später 7üf.). 

Vossius 594, 2E. Advocabit 55i'.56. verit denne stüatago 

caelum sursum et terram dis- in laut, 

cernere populum suum om- verit mit diu vuiru viriho uuisön. 



238 



Vgl. müspilli 57. 

61 ''. diu sela stet piduungan. 



Vgl. 62». ni uneis; mit iiuiu piia^e. 

Vgl. die rhetorische Frage 60. uuär 
ist denne diu marha, 
dar man dar eo mit 
sinen mägon piec. 

Vgl. 53 1". suilizdt lougiu derhimil. 



58 f. denne da^ preita uuasal alias; 
varprinnit 
enti vuir enti luft i^ alla^ arfurpit. 



nemque carnem ad tremen- 
dum illud tribunal: ubi uon erit 
parvus et rnagnus, servns et liber. 
Ubi non erit rex et subditas, sed 
aequaliter omnes judicio obnoxii, 
omnes vincti, omnes nudi, dere- 
licti, tremebundi, plorantes, 
turbati, anxii atque solliciti 
erunt, quid singuli ipsornm 
dicturi sint qnidve judici de 
male actis responsuri. Ubi 
tunc ibi regum imagines, ubi 
tyrannorum jactantia? Dazu 
aus De cruce der nächste Satz: 
Tunc caelum videbimus novum 
et terram novam secnndum pro- 
missum ejus: primum enira caelnm 
et prima terra recedent atque 
evanescent, sicut scriptum est: 
Quoniam sicut opertorium mu- 
tabis eos et mutabuntur, et 
iterum renovabis faciem 
terrae. 

Es entspricht genau '. . . terra recedent' dem hsl. uuasal 
varprinnit und der Sinn des intransit, 'evanescent' dem 
transit. arfurjpit; ferner ist da^ preita uuasal = 'facies 
terrae', d. h. der Struktur nach nichts anderes als die dem 
klassisch Gebildeten wohlbekannte Formel 'latus orbis': hreda 
werold, Hei. 1685. 4316. (Vgl. das irreführende hreda lögna 
= „Höllenfeuer", Hei. 2462, und hred haluwlti, Hei. 1502; aulser- 
dem Hei. 2565: this iverold is the aMcar, thit hreda huland', 
im Ags. ist der Gebrauch derselbe : hräde ^esceaft, Cr. 991.) 
Eine Erklärung des Wortes wasal haben zuletzt versucht 
H. Hirt, Der idg. Ablaut (s. Index), „Feuer" (zu *we5, „brennen"), 
Th. V. Grienberger, Idg. Forsch. 16, 40 — 63 (setzt ivasal = 
vasal, „Nachkommenschaft"). Dazu vgl. E. Steinmeyer, Jahres- 
bericht f. g. Ph. 1904 („Blutstrom"). Die neueste Auslegung 
von Selma Skutsch-Dorflf, Herr. Arch. 118, 124—28 („Wasser" 
= „Flufs" = „Rhein") entbehrt nicht weniger der Phantastik als 
die sonstigen Deutungen auf Zeitverhältnisse durch die gleiche 
Autorin. Eine Zentralbedeutung : „feuchter Schmutz" (Schade, 
Altd. Wb.: „feuchte Erde") scheint mir sowohl die in den ah d. 
GlI. (I, 506) belegte Bedeutung 'hiemis pluvia' (Job 37, 6), 



239 

„Schmutzregen", „Schmutz weiter", als die des Muspilli: „Sumpf" 
= „schmutzige Welt" zu ermöglichen. Vgl. Cr. 1005. 6: 
{fyr . . . grosfeä jrimUce . . .,) 
o])^cet eäl Jiafaä celdes leoma 
woruldwidles wom wcelme forhcerned, 
„den Frevel der verderbten Welt"; ebenso sehr oft Ephraem, 
z. B. 463, IB: 'fluvius ignis terram expurget ab iniquitatibus 
suis', ein Satz, der genau V. 59 entspricht; Ps.-Joh. § 15 u. a. 
sagen ähnliches. 

Der Nachtrag aus der ersten Quelle 
fährt fort: Vossius 594, 2E (letzte 
Zeile), ubi insipientium superbia, 
ubi juventutis mollities, ubi snper- 
flnus atque lascivus vestium ornatus? 

Ubi tunc, qui principibus as- Vgl. 57. dar ni mac denne mäk 

sistebant et a latere discurrebant andremo helfan vora demo 

famuli, ubi comptae atque oruatae mUspille. 

tunc filiae, ubi aurum, ubi argentum, 
ubi auro infrenati equi, ubi, quae 
frustra perduntur alia . . . Schwel- 
gereien . . . Nihil horum ibi erit, 

sed amarum vae, vae. Non am- GO. 61 ^. uuär ist denne diu marha, 
plius ibi locus erit ditescendi, dar man dar eo mit stnen 

sed pertimescendi. mägon piec? 

diu niarha ist farprunnan. 

Es hat den Anschein, als ob der Dichter hier 'locus' nicht als 
„Gelegenheit", sondern als Besitzobjekt, „Land", und Sinnobjekt 
zu 'ditescendi' gefafst hätte. Ähnliche Ideen über Verwandten- 
streit finden wir auch sonst. Vgl. Ephraem an einer verwandten 
Stelle in dem Sermo: „Resipiscamus ac poenitentiam agamus, 
fratres", Vossius 378 ff., wo wir lesen: 380, IE. 'Tunc reges 
plorabunt et principes, magna hie factitantes et vitam cum 
injustitia et aliorum injuria degentes, propriosque ae ejusdem 
fidei fratres opprimentes. Die Stelle ist möglicherweise 
benutzt, weil auch der folgende Satz in Musp. 91 ff. durch- 
schimmert. Sie hat vielleicht ähnlich in der Vorlage gestanden. 
Zu interpretieren wäre marJia also wirklich wie V. 79 mit 
„Mark", „Grenzgau" oder ähnlich („Gebiet" MSD), nicht: 
„Waldbesitz eines Nichtftirsten." 

Festgestellt mufs hier werden, dals nicht erst ein könig- 
licher Schreiber, wie Ludwig der Deutsche, diese Idee aus 



240 



den Verhältnissen seiner Zeit und seines Lebens erzeugte, wie 
der erste Herausgeber Sehmelier meinte und zuletzt Kelle und 
Selma Dorff (Herr. Arch. 110, 1 — 7, die sogar bestimmt an die 
Sehlacht bei Fontanetum denkt) geltend machten, sondern dals 
sie aus den Vorlagen stammt. Vgl. Dom 24 f. ac ^cer is 
hella grund, särllc släfcet, Jbäm ^e sihhe ful oft tümceldeä mid 
his mupe. Solche Anspielungen waren bei den vielen Erb- 
sehaftsstreitigkeiten zu natürlich und wurden in der Literatur 
über das jgst. Ger. mit weiter gegeben. Vgl. ferner Wulfstan, 
159, 15ff., 160, 5ff., 161, 6ff., wo allerdings auf die Zeit 
direkt Bezug genommen wird. Die Polemik gegen das Fürsten- 
tum hat schon im N. T. ihren Ausgangspunkt. Vgl. Apok. 6, 15. 
16 (s. siebentägige Vorz., 6. Tag) und zahlreiche andere Belege. 

Die eingeschobene Stelle geht 
weiter: 595, IB. Non tempus ibi 
erit prosperitatis , sed excusa- 
tionis atqae defensionis . . . Non 
erit ibi locus tripudiandi, sed lugendi 
atque plorandi, non erit ibi juven- 
tutis simulacrum , sed apud in- 
feros exilium. Non erit ibi pro- 
pitiatio atque commiseratio , sed 
timor ingens, nulla in die illa formi- 
dabili atque terribili erit consolatio, 
sed justa ac accurata retributio. 



62 a, ni uuei^ mit uuiu pua^e: 



Bonum in illa tunc hora tibi 
subveniet auxilium, si pau- 
peribus atque mendicis hie com- 
passus fueris. Boni pro te apud 
Christum tunc erunt advocati 
. . . Magni hi tunc patroui tibi istic 
erunt... Boni tibi hi fratres 
istic reddentur: sicut sunt fratres 
Christi. Si enim unus aliquis frater 
regis, plurimum saepe patrocinaudo 
ac deprecando potest apud proprium 
fratrem regem: quanto magis, ubi 
fratrum interpellat flectitque 
multitudo? Quod porro fratres 
Christus denomiaaturus sit pauperes 
in tremeuda illa jadicii hora, 



62 Ij. so verit si za um^e. 
Die fast Otfridisch gebauten (ähnl. 
Lachmann) gereimten Zeilen (vgl. 
oben zu 61) erweisen sich demnach 
ebenfalls als echt. Piper (Zs. f d. 
Ph. 15, 77) hielt sie für den späteren 
Zusatz eines Schreibers, der aus 
dem Gedächtnis niedergeschrieben 
habe. 

57. Dar ni mac detnie mäk andre- 
mo helfayi vora demo müs2nlle. 
Die leiblichen Brüder vermögen 
nicht zu helfen, sondern nur die, 
welche mau durch gute Taten ge- 
wonnen hat. Wovor helfen? Die 
Quelle nennt unzweideutig den 
Richter und seine Entscheidung, 
also den Richterspruch. Demnach 
ist die von Detter (PBB21, 107 flf.) 
angesetzte Bedeutung von müspilli 
'oris eloquium', die aber erst durch 
Selma Dorflf (Herr. Arch. 110, Ift".) 
die Auslegung: „Urteilsspruch des 
Richters" (sie meint allerdings un- 
richtig nur den verdammenden) 



241 



ipsuinmct ad justos, qui a dextris 
stabunt, dicentem ausculta: 
Quandiu fecistis uni ex bis, inquit, 
fratribus meis minimis, mihi fecistis. 
Hoc autem dicens ornnes ostendit 
digito ibi praesentes et ad pedes 
suos consistentes . . . Dann wird 
die Bewillkommnung der Armen 
und der Guten durch Christus sehr 
breit ausgemalt und zuletzt zur 
Nacheiferung aufgefordert. 

Vgl. Ephraem, Vossius 459, IC. 
Omnes illic nudi adstabimus coram 
Christi tribunali et unusquisque 
nostrum pro se ipso rationem 
tuno reddet judici. In illa 
hora nemo alteri auxiliari ibi 
poterit: non frater fratri, non 
parentes filiis neque filii pa- 
rentibus, non amici amicis, 
non maritus suae conjugi, sed 
unusquisque cum metu et tre- 
more tunc ibi adstabit ex- 
spectaus, ut sententiam, quae 
a deo feretur, audiat. 380, IE. 
Tunc parentes segregabuntur 
a filiis et filii a parentibus. 
T. fratres s. a. f. et amici ab 
a. consanguineique afamiliari- 
bus . . . Tunc quod quisque talentum 
accepit et apposuit, repetetur. Et 
omnis quidem christianus de iis, quae 
audivit atque accepit, exquiretur, 
praecipue autem pontifices, sacerdo- 
tes et levithae: nam potentes po- 
tenter tormenta patientur. Vgl. auch 
Ps.-Chrysost. Zur späteren Entwicke- 
lung dieser Stelle: Ephraem, Depoe- 
nitentia (s. Gü. 1 ff.), Vossius 121, 1 D. 
Anrum et argentum non liberabit 
nos ab igne illo formidabili . . . 
Frater ibi proprium non liber- 
abit fratrem neque pater vi- 
cissim suum filium, sed stabit 
unusquisque in ordine suo, in vita 
et in igne. Hatten, Hofmann S.351. 
/)er se hroper pam oprum ne 

Studien z. engl. Phil. XXXI. 



erhielt, die richtige und die sächs. 
Form niTuhpelli die älteste, denn 
nur sie läfst diese Deutung zu. 
(Über die Möglichkeit, dafs *müd- 
spelli '^mutspelli wurde, vgl. Holt- 
hausen , As. Elementarbuch § 204.) 
Die vielen übrigen Hypothesen, auch 
die von S. N. Hagen , Modern Philol. 
I, 8,397if.: „oris eloqnium" = „oracu- 
lum" (Detter: „prophetia"), wofür er 
beim Muspillidichter Bekanntschaft 
mit den sibyllinischen Orakeln resp. 
einer Erwähnung davon voraussetzt, 
fallen somit. 

Nun war der Richtersprnch der 
Zentralpunkt des Gerichtes, also 
das eigentliche Gericht. Es kann 
uns daher nicht in Erstaunen setzen, 
wenn wir das Wort in dieser etwas 
abgeschliffenen Bezeichnung des 
ganzen Gerichtsvorganges in den 
beiden Heliandstellen wiederfinden. 
(Vgl. Selma Dorff a. a. 0.) 

Die erschlossene Bedeutung wider- 
spricht aber auch nicht den (nach 
meiner Meinung) späteren nordischen 
Belegen, welche das Accedens des 
Feuers verlangen. Denn sehen wir 
uns nach weiteren wörtlichen Pa- 
rallelen des Satzes Musp. 57 um, 
so finden wir hier genau dieselbe 
Entwickelung wie im Germanischen. 

Es ist klar, dafs ursprünglich die 
Idee so konzipiert worden ist, wie 
wir sie in der Muspilliquelle be- 
sitzen. Ein Bruder hilft dem andern 
(resp. hilft nicht) durch Fürsprache 
bei dem Himmelskönig. Dafs ein 
Bruder dem andern vor dem Welt- 
brande hilft, hat anthropomorphisch, 
wie alle diese Züge ursprünglich 
gewesen sind, an sich gar keinen 
Sinn. Es bekommt ihn erst, wenn 
das Feuer Exekutionsmittel des 
Himmelskönigs wird. [Und das ist 
es ja allgemein, vgl. El. 128Gff., 
Browns Belege dazu und z. B. 
16 



242 



mcBg gehelpan ne se fceäer ßam 
suna ne pa neahmagas ne pa 
madm^estreon ne pysse worulde 
cehta oeni^, ne man per ^escyldan 
ne mceg oprum, ac drihten gyl- 
dep anra gehivylcum men cefter his 
sylfes gewyrMum. Dazu vgl. die 
oben zitierte Predigt des Cyrill von 
Alexandrien u. a. 



Vossius 539, IC. Quando iu- 
gentem illum atque horribilem cla- 
morem [sc. die Posaune] audiemus 
ex sublimitate caelorum per- 
sonantem atque dicentem: Ecce 
spousus venit, ecce judex adest, ecce 
rex apparet, ecce supremus 
judicam judex revelatur, , . . 



Ps.-Joh. §22. TOTf eQa)zr]&i]OS- 
zai xo ytvog zwv ^Eß^alwv, diiiveq 
(uq xaxovQyov toj §vka) [xf. UQoa- 
rjXwaav , . . oooi uvofxwq ij/na^tov, 
av6fi(oq xal anoXovvxai, xal oaoi 
iv vöfiü) ri^aQxov , öia. vöfiov xql- 
^Tjaovxai. Ps.-Chrysostomos (776 
oben): ovx taziv ixei qtjxoqixii 



Ephraems (lat.) Traktat „Gloria 
omnipotenti" , Vossius 480, 1 B . . . 
'universa deus per ignem judicabit.' 
S. Dorff (S. 3) hat dies auch betont] 
Die Entwickelung, welche dieser 
zur Formel erstarrende Satz hier 
gegangen ist: Der Verwandte be- 
freit den Verwandten nicht 1. von 
dem Urteil, 2. von dem Gericht 
(Hatton), 3. von dem Weltbrande 
[den die Bösen überhaupt nicht 
überwanden, sondern als ewige 
Qual erhielten] hat auch das Wort 
mndspelli genommen: 1. Richter- 
sprnch, 2. Gericht (Hei.) , 3. Feuer 
des jgst. Ger. (altnord.). 

Selma Dorff weist sehr zutreffend 
auf die gleiche Entwickelung von 
ae. dum , „Urteil" > „Gericht" , hin. 
Dafür, dafs es wie gotspel aus 
dem As. entlehnt ist, spricht ge- 
wichtig die offenbare starke Ab- 
hänigkeit des Gedichtes vom Hei. 
(s. unten S. 257). 

Mit 63 ff. strömt die Hauptquelle 
für 31 — 103 von neuem. Wieder 
wird eine gröfsere, später benutzte 
Stelle übersprungen. 

73. So da^ himilisca hörn ki- 
hlütit uuirdit 



Hierher ist die Anregung zu der 
Auslassung über die ungerechten 
Richter gekommen, die also ebenfalls 
nicht, wie Scherer und darnach 
Kögel, Lgsch. (dagegen schon Kraus) 
taten, zur Datierung benutzt werden 
darf, da sie nicht nur, wie Kraus be- 
tonte, so gut wie zu allen Zeiten (weil 
es immer ungerechte Richter gab) 
auftreten konnte, sondern vielfach in 
den Predigten und Darstellungen des 
jgst. Ger., wo sie sich leicht ein- 
stellte (Kraus), tatsächlich überliefert 



m 



ist. Sie knüpfte direkt an den Justiz- 
mord an Christus durch die Juden 
an. Vgl.Ps.-Joh.§22, Ps.-Chrysost. 
(Cr. 1069 fr.) usw. 



Xe^iq i'ixiooa ro Slxaiov, . . . ovx 
eaziv ixel ö<üqo)v XQtl^a ovöe 
avvriyÖQwv . . . Ps. - Augustin, 
Sermo de symbolo contra Judaeos, 
Migne, Augustin Bd. 8, 11 17 ff., 
Kap. IV. . . , aequissimus judex, qui 
nullius potentis personam accipit, 
cujus palatium auro et argento nemo 
corrumpit. 

Vossius 462, ID. Vae, qui justi- 
ficant impium pro muneribus et 
jus justi tollunt [67] . . . Haec 
et similia hominum mundanorum 
sunt et carnalium, non autem Christi 
dilectorum ... In omnibus ex- 
hibeamus nosmetipsos sicut dei 
miuistros in multa patientia in tri- 
bulationibus ... in seditio- 
nibns . . . Rursumque dominus: 
Surgite et orate, ut non intretis 
in tentationem. Quorsum ergo 
*debito obstricti manetis, fra- 
tres . . . Venite igitur, et relicta 
via lata, quae in perditionem de- 
dncit, laboremus . . . 

Das alles entspricht sehr genau dem Gedankengange von 
63 — 72; tut man aus der Quelle des ersten Teiles Cyrills 
Entsprechungen zu 68 — 71 und das 'chirographum' der bösen 
Engel hinzu, so fehlt nur deutlicher die Rolle des Teufels 
beim jgst. Ger. Diese aber ist nicht so sehr selten. 

Für das Auftreten des Teufels vor Gott, das sonst meist 
das des Angeklagten ist (mitunter wird sogar gesagt, dafs er 
vor Gottes Angesicht gar nicht erscheine, sondern ex loco 
verurteilt werde), möchte ich, abgesehen von einer späteren 
Stelle des Poema morale, 98 — 102 (von den Teufeln beim 
jgst. Ger., Hs. e nach Zupitza- Schipper Übungsbuch ^ S. 84): 

nabheä hi naping forjyte . of eal pet hi ise^en. 

Eal ])et we misdude her . hit wulleä cuäe J^cere. 

hüten we Jidbbe Jiit ibet . ä^e hwile we her were. 

Eni hi habbet an heore iwrite . ])et we misdude here. 

peh lue hi nuste ne ni se^en . hi weren ure iuere. 
und dem von Wackernagel, Zs. f. d. A. 6, 149, Vorgebrachten 
besonders auf den pseudoaugustinischen Sermo aufmerksam 

16* 



Unsere Stelle scheint aus Ephraem 
„Venite, dilectissimi , venite, patres 
et fratres mei" zu stammen, wozu 
sie wörtlich stimmt, und worauf der 
Zusammenhang weist. Aus ihr geht 
ohne weiteres hervor, dafs hier mit 
mahal das irdische gemeint ist. 
66. ni uueis; der uuenago man, 
uuielihan uuartil er habet, 
denner mit den miaton marrit 
das; rehta, . . . 
*Vgl. 69 ruova, das Schuldbuch 
des Teufels. 
Vgl. 72. ni scolta sid manno noh- 
hein miattin intfdhan. 



244 

inaehen, von dem eine Hs. unser Gedieht überliefert: Angustini 
(qui fertur) sermo de symbolo contra Judaeos (Migne, Augustin 
Bd. 8, 1117 ff.)- Die Hs. war mir durch die Güte der Kgl. 
bair. Hof- und Staatsbibl. zur Hand, ich kann daher ihren 
Wortlaut zitieren, der übrigens keinen besonderen Anhalts- 
punkt bietet, wenigstens keinen sicheren. Vgl. S. 256, Anm. 

Der Teufel hält eine Anklagerede, zählt alle Vergehen 
des Sünders auf und beansprucht seine Beute. Er hat hier, 
wie im Musp., allein die Rolle des Anklägers, und die Schuld 
wird ebenfalls 'ex paterno chirographo' festgestellt. 

[Kap. 3.] '. . . Ferocem enim atque callidum adver- 
sarium patitur [sc. homo] . . . pupilli generis scilicet humani, 
qui ex paterno cyrographo debitor inventus, reus atque 
obstrictus ab adversario detinetur . . .' 

[Kap. 4.] *. . . Praesto enim erit adversarius diabolus, 
recitabuntur verba professionis nostrae, et si talis fuerit 
quisque, ut debitor ex hac vita migret, exultabit ille adver- 
sarius in conspectu severissimi judicis superiorem se esse 
proclamans, agens talem causam apud talem judicem: „Aequis- 
sime judex, judica, inquit, justitiam (et Judicium praeparatio 
sedis tuae), judica meum esse, qui tuus esse noluit. Meus est, 
mecum damnatus est. Post renuntiationem utquid invasit 
pannos meos, quid apud eum inpudentia faciebat, cui ipse 
renuntiaverat? Quid intemperantia? Quid ira? Quid avaritia ? 
Quid superbia? Quid cetera mea? Postremo, aequissime, 
fugientem a me, confugientem ad te, postea cum eis, quibus 
renuntiaverat, adpraehendi, invasorem detinui. In ipsa quodam- 
modo mea possessione a me adprehensus est. Quid enim in 
Circo faciebat atque ibi furias lites, insanas voces inanesque 
Victorias, cum jam a se alienus sibimet videbatur? Quid in 
theatro faciebat renuntiator turpium voluntatum? Quid in 
amphitheatro crudelitates suis oculis intuendo thesaurizavit 
sibi iram in die irae? Haec omnia mea post renuntiationem 
invasit, meus esse voluit et mea concupivit. Judica, judica 
aequissime, quoniam quem tu dignatus es tanto pretio liberare, 
ipse mihi postmodum se voluit obligare. Poterit ne os aperire 
is, qui post professionem suam talis invenitur, ut juste diabolo 
abdicatur.' 

Weiter unten werde ich die Entlehnung dieser Stelle 



245 

näher erörtern. Nur das sei hier festgestellt, dafs wir 
in der Ausgestaltung der Verse 63 — 72 nach den Quellen- 
verhältnissen ein Werk des Dichters erblicken müssen. Das 
ergibt sich daraus, dafs Anfang und Schlufs des Satzes, worin 
'judex judieum' vorkommt, in der Vorlage genau wie hier 
gestanden haben müssen: Der Anfang ist in V. 73 wörtlich 
benutzt, der Schlufs, wie wir gleich sehen werden, in V. 74. 
Es wäre aber unmöglich, in der Vorlage, die für diese Ab- 
schweifung als Anknüpfungspunkt nur den Ausdruck 'judex 
judieum' bot, irgendwo einen Platz zu finden, wo der Passus 
hätte angeschlossen werden können. 

Der Autor hat hier demnach wie V. 37 ff. eingeschaltet. 
Wenn jedoch innerhalb dieser Einfügung die Quelle von 1 — 30 
(vielleicht!) benutzt wurde, so beweist das natürlich nicht, dafs 
der deutsche Bearbeiter erst beide Hauptquellen kombiniert 
habe, da er die fraglichen Stellen auch nach der Vereinigung 
aus dem ersten Stücke hätte entnehmen können. 

Der Faden der Vorlage ist im selben Satze wieder auf- 
gehoben, wo wir ihn zuletzt fallen sahen. Wir können eine 
höchst wichtige Tatsache konstatieren : Der z. T. unleserliche, 
von allen Forschern einstimmig für unmöglich erklärte Vers 
74 + 74* der Hs. ist echt und läfst sich genau herstellen. 

Eekapitnlieren wir zur besseren 

VeranschaulicliUDg: 539, IC. Quan- V. 73. -So da^ hiniilisca hörn 

do ingentem illam atque horribilem kihlütit uuirdit . . . 

clamorem audiemus ex sub- 

limitate caelorum personan- 

tem atque dicentem: Ecce sponsus 

veiiit, ecce judex adest, ecce rex 

apparet, ecce supremus judi- 63flF. gegen die ungerechten 

cum judex revelatur, ecce uni- Richter. 

versorum deus advenit, ut ju- 74. enti sih der khuninc ana den 

dicet vivos et mortuos. sindarhevit, der dar suannan 

scal töten enti lepenten . . . 
Dafs der noch von Steinmeyer in 
die Lesarten verwiesene Teil: der 
dar suamian scal toten enti lepen{ten) 
an dieser Stelle echt ist, dafür spricht 
der Zusammenhang mit 73 und 63 
— 72. V. 74 kann m. E. nur ge- 
lesen werden: enti sih der khuninc 
[wie V. 31 und 96] ana den sind ar- 



246 



Schrecken verbreitend, alles er- 
schütternd kommt der Herr. 1 D. Tunc 
virtutes movebixntur caelorum. Tunc 
angelornm praeibnnt exercitus, 
arcbangelorumque concurrnnt 
chori, Cherubim qaoque ac Seraphim 
multis oculis clara in fortitudine 
metuque proclamabnnt : „Sanctus, 
sanctus, sanctns dominus deus Sa- 
baoth, qui est et qui erat et qui 
venit omnipotens." Tunc omnis 
creatura in caelo et in terra et 
subtus terram cum timore atque 
tremore valide exclamabit: „Bene- 
dictus, qui venit rex in nomine 
domini." Tunc scindentur caeli et 
revelabitur dominus dominan- 
tium et rex regum et princeps 
principum, immaculatus et terri- 
bilis atque gloriosus deus noster 
instar fulguris cum potestate et 
majestate magna atque in- 
comparabili, quemadmodum et 
Joannes praedicavit theologus di- 
cens: Ecce veniet cum nubibus 
caeli, et videbit eum omnis oculus 
et, qui eum pupugernnt, et plan- 
gent se super eum omnes tribus 
terrae. Quo in statu, putas, tunc 
anima inveniri optabit, ut susti- 
nere possit, quando caelum et terra 
in fugam verteutur, sicut rursus 
theologus praesignavit dicens : 
Vidi solium candidum magnum 
et sedentem super illud, a cu- 
jus conspectu fugit caelum et 
terra, et locus uon est inventus 



hevit, nicht suanari. [Schmeller 
(Lachm.) riet suanari, Haupt 1 \ ana \ |, 
Piper suanari, Detter fiant? mahti- 
go ? Die Lesung von Piper (Haupt) 
steht zweifellos unter SchmellersEin- 
flufs.] Denn 'universorum deus ad- 
venit' kann nicht selbst übersetzt sein; 
synonym zu 'u. d. adv.' ist aber nur: 
'ecce rex apparet'. Hinzukommt, dafs 
der Begriff „König" von 75 — 77 ge- 
fordert wird und auch in der Ent- 
sprechung dieser Verse stand. 



75. denne hevit sih mit imo 

herio meista. 
Vgl. 76 a. da;; ist alla^ so pald. 



(74. enti sih der khtminc . . .) 



75^ f. herio meista. 

das; ist alla^ so imld, da^ imo nio- 
man kipägan ni mak. 
Vgl. Hatton, den Anfang des oben 
nach der Hs. gegebenen Stückes. 



247 



illius. Dazu einige Zeilen weiter: 
quando thronos adspiciemus 
positos et 



dominum omnium sae- 
culorum denmque nostrum se- 
d entern, quando innumerabilis 
angelorum contuebimur exer- 
citus in circuitu throni gloriae 
circumstautes cumtimore. 



Tunc 
prophetia implebitur Danie- 
lis dicentis: Ego Daniel ad- 
spiciebam, donec throni positi sunt, 
et antiquns dierum sedit. Vesti- 
mentum ejus candidum ut nix et 
capillus capitis sicut lana munda. 
TJironus ejus flamma ignis et rotae 
ejus ignis acceusus. Fluvius igneus 
rapidusque egrediebatur a facie ejus, 
milia milium ministrabant ei et 
decies milies centena milia assiste- 
bant ei. 

Vossius 538, 2E. Tunc angeli 
emissi cum festinatione discurrent 
congregaturi electos a quatuor 
ventis, ab extremitate caelornm 
nsque ad extremitates eorum. Dazu 
538, 2C. (quo pacto sustinebimus,) 
quando tubae vocem de caelo au- 
diemus . . . omnes, qui a saeculo 
obdormierunt, excitantem, 

justos et injustos. Tunc omnia 
humanae conditionis ossa ad 
sonitum tubae mox ex tumulis 
exilient discurrentque cum festi- 



77. denne verit er ze deru mahal- 
steti, deru dar kimarchot ist. 

Zu der Vorstellung der ausgemesse- 
nen mahalsteti vgl. unten ' circuitus' ; 
4. Esral3, 48. 'Sed et qui relicti 
sunt de populo tuo, M sunt, qui 
inveniuntur intra terminum 
meum'; Eed. d. Seel. 153 gemöt- 
stede. 

Vgl. 85 f. denne der gisizzit . . . 

87. 88. denne stet dar umpi engilo 
menigt, 
guotero gomöno gart ist so mihhil. 
V. 88 mufs Parallelismus zu 87 sein, 
gart (mit Wackernagel, Vetter und 
Steinmeyer in MSD^) ist gesichert 
und bedeutet 'circuitus', „Umkreis", 
„Bezirk". 

78. dar uuirdit diu suona, dia 

man dar io sageta. 

Die Quelle bietet hier den be- 
kannten beachtenswerten Beleg für 
den ursprünglich rein symbolischen 
Sinn des jgst. Ger. „Ein Feuer- 
strom der Gerechtigkeit geht von 
dem Gesichte des Richters aus" 
(Daniel 7). 

Dieser letzte Satz wird nach einer 
früheren Stelle ausgeführt. 

79.80. denne varant engilä uper 
dio marhä, 
uuechant deotä, uuissant ze dinge. 



89^. so vilo dia dar ar resti arstent. 
80». uuechant deotd. 
Vgl. 81. denne scal manno gilih 
fona deru moltu arsten. 
82 a. lössan sih ar dero leimo vas;pn. 



248 



natione artus snos juncturas- 
que requirentia, cumque ipsi 
adspexerimus omnem humanam na- 
tnram ac spiritam in momento et 
ictu ocull resurgentem quem- 
libet ex loco suo congre- 
garique omnes [Ps.-Hipp. omnes 
gentesj a finibus orbis terrae 

ad 
judiciam. Solo enim jussu magni 
regis . . . terra reddet suos de- 
functos . . ., quidquid item huma- 
norum corporum vel bestiae dila- 
niarunt . . . (Aufzählung), subito 
in priorem statum remeabit, 
omnesqüe in ictu oculi resurgent et 
coram tribunali adstabunt et 
ne unus quidem capillus capitis 
ipsis deerit. 



539, 2B. Judicium sedit et 
libri aperti sunt. Magnus in hora 
illa borrenda . . . pavor erit , . ., 
quaudo Judicium illud, in quo 
nulla erit personarum ac- 
ceptio [vgl. 90"], sedebit, 



et libri 
illi formidabiles aperientur, in qui- 
bus conscripta reperientur opera 
nostra, 



Vgl. S2i>. scal imo avar shi lip 
piqueman. 



81. denne scal manno gilih fona 
dcru moltu arsten. 

Vgl. 89, wo vilo offenbar neuer 
Hauptbegriflf ist. 

80 b. (deotä) uuissant ze dinge. 
Es ist möglich, dafs die Lesart von 
Ps.-Hippolyt in der Vorlage stand, 
was Boussets Ableitung wiederum 
stützen würde. ' 

82 1>. scal imo avar sin Up pique- 
man. 

Vgl. 83. 84. da^ er sm reht alla^ 

kirahhön muo^^i 
enti imo after sinen tätin arteilit 

unerde. 
Zu letzterem vgl. auch 30. 36. 

Dann wird der fallen gelassene 
Hauptfaden aus demselben Satze 
weitergesponnen. 

85 f. denne der gisizzit, der dar 

SHonnan scal 
enti artcillan scal toten enti quek- 

khen 
Das häufige denne entspricht treu- 
lich dem Gebrauche der Quelle, die 
immer wieder 'tunc' oder 'in illa 
hora' aufweist. 85''. 86 ist Wieder- 
holung von 74» und hat an unserer 
Stelle bei Vossius keine Ent- 
sprechung, kann aber schon in der 
Vorlage des Dichters gestanden 
haben ; vielleicht ist es an die Stelle 
des eingeschobenen Relativsatzes 
getreten. 

Es ist beachtenswert, dafs der 
Dichter das himmlische Hauptbuch 
(schon Apok.) nicht überträgt. Wahr- 
scheinlich hat ihn dazu das Sünden- 
register des Teufels veranlafst, 
welches er 69 schon angebracht hatte. 
Vielleicht war eine Gegenrechnung 
nach der Empfindung seiner Zeit 



249 



quae fecimus in vita 
nostra super terram, et verba, 
quae locnti sumus, actasque ac 
cogitationes omnes 

arbitrantes 
latere deum scrutatorem re- 
num ac cordium, 



nicht nötig, sie ist auch biblisch nicht 
gegeben. 
93. uua^ er untar desen mannun 

mordes kifruniita. 
mord ist hier (ebenso im Hei.), wie 
längst erkannt, nur Zusammenfassung 
aller Arten von Freveltaten. 
94 — 96. dar ni ist eo so lisiic man, 

der dar iouuiht arliugan 

megi, 
da^ er kitarnan megi tdto dehheina, 
ni^ al fora demo khuninge kichundit 

uuerde. 

90. so dar manno nohhein uuiht 
pimidan ni mac. 

Zu khuninc vgl. einige Zeilen weiter: 
'dona, quae a rege gloriae ac- 
cepturi sunt, qui bonum hiccertamen 
decertarunt' und Ephraems (lat.) 
Traktat „Labor et dolor me ad lo- 
quendnm compellunt", Vossius 426, 
2 B C : ' et si mentiri volueris , ar- 

guet te couscientia tua et tu 

mentiri cogitas?' Linzer Bntecrist, 
Fundgr. 2, 133, 21—25: Son MIß 
kein list noch keiner slachte lougin; 
kein sunde wart ni so tougin, siu 
inicerde kunt danne wib un manne. 

91. 92. dar scal denne hant spreh- 
han, houpit sagen, 

allero Udo uuelih unzi in den luzigun 

vinger. 
Diese eindrucksvollen Verse er- 
setzen also ein ebensolches Bibelwort. 
houpit liefse sich aus 'cogitationes' 
erklären; zu hant vgl. die zu 60^ 
herangezogene Ephraempredigt, Vos- 
3S0, 1 E. Tunc reges . . . oppri- sius 380, 1 E. Allein zweifellos hat 
mentes. Tunc sanguis eorum , qui der Dichter noch eine andere Quelle 
ex episcoporum et pastorum ac dafür benutzt, wie die Parallelen 
presbyterorum negligentia porierunt, zeigen. 
ex eorum manibus requiretur. 

Ked. d. Seel. 97 flf. ... nän nä tu ])ces lytel lid: on 

Urne äweaxen, 
J^oet äu ne scyle for änra ^ehwylcum onsundrum 
riht ä^ildan; 



nbi descrlpta 
erit huiuaua quaecuuque actio, sive 
bona sive mala, secuudum quod 
scriptum habemus: Nam et ca- 
pilli capitis nostri omnes nu- 
merati sunt, cogitationes sci- 
licetatque intentiones cordis, 
de quibus rationem quoque 
reddituri sumas. 



250 



Ps.-Hippol. Kap. 46 (Berliner Ausg. S. 380) lälst Christum in 
der Verdammungsrede alle einzelnen Glieder sehr ausführlich 
aufzählen und Rechenschaft fordern. 



[Der Senno scliliefst mit dem Ge- 
danken (Rom. 14, 11; Phil. 2, 10; 
Jes.45, 23): Dann werden alle Zungen 
bekennen, dafs Christus der Herr 
ist . . .] 



539, 1 B. Deinde quilibet propria 
ante faciem suam constituta videbit 
opera. Tnuc cuncti, qui miseri- 
cordiae opera coluerunt et 
vere poenitentiam egerunt, 
quique angnstam et arctam ingressi 
sunt viam suamque in solitudinibus 
et montibus atque speluncis pro- 
fessionem ad fiuemusque caste ac 
integre servarunt, 



hilares con- 
specturi sunt opera sua bona, quae 
ante se praemiserunt. Et miseri- 
cordes quidem contuebuntur ibi 
mendicos ac pauperes . , . pro ipsis 
intercedentes ipsorumque bona opera 
coram angelis et hominibus ad- 
nuntiantes. 

539, 1 A. Quo pacto sustinebi- 
mus . . ., quaudo viderimus signnm 
filii hominis in caelo resplendens, 
sicut ait dominus, sanctum, iu- 
quam, et immaculatum ac pre- 
tiosum Signum, cui sponte 
clavis affixus pro nobis fuit 
ipse Christus dominus? Tunc 
cuncti in sublimi aspicientes sanctum 
ac formidabile magni regis apparere 
sceptrum , cognoscQ^it . . . certique 
inde erunt omnes illico postea ipsum 
quoque regem appariturum. 



Ich halte es jedoch für unwahr- 
scheinlich, dafs in der Vorlage das 
schöne Bibelzitat (Matth. 10, 30; 
Luk. 12, 7) schon durch einen Musp. 
ähnlicher lautenden Satz ersetzt ge- 
wesen sei. 

96 bis Schluls greifen auf die 
zweite längere, vorher übersprungene 
Stelle zurück, 539, lA — C; auch 
diese ist wieder umgestellt. 

97. ii!;!;an er i^ mit alamtUanu 
furiviegi 

99. denne der paldet, der gi- 
pua^pt hapet 

98 b. enti {mit fastün) dio viritid 
kipua^ti 

98». mit fasttin. Das geläufige 
Heilsmittel der Kirche tritt statt des 
Einsiedlerlebens aus begreiflichen 
Verhältnissen ein. 

(99«. denne der paldet . . .) 



Vgl. 961». (ni^ al . . .) kichundit 

uuerde. 
Bei Ephraem erscheint hier wie sonst 
das Kreuz stets zuerst am Himmel, 
den Tag des Gerichts verkündend; 
unsere Stelle ist nur eine Anspie- 
lung auf die frühere (538, 1 E). 
100 ff. uuirdit denne furi kitragan 

da^ frono chrüci, 
dar der heligo Christ ana arhangan 

imard. 
denne augii er dio niäsün , dio er in 

dem menniski . . . , 
dio er duruh desse mancunnes 

minna . . . 



So wie hier die Stelle lautet, kann sie nicht allein Musp. 
100 ff. verursacht haben, das beweisen die Parallelen. 1. Zu 



251 

dem Motive: „Engel tragen das Kreuz vor" vgl. Wadstein, Zs. 
f. w. Theol. 38, 574; Ps.-Joh. S. 83. xal roxs s^eX&i] ro fiiya 
xal oeßäöfiiov öxtjtctqov (isrä x'^^^ö.ömv ayyeXcov d-QrjOxevovrsg 
avrö; Ps.-Chrys. 775. ^av^ötrai yaQ jcqcötov ro örjuelov rov 
viov rov cwd-QcöjTOv, 8(p' CO eöravQcoöav avröv 'lovöaioi, ßaöra- 
C,6fi€V0V vjco äyicov ayysXcov xal Xdfijcovra cog dörQajtrjv. 
Diese Lesart könnte in dem Sermo, wie ihn der Verf. ge- 
brauchte, gestanden haben. Vgl. auch Migne, Lat. 39, 2051. 
2. Das Zeigen der Wundmale findet sich gleichfalls an letzt- 
genanntem Orte Sp. 2052: 'tunc ostendet vulnera et erucem 
manifestabit, ut ostendat, quoniam ipse est, qui crucifixus est.' 
Es findet sich schon Or. Sib. 8, 318 ff. Vgl. Hatton, Hofmann 
S. 350. Bonne cetywect drihten pa rode, ])e he on ])rowade and 
per scinect leoJit ofer eallne middanjeard and he cetyweä pa 
wunda on Ms sidan and pcera ncejla wunda siva pa on his 
handum and fotum, pe he mid wces on rode jefcestnod (Hatton 
geht im allgemeinen auf eine Ephraempredigt zurück!); Wulf- 
stan 90, 5 ff.; 124, 3 ff.; 189, 11 ff; ferner die Vorhaltungen Christi 
in der Anrede an die Verfluchten, Vossius 183; Cr. 1454 und 
dessen Quelle; Ps.- Hippel, (s. Kraus' Nachweis); Fundgr. 2, 
135, 15 und sonst. Wie sehr diese Züge später Gemeingut 
waren, zeigt die in der Einl. zitierte Kosmographie, Kap. 11. 
*. , . et justi videre merebuutur dominum deum suum Christum- 
que regem suum et Signa et fixuras elavorum et videbunt 
lignum, in quem transfixerunt.' — Der Sache nach war freilich 
alles im Keime gegeben. Wir dürfen daher, da sich ausdrück- 
lich das Zeigen der Wundmale nicht wohl im Text anbringen 
lälst, annehmen, dals der Autor für das geläufige Motiv eine 
Nebenquelle benutzte. 

Die Entsprechungen im Gedicht sind eng genug, dals wir 
eine wesentliche Verschiedenheit der Quelle von der Gestalt 
bei Vossius nicht anzunehmen brauchen. Die wenigen Ab- 
weichungen sind verhältnismäfsig gut zu erklären. Die wenigen 
Umstellungen und Kombinationen, welche der Dichter an 
einigen Stellen nachweisbar, an anderen mit ziemlicher Sicher- 
heit mit der .rhetorisch aulserordentlich fliefsenden Quelle 
vornahm, sind sehr gut begreiflich. Die stilistische Anleh- 
nung an Ephraem ist vielfach sogar überraschend stark. 
Die ganze leidenschaftliche, sprudelnde Rhetorik des Morgen- 



252 

länders, in langen Perioden einherrauschend, hat deutlich 
Nachahmung im deutschen Gedichte gefunden, ohne dafs dieses 
entfernt an das Vorbild heranreichte. Oft klopft merkbar 
der Herzschlag Ephraems durch das barbarische Gewand. 
Man denke an das 'nemo est, qui audiat' der Verdammten 
zu V. 26flF., an die gleich den Donnerschlägen eines voll 
entfesselten Gewitters hart aufeinander folgenden Elementar- 
ereignisse in V. 51ff., au die dem 'ubi sunt aurum, argen- 
tum etc.?' nachgebildete rhetorische Frage: V. 60. uuär ist 
denne diu marha, dar man dar eo mit sinen mägon piec? 
und die wuchtige Antwort darauf: 'non amplius ibi locus erit 
ditescendi', V. 61. diu marha ist farprunnan, ferner an 79 f. 
und an die Verantwortung der einzelnen Glieder vor dem höchsten 
Könige in V. 90 ff. Bis in Unarten des Stiles erstreckt sich 
der Einfluls der Quelle, so bei der atemlosen, Steigerung er- 
strebenden Hast der ganzen chronologischen Ordnung der Er- 
eignisse, welche durch die beständigen denne und dar für 'tunc', 
'in illa hora' und 'ibi' der Vorlage auf das peinlichste auf- 
fallt, während die Ephraempredigt durch ihre grolse Breite 
trotz der häufigen Demonstrativadverbien gegen eine solche 
Wirkung geschützt ist. 

Heidnisch (so neuerdings noch A. Hauck, Kirchengesch. 
Deutschlands im Mittela., 2. Aufl., 1900, 2. Bd., 759. 766 f.) ist 
nichts. Alles stammt einheitlich aus der gleichen Quelle, resp. 
ist die Verknüpfung der beiden Teile 1 — 30 und 31 — 103 so 
fest, dals wir jegliche Umstellung, jegliche Ausscheidung älterer 
Bestandteile auszuschliefsen und das Ganze, wie Zarncke, Wil- 
manns u. aa. längst anerkannt haben, als wohlgeordnet und 
richtig komponiert ansehen dürfen. 

Als echt erweisen sich die Reimzeilen, der für unecht ge- 
haltene Vers 74** und der für stablos angesehene Vers 13. In 
Bezug auf letztere beiden Punkte ist der Verstheoretiker Lach- 
mann, von dem die Zeileneinteilung in die Ausgg. übernommen 
ist, zu korrigieren; er ist hier, wie in den anderen Annahmen 
halb überlieferter Verse, Opfer seiner Theorie geworden. Die 
editio princeps von Schmeller hat bis auf einen Fall, wo die 
Lesung versagte, in diesen Versen die richtige Teilung. Wenn 
auch Hörn, PBB 5, 189 ff., Sievers, Altgerm. Metrik (auch 
Pauls Grundr.2 H, 2) und Kögel, Lgsch. I, 327 ff. nachgewiesen 



253 

haben, dafs die gesamte Metrik des Miisp. allen Gesetzen Holm 
spricht und sich unmöglich mit besonderen ahd. freieren Regeln 
gegenüber dem Ags. und dem As. erklären läfst, in einem 
Punkte mufs das Gedicht gerettet werden: Der Stab ist 
überall vorhanden. Man lese und sehe in allen vier Fällen 
die Stäbe (ich gebe nur die natürlichen Redeaccente, um keiner 
Theorie vorzugreifen) : 

12*. enti si dero engilo eigan uuirdit, 

12^. die pringent sia sär üf in himilo rihi; 
18*. pidiu ist dürft mihhil dllero nidnno uuelihemo, 

IS'', da^ in es sin müot hispdne; 
48". doJi uiiqnit des vilo gotmanno, 

48^. da^ Elias in demo uuige ariiudrtit uuerde; 
ebenso nach Steinmeyers vorzüglicher Konjektur furiviegi 97: 
97*. ü^^an er i^ mit dlamüsanu furiviegi, 

97^^. enti mit fdsiün dio virinä Idpüazti. 
Da V. 74 JcJiuninc statt suanari zu setzen ist, so mufs jetzt 
auch hier mit voller Gewifsheit abgeteilt werden (nach 12 u.97): 
74*. enti sih der khüninc ana den sind arhevit, 
74''. der dar süannan scdl töten enti lepenten. 
Und ebenso dürfte für diesen Dichter metrisch möglich sein: 
99 \ denne der pdldet, 

99^*. der Mpüa^^it hdpet, denner ze deru süonu [quimit]. 

Man sieht, der Reimstab wird in allen sechs Fällen konsequent 
gewahrt. Von metrischem Bau dagegen ist keine Spur vor- 
handen. Unter diesen Zeilen sind V. 12 und 74 quellenmälsig 
gesichert und 97 und 99 inhaltlich unbedingt echt. Dafs der 
Dichter in diesen vier [also vermutlieh in allen sechs] Fällen 
geschwellte Verse hat bauen wollen, ist klar. Die Un- 
geheuerlichkeit dieser Schwellverse war wohl der Grund, wes- 
halb die Forschung bisher nicht an sie glauben wollte. Allein 
nachdem der Charakter der gesamten Metrik jetzt festgelegt ist, 
haben wir keinen Grund mehr, davor zurückzuschrecken. [Auch 
die für alt gehaltenen Partien, besonders 50 ff., stimmen zu 
der übrigen Metrik. Vgl. Sievers a. a. 0., Kraus a. a. 0. 47, 
S. 344.] Der Gebrauch des Endreimes ist bekanntlich den ags. 
stabreimenden Dichtungen zum Zwecke besonderer Wirkungen 



254 

geläufig. Er scheint auch nicht im Hildebrandsliede zu 
fehlen. Darin würde also im Musp. nichts Auffallendes zu 
erblicken sein, wenn nicht der Bau von 61. 62 stark an Otfrid 
erinnerte. 

So wie die Hs. das Gedicht formell bietet, hat es von 
Anfang an allen Forschern das gröfste Unbehagen verursacht 
und bei denen die Kritik auf das lebhafteste herausgefordert, 
die ein altes, nur schlecht überliefertes Stück darin zu erkennen 
glaubten. Nun, wo die verfallene Metrik, der oft unklare 
Ausdruck, der durch übermälsige Kürzung der Vorlage ent- 
stand (so 57 ff., 63 f, 66 f.), die gesamte Komposition, welche 
durch Umarbeitung der Quelle noch mehr verdunkelt wurde 
(63 — 72, 89), als es die beständig springende Art der freien 
Predigt mit sich bringt, sich als original erweisen, dürfte der 
Schlufs nicht mehr erlaubt sein, der bisher von fortgeschrit- 
teneren Forschern noch gezogen wurde (zuletzt von Kögel, 
Grundr.2 II, HO. 112), dals das vorliegende Stück späte, 
schlechte Niederschrift eines schon^aus der Verfallszeit ahd. allite- 
rierender Poesie herrührenden Gedichtes sei, welches literarische 
Verbreitung besessen habe. Vielmehr dürfte jetzt die richtige 
Benennung die sein, mit der es Herr Prof. Schröder im Sommer 
1905 in seiner Vorlesung kennzeichnete: archaisierendes 
Experiment. Ich füge hinzu: ein Original, das nie in der 
Literatur eine Rolle gespielt hat. Das beweist das Verhältnis 
des Gedichtes zu dem lat. Sermo, auf dessen Rändern und 
leeren Seiten es eingetragen ist. [Der Lautstand unseres Musp. 
weist nach Kögels Untersuchung der St. Emmeramer Urkk., 
Pauls Grundr. 2 H, HO, frühestens auf das Jahr 900. Dafs 
ein orthographisch ungeübter Schreiber gerade die neue, erst 
um 900 üblich werdende Schreibung 25 Jahre vorher finden 
sollte, scheint mir unglaubhaft. Das Aufbringen neuer phone- 
tischer Schreibung ist m. E. nicht Sache Ungebildeter, sondern 
denkender und feinhörender Gebildeter. Die neue Schreibung 
uo wird aber durchaus in dem Denkmal vorausgesetzt. Dies 
gegenüber Braune, Ahd. Leseb. ^ 182.] 

Schon zu 63 ff. ist darauf aufmerksam gemacht, dafs der 
Sermo wie Musp. den Teufel beim jgst. Ger. als Ankläger der 
Menschen auftreten, eine Anklagerede halten und den Men- 
schen nach einem 'chirographum' verurteilt werden läfst, was 



255 

bei Epliraem fehlte, bei Cyrill angedeutet, sonst nicht häufig 
und selten so prägnant dargestellt war. Die Möglichkeit einer 
Entlehnung aus dem Sermo ist also durchaus gegeben. 

Für mich wird dies Verhältnis zur Gewilsheit durch 
Folgendes: Herr Prof. Schröder machte im Seminar darauf 
aufmerksam, dafs in dem Gedichte auffallend viele Ausdrücke 
des Rechtslebens gebraucht seien. Diese sind nun ganz ohne 
Zweifel aus den verwandten Stellen des Sermo entnommen. 
Es gibt keine eschatologische Darstellung, welche etwas Ähn- 
liches böte. [Text hier nach Migne.] 

Kap. I warnt vor dem Teufel und dessen Schlingen. 

Kap. II erklärt näher Schicksal und Taten des Teufels. 

Kap. III fordert auf, der Sünde zu entsagen, denn: 'cum 
judex venerit, tradetur debitor exactori, exactor autem debi- 
torem in carcerem trudet . . . Omne itaque genus humanum 
tanquam pauperem et pupillum commendat scriptura divina 
dicens deo: „Tibi derelictus est pauper, pupillo tuo tu eris 
adjutor." Ejusque adversarium diabolum demonstrans secutus 
adjunxit: „Contere brachium peccatoris et maligni." Adsit 
itaque aliquis homo pius et aliquam misericordiam 
huie pupillo et pauperi exhibeat. Ferocem enim 
atque callidum adversarium patitur et hie in causa 
sua deficit, quoniam eum suus adversarius pravis actibus 
obligavit. Adhibeamus huic pupillo idoneos defensores 
et apostolorum tanquam jurisperitorum coelestium ei 
patrocinium subrogemus. Quid est agendum apud tales 
pro tali, apud vos itaque, Petre, Paule, Johannes ceterique 
consiliarii sancti veri judicis, amici summae potestatis? 
Causam exponimus, quam optime, nostis' usw. S. a. S. 244. 

Das Ganze wird als ein reiner Rechtshandel dargestellt. 
Und nun nehme man aus Musp. folgendes bisher nicht Be- 
trachtete: V. 37. JDa^ hört ih raJihön dia uueroUreJituuisön. 
Wir verstehen sofort den Ausdruck uueroUrehiuuisön, wenn wir 
daneben 'apostoli tanquam jurisperiti coelestes' halten. 
Der Muspillidichter beruft sich also V. 37 auf die Prophe- 
zeiungen der Apostel vom Antichrist; natürlich ist die Apo- 
kalypse, vielleicht aufserdem apokryphe Schriften gemeint. 
[Zu dem Worte vgl. Gü. 28: woruldryJit; Anglia XI, 369: pone 
he deman sceal rihtwisen ond unrihtwisen, dazu unrihtivisnysse.] 



25© 

Jetzt wird ebenso die Herkunft der Erweiterungen der Anti- 
christepisode gegenüber der as. Gen. klar: 41 ff. Elias ist aucli 
einer dieser 'pii homines', der 'misericordiam huie pupillo et 
pauperi, qui in causa sua deficit, exhibeat (sc. generi humano)'. 
Er will dem Menschengeschlecht, denen, die das Recht lieben 
und wünschen (rehtkerno), das Reich Gottes sichern (V. 42). 
Er ist ihr Anwalt, Beschützer ('defensor', vgl. 'patrocinium'). 
Er ist ebenfalls wie die Apostel 'amicus summae potestatis', 
V. 43. pidiu scal imo hei f an, der himiles Jciuualtit. V. 44. 
45 bieten das Korrelat dazu. Die Häufung der Ausdrücke 
dürfte die Entnahme ausreichend bezeugen, i) 

Also nur ein Versuch, ein Entwurf ohne lebendige 
Kenntnis der Technik der Stabreimdichtung! Ein Original, 
was Schmeller in der Einleitung seiner Ausgabe unglaubhaft 
vorkam! Nicht dagegen spricht auch der regellose Schreib- 
gebraueh, den eine schriftliche Vorlage, oder auch nur eine 
früher einmal eingesehene Vorlage wohl verhindert hätte. 
Wir haben daher jegliche Textreinigung zu unterlassen, ja 
ledes Charakteristikum dankbar zu begrüfsen. 

Und archaisierend! Das beweisen 1. einzelne Formen 
und Ausdrücke und 2. deutliche Entlehnungen aus der as. Dich- 
tung. Eine archaische Form ist V. 53 lougiu, Instr. Sgl. der 
i-Dekl.; vgl. Braune, Ahd. Gramm. ^ § 215, Anm. 1. Archai- 
sierend, aber poetisch zweifellos wuchtig wirkt das Weg- 
lassen des Artikels V. 50 ff., 80, 91 ff. und sonst. Übrigens 
zeigt das Gedicht deutlich, dafs der Gebrauch des Artikels 
zur Zeit der Niederschrift völlig durchgedrungen war. Man 
vgl. z.B. y. 40 das Schwanken selbst in einer derartigen Stelle: 

Khenfun sint so hrefUc, diu Tcösa ist so mihhil, 
V. 53^. suilizot lougiu der himil (Es gibt nur einen 

Himmel.) 



^) Nur angemerkt sei noch die Möglichkeit einer dritten Entlehnung 
aus dem Sermo de symbolo contra Judaeos. Auf stark abgegriffenen 
Blättern, S. 102« — 103», enthält die Hs. das Augustiuische Akrostichon: 
„Judicii Signum tellus sudore madescet." Bei Migne und sonst heifst V. 13: 
' [Deus] Occultos actus reteget, tunc quisque loquetur Secreta . . . Unsere 
Hs. hat 'occultos astus', „Listen", und dies entspricht Musp. 94. listic man, 
was in der Quelle fehlte. (S. oben S. 249.) 



257 

Auch der Wortschatz macht einen altertümelnden Eindruck: 
himiUungalon V. 4 ist nur in 2 Gll. belegt (0. T, kennen es 
nicht), laue ist ahd. selten. 

Manches von diesen Beispielen mag auch unter die zweite 
Kategorie gehören, d. h. der as. Dichtung , entnommen sein. 
Eine Heliandhs. ist in Mainz um 900 (Kögel, Lgsch., Ergän- 
zungsheft S. 18), M ist später in Bamberg bezeugt, wohin sie 
von Heinrich IL 1011 geschenkt sein soll (Kögel, Grundr.^ II, 
96). Wenn wir ferner bedenken, dals wir 4 Hss. resp. Teile von 
solchen besitzen, so ist der breite Erfolg des Werkes, von dem 
die Praefatio spricht, unbedingt zu glauben. Und die Genesis 
wurde mit dem Heliand in den gleichen Hss. verbreitet 
(Genesishs. V). Es kann daher nicht befremden, dals unser 
bairischer Experimentator beider Einfluls zeigt, und zwar, 
wie mir scheint, bis in die Orthographie hinein, was bei seiner 
Ungetibtheit im Deutschschreiben ebenso begreiflich ist. Wir 
finden 15 mal germ. ai, ahd. ei, bair, regelrecht (unser Denk- 
mal ist [vgl. des näheren Wüllner , Hraban. Glossar S. 76 fiF.] 
nahezu rein bairisch) als ei wieder, aber daneben dreimal 
als e, V. 50 emc, 55 sten, 101 der Mligo Christ [letztere Formel 
fehlt im Ags., im Ahd. fehlt sie bei 0. und T., Graff IV, 873 
gibt nur zwei Belege dafür, sie wird dagegen im Hei. 27 mal 
gebraucht]. V. 82 ist h vor Kons, geschwunden (im Stabreim!), 
V. 73 wie so oft im As. im Stab gebraucht (vgl. Heynes Glossar). 
Selbstverständlich behaupte ich nicht, dafs die angeführten Er- 
scheinungen nicht auch in andern Mundarten möglich seien. 
Aber das ist die plausibelste Erklärung dieser Formen, wenn 
ich daneben die für 100 Muspilliverse erdrückende Masse 
von Parallelen zum Hei. und zur as. Gen. halte. Die zur 
Gen. (Antichrist) sind schon gegeben. Ich stelle daher hier 
nur eine Liste derer zwischen Musp. und Hei, auf. Im all- 
gemeinen sind es alles Stellen, die nicht (wenigstens nicht 
wörtlich) in der Quelle standen. In Klammern die Heliand- 
parallelen: 6 (2618M9), 9(1507), 17^ (1112^ 348P), 18.19 
(4378^79), 20(1934), 23^(2574^), 35(1895), 30.36(1332.33=^), 
35. 36(261P— 13), 39^' (4321f.), 43^(2211^), 52"^ (942^^), 55* 
(4283, 3701^ 2«), 55^ 56 (1951, 2592,4048), 56^ (4307«), 63.64 
(1309^ + 131L 12% 1693—96), 66 — 68 (2640^-— 45), 84. 85" 
(3314^^ + 3320% 4390*), 86(4293;, 87. 88 (1973^ 74=»), 89^. 

Studien z, engl. PhU. XXXI. 17 



258 

(2201^ 2^), 90 (3803^ 4% 4688^ O«*), 98 (876. 7), 102 (5507). 
[Dazu nach Kögel: 95 ff. parallel zu Gen. 57. 58\]i) 

Ziehe ich alle einzelnen Fäden zusammen, so komme ich 
nicht um den Sehlufs, dals wir es mit dem vereinzelten 
Versuche eines späten Liebhabers der as. Dichtung zu tun 
haben, dem eine Heliand-Genesishs. in einer grölseren 
Bibliothek zur Verfügung stand, der aber jedenfalls keine 
technische Schulung in der alliterierenden Dichtung durch- 
gemacht hat. 

Der Verfasser war in der deutschen Orthographie ungeübt, 
verstand aber Latein, kannte eine Anzahl von Predigten und gab 
sich sicher mehr damit ab, als Laien es tun. Er verrät in seinem 
Dichtversuche nichts Persönliches, seinen Ideengehalt verdankt 
er in der Hauptsache einer Quelle bezw. zweien, er häuft 
jedoch, wie es scheint, die nicht in der Vorlage gebotenen 
Beziehungen auf die Verhältnisse des praktischen Lebens durch 
Hinzuziehung anderer Quellen. Sein Gedankengang ist unklar, 
denn die vollklingende Rhetorik Ephraems wird bei ihm durch 
tibermälsige Kürzung zwar knapp, aber oft unverständlich 
und sprunghaft. Manchmal weils er poetische Wirkungen durch 
archaisierende Diktion hervorzurufen. 

Wer war dieser Mann? Die Fabel von Ludwig dem 
Deutschen dürfte durch den Quellennachweis endgültig be- 
seitigt sein. Steinmeyer (Erg. u. Fortschr.) hat geäulsert, dafs 
Ludwig mit der von Adalram von Salzburg geschenkten lat. 
Hs. wohl nicht anders verfahren sei, als andere Fürsten zu 
anderen Zeiten, d. h. dafs er sie wohl bald an ein Kloster 
weiter verschenkt habe. Ich gestehe den Eindruck zu haben, 
dafs das Gedicht etwa die Arbeit eines der Orthographie 
nicht sehr kundigen Klosterschülers ist. Darin bestärken mich 
Beobachtungen, die man an der Hs. macht, die freilich entfernt 
keine zwingenden Schlüsse zulassen. Es finden sich darin 
ebenfalls mit blasser Tinte wie Musp. geschrieben und vielleicht 
von demselben Schreiber: 

Verbesserungen: bona 87*; qd 94^; ferner kleinere an 

^) Ich glaubte früher (schon ehe ich die Arbeit von Grüters kannte) 
einen Einflufs von Cr. 3 auf Musp. (Mondfall würde eine Textkonstruktion 
tiberflüssig machen!) annehmen zu müssen. Diese Hypothese scheint mir 
jetzt zu schwach begründet. 



259 

Buchstaben 96% Z. 5; 97 % Z. 5; 98 % Z. 1; 109 % letztes Wort; 
110", Z. 6 und 8; 115, letztes Wort; 

Klexe: 69 ^ 76"; 76^ abgedruckt auf 77'*, hier wegradiert; 
80"; 83 ^ 84^; 92« usw.; 

mutwillige Rasuren: 68* (Satzzeichen Z; 7 und 8, letzte 
Buchstaben Z. 8 und 9); 79=^ (Satzzeichen Z. 7. 10, 11); 80 ^>; 
81^ 8P; 82'' usw.; 

Kratzer: 70^; 71* (hauptsächlich an den Aursenrändern) ; 
77* (rechts unten); 94\ 102^ 

Kreise mit einem die Öffnung verändernden, stumpfen, 
nicht schreibenden Zirkel: 107"; 

Schmutz vom Gebrauch: 101 — 105 (Augustins Akrostichon 
„Judicii Signum"). 

Diese Dinge zeugen von derselben Rücksichtslosigkeit 
gegen die reinlich geschriebene Hs. wie die Eintragung der 
Verse und machen wahrscheinlich, dals die Hs. von einem 
Schüler gebraucht worden ist, denn einem solchen sind diese 
Verunstaltungen am ehesten zuzutrauen. (Auf S. 68'' sind an 
vielen Wörtern die letzten Buchstaben aasradiert; dadurch 
sind die lateinischen Formen entstellt, was offenbar den Witz 
des mittelalterlichen Schülers gekitzelt hat.) Die Möglichkeit 
der Identität des Muspilliverfassers und eines solchen Kloster- 
schülers wird man ins Auge fassen dürfen. 

Zu Otfrid. 

Für die erschöpfende Behandlung von Otfrid V, 18 — 23 
bestehen bisher noch Schwierigkeiten. Sie sind weniger in 
der nicht endgültig aufgeklärten Arbeitsweise des Dichters zu 
suchen als in anderem. Denn darin stimme ich vollständig 
Steinmeyer (Jahresb. f. g. Ph. 1899, 68 ; 1900, 79; Erg. u. Fortschr. 
215 f.) zu, dafs Schönbachs (Zs. f. d. A. 38 ff) und Plumhoffs 
(Zs. f. d. Ph. 31 f.) Resultate nicht so gegensätzlich sind, wie die 
Polemik Plumhoffs glauben machen könnte, sich vielmehr er- 
gänzen. Als Haupttatsache hat doch wohl Schönbach zur 
Wahrscheinlichkeit erhoben, dafs die Jahresperikopen, viel- 
leicht mit etwas vom heutigen Gebrauche abweichendem Um- 
fange Grundlage des Werkes waren. Solchen würden in 
unserem Abschnitte nur V, 18; 20, 31 passim bis 116 

17* 



260 

entsprechen. Für die übrigen Teile dieser lectiones sind die 
Quellennachweise bisher dürftig. Es kann kein Zweifel be- 
stehen, dals in V, 19; 20; 21 Ephraem Syrus (vielleicht auch 
dessen Nachfolger, so für die Anknüpfung an die Himmelfahrt, 
20, 48 ff.; 111 ff.; 21, 1 ff. Ps.-Chrysostomos, Migne, Graec. 61, 
775 ff.) reichlich Material geliefert hat. 

Die Schwierigkeit ist die: Es finden sich in diesen Ab- 
schnitten, besonders in V, 23 so zahlreiche inhaltliche, seltener 
wörtliche Übereinstimmungen mit den auch im Hei. benutzten 
beiden ae. Dichtungen Cr.-Gü. und Phon., dafs ich mich bisher 
nicht der Vermutung einer Benutzung dieser Werke durch 
Otfrid erwehren konnte. Da Otfrid die Fuldische Schule be- 
sucht hat, wo die vom Gründer Bonifatius herrührende ags. 
Tradition vermutlich weiter gepflegt wurde [Prof. Schröder 
glaubt ihren Einfluls auch im Wortschatz des Tatian wahr- 
zunehmen, in Wörtern wie firnfol usw.], so ist es ja keines- 
wegs unmöglich, dals er sie gekannt hat. 

Ich möchte jedoch diese ganze Hypothese erst ausreifen 
lassen in der Erwägung, dafs ich mein ursprüngliches Ziel 
erreicht habe, und dafs der, wie bisher angenommen wird, 
abseits vom Strome der literarischen Entwickelung stehende 
Otfrid ohne Schaden getrennt in einer ergänzenden Arbeit 
behandelt werden kann. Zudem liegen die angelsächsisch - 
kontinentalen literarischen Beziehungen auch sonst bisher nicht 
genügend klar, als dals man hier ohne weiteres bauen dürfte. 



Anhang I. 

Quelle und Entwickelung der Legende von den fünfzehn 
Vorzeichen des jüngsten Gerichtes. 

Aus dem 1. Jahrtausend besitzen wir keine germanische 
Darstellung der 15 Vorzeichen. Erst die Scholastiker und 
deren nächste Vorgänger sind als Propagatoren dieser im späten 
Mittelalter ungeheuer verbreiteten Legende anzusehen, Petrus 
Comestor, Thomas von Aquino; gegenüber deren Darstellungen 
sind diejenigen, welche abweichenden Fassungen folgen, be- 
trächtlich in der Minderzahl. Trotzdem reicht die Legende 
ihrer Wurzel nach in die erste Hälfte des ersten Jahrtausends 
zurück, und ihre Entwickelung hat sich wahrscheinlich in 
dem von mir behandelten Zeitraum vollzogen. Im Folgenden 
soll daher mit gewissem Rechte ihre Entwickelungsgeschichte 
in den Hauptzügen festgelegt werden. 

Nach den Vorarbeiten von E. Sommer, Zs. f. d. A. 3, 523 ff., 
C. Michaelis, Herr. Archiv 46, stark unter dem Einflufs der 
Arbeit von F. Vogt, Über Sibyllenweissagung, PBB 4, und 
nach mehreren reichen Nachweissammlungen [E. E. T. S., Or. 
Ser. 69, 91 und Mätzner, Ae. Sprachproben S. 120 f., wo auch 
4. Esra V, VI als Quelle angegeben wird] hat G. Nölle, in 
PBB 6 (1879), 413—476, eine Gesamtdarstellung des Gegen- 
standes versucht. Die Materialsammlung ist fleilsig, aber die 
Durcharbeitung gentigt nicht. Vor allem ist die historische 
Basis mit erschreckender Flüchtigkeit untersucht. Berich- 
tigungen und Nachträge zu Nölles Aufsatz gibt die Leip- 
ziger Dissertation von K. Beuschel, Untersuchungen zu den 
deutschen Weltgerichtsdichtungen des XL— XV. Jahrhunderts. 



262 

I. Teil: XL— XIII. Jahrb., Chemnitz 1895, S. 41— 44i), und das 
Buch desselben: Die Weltgerichtsspiele des Mittelalters und 
der Reformationszeit, Leipzig 1906 (Teutonia, 4. Heft), S. 335 
und Index. Aber auch hier und wo sonst gelegentliche Nach- 
weisungen über die Legende vorliegen, die ich an gegebenem 
Orte zitieren werde, ist in der historischen Auffassung kein 
Fortschritt zu verzeichnen. Die Verbesserung aller Versehen 
und Irrtümer Nölles muls einer zukünftigen Gesamtdarstellung 
der interessanten Legende tiberlassen bleiben.^) Von Wichtig- 
keit scheint es mir dagegen, die Quelle zugänglich zu machen. 

S. 415 sagt NöUe, nachdem er ungefähr den 10. Teil der 
als Basis für die Vorzeichen in Betracht kommenden biblischen 
und besonders apokryphen Literatur angeführt hat: „Da sich 
mit Ausnahme der wenigen Anspielungen auf das jüngste Ge- 
richt, welche unser Herr Christus selbst gemacht hat, in der 
Bibel nichts findet, was den späteren Bearbeitungen der Legende 
von den 15 Vorzeichen als Vorlage gedient haben könnte, so 
ist es wahrscheinlich und ohne Bedenken anzunehmen, dafs 
die Stellen des 4. Buches Esra, welche sich mit den Weis- 
sagungen über die Vorgänge des jüngsten Gerichtes beschäftigen, 
Anlals zu unserer Legende gegeben haben." 

Tatsächlich ist Kap. 15 und 16 des lateinischen 4. Buches 
Esra die gesuchte Quelle, und man traut seinen Augen nicht, 
wenn man bei Nölle Kap. 5 und 6, die auch Vorzeichen be- 
handeln, breit exzerpiert, von Kap. 15 und 16 aber keine Spur 
findet. Er betrachtet dann die sibyilinische Darstellung, einige 
Kirchenväter, deren Namen in vielen Fassungen der 15 Zeichen 
als Quelle angegeben werden, und macht schliefslich den Ver- 
such, aus dem bekannten Augustinschen Akrostichon: „Judicii 
Signum tellus sudore madescet" (De civit. dei 18, 23 und aulser 
den Nölleschen Zitaten vielfach sonst, wofür weitere Nach- 
weise in meinem Besitz sind) 15 Zeichen zu konstruieren, 
mit der Absicht, hierauf einen Teil der Legende aufzubauen. 



Zar Rückseite des Titelblatts: Teil II ist nicht in PBB, sondern 
als Dresdener Habilitationsschrift erschienen, aber in dem letztgenannten 
Werke des Verfassers aufgegangen. [Rec. Herr. Arch. 118, 405 f.] 

*) Ein etwas starkes Versehen ist es, wenn Nölle die Wunderzeichen, 
die der Antichrist tut, bei Adso, Migue, Lat. 101, 1291, mit den Vorzeichen 
des jüngsten Gerichts zusammenbringt. 



263 

Ohne nähere Begründung stellt er später dieses Akrostichon 
geradezu als Typus 1 auf. 

Andererseits hält er (S. 421) Pseudo - Bedas Darstellung 
nach dem Vorbilde von C. Michaelis, Herr. Arch. 46, 59 für das 
Vorbild der Legende, das „alle die Züge, welche die kärg- 
lichen Prosadarstellungen des Petrus Comestor und Thomas 
V. Aquino enthalten, in sich vereinigt". 

Inhaltlich ist aber zwischen dem Akrostichon imd dem 
Ps.-Beda-Petrus Com.-Thomas-Grundstock der Legende keinerlei 
quellenmälsige Übereinstimmung. Offenbar hat hier die Ab- 
handlung von Vogt (s. oben) Nölle einen Streich gespielt. Der 
Weg, auf dem man von dem Akrostichon, selbst wenn man 
einen kräftigen Einschlag der Kap. 5 und 6 des 4. Esra zu 
Hilfe nähme, zu den 15 Zeichen kommen will, ist auf alle 
Fälle dunkel. Konstatieren wir: Nölle kennt keine sichere 
Quelle. Es ist deshalb klug von ihm, dals er sich begnügt 
hat, fünf Typen zu unterscheiden, welche nach seiner Auf- 
fassung fünf Entwickelungsetappen der Legende darstellen: 
1. Hauptquelle: Akrostichon, 2. Ps.-Beda, 3. Petrus Comestor, 
4. Th. V. Aquino, 5. Normannisches Gedicht (Schluls: Ungruppier- 
bares). 

Die einzelnen Züge der 15 Vorzeichen finden sich zerstreut 
fast alle schon in den alttestamentlichen Schriften; zusammen 
und im Gedankengang der 15 Zeichen, die im Mittelalter 
eine grolse Festigkeit gegenüber den Gesamtdarstellungen des 
jüngsten Gerichtes besessen haben, finden sie sich nur in 
Kap. 15 und 16 des lateinischen 4. Esrabuches. Diese beiden 
Kapitel, die den griechischen Fassungen fehlen, bildeten nach 
neuerer theologischer Forschung, bevor sie mit dem Rumpf 
des 4, Esra, Kap. 3 — 14, verschmolzen wurden, ein Buch für 
sich und sind beträchtlich später entstanden als die noch dem 
1. Jahrhundert nach Chr. zuzuweisende Hauptmasse (vgl. A. Har- 
nack, Geschichte der altchristl. Lit. Teil I, S. 852; Teil II, 
Chronologie, 1. Bd., S. 562f.). Das Alter dieser vielleicht rein 
christlichen Kapitel ist nur in weiten Grenzen zu ermitteln. 
Gildas, De excidio Britanniae Lib. I, benutzt sie, wie wir sie 
kennen; also vor den 70er Jahren des 6. Jahrh. waren sie vor- 
handen. Unsere Legende setzt sie als verbunden mit 4. Esra 
3 — 14 voraus, denn sie zeigt mehrere Einzelzüge in den 



264 

Gedankengang von Kap. 15. 16 eingefügt, die nur aus Kap. 5 
[diese hat Nölle wohl bei seiner Quellenableitung im Auge 
gehabt] und 7 stammen können. Ich stelle nun die Quelle 
der Legende gegenüber, wobei ich die aus Kap. 5 und 7 ent- 
lehnten Züge in [] einfüge. Als älteste Form der 15 Vor- 
zeichen wird sich dabei, wie C. Michaelis a. a. 0. richtig ver- 
mutete, die Fassung des Ps.-Beda erweisen, gegen deren 
erdrückende Quellenmäfsigkeit die in beigefügten Überein- 
stimmungen des Petrus C) und Petrus Damiani^) mit der 
Quelle als zufällig erscheinen. Ich zitiere nach Migne, P. Lat. 94, 
Sp. 553.3) 

4. Esra. Ps.-Beda. 

Nachdem vorher von den Völker- 
kämpfen der letzten Zeiten die Rede 
gewesen ist, setzt mit Kap. 15, 40 
das Strafgericht Gottes, der als sidas 
über Wetterwolken aufsteigt [?] , in 
Form eines Gewitters ein. 

40. Et exaltabuntur nubes ma- 
gnae et validae plenae irae et sidus, 
ut exterreant omnem terram et in- 
habitantes eam, et infundent super 
omnem locum altum et eminentem 
sidus terribile (sc. den Feind Gottes). 

41. ignem et grandinem et rom- 
phaeas volantes, et aquas multas, 

ut etiam impleantur omnes campi Prima die eriget se mare (16, 12; 

et omnes rivi plenitudine aquarum s. S. 265) in altum quadraginta cubitis 

multarum (vgl. 4. Esra 6, 17. et ecce super altitudinem montium, et erit 

vox loquens et sonus ejus sicut sonus quasi murus, et amnes similiter <e. a. 

aquarum multarum und Luk. 21, 25). sim. fehlt sonst). 

1) Bessere Lesarten als Nölles Textabdruck bietet Migne, P. Lat. 198, 
Sp. 1611: 7. Tag: 'coUidentur' st. 'collident'. 9. 'aequabitur terra' st. 
'aequabit'. 13. 'morientur' st. 'mortient'. 

^) Petrus Damiani (bezeugt 1072), Opusc. de novissimis et Antichristo 
Kap. 4. Migne, Lat. 145, Sp. 840 [Nölle scheint den Index von Migne gar 
nicht benutzt zu haben] wird im Folgenden statt des Thomas v. Aquino 
zitiert, da er dessen Quelle war oder ihr nahe stand (s. unten). 

ä) Auch hier hat Nölle einen schlechten Text zu Grunde gelegt. Die 
richtigen Lesarten sind : 1 . Tag : ' amnes ' st. ' omnes ' [wird in den hierher 
gehörigen Texten Nölles Nr. 5 und 6 vorausgesetzt, Text 3 und 4 sind 
noch zu kontrollieren]. 2. Tag: ' descendent.' S.Tag: hinter 'invicem': 
'et nnaquaeque in tres partes se dividet.' 



265 

42. et demolientur civitates et 
mnros et montes et colles et ligna 
silvarnm et foenum pratorum et 
frumenta eorum. 

Hierzu Kap. 16, 12. ... mare fluc- 
tuat de profundo, et fluctus ejus 

disturbabnntur et pisces ejus, a facie Secunda die descendent usque 
domini, et a gloria virtutis ejus, ... ad ima (16, 13) (u. a. i. fehlt Petr, 

16,13. quoniam fortis dextera Com.), ita ut snmmitas eoram vix 
ejus, quae arcum tendit, sagittae coospici possit. 
ejus acntae, quae ab ipso mittuntur, 
non deficient, cum coeperint mitti 
in fines terrae. 

'Tertia die erunt in aequalitate, sicut ab exordio' (fehlt 
Petrus Comestor in Übereinstimmung mit der Quelle. Dieses 
Zeichen, eingeführt, weil hernach wieder von Wasser und Meer 
die Kede ist, beweist wohl nichts für die Priorität der Hist. 
schol. -Version, die überhaupt tiberall stark gekürzt und dieses 
pedantische, nichtssagende Vorzeichen wohl vorgefunden hat, 
aber aus einem richtigen Gefühl hat fallen lassen; alle folgen- 
den Zeichen rücken um einen Platz vor, und so erklärt sich 
auch das Schwanken der dieser Gruppe folgenden Darstellungen 
bei dem Zeichen des 15. Tages. Petrus Comestor selbst hat 
hier gegen Ps.-Beda und Petrus Damiani ein Zeichen einge- 
führt, welches zufällig auch in der Quelle 16, 15 (s. Schlufs- 
zeichen) vorkommt, aber eigentlich nicht mehr unter die Vor- 
zeichen gehört und zudem so häufig und regelmälsig am Ge- 
richtstag, der auch bei Ps.-Beda am 15. Tage eintritt, erwähnt 
wird, dafs es nichts beweist (s. unter 15. Tag). Es gibt ferner 
eine Anzahl von Darstellungen dieser Gruppe, die entweder an 
14. oder 15. Stelle eine Lücke, wie sie durch Weglassung 
von Ps.-Beda Tag 3 entstanden ist, zeigen (Nölles Nr. 12 
und 21), oder ein wiederum neues, das Blasen der Posaune, 
was 4. Esra 15 und 16 fehlt, einführen (Nölles Nr. 22. 27; 
der Ausweg der Histor. schol. mit letzterem kombiniert findet 
sich in Nr. 17 unter Weglassung des früher schon erwähnten 
grolsen Brandes). Und endlich ist P, C. nicht der Urheber, 
sondern nur ein Zweig, allerdings der stärkste, dieser Version 
(s. unten S. 273). Ob das wirkliche Original aber P. C. 15 hatte, 
fragt sich sehr. Gegen jene einzige, wenig besagende Über- 
einstimmung mit der Quelle treten als beweisend die zahl- 



266 

reichen direkten sicheren Quellenzttge des Ps.-Beda auf, der 
übrigens auch, wie unten gezeigt wird, direkte Quelle für die 
Vorlage des Petrus Damiani war. Besonders beweist auch 
gegen diesen Typus die (nirgends fehlende) Umstellung von 
Ps.-Beda 12. 13 =Hist. schol. 12. 11; denn Ps.-Beda 13 u. 14 
sind aus einer Nebenquelle, 4. Esra K. 7, V. 30 — 32, hervorgegangen. 
Wenn also Ps.-Beda 13 bei Petrus Comestor losgerissen wird 
von Ps.-Beda 14 (= Hist. schol. 13), so ist das der beste 
Beweis für die Priorität Ps.-Bedas). 

Kap. 16, 12 (s. oben S. 265) + Quarta die pisces et omnesbellnae 

[Einzelergänzung aus Kap. 5, 7. mare marinae et congregabuntnr super 
Sodomiticum pisces rejiciet et dabit aquas et dabunt voces et geniitus, 
(sie!) vocem noctu, quam non no- quarum significationem nemo seit 
verant multi, omnes antem audient nisi deus. (Petrus Comestor: qua- 
vocem ejus. rum bis deus fehlt.) 

Kap. 15, 43. Die Wolken be- 
stürmen dann die Hure Babylon. 

Kap. 15, 44. ... et subibit pulvis Quinta die ardebnnt ipsae aquae 
et fumus usque in caelum et omnes ob ortn suo usque ad occasnm. 
in circnitu lugebunt eam. 

Dals mit der Welt auch das Meer verbrennt, ist ja, wie 
im Hauptteil gezeigt, ein sehr verbreiteter Zug. Vgl. Ephraem 
öfters, Musp. 53. 

(Kap. 15, 45 — 48. Drohungen. V. 49. Inmittam tibi mala, 
viduitatem, paupertatem et famem et gladium et pestem ad 
devastandas domos tuas . . ., erscheinen in allen Darstellungen 
schon unter der Herrschaft des Antichrist, also mit Recht nicht 
unter den Vorzeichen.) 

K. 15, 50. Sicut flos siccabitur, Sexta die omnes herbae et ar- 

cum exsurget ardor, qui emissus est bores sanguineum rorem dabunt. 
super te. [Einzelergänzung aus K. 5, 5: de ligno sanguis 
stillabit.] 

Alles wegen des sündhaften Lebens. (K. 15, 57. Et nati 
tui fame interient et tu romphaea cades et civitates tuae con- 
terentur . . . [Antichristzeiten].) Die Menschen trinken Blut. 

Kap. 15, 60. Et in transitu [nubes] allident civitatem 
occisam et exterent aliquam portionem terrae tuae et partem 
gloriae tuae exterminabuntrursum re- 
vertentes ad Babylonam subversam, Septima die omnia aedificia 

61. Et demolita erit illis pro destruentur. 
stipula et ipsi erunt tibi ignis, 

62, et devorabunt te et civitates 



267 



tuas, terram tuam et montes taos, 
omnes Silvas tuas et lignam fructi- 
ferum igni comburent . . . und ver- 
nichten dich vollständig. Hierzu 
Kap. 16, 12 u. die Zeichen d. G.Tages. 



Kap. 16. Wiederholungen, An- 
klagen, Wirkungen des Feuers. 

V. 12. Terra tremuit et funda- 
menta ejus, [mare fluctuat de pro- 
fundo . . ., bis V. 13 einschliefslich 
schon zum 1. — 3. Tag benutzt.] 

Allgemeine Klagen. 

22. Tunc . . . gladius, fauies 
(Antichrist) et magna coufnsio . . . 
Alles ist zerstört, keiner kümmert 
sich um Saaten und Früchte . . . 



Octava die debellabnnt petrae 
adinvicem, et unaqnaeque in trcs 
partes se dividet, et unaqnaeque pars 
collidet adversns alteram. (adin- 
vicem excl. bis Schlufs fehlt bei 
Petrus Comestor wie in der Quelle, 
vfas dessen Neigung zur Kürzung 
zuzuschreiben ist.) 



Nona die erit terrae motus, qualis 
non fnit ab initio mundi : (Ilist. schol. : 
erit generalis terrae motus. Petrus 
Dainiani : Terrae motus erit magnus, 
ita ut nuUus . . . stare possit.) 



Decima die omnes collcs et 
valles in planitiem convertentur et 
erit aequalitas terrae. (Petrus 
Comestor kürzt: nona aequabitur 
terra. ) 

28. Cnpiet enim homo hominem videre vel vocem 
ejus audire. 

29. Relinquentur enim de civitate decem et duo de 

agro, qui absconderint se in densis nemoribus et scis- Undecima 

suris petrarum. Wie 3 oder 4 hängen gebliebene die homines exi- 
Oliveu etc. bunt de cavernis 

32. sie relinquentur in diebns illis tres aut quatnor suis et 
ab scrutantibus domos eorum in romphaea. 

Aber die Erde ist verlassen. 

34. Lugebunt virgines non habentes sponsum, luge- 
bunt mulieres non habentes viros, lugebunt filiae earum 
non habentes adjutorium. 



Dann folgen Ermahnungen bis V. 55. 



(V. 56 siehe Schlufszeichen.) 

57. Et in verbo illius [dei] stellae fundatae sunt et 
novit numerum stellarum. Hierzu bieten die Evan- 
gelien, Apokk. und viele andere Darstellungen den 
Fall der Sterne. 



current 
quasi amentes, 
nee poterit alter 
respondere al- 
teri. 

(Hier hat Pe- 
trusComestordas 
von 14 losgeris- 
sene 13.) 

Duodecima 
die cadent stellae 
et Signa (sc. die 
Sternbilder, Ang- 



268 



Preis der Allmacht. 

Im Anschlnfs an 16, 69: Ecce enim incenditur ardor 
Sliper vos turbae copiosae et rapient qnosdam ex vobis 
et cibabunt idolis occisos, ist hier eine Parallele aus 
K. 7, V. 31. 32 herbeigezogen und eingeordnet: et erit 
post dies Septem, et excitabitur, quod non vigilat, sae- 
cnlum et morietnr corruptum. 

32. Et terra reddet, qnae in ea dorminnt, et pulvis, 
qui in eo silentio habitant, et promptuaria reddent, 
quae eis commendatae sunt animae. Das Auferstehen 
der toten Gebeine mufs aber, um zu wirken, noch 
menschliche Zuschauer haben, folglich mufste 32 vor- 
weggenommen werden als 13. Tag. Und nach dem 
Sterben der Menschen, am 14. Tage, wozu 16, 71.72 
Weiteres bot: 

erit enim locis locus et in vicinas civitates exsurrectio 
multa super timentes dominum . . . 

72. Erunt quasi insani nemini parcentes, ad diri- 
piendum et devastandum adhuc timentes dominum . , ., 
nach dem, sage ich, konnte, was schon früher (K. 15, 
Schlafs) mit den einzelnen Dingen geschehen war, mit 
dem ganzen Weltall eintreten, in 69 ff. angedeutet, V. 73. 
74 weiter ausgeführt, quia devastabunt et diripient 
substantias et de domibus suis ejicient. 74. Tunc 
parebit probatio electorum meorum, ut anrum, quod 
probatiir ab igne. 



Hall, 369 f. be- 
zieht es auf Son- 
ne , Mond und 
Sterne) de caelo. 
<Hist.schol.:duo- 
decima cadent 
stellae. ) 



Decima ter- 
tia die congre- 
gabuntur ossa 
defnnctornm, et 
exsurgent usque 
ad sepulcrum. 



üecimaquar- 
ta die omnesho- 
mines morientur, 
ut simul resur- 
gant cum mor- 
tuis. 

Decimaquin- 
ta die ardebit 
terra usque ad 
inferni novissima 
et post erit dies 
judicii. (Hist. 
schol. : ardebit 
caelum et terra 
ist nicht quellen- 
mäfsig,abernicht 
so schwerwie- 
gend. > 

(Petrus Come- 
stor hat als fünf- 
zehntes Zeichen: 



V. 75 — 78. Ermahnung. 

<16, 56. Dixit enim: Fiat terra, et facta est, et fiat 
caelum et factum est.> 

' quintadecima fiet caelum novum et terra nova, et resurgent 
omnes', was Inhalt des Gerichtstages war und nach Joh.-Ap. 
Kap. 21 erst nach dem Gericht stattfand. Dieser Zug am 



269 

Schluls, nicht im Innern, beweist, wie oben schon gesagt, 
nichts.) 

Auch die 15 Tageverteilung stammt wohl aus dem 4. Esra. 
Durch Zerlegung der Kap, 15 und 16 in 15 Teile, oder durch 
Anschluls an einen symbolischen Sinn der 15 -Zahl kann sie, wie 
meine Nachforschungen mich überzeugt haben, nicht entstanden 
sein. In beiden Fällen würde die Verteilung auf Tage un- 
erklärt bleiben. 

Kap. 7, 26 ff. bieten den Schlüssel: „Ecce tempus veniet et 
erit, quando venient signa, quae praedixi tibi (sc. in Kap. 5 
und 6) . . . 30. Et convertetur saeculum in antiquum silentium 
diebus Septem sicut in prioribus judiciis, ita ut nemo derelin- 
quatur, 31. et erit post dies Septem, et excitabitur, quod non- 
dum vigilat, saeculum et morietur corruptum. 32. Et terra 
reddet, quae in ea dormiunt etc." (S. Quelle des 13. Tages).^ Ein 
naiver Interpret, wie wir ihn zweifellos vor uns haben, konnte 
unter Nichtbeachtung des synonymen Parallelismus von V. 30 
und 31 durch Addition zwei Wochen = quindecim dies (quinze 
jours) romanischen Sprachgebrauchs gewinnen. Man brauchte 
also blofs diesen Rahmen der stofflich nachgewiesenen Masse 
zu Grunde zu legen, um wirklich auf 15 einzelne Tage zu 
kommen. Eine Bestätigung hierfür liegt in vielen Über- 
schriften der Legende vor. Nicht XV signa, sondern [XV 
oder nur:] signa quindecim dierum ante diem judicii und ähn- 
lich (s. S. 274 f.). Vgl. die siebentägigen Vorzeichen in Hatton 
116 und Blickl.-Hom. 7. 

Aus den bisherigen Ausführungen ist wohl genügend klar, 
dafs die bei Petrus Comestor auftretende Version nichts un- 
bedingt Originales enthält, sondern mit ziemlicher Sicherheit 
als Kürzung aus Ps.-Beda zu erklären ist. In noch höherem 
Grade erweist sich der frei schaltende Petrus Damiani als 
sekundär. Ich gebe im Folgenden unter Beifügung der An- 
klänge an die Quelle, die den meisten Geistlichen direkt be- 
kannt gewesen sein wird, den ganzen Passus wegen des 
besonderen Wertes dieses Textes für die Beurteilung der ganzen 
Version. Gesperrt Gedrucktes weist über den Text von Thomas 
V. Aquino u. Rieh. v. Middletown auf Ps.-Beda zurück. 

•Illud tamen quod de quindecim signis totitem dierum 
diem judicii praecedentium beatum Hieronymum referre didi- 



270 

eimus, hie eis dem verbis inserere non superfluum judicamus. 
Quibus profecto verbis sicut nee auctoritatis robur adseribimus, 
ita nee fidem penitus denegamus. Kes ergo sicut ad nos per- 
venit, hujus stylo se simpliciter inserat, ut antiquis etiam 
Hebraeorum populis, qui divini judieii terror increverit. ex 
eorum paginis innotescat. Signum, inquit, primi diei: Maria 
omnia in altitudinem exaltabuntur quindeeimi) cubitorum supra 
montes excelsos orbis terrae, non affluentia, sed sicut 
muri aequora stabunt. Signum secundi diei : Omnia aequora 
prosternuntur in imum profundi, ita ut vix queant ab humanis 
obtutibus conspici. Signum tertii diei : Maria omnia redigentur 
in pristinum statum qualiter ab exordio creata fuerant. 
Signum quarti diei: Belluae omnes et omnia, quae moventur 
in aquis marinis, congregabuntur super pelagus, more con- 
tentionis, invicem mugientes et rugientes; nesciantque 
homines, quid cantent, vel quid cogitent, sed tantum 
seit deus, cui omnia vivunt officio gerendi. Haec quatuor 
Signa pelagi sunt, et tria sequentia aeris et aetberis sunt. 
Signum quinti diei: Omnia volatilia caeli concionabuntur in 
campis, unumquodque genus in ordine suo; eaedem volucres 
invicem colloquentes et plorantes erunt, non gustantes neque 
bibentes, adventum judicis timentes. Signum sexti diei: Flu- 
mina ignea ab occasu solis surgent, contra faciem firmamenti 
usque ad ortura ourrentia. Signum septimi diei : Errantia sidera, 
et stationaria spargent ex se igneas comas, qualiter in cometis 
apparet, orbi et ejus habitatoribus. Signum octavi diei: Terrae 
motus erit magnus, ita ut nullus homo stare possit aut nullum 
animal, sed solo sternentur omnia. Signum noni diei: Omnes 
lapides tam parvi quam magni scindentur in quatuor partes, 
et unaquaeque pars coUidet alteram partem, nescietque ullus 
bomo sonum illum, nisi solus deus. Signum decimi diei: 
Omnia ligna silvarum [mehrfach 4. Esra 15 und 16 vor- 
kommend, aber auch sonst häufig] et olera herbarum sangui- 
neum fluent rorem. Signum undecimi diei: Omnes montes et 
colles et omnia aedificia humana arte constructa in pulverem 
[pulvis et fumus subibit 4. Esra 15,44]') redigentur. Signum 



') Wie die Sintflut Gen. 7, 20; Exod. 27, 14. 15; 38, 14. 15. Vgl. 
Cr. 805. 



271 

duodecimi diei: Omnia animalia terrae de silvis et montibus 
venient ad campos rugentia et mugentia non gustantia et non 
bibentia. Signum decimi tertii diei: Oronia ab ortu solis 
sepulera usque ad occasum patebunt cadaveribus surgen- 
tibus usque ad horam judicii. Signum decimi quarti diei: 
Omne huraanum genus, quod inventum fuerit de habitaculis et 
de locis, in quibus erunt, velociter abscedent non intellegentes 
neque loquentes; sed discurrent ut amentes. Signum decimi 
quinti diei: Vi vi homines morientur, ut resurgant cum mortuis 
longa ante defanctis.' 

Verschiedene Stellen tragen den Schmuck des Reimes; 
man braucht indes schwerlich an eine gereimte Vorlage für 
diese Darstellung zu denken. Ein flüchtiger Vergleich mit den 
Versionen von Ps.-Beda, Petrus Comestor und der Quelle zeigt, 
dals hier die legendarische Ausschmückung in voller Tätig- 
keit ist. Die Bemerkung hinter dem 4. Zeichen, von w^em sie 
auch herrühren mag, spricht dafür, dals ein Redaktor um- 
geordnet hat. 

Mit keinem Zuge weist diese Version über Ps.-Beda hin- 
weg auf das Original zurück. 2) 

Auf welchem Boden die normannische Version gewachsen 
ist, die, wie ein Blick zeigt, so gut wie nichts mit der Quelle 
und mit der Legendenform, die wir bisher betrachtet haben, 
gemeinsam hat (aulser der Verteilung auf 15 Tage und Kleinig- 
keiten), das wird unten angedeutet werden. Ebenso dürfen 
wir dem Akrostichon vollkommen alles Verhältnis zur Legende 
absprechen. (Auch mit dem norm. Gedichte hat es nichts zu 
tun, s. unten.) Ps.-Beda ist als Vorbild der Legende an- 



1) Also nicht an entsprechender Stelle; überhaupt sind alle Anklänge 
zu vage. 

2) Folgende Lesarten von Petrus Damiani verdienen Beachtung: 
4. Tag: 'omnia' wegen vorhergehenden 'belluae omnes et', Th.: 'aliae', 
Rieh.: 'animalia'. S.Tag: 'concionabuntur', Th. Rieh, aus dem 4. Tag: 
'congregabuntur'. 6. Tag: 'currentia', Th. Rieh.: 'corruentia'. T.Tag: 
'omnia' fehlt. 8. Tag: vereinigt die Lesarten beider: 'ita ut' stützt Rieh, 
gegen Th., 'animal' umgekehrt, d.h. beide gehen auf eine gemeinsame 
Vorlage zurück. 15. Tag: 'Vivi homines', Th. R. 'omnes', Ps.-Beda: 
'omnes homines'. Trotz dieser Lesart wird man wohl P. Dam. als Quelle 
für Th. R. ansehen dürfen, da 'omnes' aus 'homines' verlesen oder verhört 
sein kann. 



272 

zusehen. Was ist aus der schwungvollen Apokalypse geworden? 
Die bilderreiche apokryphe Poesie findet sich, durch naive 
Kombination umgestaltet, als nüchterne Aufzählung wieder. Das 
Gleichnis fällt und wird zur Wunderwirklichkeit: Das Meer reckt 
sich wirklich über die höchsten Berge, es entflieht vollständig 
von der Erdfläche, um aber dann ja wieder zur rechten Zeit 
am Platze zu sein, die Fische und Meertiere schreien, statt dafs 
das Meer brüllt und Sturmflut die Menschen überfällt; dals das 
Meer verbrennt, ist das Wunderbarste am Weltbrande und wird 
in erster Linie hervorgehoben: die Blüte vertrocknet nicht mehr 
unter dem Feuer, der vollkommen heterogene Zug aus Kap. 5, 5: 
'de ligno sanguis stillabit' muls herhalten; die Felsen werden 
lebendig im Kampf gegeneinander, teilen sich in regelmäfsiger 
Weise, die Gebeine der Toten sammeln sich und harren auf 
den Gräbern. Hochpoetisch ist nur im 11. Vorzeichen die 
Steigerung der Trauer über die Verlassenheit in Wahnsinn. 
Im ganzen genommen haben wir hier ein selten schönes Doku- 
ment über die Bildung einer Legende in Händen. 

Hieronymus war gewifs nicht der Verfasser, — oder soll man 
sagen der Bearbeiter? In seiner Schrift gegen Vigilantius Kap. 6 
(Migne, Lat. 23, Sp. 360) polemisiert er deutlich gegen das 
4. Buch Esra: 'Tu vigilans dormis, et dormiens scribis, et pro- 
ponis mihi librum apocryphum, qui sub nomine Esdrae a te et 
similibus tui legitur; ubi scriptum est, quod post mortem nullus 
pro aliis audeat deprecari' [4. Esra 7, 36 — 45 ist gemeint: Ps.- 
Esra fragt den Engel, ob nicht, wie früher die Erzväter usw. 
taten, für andere gebeten werden könne: V. 41. 'Si ergo modo, 
quando corruptibile increvit, et injustitia multiplicata est, et 
oraverunt justi pro impiis: quare et nunc sie non erit? 42. Et 
respondit ad me et dixit: Praesens saeculum non est finis, 
gloria in eo frequens manet: propter hoc oraverunt pro invalidis. 
48. Dies enim judicii erit finis temporis hujus et initium tem- 
poris futurae immortalitatis, in quo transivit corruptela. 44. soluta 
est intemperantia, abscissa est credulitas; crevit autem justi tia, 
orta est veritas; 45. tunc enim nemo poterit salvare eum, 
qui periit, neque demergere, qui vicit]; quem ego librum 
nunquam legi. Quid enim necesse in manus sumere, quod 
ecclesia non recipit? . . . ut facilius per has naenias vulgus in- 
doctum provoces ad bibendum.' 



273 

Aus der Nutzlosigkeit des bisherigen Suchens in H.'s Werken 
und diesem Selbstzeugnis erhellt wohl unzweideutig, dafs die 
15 -Vorzeichenlegende untergeschoben ist. Überhaupt haben sich 
die bedeutenden Kirchenväter zu allen Zeiten von Apokryphem 
ferngehalten. Augustin und Gregor, die neben H. zitiert werden, 
kommen natürlich ebenso wenig in Betracht. 

Da alle Fassungen fast einhellig den Hieronymus als 
Gewährsmann nennen, so muls die Legende entstanden sein, 
als er kirchliche Autorität geworden war, also nach 400. 
Ein späterer terminus ante quem non ist nicht zu gewinnen. 
Andererseits ist bisher noch keine frUhere, datierte echte 
Fassung gefunden als Petrus Damiani, Ende des 11. Jahr- 
hunderts (denn der Beda zugeschriebene Text ist unecht). 
Auch keine sichere Anspielung ist nachgewiesen, welche die 
15 Vorzeichen voraussetzte. Wären sie viel früher als um die 
Wende des 1. Jahrtausends entstanden, mülsten sich nicht doch 
irgend welche Spuren finden? 

Zur Heimatfrage der Legende, resp. ihres Verfassers, dessen 
Persönlichkeit wir so deutlich vor uns sehen, ist es höchst 
bezeichnend, dafs die älteren Fassungen der Hauptzweige über- 
einstimmend nach England weisen. Ps.-Beda selbst ist zweifel- 
los ein englischer Text, wie die grofse Verbreitung dieser 
Version über England und ihre Seltenheit auf dem Kontinent i) 
bezeugen. Die Fassung der Hist. schol. (vgl. die unten folgen- 
den Nachweise und Nölle) zitiert schon der Mönch Radulphus 
Ardens (um llOO»), Migne, Lat. 155, Sp. 1678. 'Nam ut tradit 
Hieronymus in catalogo XV signorum, quae ex Hebraeo trans- 
tulit: „Prima die ascendet mare quadraginta cubitos super 
altiores montes quasi murus' ['amnes' v. Ps.-Beda und P. Damiani 
fehlen], 'secunda vero tantum descendet, ut vix videri possit"' 
[Wortlaut bis auf 'vero']. Und der Petrus Damianizweig 
fulst wenigstens auf einem englischen Mittelglied (s. S. 275). 
Zudem hat der 4. Esra meines Wissens nirgends so deutliche 
literarische Spuren hinterlassen als auf den britischen Inseln: 
Gildas zeigt die ältesten Reminiszenzen, Cr. 3 scheint vieles 
entlehnt zu haben, und die 7 Zeichen der behandelten beiden 

Hier ist bisher nur das friesische Asegabuch und die Predigt bei 
Leyser, Altd. Predigten S. 61, nachgewiesen. 

*) Beträchtlich vor Petrus Comestor, der 1179 gestorben ist. 

Studien z. engl. Fbil. XXXI. j[g 



2t4 

ags. Predigten haben sichere Züge aus dem 15. Kap. Ich 
glaube also, dals die Legende britannischen Ursprungs ist. 
Vermutlich sind in den englischen Bibliotheken noch reiche 
Funde zu machen, so dals die englischen Fassungen nicht 
mehr nur, wie jetzt, den deutschen u. aa. ungefähr die Wage 
halten werden. 

Der Ps. - Bedatext 1) wird von Schenkl, Bibliotheca patr. 
Britannica, Heft I — XII, verstreut über die Sitzungsberichte 
d. Wien. Akad., phil.-hist. Kl. 1890—1906, in folgenden Hss. 
nachgewiesen : 

Cambridge, Gonville and Cajus College. Catal. J. J. Smith, 
Cambr. 1849. Nr. 80 membr. Auf dem Vorsetzblatte (saec. XIV.): 
Quindecim signa ante diem judicii , Jeronimus in annalibus 
hebreorum. 

Ebenda 225. membr. saec. XIII., Nr. 12, fol. 165: Jeronimus 
ex annalibus Hebreorum de XV signis XV dierum diem judicii 
praecedentium. 

Eton College, Katalog v. M. R. James. K. 2. 8. membr. 
s. XII. ex., Nr. 4: Jeronimus in annalibus Ebreorum de quind. 
signis qu. dierum praecedentium diem judicii. 

Bibliothek des Earl of Tollemache, Helmingham Hall (bei 
Ipswich), membr. s. XIII. , Nr. 4: Jeronimus in annalibus de 
signis XV diei Ultimi. 

Ripley Castle, Yorkshire; Sir Henry Ingelby, Baronet. 4». 
membr. s. XV.: Jeronimus de XV signis ante Judicium. 

Cambridge, Corpus Christi College. 441, membr. s. XIV, 
an 9. Stelle: Quindecim signa. 

Oxford, Bodl. 26. (1871). 4o. membr. s. XIV, fol. 176^: 
Signa quindecim ultimi adventus Christi ad Judicium. 

Bodl. 653. (2397). 4«. m., 287 foll., 1302/3 geschrieben. 
Nr. 4 : Jeronimus in annalibus etc. (XV signa diei ultimi). 

Bodl. 881. 40. eh. et m., 208 foll., s. XV., fol. 189^: Hie- 
ronymi signa in Judicium ult' praecedentia. 

1) Schenkl sagt selbst in der Einleitung (vgl. auch die nicht aus- 
gezogenen Kataloge), man würde wohl keine unbedingte Sicherheit der 
Identifikation bei dem kolossalen Stoff verlangen; gewifs ist diese am 
wenigsten bei unserer Legende erreichbar. Deshalb hat hier spätere Spezial- 
arbeit nachzuprüfen, zumal da der Text der Hist. schol. wo möglich 
noch häufiger den englischen Darstellungen zu Grunde gelegen hat. 



275 

Bibliothek des verstorbenen Sir Thomas Philipps in Chel- 
tenham. 450 fol. m. s. XL in. — XlII. an 2. Stelle: Ejusdem 
(Hieronymi) signa XV Ultimi diei. 

Ebenda 13559. 4«, membr. s. XIII. Am Schlüsse: Signa 
diei judicii. 

Cambridge, Trinity College Library, 0. 1. 59. 8. m. s. 
XII. ex., 2 Col, 91 foll. An 5. Stelle: 'Quindeeim signa erunt 
quindecim d.' etc. 

Cambridge, Pembroke College, A. 2. 21, m. s. XIIL, fol. 68^ 
(oder 69'') an 22. Stelle: De XV signis ante diem judicii. 
Quindecim signa quindecim dierum etc. 

Dublin, Trinity College, C. 3. 19 (765), 4o. m. s. XIV., an 
27. Stelle: De XV signis XV dierum praecedentium diem judicii, 
sicut invenit Hieronymus in ann. Hebr. 

Hierher gehören ferner aufser der von Reuschel nach- 
getragenen Predigt: 

Schenkl, Berichte 121, Nr. IX, S. 61: 

Bodl. Fairfox 23 (3903), B«. eh., 223 foll., S. XV. Gedicht: 
De quindecim signis ultimi diei; beginnt: 'Erigitur mare de- 
premitur que demum fit equum,' Ein korrekter Hexameter ergibt 
sich durch Umstellung von 'que.' 

'Erigitiir mare, d^premitür demümque fit equum.' 

Anglia XI, S. 369 ff., von Bruno Alsmann aus einer Londoner 
Hs., Vesp. D. 14. fol. 102*, veröffentlicht. Dieser interessante 
Text repräsentiert ein Mittelglied zwischen Ps.-Beda und 
Petrus Damiani. Ps.-Beda erscheint in folgender Anordnung: 
1. 2. 3. 4. 6. 8. 10. 9. 7. 13. 11. 12. (14/15). Mit Petrus 
Damiani gemeinsam ist die Umstellung von Ps.-Beda 7 hinter 
Erdbeben und Steinekampf, das hinter 13 obiger Reihe ein- 
geschobene Zeichen 12: Wahnsinn der Tiere und Annäherung 
an die Mensehen, und der Zusatz zu 11, dals die Menschen 
nicht essen noch trinken. Ps.-Bedas Brand der Gewässer 
fehlt hier und am Schlüsse ist für die Zusammenziehung 
14/15 ein neues Zeichen eingeführt: Grofse Flut, die alles 
Unreine verzehrt. Frei ausgelegt ist Ps.-Beda 12: 'cadent 
stellae et signa de caelo': fealleS sunne and mone and ealle 
steorran, 

18* 



276 

Mit dem Nachweis des Radulplius Ardenszitates fällt der 
Versuch Nölles, alle Darstellungen auf der Autorität der Histor, 
schol. zu begründen. Trotzdem ist dieses weitverbreitete Werk 
vermutlich die Quelle der meisten Darstellungen dieses Zweiges 
gewesen. Alanus de Insulis (ca. 1150 — 1203) im Liber senten- 
tiarum (Migne, Lat. 210, 229) wird aus ihm wohl direkt ab- 
geschrieben haben, er bietet nur weitere Kürzungen und Ver- 
schlechterungen. Die Erweiterungen der Legenda aurea Kap. I 
(dieses Sammelsuriums von Vorzeichen) stammen aus Petrus 
Damiani. Hierhergehöriges stellt Reuschel in seiner Dissertation 
S. 42 zusammen. 

Nölle S. 443 hat die Existenz einer Thomas und Richard 
vorausgehenden lat. Fassung seines 4. Typus richtig ver- 
mutet. Seine Textprobe in 14. 35: stant weist auf Petrus 
Damiani zurück. — 

Wie ist nun die normannische Version zustande gekommen? 
Der Verfasser hat vom Typus Petrus Comestor Tag 1, 2, 3 
[=8], 9, 6 [in 6], 7 [=13], 12 [in 2], 14 [in 15] und den 
Rahmen übernommen, aber er hat diesen mit fremdem Stoö" 
ausgefüllt. 1) Es gibt meines Wissens keine Darstellung, welche 
alle die in der Hist. schol. nicht vorkommenden Motive ent- 
hielte, wohl aber finden sich fünf Vorzeichen, wenn auch z. T. 
in verschiedenen Fassungen, in der sehr verbreiteten Homilie 
Gregors in Evang. Lib. I, Nr. 1, über: 'Fieut signa in sole et 
in luna et in stellis etc.' Luk. 21, und diese selbe Homilie ist 
es, welche in der Bearbeitung des Radulphus Ardens das 
schon mehrfach angeführte Zitat der Version der Hist. schol. 
gewährt. 2) Eine Schwierigkeit bildet nur die Tatsache, dals 
Radulphus nicht auf die Bearbeitungen der Homilie zurück- 
zugehen scheint, welche die am meisten frappierenden Pa- 



^) Da meine altfranzösischen Kenntnisse nicht weit reichen, so halte 
ich mich an Nölles Inhaltsangabe S. 449. 

^) Folgende Liste zeigt die älteren, mir bekannten Bearbeitungen 
dieser Homilie (nach Migne, Lat.): Gregor 76, 1077; Beda (unecht) 94, 320; 
Paulus Diaconus 95, 1161; Haymo 118, 17; Remigius 131, 865; Radulphus 
155, 1678; Werner, Deflorat. , 157, 739; Bruno Artensis 165, 747; Gode- 
fridus Admontensis 174, 55 (Wulfstan, ed. Napier S. 90 ff.; Schönbach, 
Altdeutsche Predigten II, S. 9). Das ist aber sicher nur ein geringer Teil 
der vielen (z. T. ungedruckten) Fassungen. 



277 



rallelen zur normannischen Version bieten, nämlieli Haymo und 
Kemigius. Beide beruhen mit der Ps.-Bedahom. auf gemein- 
samer Vorlage. Diese führt aus Beda, De temporum ratione, 
K. 70 (Migne, Lat. 90, Sp. 575), gegen Gregor folgende Spitz- 
findigkeit ein: „Beim Weltbrande verbrenne nicht das 'caelum 
aethereum' noch das 'c. sidereum', sondern nur das 'caelum 
aereum', wie das bei der Sintflut gewesen sei. 'Neque enim 
aqua diluvii, quae quindecim tantum cubitis montium cacumina 
transcendit, ultra aeris aetherisque confinia pervenisse credenda 
est.' Dieser im Schluls angebrachte Passus findet sich bei 
Haymo, Migne 118, 25 A und Remigius, Migne 131, 869 C, nicht 
aber bei Radulphus (und einigen der späteren Fassungen). 
Dürfen wir annehmen, dafs die fragliehe Stelle in der von 
Radulphus benutzten Vorlage einmal gestanden hat und erst 
später aus begreiflichen Gefühlen wieder weggefallen ist? 
Ich möchte dies als Notbehelf ansetzen. 



Greg. Sol obtenebrahitur ; aber zu häufig, als dafs 
es etwas bewiese; ebenso das folgende: 

Greg, luna convertetur in sanguinem. 

Remigius (Sp. 819 A). Zitat aus Hiob: Lignnm spem 
habet, si praecisum fuerit, rursum virescit, et rami ejus 
pullulant, et si senuerit in terra radix ejus et truncus 
illius in pulvere mortuus fuerit, rursum ad odorem 
aquae germinabit et faciet coronam, quasi cum primum 
plantatum est. Vgl, Gregor Sp. 1080A. 



Vor- 
der 

Der 



Haymo (Sp. 19D). Tradunt enim nonuuUi, quod 
circa finem saeculi mare, flumina et rivuli juxta quali- 
tatem et quantitatem suam, voces et mugitus emittent, 
interitum snum quibusdam luctuosis vocibus deplorantes 
et per hoc non parvum timorem hominibus audientibus 
incutient (cf. 4, Esra 5, 7), 



Die Parallelen 
sind: 

3. Tag: 
finsternng 
Sonne. 

4. Tag: 
Mond wird rot. 

6. u. 7. Tag: 
Die tags zuvor 

umgefallenen 
Bäume wachsen, 
die Wurzeln nach 
oben, die Zweige 
nach unten ge- 
richtet. Also 
ist hier sehr frei 

umgedichtet, 
worden, oder 
vielleicht hatte 
die Quelle schon 
etwas anderes. 

9. Tag: Alle 
Flüsse können 
sprechen und 
flehen in längerer 
Rede den Schöp- 
fer um Gnade an. 



278 

Greg. (1079A). virtutes caeli moventnr, in 10. Tag: Die 

Luk. 21, auf die Engel gedeutet, die sich fürchten; Cherubim und 

steht in allen Bearbeitungen und wird von vielen Dar- Seraphim haben 

Stellungen übernommen. Furcht, 

Greg. (1081 A). Sed considerandum nobis est, dilec- ll.Tag:Grofse 

tissimi, quod ad haec agenda invisibilis judex venti Winde wehen, 
tenuissimi spiritum movit, unins procellam nubis ex- 14.Tag: Grofse 

citavit et terram subruit, casura tot aedificiorum funda- Stürme und Un- 

menta concussit. wetter fahren 

über die Erde. 

Neben dieser Homilie müssen, wenn nicht dieser oder 
jener Zug aufserdem iu ihr vorhanden war, Nebenquellen 
benutzt sein: der Blutregen des 1. Tages, der Fall der 
Bäume (6. Tag), Geschrei der Erde (am 10.), Besuch der 
Teufel auf der Erde (11.), die umhergeworfenen Leichen, 
die Spaltung des Himmels (vgl. Cr. 932, Ephraem) scheinen 
auf apoiialyptischer Darstellung zu beruhen (vgl. die beiden 
Joh.-Apokk.). Das Geschrei der ungeborenen Kinder könnte 
aus Matth. 24, 19, Luk. 21, 23, Mark. 13, 17 entstanden 
gedacht werden. Der 4. Tag: Der Mond (wird rot) nähert 
sich der Erde, fährt dann ins Meer, um den Tag des Zornes 
zu vermeiden, beruht wohl sicher auf Apok. 8, 8 : Vgl. Cr. 938, 
Musp. 54. 

Im ganzen zeigt schon die freie Verfügung über die 15- 
Vorzeichenlegende , mit was für Möglichkeiten die Quellen- 
forschung hier zu rechnen hat. Das normannische Gedicht 
ist eine freie Umdichtung der Legende unter Hinzuziehung 
der verschiedensten Elemente. Wir erleben hier den Prozels 
der Legendenbildung an demselben Stoffe zum zweiten Male, i) 



*) Folgende Zitate mögen nicht verloren gehen: 
Goedeke, Grundr.' Bd. 1., S. 241. 15 Zeichen vor dem jüngsten Ger. 
Cgm. 717 V. J. 1347, Pp. 40. Bl. 12 — 15. E. Wadstein in Zs. f. wissen- 
schaftliche Theol. 38 , S. 583 : Druck m. Holzschn. Signes precedens le 
grant jugement de notre redempteur Jesu Christ (Paris gegen 1500) und 

Anm. : Die „XV signa" mit dem Gericht finden sich auch in „L'art de 
bien vivre et de bien mourir" (Paris, V6rard 1492, fol. c. figg.), sowie in 
„La vie du mauvais Antichrist", Lyon 1499, fol. 

Eine deutliche Spur der 15 Zeichen kommt vor in der Predigt- 
sammlung des Herm. v. Fritzlar, Ausg. v. Pfeiffer S. 4, Z. Sflf.; nicht 
sieher scheint mir die bei Schönbach, Altd. Pr. II, S. 12, 3. 12ff. 
(vgl. Schönbachs Anm. S. 193). 



279 










Ähnlichen Einflüssen wie hier ist die Legende immer aus- 
gesetzt gewesen (cf. Nölles Text 37). 

Besonders stark war ja an sich schon die kanonische 
Apokalypse. Die 7 Siegel, 7 Posaunen und 7 Schalen des Zornes 
haben vielleicht im Bunde mit den 7 Zeichen der apokryphen 
Joh.-Apok. und dem sicher benutzten 4. Esra eine ältere 
selbständige Darstellung der Vorzeichen in 7 Tagen hervor- 
gebracht. Nölles letzter Text beruht auf der gleichen Quelle, 
nur ist die Darstellung der 7 Zeichen (die Flut des 3. Tages, 



280 

das Umfallen der Gebäude am 4., das Keden der Tiere am 5.) 
von der 15-Vorzeiehenlegende beeinflulst. 

Neben diesen verbreiteteren Vorzeichenlegenden notiere 
ich nur die 10 Signa ante Judicium des Pricke of Conscience 
3972 — 911) xindi frage zum Schluls, wie weit nach dem Norden 
und Osten die Legende gedrungen ist. 



Anhang IL 
Literatur zu Muspilli. 

1817. Docens Abschrift. 

1831/32. K. Lachmann, Üb. ahd. Betonung und Verskunst, 
1. Abteilung, Kl. Sehr. I, 378 (21. Apr. 1831; 3. Mai 1832). 
1831/32. Mafsmanns Abschrift. 

1832. J. A. Schmeller, Muspilli, Bruchst. einer ahd. allit. 
Dchtg. V. Ende d. Welt. Separatabdr. aus Büchners Neuen 
Beitr. z. vaterländ. Gesch., Geographie und Statistik 1832, 1, 
89 — 117. 

1833. K. Lachmann, Üb, d. Hildebrandsl. Abhdlgn. d. 
Berl. Ak. 1835, 1—40, Kl. Sehr. I, 407—48 mit Nachträgen d. 
Br. Grimm. 

1835. W. Wackernagel, AM. Leseb. 1. Aufl., 18; 2. Aufl. 
1839 mit Glossar; Berichtigungen 1847, 1859, 1861. 

1835. J. Grimm, Mythol. [4. Aufl. 1876, S. 674. 676 f. 
S. Index.] 

1842. E. Sommer, Jahrb. f. wissensch. Kritik, S. 387 (Rez. 
V. Wack.). 

1843. W. Müller, Zs. f. d. A. 3, 452 ff. 

1845. H. Feufsner, Die ältest. allit. Dichtungsreste in 
hd. Sprache I. im Jahresb. d. kurfürstl. Gymnas. zu Hanau 
15— 2L 

1848— 53. W. Wackernagel, Gesch. d.d. Lit. Basel. [2. Aufl. 
Y. Martin, 1879—94, S. 71.] 

^) De aigüis duodecim in urbe Petri manifestandis , Tischendorf, 
Apocalypses apocrypliae S. XXII (Kap. LIII und LIV), gehört vielleicht 
hierher. 



281 

1856. J. Grimm, Germ. I, 236. 

1857. K. Bartsch, Germ. III, 7 ff. 

1858 (Febr.). Jul. Feifalik, Üb. d. Brachst, eines ahd. Ged. 
vom jgst. Tage (Muspilli). Sitzb. d. Wien. Ak., phil.-hist. Kl. 
26, 351 ff. 

1858 (Juli). K. Müllenhoff, Zs. f. d. A. 11, 381 ff. (1859 er- 
schienen). 

1860. Haupts Abschrift. 

1863. MSD, 2. Aufl. 1873, 3. Aufl. 1892. 

1864 (Febr.). Bartsch, Germ. 9, 56 (Rez. v. MSD). 

1864. A. Holtzmann, Germ. 9, 68 (Rez. v. MSD). 

1864 (7./III.). W. Scherer, Üb. d. Urspr. d. d. Lit, 
Preufs. Jahrb. Bd. 13 (Berlin), S. 460 ff ; Vortr. u. Aufs. 
S. 71ff. 

1866 (l./VIL). F. Zarncke, Ber. d. sächs. Ges., phil.-hist. 
Kl. 18, 191—228. 

1866 (3./XI.). C. Hofmann, Üb. Docens Abschr. d. Musp., 
Sitzber. d. bair. Ak., phil.-hist. Kl. 1866, 2, 225—35. 

1870. F. Vetter, Zum Musp. u. z. germ. Alliterationspoesie, 
Krit. u. Dogm., Germ. 16, 121—45. 

[1871. Gervinus, Lgsch.^ 1, 129.] 

1871. E. Wilken, Germ. 17, 329—35. 
[1872. Koberstein, Lgsch.^ (Bartsch) S. 69.] 

1872. F. Vetter, Z. Musp. u. z. germ. Alliterationspoesie, 
Metr., Krit., Dogm., Wien (auch Gott. Diss.). 

1873. W. Braune, Lit. Zentralbl. Nr. 4, S. 114 (Rez. v. 
Vetter). 

1873. E. Steinmeyer, Zur ahd. Lgsch., Zs. f. d. A. 16, 140. 
1873 (27./VIII.). E. Wilken, Gott. gel. Anz. Nr. 35, 1396 

(Rez. V. Vetter). 

1874. W. Braune, Beitr. 1. 

1879, C. R. Hörn, PBB 5, 189 (1878 abgefafst). 

1879 ff. W. Scherer, Lgsch. (in Lieferungen). [10. Aufl. 
S. 44f.] 

1880. P. Piper, Leseb. d. Ahd. u. As., Paderborn, S. 121. 
(Literatur bis 1880.) 

1881 (Dez.). A. Edzardi, PBB 8, 490 ff. 
1882. L. Wtillner, D. Hrab. Glossar u. d. alt. bair. Sprach- 
denkmäler. Berlin, Weidmann. 



282 

1883. P. Piper, Zum Musp., Zs. f. d. Ph. 15, 69 ff. (Jan. 
1882). 

1887. E. Dümmler, Ostfr. Reich 2 I, 32, Anm. 

1887. A. Ebert, Allg. Gesch. d. Lit. d. Ma. im Abdl. 3, 105—8. 

1887. J. Zacher, Zs. f. d. Ph. 19, 196. 

1888. Herm. Möller, Zur ahd. Alliterationspoesie, Kiel und 
Leipzig. 

1891. A. Heusler, Altd. Verskunst. 

1892. J. Kelle, Lgsch. 131—46. 

1892. R. Heinzel, Zs. f. d. öst. Gymn. (Rez. v. Kelle). 

1892. M SD., 3. Aufl. (Steinmeyer). 

1893. W. Wilmanns, Gott. gel. Anz. Nr. 14, S. 532 (Rez. 
V. MSD3). 

1893. E. Sievers, Altgerm. Metrik 168 ff. 

1894. C. Kraus, Zs. f. d. öst. Gymn. 131 f. (Rez. v. MSD s). 
1894 (5./VI.). R. Kögel, Lgsch. I, 1, S. 317—32. 

1895. — , Ergänzungsheft S. 27. 

1896. C. Kraus, Zs. f. d. öst. Gymn. 47, 342—47 (Rez. v. 
Kögel). 

1897. M. Enneccerus, Die ältesten deutschen Sprachdenk- 
mäler. Taf. 11 — 16. 

1897 (1904). F. Vogt (u. M. Koch), Geschichte d. d. Lit. 
2. Aufl., S. 36, 40. 

1898. E. Joseph, Zs. f. d. A. 42, 172 ff. 

[1900. A. Hauck, Kirchengesch. Deutschi. i. Ma. 2. Aufl. 
2,759; 766 f.] 

1901. R. Kögel und W. Brückner, Pauls Grundr. 2 II, 109—12. 

1902. Braune, Ahd. Leseb.\ Hier S. 183 Lit. über das 
Wort müspilli. 

1902. Steinmeyer in Erg. u. Fortschr. S. 213; Holz S. 40. 

1903. Selma Dorff, Herr. Arch. 110, 1 — 7; dazu Steinmeyer, 
Jahresber. f. g. Ph. 1903, S. 76. 

1904. Th. V. Grienberger, Muspel, Jdg. F. 16, 40—63. 
1904. S. N. Hagen, Müspilli, Mod. Philol. I, 3, 397—408. 
1904. A. Bierschenk, Über Müspilli, Beil. z. Germania 

Nr. 19 V. 5. Mai. [Zu letzteren dreien Steinmeyer in Jahresber. 
1904. Vgl. auch Hartmann das. S. 37.] 

1904. Th. Schaufler, Ahd. Literatur 3. Samml. Göschen 28, 
^69— 77. 



283 

1907. E. Martin, Anz. f. d. A. 31, 57 f. (Rez. v. S. N. Hagen). 
1907. Selma Skutseh-Dorff, Das wasal des Muspilli. Herr. 
Arcb. 118, 124—28. 



Anhang III. 

Das Hamlbiirger Jüngste Gericht und seine Quelle. 

(Text nach Hoflfmann, Fundgr. 2, 135 ff.) Dieses Bruch- 
stück ist eine poetische, offenbar ziemlich getreue Übertragung 
einer vielleicht etwas abweichenden Fassung der Predigt des Ps.- 
Chrysostomos, Migne, Graec. 61, 775 ff., der Hauptquelle des Cr. 3, 
Die Benutzung der Vorlage setzt gleich fortlaufend mit dem 
Anfang ein und hört mit dem Schlüsse auf, so dals das er- 
haltene Fragment fast nichts von ihr vermissen lälst. 

Nur die Verheifsnng der Wiederkunft bei der Himmel- 
fahrt ist nicht erhalten. Sie war vielleicht übertragen, S. 135. 
wie 1. 2 andeuten könnten, xal öevQO, dyanTjxoi, 1. 2. 
ccTfayyeXüJ vfüv, bnoia eoxai rj rcaQOvaia avxov rj 
öevtega, ■>] <poßsQa xal (pQixxij, ^ e?.£yxovoa TCäaav 
Ttvörjv. [Kind im Mutterleibe, vgl. Matth. 2^, 19; Mark. 3. 4. 
13, 17; Luk. 21, 23; 1. Tess. 5, 3.] 'Pavrioexai yuQ ngöi- 5. 6. 
xov xo or][xeXov xov viov xov uv&qwtcov, * l(p' w eaxav- 
Qcoaav avxov lovöaloi, ßaaxa'Qofxsvov vno äylivv ayye- 
Xa)v . . . Der Erzengel bläst, die Toten stehen auf 
zum Gericht, unerbittliche Engel warten, der Himmel 
wird verwandelt. Alles vergeht, Keichtum mit, die Sterne 
fallen; nichts hilft vor der Vergeltung, xal uvolyovxai 7 — 14. 
ol ovQttvol xal töov 6 vlbg xov &eov SQX'^f^f'^'OQ c'^ii 
ve<p£X(Öv xov ovgavov (xexd öwä/jiscog xal öö^tjg rcoXXflq 
xaxBQX^tai . . . xal xl&evxai öciöexa &Qovoi xwv öcoöexa 
anooxöXojv xal /.laO-TjxcSv avxov. xal idov avxSq (og 
aoxQani] (paivovaa . . . Naturzeichen, sogar die Engel 
fürchten sich, alle werden bitter Rechenschaft geben. 
Fehlt in vorliegender Fassung, hat aber vermutlich dem 15 — 21 u. 136, 
Dichter vorgelegen. 1 — 5. Vgl. oben * 

u. Hatton, Hofm. 

S. 350, Musp. 

100 ff. 
onov ai ßißXoi xc5v nQÜ^ewv 136, 6. 7, 

dve^yfxsvai dalv [oben: SQya eixe xaka eixs xaxd]. 



284 



Dann hilft nichts vor dem nubestechlichen Eichtet, 
nur: {all) a^lcofia naQO-aviaq xal X(Sv Ioitköv dgeröJv 
övaconel rov XQixrjv rov tx tcccq&svov re/ß^vzce. 
. . . Kein Rang und Stand hilft, xal sxäazov ra cQya 
(paveQci yivovxai . . . Ermahnungen an Herren und 
Knechte . . ., 



tV« nävxeq dxaraxQlzwg TtaQaoztjGofxs&a 
TW ßj]fiazi x(5 <pQixx(3 . . . Fürchten wir jenen Tag, 
£1' ^ fxslXec xojQit^siv 6 7toiur]v xa TtQoßaxa ccTto xcüv 
£Qi(pu)v . . . Dann sagt Gott: „Kommt, ihr Gesegneten 
m. V. • . ." ^Evv6t]aov xr/v laqav ixeivriv xal na^- 
Qrjaiav xjjv sTtl xwv ayyilwv xal TCQOcpijxwv xal dno- 
Gxolwv. . . . Die aber die Armen verfolgen, werden 
zur Linken gestellt und der Herr verflucht sie. 
'EvvoTjaov xrjv aloxvvrjv axslvrjv xrjv inl xov dtjfiov 
xwv dyyslcDv. Schon jetzt schämt man sich eines Ver- 
gehens vor seinen Freunden. 'Evvöriaov xrjv aloxvvtjv 
ixeh'Tji', oTCOv fzvQiäösg ayyelojp xal 7iQO(p7]X(üv xäy- 
(.caxa, x'^Q^^ ccTtoaxölwv, /naQxvQcov Tcl^&og avagiO^- 
fiTjZOV, xöofxoq avLxvLaazoq [27], xal £Qel o 
Sixaox7]q . . . 



[Vorher : Töxs sqh 6 ßaailevq xoiq ix ös^idiv ' „devxs, 
Ol svloyrjfievoi xov naxQoc ^ov , xltjQovofiTjoaxs xtjv 
^xoifxaa/xevtjv vfitv ßaailsTav dno xaxaßalfjq xöafxov . . . 
^Enelvaoa yoQ . . . Jevxs, oi evloyrnxevoi xov nazQÖq 
fiov, dnoläßeze dvxl xcöv irnyslojv xa inov^ävicc, 
dvxl x(5v (p&aQXwv acp&aQxa, dvxl t(3v itQOOxalQwv 
xd ttidvia. ''Ißdiiöv [xe neQifßällsxe , tyco de nsQi- 
xi&sfxai v[üv öö^av aicöviov. . . ., iyco Ss XQOcp-qv 
naQaöeiaov vfitv SoQovfxai, . . . v/xäq xwv aylwv avß- 
ixezöxovq noii]aw, . . . eig zov nagäösLOcv Höaydyw."- 



8. 9. U — 17; 
10—13 {wi hei^^e 
äi danneivehiint) 
scheint Zutat des 
Dichters , denn 

diese Quelle 
kennt nur das 
Schamgefühl der 
Verdammten vor 

dem Richter- 
stuhle, was der 
Übersetzer auch 
unten bringt. 

18—21. 



22 — 30. Die 
Bulse hat der 
Dichter wohl aus 
Eigenem hinzu- 
getan. 

31 — 35. Vgl. 
oben. Das Aus- 
speien fehlt in 
der Quelle und 
ist wohl Zutat 
des nicht phan- 
tasielosen Po- 
eten. 

36— 137,8. Für 
den Vater tritt 
Christus selbst in 
die Rolle eines 
solchen, was 
offenbar vom 
Dichter herrührt. 



285 



Was zögerst da Gutes zu tun? 
werden verfolgt. 



Die Verfolger aber 



„UoQeveoOs an tfiov, oi xaryQafxhoi, dg ro %vq 
t6 ciiwviov, . . ." ebenso ausführlich wie der Segen.] 



Christus wehrt die Aasflüchte der Verdammten ab. 



„Ti fj.oi" , (prjal, „7tQ0(paait,£a&s; sxoipa vficäv ttjv 
ä(poQfxiiv, omhfxiav £xsts anoXoylav^^ . . . Die Seufzer 
der Armen hört Gott, tcal dwaTtoölöwai xolq *%£- 
Qiaaüiq noiovoiv vneQrjcpavLav. 



Darum gebt Almosen; die helfen vor Gott, der den 
Armen erhört: öhq xw nsvrjn ... 



9. danne endit 
unser ungemach 
ist kurze und bün- 
dige Zufüguug 
des Dichters. 

10. 11. 

12 — 15 sind 
Erweiterung und 
nicht ohne Ge- 
fühl. 

In 16 wird der 
Hauptfaden wie- 
der aufgenom- 
men. 

16-30. Die Aus- 
führung dürfte 
letzthin auf den 
lat. Traktat Eph- 
raoms De com- 
punctione auimi 
(vgl. Dom) zu- 
rückweisen. Vgl. 
Vossius 4G0f. 

31 gehört ver- 
mutlich wieder 
dem Verfasser. 

32— 138, 7 vgl. 
oben *, Vossius 
S. 461 und sonst. 

138, 8—11. 



Ovdiv aXXo xaroQ&coßa e^ioxvsi rov i^aXeitpat 
cißaQxiaq ovSenoxe. Avxrjv [sc. eXerjfxoavvijv] fxsxsQX^- 
fis&a, dyccntjxoi, tV« inixvxcmtv xwv aicovuov dyaO^wv, 
Ev Xqioxiö lyjGOv, x<5 xvQiio rjfiüjv, a» tj 6o^a xal xo 
XQÜxoq Eiq xovq alüivaq xwv ui(t>v(ov. Af^jjv. 

Der vom Dichter geschaffene Refrain: 

So get e^ an ein scheidin, 
so get e^ an ein weinin, 

und die drei letzten Verse des Bruckstücks entsprechen nicht, 
bringen aber auch nur Wiederholungen. 

Ich glaube nach dem Zeugnis der Quelle, dals in unserem 
Bruchstück weder am Anfang noch am Ende viel fehlt. Der 



286 

Vergleich mit der Vorlage, die natürlicli nur indirekt, in lat. 
Fassung gebraucht wurde, zeigt treue Wahrung des Gedanken- 
ganges, aber mancherlei glückliche Umstellungen und Umgestal- 
tungen im einzelnen. Eine poetische Ader hat der Übersetzer 
sicher gehabt. (Vgl. auch ßeuschels S.261f. zitierte Dissertation.) 
Guten Geschmack zeigt vor allem die Art der Kürzung. Wir 
sehen überall eine planmäfsige Verinnerlichung. Die äufseren 
Naturvorgänge werden ganz ausgelassen. Menschenseele und 
Menschenschicksal treten in den Vordergrund. 



Nachwort. 



Dartiber, dafs man nach den hier vorgelegten Kesultaten 
der Quellenforschung erhöhte Pflege angedeihen lassen wird, 
brauche ich wohl keine Worte weiter zu verlieren. 

Sie gestattete in vielen Fällen, Werke, über denen endlose 
Verfasserfragen schwebten, einem einzelnen zuzusehreiben. Sie 
gestattete bestimmte Abhängigkeitslinien zu ziehen. 

Aus diesen Ergebnissen dürfte jetzt auch eine gewisse 
Einschränkung der bisher gewohnten Annahme notwendig sein, 
die altgermanische Kunstpoesie sei so überaus reich gewesen. 
Das war eine unberechtigte Übertragung heutiger Verhältnisse 
auf die Vergangenheit. Von reiner Volkspoesie ist so gut wie 
nichts erhalten. Die tiberlieferte Dichtung Cynewulfs ein- 
schlieMich des Beowulf kann nur als Kunstpoesie betrachtet 
werden. Das nahmen schon die meisten Forscher bisher an, 
und die Quellenforschung bestätigt es jetzt auf das schönste. 
Über diese Annahme hinaus aber, als ihre notwendige Er- 
gänzung [zur Erklärung der Technik der alliterierenden Poesie], 
sehen wir nun die Zahl der Kunstpoeten in der älteren Zeit 
aufs stärkste eingeschränkt. Mir dtinkt es kaum noch an- 
gängig, mit gutem Gewissen von einer engeren Schule Cyne- 
wulfs zu reden. (Ich hoffe dies in einer späteren Arbeit tiber 
die ags. Literatur noch begrtinden zu können.) 

Andererseits dürfen wir jetzt auf Grund der Quellen, 
die den ersehnten Hintergrund für die Heraushebung der 
Einzelpoeten und die Abgrenzung des wahrhaft Traditionellen 
geben, den einzelnen und seine Wirkung auf die Nachzeit 
fester zu fassen versuchen. 

Wir können jetzt nicht nur die nationale Gesamtentwicke- 
lung, sondern noch besser die des Individuums bestimmen. 



288 

Welch ein neuer Reichtum von Problemen hat sich mit der 
Lösung vieler der bisherigen Cynew ulffragen aufgetan! Und 
wieviel kostbarer ist der Schatz literarhistorischer Erkenntnis 
der sich vor unseren Augen abspielenden Entwickelung eines 
einzigen namhaften Dichters als der, welchen zahlreiche 
Einzelwerke vieler bilden! Wir sind tatsächlich in dem er- 
staunlichen Besitze eines solchen, bisher nicht geahnten 
Schatzes. Cynewulf, welch guten Klang hat dieser Name jetzt 
für uns! Der älteste germanische Dichter von Rang in einer 
Güte und Reichhaltigkeit tiberliefert, wie kaum ein Autor 
der ältesten Literatur eines Volkes! Seine bisher recht und 
schlecht geachtete Lebensarbeit offenbart sich in der Morgen- 
dämmerung anbrechender Erkenntnis nicht mehr als freund- 
licher Hügel des nahen Horizontes, sondern als stolzer Gebirgs- 
kamm, der in der Ferne schon aufzuleuchten beginnt, zu dem 
die Menschen aufsteigen mögen, um auf seinen Höhen die 
reine Luft einer höheren Welt zu atmen. 

Freilich wird es zunächst noch mancher Arbeiter be- 
dürfen, der Stralsenbauer und Bergleute, die aulsen und innen 
tätig sind, um seine Schönheiten und Schätze zu erobern; es 
wird vor allem der kundigen Geologen bedürfen, die Ursprung, 
Struktur und Gebrauchswerte feststellen und nicht zum letzten 
die lebendige vulkanische Materie erforschen, woraus sich 
gleich dem Alpengrat das Ganze gen Himmel gereckt hat. 
Nur die schöpferische Kraft eines Geistes ersten Ranges war 
imstande, in der Literatur des eigenen und des fremden Volkes 
eine so dominierende Stellung zu erringen wie Cynewulf. 

Als ich die Segel ausspannte, suchte ich die Wahrheit 
über Muspilli. Ich bin, glaube ich, richtig gelandet. 

Um aber auf dieser Reise meinen Kurs innezuhalten, 
mufste ich vieles Schöne rechts und links liegen lassen, und 
an den Stellen, wo ich vor Anker ging, durfte ich, so über- 
reiche Schätze sie auch boten, nur so lange weilen, als nötig 
war. Möchte es mir vergönnt sein, bald Inseln und Archipele, 
die ich sah, und auch das dunklere Land der weitfahrenden 
Vikingersöhne wieder aufzusuchen und den Weg dahin zu 
weisen 1 



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BINDING SICT. JAN 30 1968 



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25 
S8 
Hft.31 



Studien zur englischen 
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